Archive for the ‘Kurosawa Akira’ Category

Sugata Sanshiro (1943) von Akira Kurosawa

Kurosawas Erstlingswerk schildert die Geschichte des jungen Sanshiro (Susumu Fujita), den es in die Stadt zieht, um Jiujitsu zu erlernen. Doch als er Zeuge wird, wie der Judo-Meister Yano (Denjiro Okochi) eine ganze Truppe Jiujitsu-Kämpfer besiegt, bittet er diesen, in seine Schule eintreten zu dürfen. Dort wird Sanshiro von Yano jedoch nicht nur die Kunst des Kampfes gelehrt. Der weise Meister fordert von Sanshiro, der sich als überaus begabt erweist, zugleich Demut und Respekt anderen gegenüber und die Bereitschaft, lebenslang an sich selbst zu arbeiten.

Dem jungen Sanshiro fällt diese Entwicklung nicht leicht, immer wieder muss er mit sich und seinem ungestümen Wesen ringen. Als er sich in die Tochter seines Meisters verliebt, zieht er sich zudem den Zorn des Jiujitsu-Meisters Gennosuke (Ryunosuke Tsukigata) zu, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat. Schließlich fordert er Sanshiro zum Kampf.

Screenshot Sanshiro Sugata 2

Sanshiro ist gewissermaßen der Urtyp des Helden, den Kurosawa in zahlreichen seiner folgenden Filme immer wieder auf die Leinwand schickt: Von Yukie in Kein Bedauern für meine Jugend bis zum jungen Arzt Yasumoto in Rotbart lässt er seine Helden immer wieder eine Entwicklung durchmachen, die sie auf den Weg der Selbsterkenntnis führen und sie verstehen lassen, dass ein erfülltes Leben nur über Hingabe und Aufopferung für ein höheres Gut zu erreichen ist.

Auch in anderer Hinsicht ist Sanshiro Sugata stilbildend für Kurosawas Werk. Zahlreiche für ihn typische Elemente finden sich bereits in seinem Erstling, darunter die auffallenden Schnitte per Wipe oder die Nutzung von Wetterphänomenen um die atmosphärische Wirkung einer Szene oder einer Entwicklung des Charakters oder der Handlung zu unterstreichen.

Screenshot Sanshiro Sugata 1

Das herausragende Beispiel dafür ist die finale Begegnung Sanshiros und Gennosukes, ein Kampf, der an einem windumtosten Berghang ausgetragen wird. Die von Windböen gepeitschten Gräser, die am Himmel vorüber ziehenden Wolkenfetzen sorgen für eine dramatische Grundstimmung und lassen doch die Auseinandersetzung dieser kleinen, unscheinbaren Menschlein geradezu banal erscheinen.  Ein Bewusstsein für die eigene Bedeutungslosigkeit und Vergänglichkeit und die daraus resultierende Demut gehört zu den wichtigsten Lektionen die Sanshiro lernt – und mit deren Hilfe er Gennosuke besiegt.

Besonders begeistert hat mich an Sanshiro Sugata außerdem die Eröffnungssequenz. Darin sehen wir eine geschäftige Straße einer Stadt hinunter, die Kamera folgt der Straße, biegt dann in ein kleines Gässchen ab, in dem einige Kinder spielen und singen. Die Kamera fährt weiter auf die Kinder zu, doch unsere Erwartung, dass entweder eines der Kinder einen wichtigen Charakter darstellt oder ein solcher Charakter gleich ins Bild tritt, stellt Kurosawa auf den Kopf: Er wechselt nämlich die Perspektive um 180 Grad und wir sehen Sanshiro an Stelle der Kamera – wir haben die ganze Zeit durch seine Augen gesehen!

Sehr beeindruckend – gerade für das Debut eines jungen Regisseur – sind auch die Eleganz und Raffinesse, mit denen Kurosawa beispielsweise das Vergehen der Zeit symbolhaft darstellt. Ein Klassiker ist Sanshiros Holzsandale, die er bei der Begegnung mit seinem Meister Yano verliert und die in einer raschen Abfolge in den verschiedensten Situationen gezeigt wird, mal im Regen liegend, mal als Spielzeug eines Hundes oder im Fluß dahintreibend (schön in Screenshots dokumentiert bei Micha). So wird die Sandale zum Platzhalter für Sanshiro und dessen bewegte Erlebnisse in der Zwischenzeit.

Screenshot Sanshiro Sugata 3

Sanshiro Sugata ist nicht nur ein erstaunliches Erstlingswerk, der Film war auch ein großer Erfolg und war für  Generationen von Martial-Arts-Filmen mit seiner Inszenierung des Meister-Schüler-Verhältnisses prägend. Leider stand es bisher um die Zugänglichkeit eher schlecht, woran sich jetzt mit der AK100-Box von Criterion (und der anstehenden Auskopplung seiner ersten Filme in einer Eclipse-Box) etwas ändert. Es wäre sehr wünschenswert, wenn dieser Klassiker dadurch mehr Fans des Genres zugänglich werden würde. Denn gesehen haben sollte man den Streifen unbedingt!

Dreams

Original: Yume (1990) von Akira Kurosawa

Wenn über das Werk Kurosawas geschrieben wird, dann werden dabei gern bestimmte Lebens- und Schaffensphasen unterschieden. Bei den Dreharbeiten von Dreams war der große Regisseur 80 Jahre alt, aber nicht nur deshalb ist der Film als Beginn seines Alterswerks zu sehen.

Dreams Screenshot 1

Dreams besitzt keine fortlaufende Handlung sondern setzt sich aus acht “Träumen” zusammen die Kurosawa angeblich selbst einmal geträumt hat, alles Episoden mit teilweise sehr unterschiedlichem Charakter. Manche ranken sich um Mythen der japanischen Folklore, andere haben klare Bezüge auf unsere Welt der Gegenwart. Und doch merkt man schnell, dass hier nicht einfach nur wahllos Kurzgeschichten aneinander gereiht wurden: Zum einen ist da das immer wiederkehrende Thema Umgang mit der Natur, die Wertschätzung ihrer Schönheit, der Respekt, den sie uns abnötigt und die Bedeutung eines Lebens im Einklang mit der Natur.

Zum anderen tauchen in jeder Episode Bezüge auf bestimmte Stationen im Lauf eines Lebens auf, die wie ein Bogen die einzelnen Träume überspannen und gewissermaßen zu einem Lebenslauf verbinden. In den ersten beiden Episoden sind das Ereignisse aus der Kindheit wie das Hina-matsuri. Dann folgen einen Menschen prägende Extremsituationen wie Kriegsdienst oder die gefährliche Bergexpedition in der dritten Episode. Anschließend wird die beeindruckende Schaffenskraft und unerschöpfliche Kreativität eines Menschen gefeiert, der seine Bestimmung gefunden hat, bevor dann die dunkleren, selbstzerstörerischen Seiten des Menschseins von Egoismus über Gier bis hin zum Kannibalismus thematisiert werden. Am Ende stehen schließlich ein versöhnlicher Entwurf einer alternativen, genügsamen und sich an den kleinen Dingen erfreuenden Lebensweise sowie ein gelassener Umgang mit dem Tod.

Dreams Screenshot 5

Wer als Zuschauer ein kleines bisschen mit Person und Leben Kurosawas vertraut ist, dem drängen sich beim Sehen des Films gleich mehrfach Hinweise auf eine ausgeprägte autobiographische Komponente auf. Jede Episode, jeder “Traum” wird aus der Sicht einer Person geschildert, die in den ersten beiden noch ein Kind ist und danach von Akira Terao verkörpert wird, der mit seinem Schlapphut in vielen Szenen ganz offensichtlich an Kurosawa selbst erinnern soll. Auch dass er mehrfach mit einer Zeichenmappe unterwegs ist, deutet auf Kurosawas Liebe zur Malerei hin.

Kurosawa lässt also sein Alter ego den Zuschauer auf eine kleine Reise zu verschiedenen Stationen eines (seines?) Lebens mitnehmen und verbindet die Stationen – mal mehr, mal weniger offensichtlich – mit klaren Botschaften: Da blickt offenbar ein alt gewordener Mann, der viel von der Welt gesehen und viel erlebt hat, zurück auf sein Leben und will seine gewonnen Weisheiten und seine Weltanschauung mit anderen teilen. Diese Versuche der Belehrung sind teilweise verblüffend direkt und simpel, um nicht zu sagen plump, wie etwa in “Mount Fuji in Red”, in der explodierende Atomkraftwerke den Untergang der Menschheit einleiten. Oder wie in der letzten Episode, in welcher der 86jährige Chishu Ryu vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur schwärmt und Dinge wie Elektrizität als überflüssigen Schnickschnack entlarvt, der uns nur davon abhält, das Leben in all seiner Schönheit zu genießen.

Dreams Screenshot 2

Man mag sich über diese Belehrungsversuche wundern – aber Kurosawa hatte schon immer eine Agenda. Nur dass er sich als greiser Mann nun einfach die Freiheit nimmt, ganz unverhohlen und direkt Dinge anzuprangern und seine Sicht der Welt darzulegen. Das erinnert teilweise ein bisschen an den Opa, der vom Schaukelstuhl aus seine Enkel belehrt – und in der Tat entwickelte Kurosawa sich mit seinem letzten Film Madadayo ja noch weiter in diese Richtung.

Nun könnte durch das bisher geschriebene der Eindruck entstehen, Dreams wäre kein besonders sehenswerter Film – diesem Eindruck muss ich energisch entgegentreten! Kurosawa ist ein Meister der Farbe und der Komposition und Dreams enthält einige der visuell beeindruckendsten Ideen und betörendsten Bilder aus Kurosawas Werk. Die Screenshots sollten das unübersehbar zeigen und selten fiel es mir so schwer, mich auf 4 oder 5 Screenshots zu beschränken.

Dreams Screenshot 4

Bereits in den vorangegangenen Filmen hatte sich eine Besinnung des Regisseurs auf seine in der Malerei liegenden Wurzeln angedeutet, hier wird sie offensichtlich. Nicht nur, dass er immer wieder wie gemalt erscheinende Szenen auf die Leinwand bannt, in der wohl berühmtesten Episode “Crows” begegnet sein alter ego dem von Martin Scorsese gespielten Vincent van Gogh und taucht regelrecht in einige der berühmtesten Bilder des Malers ein.

Um diese Szenen umzusetzen begann Kurosawa noch im hohen Alter, mit Special Effects zu experimentieren. Dabei kamen ihm seine Kontakte nach Amerika zugute, so dass er bei der Umsetzung seiner Ideen mit Industrial Light & Magic zusammenarbeiten konnte, der Effektschmiede seines großen Bewunderers George Lucas. Seine Offenheit für Neues und seine Experimentierfreude auch im hohen Alter sind für mich einer der stärksten Belege dafür, was ein außergewöhnlicher Künstler und großer Visionär Kurosawa doch war.

Dreams Screenshot 6

Dreams ist sicher nicht der erste Film, der einem einfällt wenn man an Kurosawa denkt oder den man als erstes empfehlen würde. Aber er ist sein wohl persönlichster Film und allein schon daher für das Verständnis der Person und des Künstlers von immenser Bedeutung. Zugleich ist der Film ein echtes Statement und einfach wunderschön anzusehen.

Original: Kumonosu-jô (1957) von Akira Kurosawa

Nach der heldenhaften Abwehr eines Aufstands kehren die Samurai Washizu (Toshiro Mifune) und Miki (Minoru Chiaki) zum Schloss ihres Fürsten zurück. Unterwegs verirren sie sich im Spinnwebwald und begegnen dort einer Hexe, die ihnen die Zukunft vorhersagt. Washizu und Miki würden noch heute zu Kommandanten von Außenposten ernannt werden, später würde Washizu in der Burg des Fürsten herrschen, Mikis Sohn würde dann allerdings an seine Stelle treten. Beide tun die Prophezeiung zunächst mit einem Lachen ab, bis sie tatsächlich nach ihrer Ankunft in der Burg vom Fürsten wie vorhergesagt befördert werden.

Washizu wird nach der Übernahme des Außenpostens von seiner Frau Asaji (Isuzu Yamada) mit allerlei Verschwörungstheorien so lange bearbeitet, bis er selbst glaubt, Miki würde mit dem Fürsten gemeinsame Sache gegen ihn machen. Als der Fürst zu einem Überraschungsbesuch eintrifft, ermordet Washizu ihn auf Drängen von Asaji und tritt anschließend mit Unterstützung von Miki die Nachfolge des Fürsten an. Doch die Prophezeiung und der feige Mord an seinem Fürsten lasten schwer auf ihm, er steigert sich immer mehr in einen Verfolgungswahn und lässt schließlich seinen getreuen Freund Miki von einem Attentäter köpfen. Nun verbündet sich Mikis Sohn mit anderen Aufständischen und marschiert auf das Schloss im Spinnwebwald.

Screenshot Throne of Blood 3

Vor allem für zwei Dinge ist Das Schloss im Spinnwebwald gemeinhin bekannt: Als Adaption von Macbeth geht Kurosawa hier erstmals den Weg, ein Stück klassische europäische Literatur ins mittelalterliche Japan zu verlegen. In dieser Hinsicht ist der Film direkter Vorläufer zu Ran. Zum anderen ist es die Verbindung mit dem Noh-Theater, die immer wieder hervorgehoben wird. Da ich Macbeth nicht kenne, werde ich auf den Aspekt der Literaturverfilmung nicht weiter eingehen.

Die Elemente des Noh sind besonders in der Figur der Asaji fokussiert, eine interessante Variante wenn man bedenkt, dass Frauen erst wenige Jahrzehnte vor dem Dreh des Films erstmals Rollen in Noh-Aufführungen spielen durften. Auffallend sind besonders Asajis starres, ausdrucksloses Gesicht, das an eine Noh-Maske erinnert sowie ihre manierierten, minimierten Bewegungen. Dazu kommt noch die Inszenierung ihrer Auftritte, die sie fast immer in einem bühnenartigen räumlichen Kontext zeigen. Am konzentriertesten treten alle diese Motive in ihrer finalen Szene auf, in der sie, dem Wahnsinn verfallen, verzweifelt versucht, das Blut und damit ihre Schuld von ihren Händen zu waschen.

An die Bühnenoptik angelehnte Szenen finden sich noch einige mehr und diese tragen einen guten Teil zur düsteren Atmosphäre und der distanziert-mysteriösen Ästhetik des Films bei. Ähnlich wie später auch in Ran will Kurosawa uns auf Distanz zu den Charakteren halten, statt durch eine emotionale Identifikation mit den Figuren soll die Botschaft des Films eher rational erfasst werden. Dies wird auch unterstrichen durch die Einfassung des Films, in der jeweils zu Anfang und Ende ein Chor vor den mörderischen Konsequenzen übersteigerter Ambitionen und Ehrgeizes warnt – die Botschaft des Films ist schon vor dem Einsetzen der eigentlichen Handlung klar.

Screenshot Throne of Blood 1

Dennoch gibt es den einen oder anderen Gänsehautmoment, etwa als Washizu aus Asajis Händen den Speer ergreift und mit sich und seinem Ehrenkodex ringt. Er zögert zunächst, blickt wie nach einem Ausweg suchend um sich und stiert dann seine Frau an. In diesem Moment leuchten Mifunes Augen geradezu dämonisch auf – vermutlich ein genialer Beleuchtungseffekt – und dann stürmt er aus dem Raum, um seinen Fürsten hinterrücks zu ermorden. Diese vor Intensität förmlich vibrierende Szene, in der keine Worte nötig sind, um Washizus Kampf mit sich selbst zu verdeutlichen und an deren Ende er alles verrät, an das er bisher geglaubt und für das er gelebt und gekämpft hat, ist es allein schon wert, den Film zu sehen!

Weiteres beherrschendes visuelles Motiv des Films ist – wie könnte es bei Kurosawa anders sein – ein Wetterphänomen, nämlich der Nebel. Schon im Vorspann mit dem Chor ziehen dicke Nebelschwaden über die Trümmer des Schlosses. Immer wieder sehen wir später die Charaktere ziel- und orientierungslos durch den Nebel reiten, in einer Szene ganze 12 Mal hintereinander! Genauso, wie Washizu im Nebel die Orientierung verliert, so sind es sein Streben nach Macht und Ruhm, die seinen moralischen Kompass durcheinander bringen und ihn hilflos auf sein Ende zutaumeln lassen.

Screenshot Throne of Blood 2

Visuell und konzeptionell ist Das Schloss im Spinnwebwald ein durch und durch beeindruckendes Werk. Im Vergleich zu anderen Filmen Kurosawas aus den 50er Jahren sind mir die Charaktere aber zu schablonenhaft und stereotyp gezeichnet, die Vielschichtigkeit vermisse ich gerade angesichts des Umstands, dass es hier eigentlich nur drei Hauptcharaktere gibt. Gut möglich, dass das Teil der engen Anlehnung an Noh ist und mir einfach der Zugang dazu fehlt. Darüber hinaus ist mir aber auch die Art, wie uns die Botschaft des Films eingehämmert wird, zu plakativ.

Das Schloss im Spinnwebwald ist ein wirklich sehenswerter Film, als Adaption von Macbeth mag er sogar einzigartig und herausragend sein (das kann ich nicht beurteilen), im Vergleich mit anderen Werken Kurosawas rangiert er für mich alles in allem aber nur im Mittelfeld. Vielleicht bin ich in meiner Beurteilung allerdings auch dadurch geprägt, dass ich nicht an so was wie Schicksal glaube.

Den Auftakt zu meinen persönlichen AK100-Feierlichkeiten macht heute ein Schnelldurchlauf durch einige der wichtigsten Stationen seiner Regiekarriere in Form von Trailern, wobei ich versucht habe solche zu finden, in denen der “Tenno” auch selbst auftaucht. Los geht’s natürlich mit dem Film, mit dem sein kometenhafter Aufstieg zu internationalem Ruhm begann: Rashomon.

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10 Jahre später stand sein größter kommerzieller – und meistkopierter – Erfolgsfilm bevor: Yojimbo.

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1963 dann Kurosawas letzter und zugleich bester Ausflug ins Kriminalgenre: Zwischen Himmel und Hölle.

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Während zwei Jahren Vorbereitungs- und Drehzeit kam es schließlich zum Bruch mit Toshiro Mifune, seinem perfekten, kongenialen Partner vor der Kamera. Rotbart wurde ihre letzte gemeinsame Arbeit:

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Nach der gescheiterten Beteiligung an dem Großprojekt “Tora! Tora! Tora!” arbeitete Kurosawa doch noch im Ausland, allerdings hinter dem “Eisernen Vorhang” in der Sowjetunion. In den Weiten Sibiriens entstand Dersu Uzala:

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Fünf Jahre vergingen, bis Kurosawa die Finanzierung für ein Projekt sicher gestellt hatte, das mit Abstand der aufwändigste Hintergrund für eine Whiskey-Werbung aller Zeiten war: Kagemusha.

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Heute vor 100 Jahren, am 23. März 1910, wurde Akira Kurosawa in einem südlichen Stadtbezirk Tokyos geboren. Er gilt als der bekannteste und einflussreichste japanische Regisseur überhaupt und als einer der wichtigsten Regisseure der Kinogeschichte weltweit. Von seiner Bedeutung für den japanischen Film und das Weltkino abgesehen, hat Akira Kurosawa aber in den letzten Jahren auch für mich ganz persönlich eine wichtige Rolle gespielt.

Ohne Kurosawa und seine Filme würde ich nämlich diesen Blog nicht schreiben und mich wahrscheinlich auch nicht weiter für japanische Filme interessieren. Meine ersten Begegnungen mit japanischen Filmen erlebte ich im Frühjahr 2003, als ich Prinzessin Mononoke und Chihiros Reise ins Zauberland sah. Ich war total begeistert, ohne dass ich das aber zum Anlass genommen hätte, mir weitere Filme aus Japan anzusehen. Erst zwei Jahre später fiel mir Rashomon in die Finger, und nun machte es plötzlich “klick”.

Zum Glück gab es damals gleich um die Ecke bei mir eine hervorragende Videothek, bei der ich mir weitere Filme Kurosawas ausleihen konnte. Außerdem stieß ich in der Uni-Bibliothek auf Bücher über Kurosawa, las seine Autobiographie und dann auch Donald Richies Standardwerk Hundred Years of Japanese Film – und nun gab es kein Halten mehr! Ich wollte immer mehr wissen, immer mehr dieser fantastischen Filme sehen und ihre Hintergründe verstehen.

Schnell war ich an einem Punkt angekommen, an dem mir eine passiv-konsumierende Rolle nicht mehr reichte. Ich wollte mich mit anderen Menschen über diese Filme austauschen und ein kleines bisschen dazu beitragen, dass mehr Menschen diese in Deutschland weitgehend unbekannten Schätze zu sehen bekommen. Am 22. September 2006 ging es dann los mit Japankino und nicht zufällig waren die ersten Filme, die ich hier vorgestellt habe, durchweg von Kurosawa: Ein wunderschöner Sonntag, Kein Bedauern für meine Jugend, Yojimbo und Madadayo legten die Basis.

Im selben Jahr war ich außerdem nach Hamburg gezogen und es dauerte natürlich nicht lange, bis ich herausfand, dass die Hansestadt mit einem eigenen japanischen Filmfest gesegnet ist. Nach einem Besuch als Dauerkarteninhaber war ich dann auch ruckzuck im Orga-Team und habe mich die letzten beiden Jahre bemüht, das JFFH noch interessanter und vielfältiger zu machen. Am Ende des letzten Filmfests wurde ich mal gefragt, was denn fürs nächste Jahr ansteht und die Antwort war natürlich klar: Eine Kurosawa Retrospektive. Zum Glück musste ich für die Idee bei den anderen Team-Mitgliedern nicht allzu viel Werbung machen und bald ist es dann soweit.

Für mich schließt sich damit in gewisser Hinsicht der Kreis: Akira Kurosawas Filme standen ganz am Anfang und lösten meine Liebe zu japanischen Filmen mit aus. Jetzt, ein paar Jahre später, kann ich selbst ein kleines bisschen dazu beitragen, eine Kurosawa-Retrospektive auf einem Filmfest zu organisieren und die Begeisterung immer weiter zu tragen. Das soll natürlich auch hier im Blog weitergehen und ich werde daher in den nächsten Wochen – so weit das die Zeit zulässt – meine kleine private Kurosawa-Retro zelebrieren, mit der “richtigen” beim JFFH als Höhepunkt.

Los geht’s in den nächsten Tagen mit einer Trailer-Sammlung, ein besonders schönes Exemplar gibt’s heute schon:

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich in der Original-Version dieses Postings alle mir bekannten Filme von Akira Kurosawa mit Sternen bewertet. Die Anregung dazu kam von einem Diskussionsthread im Rolling-Stone-Forum, in dem – wenig überraschend – Sterne für Filme Akira Kurosawas vergeben werden und an dem ich mich damals auch beteiligt hatte. Zufällig stieß ich heute auf meine damaligen Bewertungen, und mir fiel auf, dass einige Filme fehlen, die ich inzwischen gesehen habe, und dass sich zum Teil auch meine Wahrnehmung der Filme etwas verschoben hat.

Beispielsweise hatte ich Zwischen Himmel und Hölle damals “nur” 4 und einen halben Stern gegeben, heute sehe ich ihn als eines der ganz großen Werke Kurosawas mit glatt 5 Sternen. Dann habe ich noch Skandal mit 3 Sternen nachgetragen (den hatte ich damals vergessen, siehe Kommentare) und Nachtasyl, Dodesukaden und Dersu Uzala hinzugefügt. Damit fehlen mir jetzt noch genau drei Filme aus Kurosawas Werk: Sanshiro Sugata II, The Most Beautiful (beide entstanden in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs und sollen ziemlich propaganda-getränkt sein) und Those who make tomorrow, der einzige Kurosawa-Film, von dem meines Wissens nur ein Negativ existiert.

Außerdem hab ich grade bemerkt, dass ich dieses Jahr noch keine einzige Rezension eines Kurosawa-Films geschrieben habe! Das muss sich bald mal ändern!

Hier nun die aktualisierte Sterne-Liste:

SterneFilmtitel (in chronologischer Reihenfolge)
****Sanshiro Sugata
***1/2Die dem Tiger auf den Schwanz treten
****Kein Bedauern für meine Jugend
***1/2Ein wunderschöner Sonntag
****Engel der Verlorenen
****1/2Ein streunender Hund
***Skandal
*****Rashomon
***Der Idiot
*****Ikiru
*****Die sieben Samurai
**1/2Bilanz eines Lebens
****Das Schloss im Spinnwebwald
***1/2Nachtasyl
****1/2Die verborgene Festung
****1/2Die Bösen schlafen gut
****Yojimbo
***1/2Sanjuro
*****Zwischen Himmel und Hölle
****1/2Rotbart
***1/2Dodesukaden
****Dersu Uzala
***Kagemusha
*****Ran
***1/2Dreams
**1/2Rhapsody in August
***1/2Madadayo

Wenn man ne Mail aus Russland im Posteingang hat, ist es bei den meisten von uns Zeitgenossen Spam. Aber es kann auch ganz anders kommen, besonders wenn man den Akira Kurosawa News and Information-Blog betreibt. Dann kann schon mal eine Mail auf Russisch reinflattern, in der ein früherer Mitarbeiter aus Kurosawas Dersu Uzala-Team nach einem Herausgeber für sein Buch über die gemeinsame Arbeit mit AK sucht:

Мне посчастливилось работать с выдающимся Акирой Куросавой над фильмом “Дерсу Узала”, получившим “Оскар”. Я там был режиссёром с советской стороны, Вёл ежедневный дневник на протяжении трёх лет. Подготовил к изданию книгу в 2-х томах.

700 страниц текста и более 500 рабочих моментов съёмок, кадров из фильма, раскадровок Куросавы…

Ищу спонсора для юбилейного издания к 100-летию Акиры Куросавы на русском языке, поскольку Союз кинематографистов России и Мосфильм оказались нищими и неблагодарными к имени Великого режиссёра.

Если меня услышите – помогите!

Wer noch Verbesserungen an der Übersetzung vorschlagen möchte oder selbst einen Verlag sein eigen nennt, kann sich vertrauensvoll an Mili wenden. Aber vielleicht ist alles ja auch nur ein vorgezogener Aprilscherz oder ne ganz raffinierte, neuartige Spam-Variante ;-)

Original: Kagemusha (1980) von Akira Kurosawa

Nach dem von der Sowjetunion finanzierten und auch dort gedrehten Dersu Uzala wollte Kurosawa wieder einen Film in seiner Heimat machen, doch die japanische Filmindustrie ging am Krückstock und es war illusorisch, das Budget für einen großen Jidaigeki, der Kurosawas perfektionistischen Ansprüchen genügte, zusammenzubekommen. So musste er sich gedulden, bis endlich nach Intervention von George Lucas und Francis Ford Coppola 20th Century Fox die internationalen Rechte für Kurosawas nächsten Film erwarb und damit Toho einen Teil der Finanzierung abnahm.

In der Zwischenzeit war Kurosawa aber alles andere als untätig gewesen, er hatte nicht nur das Drehbuch ausgearbeitet sondern auch einen ganzen Bildband, in dem er detailliert den gesamten Film mit malerischen Mitteln vorweggenommen hatte. Und das sieht man dem Werk auch an: Prächtige Farben, beeindruckende Landschaften, Hundertschaften von Kriegern und Pferden, stolz aufragende Burgen. Doch worum geht es?

Kagemusha Screenshot 3

Die Geschichte basiert vage auf dem Untergang des mächtigen Clans der Takeda, kurz vor der Einigung Japans unter den Tokugawa. Der mächtige, legendäre Fürst Shingen Takeda (Tatsuya Nakadai in einer Doppelrolle) wird in einer Schlacht schwer verletzt und stirbt kurz darauf. Um das Fortbestehen des Clans zu sichern, soll sein Tod vor Freund und Feind geheim gehalten werden, und ein Doppelgänger – ein einfacher Dieb – tritt an seine Stelle.

Unter Anleitung von Shingens Bruder und einigen Vertrauten wächst der Doppelgänger – der Kagemusha – immer mehr in die Rolle des Fürsten, gewinnt das Vertrauen von dessen Enkel, Hofstaat und Mätressen und täuscht auch erfolgreich die Feinde des Clans, so dass seine pure Anwesenheit in der Schlacht schon den Erfolg bringt. Doch durch einen Zufall fliegt die Maskerade auf, der Doppelgänger wird verstoßen. Shingens Sohn tritt an seine Stelle als neuer Machthaber und führt die Takeda-Armee in die Schlacht, in der diese, verlassen vom Geist des sagenhaften Kriegers Shingen, eine vernichtende Niederlage erlebt.

Mit dem Kagemusha hat Kurosawa eine hochinteressante Figur geschaffen, die in mancher Hinsicht seinen klassischen Helden, wie wir sie aus früheren Filmen kennen, ähnelt: Er widmet sich und sein Leben ganz dem Streben nach einem höheren Ziel, in diesem Fall dem Überleben des Clans und des Andenkens an Shingen, und ist dafür bereit, sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes aufzugeben, denn seine Person hört auf zu existieren, er wird zu Shingen. Doch das ist auch schon so ziemlich die einzige Parallele. Denn während die Helden in den frühen Filmen etwas erreichen, und sei es “nur” Selbsterkenntnis und Selbsterfüllung, scheitert der Kagemusha auf ganzer Linie: Er wird ausgestoßen und stirbt am Ende frustriert einen bedeutungslosen Tod, denn auch der Clan wurde vernichtet.

Kagemusha Screenshot 1

Besonders die Beziehung zu Shingens kleinem Enkel macht jedoch klar, dass der Kagemusha seiner „Rolle“ eine Menschlichkeit verleiht, die dem echten Shingen fehlte. Dieser war von seinem Enkel als schaurig und furchteinflößend wahrgenommen worden, ihm fehlte die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit eines richtigen Opas. So ist der Kagemusha mehr als nur eine Kopie, er ergänzt die Rolle des Fürsten und erweckt diesen nach seinem Tod wahrhaftig zu neuem Leben.

Bildhaft zum Ausdruck bringt Kurosawa dies nach dem ersten Treffen mit den Mätressen. Nachdem zuvor immer wieder davon gesprochen wurde, dass der Schatten eines Mannes ohne den Mann bedeutungslos ist, zeigt uns Kurosawa, als der Kagemusha sich erhebt und seine Mätressen verlässt, weniger den Mann, sondern stellt dessen überdimensionalen Schatten an der Wand ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Schatten – verkörpert durch den Kagemusha – hat sich vom Mann gelöst und beginnt ein Eigenleben.

Wann immer das Interesse an der Person durchscheint, kommen auch Kurosawas alte Stärken zum Vorschein: Die mitreißende Inszenierung der Konfrontation eines Charakters mit einer Herausforderung, die ihn neue Seiten an sich entdecken und über sich hinauswachsen lässt. Diese Entwicklung des Kagemusha mit allen Hochs und Tiefs zu verfolgen, vom ungehobelten aber unsicheren Dieb zu dem von allen verehrten Fürsten und auch darüber hinaus, ist zweifelsohne sehr spannend. Doch leider gehen diese Momente in den drei Stunden des Films fast unter.

Kurosawa, der dafür bekannt war, dass ihm ein Film schonmal das ursprüngliche Konzept sprengen konnte, weil er sich zu sehr auf den Hauptcharakter, dessen innere Konflikte und seinen Kampf mit dem Schicksal fokussierte, scheint hier merkwürdigerweise das genaue Gegenteilige zu passieren: Er verliert seinen Helden aus den Augen.

Die Schlachten und historischen Hintergründe, das Versteckspiel mit den gegnerischen Spionen, nehmen statt dessen eine Menge Raum ein, ohne aber entscheidend die Charakterentwicklung zu beeinflussen. Und als reine Plot-Treiber sind sie viel zu ausladend, langatmig und distanziert inszeniert, es fehlt die mitreißende Dynamik seiner kontrastierenden Schnitttechnik und die Unmittelbarkeit seiner Kameraführung. Kein Vergleich mit den atemberaubenden Kampfszenen in Die Sieben Samurai oder Die verborgene Festung! Es finden sich zwar viele altbekannte Motive wie die Staubwolken, Zeitlupen, das Spiel mit Licht und Schatten oder die Einbeziehung des Noh-Theaters, doch befördern sie diesmal nicht das Verständnis für die Konflikte des Films oder seiner Charaktere.

Kagemusha Screenshot 5

Kagemusha ist sicherlich ein beeindruckender Film, aber er beeindruckt in erster Linie durch das Material, durch Kostüme, Menschenmasse, Sets. Emotionalität und Faszination für die Entwicklung des Hauptcharakters blitzen viel zu selten auf, in den wenigen Szenen, in denen der Kagemusha sich in seiner Rolle beweisen muss. So wirkt das ganze Drumherum seltsam seelen- und konzeptlos; mit Ausnahme der finalen Schlacht scheinen die ganzen prächtigen Aufmärsche und Bilder weitgehend Selbstzweck zu sein. Oder es stimmt eben doch, was Kurosawa selbst einmal sagte, nämlich dass Kagemusha nur eine Kostümprobe für die Krönung seines Werkes sein sollte, nämlich für Ran.

Über Japankino

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