Archive for Dezember, 2008

Hanabi

Nein, es geht nicht um den Kitano-Film sondern um eine kleine Auswahl japanischer Feuerwerke, so zur Silvester-Einstimmung… denn mal einen guten Rutsch euch allen und alles Gute für 2009! Man liest sich! 🙂

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Original: Tokyo Godfathers (2003) von Satoshi Kon

Am Weihnachtsabend entdecken drei Tokyoter Obdachlose ein ausgesetztes Baby. Während der mürrische Gin das kleine Ding möglichst bald der Polizei übergeben will, entdeckt Hana, ein alternder schwuler Transvestit, die Berufung zur Mutter und will die Eltern des Kindes suchen. Widerwillig schließt sich auch Miyuki, eine 16jährige Ausreißerin, dieser Suche an.

Im eingeschneiten Tokyo verfolgen die drei die Spur des Kindes zurück, zu Bahnhofsschließfächern, verlassenen und abgerissenen Häusern, werden sogar in einen Bandenkrieg hineingezogen und riskieren bei Kämpfen mit Jugendlichen und wilden Verfolgungsjagden Kopf und Kragen. Vor allem stoßen die drei aber auf eine Reihe menschlicher Schicksale und Tragödien und nicht zuletzt entdecken sie ihre eigene familiäre Vergangenheit ganz neu.

So bringt das Findelbaby die drei zunächst dazu, sich mit ihrem Versagen und ihren familiären Problemen auseinanderzusetzen und wird dann zum Heilsbringer.

Familie steht im Kern des Films und findet sich überall wieder. Gin als „Vater“, Hana als „Mutter“ und Miyuki als „Tochter“ bilden die typische Drei-Personen-Familie unserer postindustriellen, alternden Gesellschaft, wenn auch in einer sehr ungewöhnlich-grotesken und zweckgebundenen Ausformung. Alle drei sind in dieser Zweckfamilie zusammengekommen, weil sie die Konflikte und die Verantwortung in ihrer echten Familie nicht mehr (er)tragen konnten oder – Hanas Fall – nie eine echte Familie hatten und nun verzweifelt nach einer suchen. Aus diesem Grund ist es auch Hana, der/die sich unbedingt auf die Suche nach den Eltern des Babys machen will: Sie will diese stellvertretend für ihre eigenen Eltern konfrontieren.

Wie sich im dritten Akt des Films herausstellt (Achtung, mächtige Spoiler in diesem Absatz!) wurde das Baby jedoch gar nicht von seinen echten Eltern ausgesetzt sondern aus dem Krankenhaus entführt. Hinter dieser Entführung steckt die nächste menschliche Tragödie, deren Spur die drei auf verschlungenen Pfaden – zunächst Fotos aus glücklichen Zeiten, dann ein zerstörtes Heim und letztlich eine Fehlgeburt und ein Selbstmordversuch – folgen. Doch auch dieser kaputten Familie bringt das Baby Hoffnung und einen Neubeginn.

Das Baby als Erlöser, als Heilsbringer – meine Wortwahl kommt nicht von ungefähr. Tokyo Godfathers ist voller christlicher Symbolik, beginnend mit der ersten Szene, in der ein Krippenspiel aufgeführt wird und dem uns aus der Krippe anlächelnden Jesuskind, das wenig später ein Echo in dem zwischen Mülltüten und Zeitungen versteckten Findelkind findet (siehe erster Screenshot). Dazu kommen Anspielungen auf Engel, Auferstehung und natürlich die drei Könige aus dem Morgenland, welche von Gin, Hana und Miyuki verkörpert werden.

Die Verknüpfung des auch in Japan als Fest der Familie wahrgenommenen Weihnachten mit der Suche nach und dem Wiederfinden von Familie macht den universalen Charakter und die Symbolkraft, den dieses Fest auch außerhalb der christlichen Kultur und losgelöst vom biblischen Hintergrund angenommen hat, deutlich. So transzendiert Regisseur Satoshi Kon durch seine vom christlichen kulturellen Erbe unbelastete Herangehensweise und das Spiel mit der Weihnachtsgeschichte all das, was Weihnachten im Kern ausmacht und fasst dies in eine dem auch in kultureller Hinsicht globalisierten 21. Jahrhundert angemessene Form.

Neben dem Spiel mit der christlichen Symbolik und dem Thema Familie gibt es in Tokyo Godfathers noch ein weiteres wichtiges Element, das im Hintergrund allgegenwärtig ist und die Stimmung des Filmes mitprägt: Die Architektur.

Bereits während der Opening Titles folgen wir den drei Protagonisten mit dem Baby durch die Straßen Tokyos, und die Titel der Mitwirkenden des Films tauchen im Hintergrund auf, als Botschaft auf Werbeplakaten, als Name eines Restaurants, auf Schaufensterscheiben und LKWs.

Auch dass Tokyo schon im Filmtitel präsent ist, ist kein Zufall: Die wichtigsten, das Stadtbild prägenden und jedem Japaner (und Japanbegeisterten) bekannten Wahrzeichen wie die Doppeltürme des Tokyoter Rathauses, die mit Neonwerbung gepflasterten, belebten Straßenzüge und natürlich der Tokyo Tower sind im Film nahezu allgegenwärtig. Aber auch das Gewirr der kleinen Nebenstraßen, Parkanlagen und das Meer der schneebedeckten Dächer tragen entscheidend zur Atmosphäre des Films bei und dazu, ihn zu einer bezaubernden Liebeserklärung an Tokyo zu machen, inklusive mehrerer eingestreuter Haikus.

Das Spiel mit Architektur als Bedeutungsträger geht aber noch viel weiter. In einer Szene, in der Gin von einer Bande Jugendlicher zusammengeschlagen wird, flackern im Hintergund in der Fensterfront eines Gebäudes beleuchtete Fenster der Reihe nach auf bzw. verlöschen, je nach Gins Gesundheitszustand. Die Macher des Films spielen damit auf die in Computerspielen wie Street Fighter übliche Darstellung des Kräfteverhältnisses zwischen den Kontrahenten an.

Quer durch den ganzen Film tauchen außerdem immer wieder im Hintergrund Gebäude auf, die an menschliche Gesichtszüge erinnern: Fensterreihen bilden Augen und Nasen, Vordächer oder Türen stehen für Münder. Typische Beispiele wären etwa die Szene, in der Miyuki in einer Telefonzelle vor einem Gebäude mit zwei horizontalen und einer dazwischenliegenden vertikalen Fensterreihe und einer großen Doppeltür als Eingang steht sowie natürlich der Schluss des Films: Die Außenansicht des Krankenhauses, in dem sich alle nach dem Finale wiederfinden, mit ihrem Smiley-Gesicht.

Meisterhaft fügt Satoshi Kon die moderne Metropole Tokyo, die in allen Industriegesellschaften auftretende Problematik der sich auflösenden Familien und die mit Weihnachten verbundenen kulturell-religiösen Aspekte zusammen und formt daraus eine zeitgemäße Variante der Weihnachtsgeschichte. Gewissermaßen ist Tokyo Godfathers somit das Pendant zu Charles Dickens A Christmas Carol, das im 19. Jahrhundert gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände unter Verwendung der Weihnachtsgeschichte thematisierte.

Dass dies ausgerechnet einem Japaner in einem Anime gelingt, ist in meinen Augen keineswegs Zufall. Die japanische Alltagskultur der Gegenwart ist wie kaum eine andere ein Amalgam aus den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen, und Anime sind inzwischen zu einem der wichtigsten Mittel geworden, mit denen Japan sich artikuliert.

So ist ausgerechnet der japanische Anime Tokyo Godfathers einer der schönsten und die Bedeutung dieses Familienfestes am besten aufgreifenden Weihnachtsfilme überhaupt. Für die anstehenden Feiertage wärmstens zu empfehlen!

Heute ein kleiner Überblick, was sich die letzten Tage so interessantes in meinem Feed-Reader angesammelt hat:

Ein Interview mit Kiyoshi Kurosawa auf The Evening Class, in dem er über seinen aktuellen Film Tokyo Sonata spricht und davon, wie dieser Film den Horror des sozialen Niedergangs und des damit verbundenen Auseinanderbrechens einer Familie aufgreift und zugleich die Hoffnung auf den Neustart thematisiert.

Die englische Übersetzung einer ausführlichen Zusammenfassung des aktuellen Stands der japanischen Filmindustrie läuft gerade bei Ryuganji. Der erste Teil befasst sich mit der Dominanz von Toho und den zahlreichen Erfolgsverfilmungen bekannter Medienphänomene, die zum Anlass genommen wird, die Frage aufzuwerfen, ob es sich bei den guten Zahlen der letzten Jahre möglicherweise um eine Blase handelt, die kurz vor dem Platzen ist. Im zweiten Teil wird dann das weit verbreitete System der Production Committees vorgestellt. Teil 3 steht noch aus und lässt hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten…

Zu guter Letzt noch der Hinweis auf drei Klassiker von Oshima Nagisa, die Dennis Grune reviewed: Diary of a Shinjuku Thief, Night and Fog in Japan sowie The Ceremony.

Zu den erstaunlichen Errungenschaften der japanischen Filmindustrie gehört die Fähigkeit, einmal etablierte erfolgreiche Marken mit immer neuen Kniffen und Fortsetzungen finanziell auszuschlachten. Die einzige mir bekannte Filmserie aus dem Westen, der Vergleichbares über lange Jahre hinweg gelang, ist die James Bond-Reihe.

Als James Bond 1962 das erste Mal Jagd auf größenwahnsinnige Verbrecher machte, hatte Godzilla bereits dreimal Tokyo in Schutt und Asche gelegt und damit den Studios gezeigt, dass Erfolg reproduzierbar sein kann. Und wenn Japaner eines können, dann erfolgreiche Dinge adaptieren und noch bis in kleinste Detail perfektionieren. Also ging Godzilla in Serie und nach ihm noch viele andere Monster, Helden und Antihelden. Ein paar der schillerndsten Beispiele haben den Weg auch in dieses Blogpost gefunden. Vorhang auf für:

Doraemon

Erster offizieller „Anime Botschafter“ Japans, basierend auf einer in den späten 60ern erschienenen Manga-Serie, aus der dann zuerst eine TV-Serie und ab 1981 auch eine Filmserie wurde. Es geht um die Roboterkatze Doraemon, die aus dem 22. Jahrhundert von ihrem Besitzer zurückgeschickt wurde, um dessen Ahnen (und damit letztlich auch ihm selbst) zu einem besseren Leben zu verhelfen. Die letzten 5 Folgen der Reihe aus den Jahren 2008, 2007, 2006, 2004 und 2003 erzielten alle um die 25 Mio. US-$ an den japanischen Kinokassen und gehörten zu den Top-20 Filmen der jeweiligen Jahre. Da lässt der nächste natürlich nicht lange auf sich warten:

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=CkDiSQO8apw[/flash]

Tora san

Die bis vor kurzem längste Filmserie der Welt, mit nicht weniger als 48 Teilen. Das Original „Otoko wa tsurai yo“ (in etwa „Ein Mann hats schwer“) von 1969 basierte auf einer kurzen TV-Serie. Die Filme liefen immer nach demselben Muster, demzufolge der sympathische Loser Torajiro sich hoffnungslos verliebt, dann aber dummerweise seine Angebetete mit einem anderen verkuppelt. Die Reihe lief bis 1995 und wird aktuell von Shochiku zum 40. Geburtstag nächstes Jahr groß promotet, speziell auch um das neue Online Filmarchiv des Studios zu pushen. Da die Marke nach wie vor sehr bekannt und geschätzt ist und andere Franchises wie Batman, Bond und demnächst Star Trek es derzeit vormachen, wie man eine etablierte Serie neu startet und re-interpretiert, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es nicht bei 48 Tora-san Filmen bleibt.

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=lgBJyu5Ng9Y[/flash]

One Piece

Eine weitere Anime-Adaption einer sehr erfolgreichen Manga- und Animeserie, in der ein Junge der König der Piraten werden möchte und dazu den Schatz One Piece sucht. Die seit 2000 neunmal aufgelegte Filmreihe ist, was ihre Einspielergebnisse angeht, etwas auf dem absteigenden Ast (von 13-14 Mio auf nur noch 6-7 Mio).

Lone Wolf and Cub

Ein Klassiker (im Original „Kozure Okami“), dessen 6 Hauptteile in sehr kurzer Zeit zwischen 1972 und 1974 gedreht wurden und der ebenfalls auf einem Manga basiert. Der Hauptcharakter ist ein in Ungnade gefallener Henker (naja, die japanische Ausgabe davon mit einem Schwert), der sich daraufhin als Auftragskiller durchschlägt und dabei seinen dreijährigen Sohn in einem Kinderwagen vor sich herschiebt. Die Filme wurden bekannt für stilisierte, blutige Kampfszenen, in denen der Henker im Alleingang scharenweise Gegner niedermetzelt. 1980 kam dann noch ein siebter Teil hinzu.

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=GGwvHt979jI[/flash]

Zatoichi

Wo wir schonmal bei Gemetzel sind, kommen wir doch zu einem Paradebeispiel dafür, wie es gelingen kann, eine Filmreihe am Leben zu erhalten und auch wiederzubeleben: Die Zatoichi-Reihe, deren Hauptfilme zwischen 1962 und 1973 gedreht wurden (25 Filme in 11 Jahren!), bevor es 1989 ein erstes „Remake“ unter der Regie des Zatoichi-Darstellers Shintaro Katsu und 2003 dann den berühmten Kitano-Zatoichi gab. Die Besonderheiten der ursprünglichen Filme habe ich früher schon zusammengefasst. Mit welcher Radikalität Kitano in seiner Neu-Interpretation dann neue Ideen in den Jidaigeki-Klassiker um den blinden Schwertkämpfer pumpte, zeigt exemplarisch die Schlussszene des Films:

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=U2rkn30Atic[/flash]

Pokemon

Das finanziell erfolgreichste japanische Film-Franchise überhaupt, dessen inzwischen 11 Anime seit dem Start 1999 allein an den japanischen Kinokassen fast eine halbe Milliarde (!!) Dollar eingespielt haben. Der erste Film war zudem mit 85 Mio US-$ Einspielergebnis der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten in den USA. Zur Abwechslung entstand die Filmreihe mal nicht auf Basis eines Manga, sondern aus einem Videospiel von Nintendo heraus. Es geht um irgendwelche komischen Mini-Monster, die aberwitzige Abenteuer bestehen müssen. Fragt mich nicht… Neben den ursprünglichen Videospielen und den Filmen gibt es TV-Serien, Manga-Serien, CDs, Büchern, Sammelkrams usw., kurz: Pokemon ist das wohl perfekte Beispiel für die crossmediale Erweiterung und Vermarktung einer Unterhaltungsmarke, und wurde regelrecht zu einem kulturellen Phänomen.

Ausblick

Zwei weitere Manga, die in den letzten Jahren zu Realfilmen verarbeitet wurden, haben großes Potenzial für langfristig erfolgreiche Serien: Always – Sunset on Third Street spielte 2005 noch etwa 25 Mio US-$ ein, die Fortsetzung letztes Jahr bereits über 40 Mio. Und dieses Jahr startete die erste Verfilmung von 20th Century Boys, die, wie viele Mangaverfilmungen, ausgesprochenes Serien-Potenzial in sich birgt.

PS:
Wer noch mehr über Godzilla lesen möchte, kann den Wikipedia-Artikel als Einstieg nehmen. Es gab besonders in den 70ern noch eine Vielzahl von Kleinserien, oft aus dem Exploitation oder Pinku-eiga Genre, in dem ich aber nicht so firm bin. Vielleicht schreibe ich dazu später mal noch mehr.

Original: Gyakuryu (1924) von Buntaro Futagawa

Der junge Samurai Mikisaburo (Tsumasaburo Bando) setzt alles daran, die Ehre seiner Familie wiederherzustellen und studiert dazu die klassischen Künste der Samurai. Sein schweres Los wird nur von seiner scheuen Liebe zu Misao aufgehellt, der Tochter seines Schwertkampflehrers.

Eines Tages wird Mikisaburos Mutter auf der Straße vom Pferd des vorbeigaloppierenden Genzaburo, Sohn des Clan-Vorstehers, getötet, ohne dass dieser zur Rechenschaft gezogen wird. Als kurz darauf Genzaburo auch noch Mikisaburos Schwester verführt und sogar Misao heiratet, begehrt Mikisaburo auf. Doch er wird aus der Stadt verstoßen und verfällt dem Alkohol. Als er Jahre später zufällig den Ausflüglern Genzaburo und Misao begegnet, nimmt er blutige Rache.

Von Backward Current sind nur noch 28 Minuten erhalten, darunter aber alle entscheidenden Szenen, so dass wir dem Schicksal von Mikisaburo gut folgen können. Die Grundidee, einen von den Ungerechtigkeiten der sozialen Ordnung frustrierten Loser gegen das System antreten und rebellieren zu lassen, war Anfang der 1920er wohl ziemlich revolutionär. Hauptdarsteller Tsumasaburo Bando (auch bekannt unter dem Namen Bantsuma), der erst im Vorjahr sein Debut gegeben hatte und später häufig in derartigen Rollen auftrat, bekam dadurch immer wieder Probleme mit den japanischen Autoritäten.

Aber der Film ist auch in anderer Hinsicht sehr interessant. Besonders die letzte Szene, in der Mikisaburo wie im Rausch zuerst seine alte Liebe Misao tötet und dann seinen Erzfeind Genzaburo regelrecht hinrichtet, erstaunt durch eine sehr realistische, blutige Inszenierung.

Ebenfalls sehr modern wirken mehrere ausgedehnte Kamerafahrten, darunter besonders die Szene, in der Genzaburo mit seinem Gefolge auf die vor diesen herfahrende Kamera zureitet. Außerdem finden sich auch eine Reihe interessanter Kniffe, z.B. wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers einige Male durch teilweises Ausblenden des Bildes auf Details wie etwa Enten gelenkt. Sehr schön in Szene gesetzt ist auch der Moment, in dem Mikisaburo von der Romanze seiner geliebten Misao mit Genzaburo erfährt und endgültig verzweifelt: In der Bildmitte im Vordergrund sehen wir ihn, links im Hintergrund die beiden Flirtenden.

Backward Current ist mit seinen nur 28 erhaltenen Minuten dennoch ein immens interessanter Film, besonders in der von Digital Meme vorgelegten Fassung mit einer faszinierenden Begleitung durch eine neu eingespielte Benshi-Performance. Wer sich für frühe Entwicklungen des Kinos – und zwar nicht nur des japanischen, denn die Innovationen in Backward Current waren zum großen Teil durch amerikanische Filme inspiriert – interessiert, sollte hier unbedingt mal einen Blick drauf werfen.

Kyoko Kagawa

Die wohl letzte noch aktive Grande Dame der goldenen Ära des japanischen Films feiert heute ihren 77. Geburtstag, ein willkommener Anlass auf eine lange, interessante und lehrreiche Karriere zurückzublicken.

Kyoko Kagawa wurde 1931 in Tokyo geboren und begann ihre Schauspielkarriere 1950 bei Shintoho. Ihre erste wichtige Rolle hatte sie dann 1952 in Mikio Naruses Die Mutter als die lebensfrohe, der Kindheit entwachsende und mit den Härten des Erwachsenwerdens konfrontierte Tochter. In der Folge arbeitete sie mit allen großen Regisseuren zusammen und trat dabei oft in der Rolle der traditionellen Tochter (etwa in Tokyo Story oder Kenji Mizoguchis Sansho dayu) oder der von den üblichen Konventionen geleiteten Ehefrau auf.

Ein erster Ausreißer aus diesem Muster war ihre Rolle als junge, nach modernen westlichen Vorbildern lebende und damit ihren älteren Mann verschreckende Ehefrau in Shiro Toyodas 1956 entstandener Gesellschaftskomödie A Cat, Shozo and Two Women, in der sie eine kräftige Kostprobe ihrer Vielseitigkeit gab.

Diese konnte sie in der Folge vor allem in der Zusammenarbeit mit Akira Kurosawa demonstrieren. In seiner Gorki-Adaption Nachtasyl gab sie die mit sich selbst hadernde, von ihrer Schwester unterdrückte Bewohnerin eines Slums, in Zwischen Himmel und Hölle die Frau eines Millionärs und in Die Bösen schlafen gut die tragische Heldin, die in den Konflikt zwischen ihrem Vater und ihrem Ehemann gerät und letztlich nichtsahnend den Tod ihres geliebten Mannes verursacht. Nach einer kleinen Nebenrolle als männermordende, wahnsinnige Patientin in Rotbart setzte sie dann wie fast alle Schauspielerinnen ihrer Generation mit der Gründung ihrer Familie die Karriere aus.

Fast 30 Jahre vergingen, bis sie in den 90er Jahren wieder einige – zumeist kleine – Nebenrollen in Film und Fernsehen übernahm. Die zweifelsohne bemerkenswerteste dabei war wieder für Kurosawa, in seinem letzten Film Madadayo. In dem erst vor wenigen Wochen in die japanischen Kinos gekommenen Tonan kadobeya nikai no onna übernahm sie dann (IMDb zufolge) nochmals eine Hauptrolle, auf die hoffentlich noch weitere folgen werden. In diesem Sinne, alles Gute zum Geburtstag: おめでとうございます香川さん!

Wichtige Filme:

1950 – Wakasama samurai torimonochō: nazo no nōmen yashiki
1951 – Who knows a woman’s heart
1952 – Die Mutter
1953 – The Tower of Lilies
1953 – Tokyo Story
1954 – Sansho dayu
1954 – Eine Erzählung nach Chikamatsu
1956 – A Cat, Shozo and Two Women
1957 – Nachtasyl
1959 – The Birth of Japan
1960 – Die Bösen schlafen gut
1962 – Till tomorrow comes
1963 – Zwischen Himmel und Hölle
1965 – Rotbart
1970 – Onna kumicho
1993 – Madadayo
1996 – Shall we dansu?
1998 – Afterlife
2008 – Tonan kadobeya nikai no onna

Genau rechtzeitig für den Weihnachtseinkauf kommen von Amazon.com zwar keine Einkaufsgutscheine, dafür aber saftige Rabatte auf Criterion DVDs! Insgesamt über 100 Titel aus dem Katalog sind um rund 40 Prozent reduziert, darunter auch die Boxen der Eclipse-Reihe und ein paar echte Schmankerln für Liebhaber japanischer Klassiker, beispielsweise:

Und noch ein paar mehr, da hat der Weihnachtsmann ganz schön zu schleppen! 😉

Original: Higanbana (1958) von Yasujiro Ozu

Der für seine in familiären Angelegenheit gelassene, recht moderne Haltung bekannte Wataru Hirayama (Shin Saburi) ist bei Freunden und deren Familien ein häufig aufgesuchter Ratgeber in Sachen Verheiratung der Töchter. Gerne rät er seinen Freunden, gelassen mit ihren Töchtern umzugehen und nicht auf eine arrangierte Hochzeit zu drängen, und die Töchter bestärkt er darin, sich bei der Suche nach dem richtigen Ehemann Zeit zu lassen.

Als er jedoch plötzlich von dem jungen Taniguchi (Keiji Sada) um die Hand seiner Tochter Setsuko (Ineko Arima) gebeten wird, schaltet Wataru auf stur und untersagt zum Entsetzen seiner Familie die Hochzeit. Alle Tricks der Freundinnen von Setsuko und die Überredungskunst der Mutter scheinen zunächst fruchtlos. Doch langsam beginnt Watarus Widerstand zu bröckeln, nicht zuletzt als er in der Familienkrise eines alten Schulfreunds zu vermitteln beginnt, der sich mit seiner Tochter über deren Heiratspläne überworfen hatte.

Wieder einmal nimmt sich Ozu des Verhältnisses von Vater und Tochter und besonders des mit der Hochzeit der Tochter verbundenen Loslassens an. Equinox Flower wirft dabei ein besonderes Schlaglicht auf das durch die gesellschaftliche Modernisierung Japans in den 50er Jahren in grundlegender Veränderung begriffene Heiratsverhalten und die Abkehr von der arrangierten Hochzeit hin zur Liebeshochzeit. Zwar bekommt dabei vor allem der sturköpfige Wataru, der den Töchtern seiner Freunde gegenüber den liberalen und verständnisvollen Modernisten gibt und – als es dann um seine eigene Tochter geht – plötzlich zum traditionellen Patriarchen mutiert, den Spiegel vorgehalten.

Aber Ozu kritisiert auch die junge Generation, der es an Verständnis für ihre Eltern fehlt, die auf ihre Art ja nur das beste für ihre Töchter wollen. So scheint der Anlass für Watarus Verärgerung und Ablehnung Taniguchis auch weniger der Fakt, dass Setsuko einen anderen Mann heiraten will als den von ihm „auserwählten“, sondern dass sie die Eltern nicht in diese Entscheidung einbezogen hatte.

In der zweiten Hälfte des Films wirkt der anfangs noch so sichere und mit sich und der Welt zufriedene Wataru zunehmend nachdenklich und zutiefst verunsichert, eine logische Folge der inneren Widersprüche seiner Haltung gegenüber seiner Tochter im Vergleich zu seiner zuvor propagierten Einstellung. Aber diese Verunsicherung scheint noch tiefer zu gehen und etwas zu sein, das er mit seinen alten Freunden teilt, die nämlich alle Töchter im heiratsfähigen Alter haben. Für sie alle heisst es, einerseits Abschied von einem durch die eigenen Kinder geprägten Lebensabschnitt zu nehmen, aber auch von der ihnen vertrauten Gesellschaftsordnung, die ihr ganzes Leben und ihre eigene Ehe geprägt hatte.

Ein Stück der Verunsicherung könnte allerdings auch aus den schon fast unverschämten Streichen folgen, die Wataru von einer Freundin seiner Tochter gespielt werden. Sie führt ihm einerseits vor Augen, wie sehr er mit zweierlei Maß misst und andererseits, wie leicht angesichts des Selbstbewusstseins, des Willens und der Chuzpe der jungen Generation seine Autorität zerbröckelt. Damit es schließlich doch noch zu einem Happy End kommt, muss er gleich mehrfach über seinen Schatten springen, lässt sich dazu aber durch die Liebe zu seiner Tochter antreiben.

Verglichen mit Später Frühling, in dem Ozu ein Jahrzehnt zuvor das Abschiednehmen von Vater und Tochter eindringlich und herzergreifend dargestellt hatte, hat Equinox Flower einige kräftige komödiantische Elemente und kommt sehr viel leichtfüßiger daher. Möglicherweise ein Nebeneffekt des erstmals von Ozu verwendeten Farbfilms? Tatsächlich machen dieser Hauch Komödie und die Farben Equinox Flower zu einem direkt unterhaltsamen Film – in dem Sinne, dass man ihn auch auf einer Ebene konsumieren kann, wie es bei den ersten, thematisch meist recht schweren Nachkriegsfilmen Ozus undenkbar war. Das macht den Film in meinen Augen zu einem sehr guten Einstieg in das nicht immer ganz leicht zugängliche Werk des Meisters.