Originaltitel: Musashino fujin, (1951) von Kenji Mizoguchi

Kein herausragendes Meisterwerk wie Ugetsu oder “Das Leben der Frau Oharu”, aber ein berührender Film über eine aufrechte, doch tragische Heldin. Wieder einmal schildert Kenji Mizoguchi ein Frauenschicksal, diesmal im Japan unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, aufbauend auf einem Roman von Shohei Ôka.

Handlung

Michiko (Kinuyo Tanaka) und ihr Mann Akiyama (Masayuki Mori) fliehen aus dem zerstörten Tokyo zu Michikos Eltern, die ein Anwesen im ländlichen Musashino besitzen. Schon kurz nach ihrer Ankunft stirbt Michikos Mutter, und bald darauf auch ihr Vater, dem sie vor seinem Tod noch das Versprechen gibt, die Ehre der altehrwürdigen Familie hochzuhalten. Doch ihre Ehe mit Akiyama ist zerrüttet, ebenso wie die ihres Vetters und Nachbarn Eiji mit der intriganten Tomiko.
Nach Kriegsende kehrt zudem Michikos jüngerer Cousin Tsutomu (Akihiko Katayama) aus der Kriegsgefangenschaft zurück, der bald nicht nur für die schöne Landschaft Musashinos schwärmt, sondern auch für Michiko, die seine Gefühle erwidert. Die beiden schwören sich jedoch, die moralischen Verpflichtungen zu respektieren.

Als Eiji Michiko darum bittet, ihm mittels einer Hypothek auf den Familienbesitz aus einer finanziellen Krise zu helfen, spitzt sich die Situation schlagartig zu: Akiyama droht mit Scheidung, entwendet Besitzurkunden und macht sich mit Tomiko nach Tokyo auf. Völlig verzweifelt fasst Michiko den Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Erst an ihrem Sterbebett bereut Akiyama sein Verhalten, und Tsutomu sieht ein, dass er einem utopischen Idealbild einer untergegangenen Epoche nachträumte.

Kritik

Mit seinem Stamm-Drehbuchautoren Yoshikata Yoda verfilmte Mizoguchi die tragische Geschichte einer Frau, die in mehreren Konflikten gefangen ist, aus denen es in ihrem moralischen Weltbild keinen Ausweg gibt. Gleichzeitig wird die Auflösung ebendieser Moralvorstellungen und die Modernisierung der japanischen Gesellschaft nach dem Krieg thematisiert.

Das ländliche Musashino wird dabei zum Symbol für hehre, traditionelle Normen und das moderne Tokyo für die Unterordnung dieser Moral unter die hemmungslose Selbstverwirklichung des Individuums. Dass das Idyll Musashino am Ende des Films als Trugbild dargestellt wird, und die letzte Kameraeinstellung, ein Schwenk über das prosperierende, moderne Tokyo, eine durchweg positive Stimmung hinterlässt, zeigt, dass der Regisseur keineswegs Stellung für die eine oder andere Denkweise bezieht. Ihm geht es darum, die Konflikte als solche zu thematisieren, die aus dem Widerstreit verschiedener Moralvorstellungen folgen, und welche Konsequenzen diese für – überwiegens schwache – Menschen haben.

Mizoguchi stellt besonders bei der Inszenierung des Idylls Musashino sein ganzes Können unter Beweis: Wunderschön komponierte Bilder und lange Kamerafahrten durch Wälder, entlang von Bächen und Feldwegen bringen die Ruhe, Unschuld und Harmonie zum Ausdruck, für die Michiko und ihre Weltanschauung stehen. Begleitet von der ebenso majestätischen wie dramatischen Musik Fumio Hayasakas, kann man sich der dramatischen Zuspitzung der Handlung kaum entziehen.
Die Konflikte sind aber teilweise doch sehr an den sozialen und historischen Kontext gebunden, so dass eine Identifikation mit der zwischen Ihren Moralvorstellungen und Ihren Gefühlen hin- und hergerissenen Michiko dem heutigen Betrachter nicht immer ganz einfach fallen. Dazu trägt auch die etwas hölzerne und nicht immer ganz glaubwürdige Darstellung des Tsutomu durch Akihiko Katayama bei. Großartig dagegen Masayuki Mori als Möchtegern-Ehebrecher!