Wohin man auch sieht, die Zeichen stehen auf Frühling: Die Vögel zwitschern, Pendler kommen bei Tageslicht nach Hause, zartes Grün zeigt sich auf Bäumen und Büschen, und es werden wieder ein paar tolle DVD-Neuerscheinungen angekündigt:

  • Trigon, von manchen als das schweizer Pendant zur Criterion Collection betrachtet ob der anspruchsvollen internationalen Filmauswahl, der hohen technischen Qualität der Veröffentlichungen und der saftigen Preise, bringt zwei junge Werke zweier Altmeister zu uns: Yoji Yamadas Tokyo Family, eine Neu-Interpretation des Ozu-Klassikers Tokyo Story, ist für den 8.8. angekündigt, zum Preis von 23 CHF oder 19 Euro. Am 30.4. erscheint zudem Like Father, like son von Hirokazu Kore-eda, für 26 CHF bzw. 21 Euro.
  • Aber das sind nur die aktuellen Filme, darüber hinaus erweitert Trigon in den nächsten Wochen sein Kurosawa-Programm kräftig: Am 31. März kommen mit Rotbart, Das Schloss im Spinnwebwald, Engel der Verlorenen und Die verborgene Festung vier der großen Klassiker dazu, am 30.4. kommt dann noch Dersu Uzala dazu. Besonders auf letzteren freue ich mich tierisch, da es diesen außergewöhnlichen Film bisher bestenfalls in durchwachsener Qualität bei uns gab. Die Ausgabe von Trigon sollte da Abhilfe schaffen.
  • Und dann gibt es ja noch Third Window Films, dieses Label das ein unglaubliches Händchen speziell für schräg-liebenswerte Filme hat. Diesen Ruf bestätigen die Engländer mal wieder mit Story of Yonosuke, dem neuen Film von Shuichi Okita (ab 14. April). In eine andere, ernstere Richtung geht dagegen das Drama Shady, das als bestes Regiedebut auf dem Raindance Festival nominiert war.  Ab 24. März könnt ihr eure Neugier befriedigen.

Vor wenigen Tagen tauchte ein Teaser für die neueste Folge der Simpsons auf, in dem Homer in die Rolle von Chihiro schlüpft und in einer fantastischen Welt einer Vielzahl von Charakteren begegnet, die hauptsächlich den Filmen von Hayao Miyazaki entlehnt sind. Zu sehen ist u.a. Otto als der Katzenbus, Marges Schwestern als Hexen a la Kiki, der Kwik-e-mart wird zum wandelnden Schloss oder Krusty der Clown als der durchtriebene Mönch Jigo aus Prinzessin Mononoke. Auf reddit findet ihr eine sehr ausführliche Diskussion darüber, welche Charaktere wann auftreten und welchem Film sie entnommen sind. Die gesamte Folge der Simpsons wird heute in den USA auf Fox ausgestrahlt und 100prozentig zum Klassiker werden. Hier gibts erstmal den Trailer, viel Spaß beim Rätseln :-)

Heimlich, still und leise hat Goro Miyazakis zweiter Anlauf, im Studio seines Vaters Fuß zu fassen und in dessen Fußstapfen zu treten, den Weg in unsere Kinos gefunden: Unter dem deutschen Titel Der Mohnblumenberg (Original: Kokuriko-zaka kara) ist der ursprünglich 2011 in Japan erschienene Film seit gestern, 21.11., auch bei uns zu sehen. Allerdings ist das Release sehr überschaubar, in den meisten Städten läuft er nur in einem einzigen Kino, darunter Großstädte wie Hamburg, Köln, Stuttgart oder Hannover. Ob er auch in deiner Stadt zu sehen ist, sagt dir diese Übersicht auf kino.de und wenn du noch nicht ganz sicher bist, ob sich die Fahrt in die nächst größere Stadt lohnt, überzeugt dich vielleicht dieser bezaubernde Trailer:

Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf den Film und auch darauf, wie er sich im Vergleich zu Die Chroniken von Erdsee macht.

Aus heiterem Himmel kam mal wieder die Info vom Japanischen Kulturinstitut in Köln, dass dort eine Retrospektive mit 17 Filmen von Kaneto Shindo gezeigt wird. Kaneto Shindo starb im Mai letzten Jahres im Alter von 100 Jahren. Er gehörte nicht nur zu den wichtigsten und einflussreichsten japanischen Regisseuren des 20. Jahrhunderts, sondern auch weltweit zu den ältesten aktiven Regisseuren: Seinen letzten Film Ichimai no hagaki drehte er 2010 mit 98 Jahren. Neben seinen knapp 50 Filmen als Regisseur schrieb er die Drehbücher zu mehr als 100 weiteren Filmen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Meisterwerke wie Onibaba, Die nackte Insel und Die Kinder von Hiroshima, die alle auch Teil der Retro in Köln sind:

  • Die Kinder von Hiroshima (1952)
  • Epitome (1953)
  • The Ditch (1954)
  • Lucky Dragon Number 5 (1959)
  • Die nackte Insel (1960)
  • Mother (1963)
  • Onibaba (1964)
  • Live Today, die Tomorrow (1970)
  • Kenji Mizoguchi – The life of a director (1975)
  • The Life of Chikuzen (1977)
  • Deciduous Tree (1986)
  • Sakuratai 8.6 (1988)
  • The strange story of Oyuki (1992)
  • A last note (1995)
  • The will to live (1998)

Wer sie sehen will, muss sich allerdings beeilen, die Retrospektive startete bereits am Donnerstag, alle Infos zu den Terminen bietet die JKI-Webseite.

Der ganz große Trend bei der Finanzierung von Geschäftsideen, Produkten und gemeinnützigen Projekten ist derzeit das sogenannte Crowdfunding über Internet-Plattformen. Die Idee dabei ist, dass sich Firmen statt ein oder zwei großen Geldgebern ganz viele kleine Investoren ins Boot holen. Was das mit japanischen Filmen zu tun hat?

Zum einen wird Crowdfunding inzwischen auch bei der Finanzierung von Filmen eingesetzt, allein beim amerikanischen Marktführer Kickstarter gibt es aktuell mehr als 800 Projekte rund um Filme und Videos, die nach Geldgebern suchen. Zum anderen will auch das NipponConnection Filmfestival sich auf diesem Wege neue Finanzierungsmöglichkeiten erschließen und hat ein Projekt eingerichtet, mit dem insgesamt 15.000 Euro eingesammelt werden sollen. Bisher gibt es 12 Unterstützer, die insgesamt 1.040 Euro zugesagt haben, es sind aber auch noch 5 Wochen Zeit.

Wenn du also mindestens 5 Euro übrig hast, kannst du jetzt Investor der NipponConnection werden – und bekommst als Gegenleistung Postkarten, Poster, T-Shirts, Eintrittskarten für Filme oder Kulturveranstaltungen und für 500 Euro gibt es den VIP-Festivalpass. Klingt für mich nach einem guten Return on Investment ;-)

So etwa einmal im Jahr läuft im japanischen Fernsehen Hayao Miyazakis Das Schloss im Himmel – was jedes Mal aufs Neue die Anzahl der Tweets auf Twitter in einem bestimmten Moment durch die Decke gehen lässt. Am 3. August war es mal wieder so weit, um 11 Uhr 21 und 50 Sekunden japanischer Zeit schossen plötzlich etwa 25mal so viele Tweets durchs Netz wie normal, wie auf dieser Grafik zu sehen:

Mit 143.199 Tweets pro Sekunde (TPS) wurde in dieser Sekunde ein neues Allzeithoch gesetzt. Das Finale der Fußball-WM, Obamas Amtseinführung, die Bekanntgabe von Beyoncés Schwangerschaft, keines dieser weltbewegenden Ereignisse konnte mehr mit der schrägen Tradition von Miyazaki-Fans mithalten, während der TV-Ausstrahlung zu einem bestimmten Zeitpunkt ein ganz bestimmtes Wort zu twittern: Bals! Das geheime Wort der Zerstörung, gesprochen von Sheeta und Pazu, mit hunderttausendfachem Echo auf Twitter.

Hier wurde der historische Moment in Wort und Bild festgehalten:

Lange Zeit war es ruhig an der DVD- und Bluray-Front, keine herausragenden Neuveröffentlichungen den ganzen Sommer über. OK, Eureka hat ein paar altbekannte DVD-Ausgaben großer Kaneto Shindo-Klassiker als BD neu aufgelegt (Kuroneko, Onibaba, The Naked Island) und die sollen auch nicht unerwähnt bleiben. Aber so richtiger Neuigkeitswert war das irgendwie nicht, noch nicht einmal im Sommerloch. Doch jetzt kommt der absolute Kracher des Jahres 2013!

  • Die Criterion Collection wird am 26. November eine Zatoichi-Box veröffentlichen mit 25 Filmen des legendären, von Shintaro Katsu gespielten blinden Schwertkämpfers. Die atemberaubend gestaltete Dual-Format-Box enthält insgesamt 27 Discs, davon 9 Blurays! Zu den Filmen kommen eine Dokumentation über Katsu, Interviews, Trailer sowie ein Buch im Hardcover, das neben Zusammenfassungen der Filme und Essays auch von den Filmen inspirierte Illustrationen 25 verschiedener Künstler enthält. Dieses Hammer-Paket kann derzeit schon bei Amazon.com zum Preis von 202 $ vorbestellt werden – nach Umrechnung, Versand und Zoll dürfte das auf ca. 250 Euro hinauslaufen. Das klingt erstmal nach ganz schön viel, aber man bekommt natürlich auch heftig was auf die Augen! Das Teil sollte der Weihnachtsmann sich vormerken ;-)
  • Außerdem wird es ebenfalls von Criterion eine Neu-Auflage von Tokyo Story im Dual-Format geben. Die Scheibe soll am 19. November erscheinen und kann für 36 $ vorbestellt werden.
  • Und last but not least hat Third Window Films gerade letzte Woche zwei frühe Filme von Kiyoshi Kurosawa herausgebracht: Eyes of the Spider und Serpent’s Path, zwei Thriller aus dem Jahr 1998. Die beiden Filme kommen als Bundle auf einer DVD und sind bei Amazon UK für 10 Pfund zu haben. Und bereits Ende August erschien Sion Sonos neuestes Werk The Land of Hope über eine von der Fukushima-Katastrophe betroffene Familie, das ebenfalls für 10 Pfund zu haben ist.

Original: Sono gosôsha wo nerae: ‘Jûsangô taihisen’ yori (1960) von Seijun Suzuki

Bei einem Angriff auf einen Gefangenentransporter der Polizei tötet ein Scharfschütze zwei Insassen. Der begleitende Gefängniswächter Tamon (Michitaro Mizushima) wird anschließend beurlaubt und beginnt auf eigene Faust, der Sache auf den Grund zu gehen. Er spricht mit Angehörigen der Opfer und der anderen Häftlinge und reist dazu in einen Kurort, wo er Zeuge eines Mordes an einer Tänzerin wird – sie wird von einem Bogenschützen erschossen.

So gerät er auf die Spur einer dubiosen Model-Agentur, deren Chefin Yuko (Misako Watanabe) erstaunlich gut mit Pfeil und Bogen umgehen kann. Als Tamon entdeckt, dass die Agentur von einem Mädchenhändler-Ring als Fassade benutzt wird, und Yuko gegen diesen Missbrauch zu kämpfen scheint, stellt er sich auf ihre Seite. Doch damit wird er zum Ziel des mächtigen und geheimnisvollen Chefs der Yakuza, den noch nie jemand von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben scheint und der von allen nur Akiba genannt wird.

Der Film ist Bestandteil der “Nikkatsu Noir”-Box von Criterion, aber mit Film Noir hat Take aim at the police van eher wenig zu tun. Gut, der Film spielt zum großen Teil nachts und spielt im Untergrundmilieu, aber der Held Tamon ist so ziemlich das genaue Gegenteil eines gebrochenen, zynischen Film noir-Helden, der mit der Welt abgeschlossen hat. Tamon ist ein aufrechter, ehrlicher und bescheidener Typ, der an das Gute im Menschen glaubt und seine Nachforschungen aus Sorge und Verantwortungsgefühl heraus aufnimmt, und nicht weil ihn jemand dafür bezahlt. Einer wie du und ich, einer von nebenan, ein Durchschnittstyp.

Damit hätten wir auch schon die erste Schwachstelle des Films angesprochen: Der Held ist ein ziemlicher Langweiler, da ändert auch die allgegenwärtige Kombination aus Trenchcoat und Mütze nichts dran. Ein noch viel größeres Problem ist der Handlungsverlauf, der bei knapp 80 Minuten so vollgepackt ist, dass es nahezu unmöglich ist, den Überblick zu behalten. Die Handlung macht immer wieder Sprünge und dreht Pirouetten, um irgendwie die riesigen Löcher im Plot zu kaschieren. Zudem tauchen ständig neue Personen auf und verschwinden wieder und totgeglaubte Leute sind plötzlich doch lebendig. Ein ziemliches Durcheinander.

Eine weitere Schwäche des Films sind die Charaktere, bzw. das Fehlen echter Charaktere. Der Held Tamon bleibt blass und das Sammelsurium an Nebencharakteren besteht überwiegend aus Schablonen. Kaum jemand hat eine nachvollziehbare Motivation für sein Handeln oder bekommt auch nur den Hauch von Charakterentwicklung ab. Die meisten Personen dienen nur dazu, irgendwie den Plot voran zu bringen.

Insofern also ziemliches Mittelmaß mit mäßigem Unterhaltungswert und nicht unbedingt empfehlenswert. Es sei denn, man hat gerade eine Retrospektive von Seijun Suzuki gesehen und weiß, wozu der Mann fähig ist. Dann sieht man hier ein hervorragendes Beispiel einer Auftragsarbeit, die er wahrscheinlich schnell und lieblos herunterdrehen musste. Und dennoch ist an einigen Stellen sein Können zu erahnen.

Dazu gehören besonders der einleitende Überfall auf den Transporter und die atmosphärische Schlusssequenz mit dem nächtlichen Showdown am Rangierbahnhof. Aber auch dazwischen blitzen in coolen Einstellungen, Kameraperspektiven und Bildkompositionen Elemente dessen auf, was Suzuki mit seinen späteren Filmen wie Tokyo Drifter, Gate of Flesh oder Branded to Kill berühmt werden ließ. Als einer der wenigen im Westen erhältlichen frühen Filme Suzukis gibt Take aim at the police van einen interessanten Kontrast zu diesen Meisterwerken ab.

Mein Buch über Akira Kurosawa

Akira Kurosawa ist der mit Abstand bekannteste japanische Regisseur aller Zeiten, seine Filme waren Vorbilder und Inspiration für eine ganze Generation Filmschaffender. "Zwischen Samurai und Helden des Alltags" - das Buch vom Autor des Japankino-Blogs lädt ein zu einer Entdeckungsreise in die Filmwelt des Meisterregisseurs.

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Neue Kommentare

  • Manfred Polak: Kein Wunder, dass die meisten Filme auf der Liste älter als 10 Jahre sind, der Artikel ist schließlich vom November...
  • OuterHeaven: Über so manch dämliche Kommentare hier kann man wirklich nur kopfschüttelnd schmunzeln. Wer lesen kann ist klar im...
  • Pia: Entschuldigung, aber was soll das denn für ne Liste sein, mal ganz ehrlich….. Ich hab mir die ganze Liste genau angesehen...
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  • Gojira: Ich fand den Film nicht so berauschend, fast schon langweilig. Optisch waren zwar ein paar sehr schöne und wirksame Bilder...
  • Politischandersdenkender: In Frankreich ist der Film schon seit Sommer 2012 auf DVD zu haben wieso hier nicht???
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