Archive for Juli, 2007

Wie die anderen Piloten der EVAsShinji und Rei – ist auch Asuka 14 Jahre alt und hat als kleines Kind ihre Mutter verloren; ihr Vater ist Deutscher und so wuchs sie in Deutschland auf. Asuka ist hochintelligent und hat trotz ihrer Jugend bereits einen College-Abschluss – die Serien-Macher waren wohl nicht besonders mit dem deutschen Bildungssystem vertraut. Diese Intelligenz und ihre Ausnahmestellung als EVA-Pilotin befeuern noch die ohnehin hohe Meinung, die sie von sich hat.

Besonders in ihren ersten Szenen in der Serie tritt Asuka überaus selbstbewusst, arrogant, ja hochnäsig und herablassend anderen gegenüber auf sowie als hochemotionales Energiebündel, passend zu ihrem feuerroten Haarschopf. Ihre anfänglichen Erfolge im Kampf mit den Engeln, ihre dabei bewiesene Aggressivität und ihre Kampfkraft scheinen fast selbstverständlich auf eine Position als natürliche Anführerin der Piloten hinauszulaufen. Doch die Fassade der Überlegenheit und Stärke bekommt Risse, als sie eine erste Niederlage im Kampf einstecken muss und Shinji, mit dem sie eine Hassliebe vom Allerfeinsten pflegt, bessere Testresultate erzielt.

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Im Ausschnitt werden (abgesehen von der bemerkenswerten Experimentierfreude der Serienmacher – wer zeigt schon 50 Sekunden Schweigen in einem Aufzug?!) neben Arroganz und Hochnäsigkeit weitere Schattenseiten Asukas offensichtlich: Immer wieder tendiert sie zu Aggressivität anderen gegenüber um von eigenen Schwächen oder Fehlern abzulenken oder diese zu entschuldigen. Zudem ist sie unfähig, sich in den Dienst einer Sache zu stellen und sieht den Zweck ihrer Funktion als Pilotin allein darin, der Welt zu zeigen, wie großartig sie selbst ist.

Die Aufrechterhaltung des sorgsam konstruierten und den Mitmenschen präsentierten Selbstbildes gerät in den späteren Folgen zunehmend außer Kontrolle und nimmt zerstörerische Ausmaße an, bis diese angenommene Identität schließlich in einer dramatischen Niederlage zerbricht.

Nun wird deutlich, dass hinter der Fassade ein sich nach Anerkennung sehnendes, vor dem Alleinsein fürchtendes Mädchen steckt, das dringend Zuwendung – sei es von der Familie oder Freunden – bräuchte, das aber durch sein Verhalten und seine Attitüden selbst unüberwindbare Mauern um sich herum errichtet hat. Niemand kann zu ihr vordringen, weil sie selbst es nicht zulässt. Hintergrund ist ein tiefsitzendes Trauma: Asukas Mutter verlor nach einem Experiment mit einem der EVAs den Verstand, hielt eine Puppe für die eigene Tochter und beging schließlich Selbstmord.

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Die Konfrontation mit diesem Kindheitstrauma und ihren kaputten familiären Verhältnissen (eine Stiefmutter, die Asuka nie wirklich als Tochter akzeptierte, Pflegeeltern) sowie die Nackenschläge, die Asuka im Kampf mit den Engeln einzustecken hat, führen nun dazu, dass sich ihre ursprüngliche Agilität, Energie und Aggressivität in Apathie, Verzweiflung und totale Selbstaufgabe verkehren.

Damit ist sie der Charakter der Serie, der mit Abstand die größte Wandlung vollzieht, ja, der geradezu sein Innerstes nach Außen kehrt und dennoch – oder gerade deshalb? – nicht in der Lage ist, echte zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Und damit passt sie wieder in das Grundschema der drei Piloten, deren Gemeinsamkeit eben die Unfähigkeit zu sozialen Kontakten ist, aus je unterschiedlichen Gründen: Bei Asuka ist es die mittels aufgesetzter Arroganz und Überlegenheit übertünchte Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit, die ein normales Miteinander unmöglich macht.

Da ihr die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen völlig abgeht, scheint für sie am Ende auch kein Ausweg aus ihrer selbstgeschaffenen Isolation möglich oder erkennbar. Somit ist Asuka von den drei Piloten-Kindern trotz oder gerade wegen der anfänglich zur Schau getragenen Stärke und dem Selbstbewusstsein eigentlich der hoffnungsloseste Fall.

Die weiteren Artikel aus der NGE-Reihe:

Das Nippon Connection Festival in Frankfurt, über das ich hier wohl nicht mehr viele Worte verlieren muss, sucht für seine achte Ausgabe vom 2. bis 6. April 2008 noch Mitarbeiter in durchaus interessanten Tätigkeitsfeldern:

Wegen des steigenden Arbeitsaufwands suchen wir dringend tatkräftige (ehrenamtliche) Verstärkung für unser Team, vor allem in folgenden Bereichen:

  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Kulturelles Rahmenprogramm
  • Organisation der Gästebetreuung
  • Bar/Gastronomie
  • Helferkoordination

Wer Interesse hat und über organisatorisches Talent, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstein – die obligatorische Teamfähigkeit natürlich nicht zu vergessen – verfügt, ist eingeladen, an einem Info-Treffen am 8. September im Studierendenhaus in Frankfurt-Bockenheim teilzunehmen.

Interessanterweise ist ausgerechnet die Begeisterung für Japan und japanische Filme kein Muss! Naja, ich bin auch ein bisserl weit weg und Zeit werde ich sowieso keine haben, ich nehme dir den Job also ganz bestimmt nicht weg, auch wenn mich die Mitarbeit bei einem so renommierten Festival schon seeehr reizen würde… :-)

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich nun auch mit Anime und habe bereits viele hochinteressante, intelligente, spannende Filme gesehen und viel gelernt. Mit dem eigentlichen Ursprung der großen Popularität von Anime, nämlich den TV-Serien, hatte ich dagegen bisher noch überhaupt keinen Kontakt. Dabei konnte es selbstverständlich nicht bleiben! Und natürlich musste es dann zum Auftakt gleich einer der absoluten Klassiker sein: Neon Genesis Evangelion, mit 26 Episoden eigentlich eine recht kurze Serie, die aber so vollgepackt ist mit Psychologie, Mythologie und abenteuerlich ungewöhnlichen Stilelementen, dass sie eigentlich genug Stoff für einen eigenen Blog bietet!

Aktuell geistern Nachrichten über ein Remake der Serie in Form von mehreren Kinofilmen unter dem Titel Rebuild of Evangelion durchs Netz, auch ein Trailer ist schon aufgetaucht, und die Fans werden schon ganz feucht im Schritt:

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Leider legen diese Trailer ihren Schwerpunkt meist auf die Actionelemente, doch NGE hat viel viel mehr zu bieten:

Contrary to more typical action-oriented works, therefore, much of the real action in Evangelion is psychological. Thus, despite the requisite and truly chilling scenes of combat with the Angels, the series also contains a greater number of scenes in which the characters bicker and insult each other or else engage in intense brooding about their angst-ridden childhoods and their equally dysfunctional and disappointing parents. Far from being potential young heroes, each character is burdened by the memory of such transgressive episodes as parental abandonment and sexual betrayal.1

Um dieser hochkomplexen Anime-Serie gerecht zu werden und dem einen oder anderen, der die Serie nicht kennt die kommenden Filme schmackhaft zu machen, werde ich mich in einer kurzen Serie von Posts eingehender mit den Charakteren und den verschiedenen Subtexten beschäftigen und das alles natürlich wie gewohnt mit meiner persönlichen Interpretation garnieren.

[Update] Die Artikel meiner NGE-Reihe:

Ich bin weiter auf der Suche nach den besten japanischen Filmen, und nachdem bereits die Gewinner des Mainichi Concours und die von Kinema Junpo prämierten Werke aufgeführt wurden, war es nun Zeit, einmal einen Blick auf die internationale Wahrnehmung zu werfen. Listen der besten Filme aller Zeiten gibt es ja zuhauf, bei Lists of the best wurde aus einer Vielzahl von Listen die “ultimative” Liste extrahiert:

In summary, here is the exact breakdown of top-tens used, or if you like, where we have begged, borrowed and stolen from: Sight & Sound’s 1952, 1962, 1982, 1992 and 2002 polls (539 lists), Senses of Cinema’s ongoing poll (148 lists), Your Movie Database’s (YMDB) Critics Corner (90 lists), Positif’s 1991 poll (68 lists), Facets’ 2003 poll (64 lists), The Cinematheque Top 10 Project (55 lists), the 1988 publication, John Kobal Presents the Top 100 Movies (51 lists), Time Out’s 1995 poll (50 lists), The Village Voice’s 1999 poll (40 lists), Epoca Online’s 2000 poll (29 lists) and 59 miscellaneous lists from a variety of other sources.

Unter den sich daraus ergebenden 1000 besten Filmen befinden sich die folgenden japanischen Filme, die ich wie gewohnt um Originaltitel, Produktionsjahr und Rating bei IMDb ergänzt habe:

JahrOriginaltitelInternationaler TitelIMDb-Rating
1954Shichinin no samuraiSeven Samurai8,8
1953Tokyo monogatariTokyo Story8,0
1950RashomonRashomon8,4
1953Ugetsu monogatariUgetsu8,3
1952IkiruIkiru8,1
1954Sansho daiyuSansho the Bailiff8,8
1985RanRan8,3
1949BanshunLate Spring8,6
1939Zangiku monogatariThe Story of the late Chrysanthemums8,0
1957Kumonoso joThrone of Blood8,1
1952Saikaku ichidai onnaThe Life of Oharu8,3
1976Ai no corridaIn the Realm of the Senses6,5
1955UkigumoFloating Clouds8,2
1963Tengoku to jigokuHigh and Low8,3
1988Yuki Yukite shingunYuki Yukite shingun8,5
1961YojimboYojimbo8,3
1951BakushuEarly Summer8,4
1988Tonari no totoroMy Neighbour Totoro8,0
1932Otona no miru ehon - Umarete wa mita keredoI was born, but...7,3
1955YôkihiPrincess Yang Kwei Fei7,9
1941Genroku chushinguraDie 47 Samurai7,1
1980KagemushaKagemusha7,9
1963Yukinojo hengeAn Actor's Revenge7,8
1965AkahigeRed Beard8,2
1953Gion bayashiGion Festival Music7,8
1967Koroshi no rakuinBranded to kill7,4
2001Sen to Chihiro no kamikakushiSpirited Away8,5
1975Dersu UzalaDersu Uzala8,1
1948Yoidore tenshiStray Dog7,8
1958Kakushi-toride no san-akuninThe Hidden Fortress8,1
1970DodesukadenDodesukaden7,6
1997Hana-biFireworks7,8
1964Akai satsuiIntentions of Murder7,7
1988AkiraAkira7,7
1993SonatineSonatine7,2
1959UkigusaFloating Weeds8,2
1956Akasen chitaiStreet of shame7,9
1969ShonenBoy8,2
1962SeppukuHarakiri8,6
1963Nippon konchukiThe Insect Woman7,9
1964Suna no onnaWoman in the Dunes8,5
1962Kohayagawa-ke no akiThe End of Summer7,9
1979Fukushû suruwa wareniariVengeance is mine7,9
1955Shin heike monogatariTales of the Taira Clan7,7
1988Hotaru no hakaGrave of the fireflies8,1
1946Utamaro o meguru gonin no onnaFive Women around Utamaro7,3

Große Überraschungen, wie bei den japanischen Listen, sind hier eigentlich nicht dabei, mit einer großen Ausnahme: Yuki Yukite shingun, eine Dokumentation über einen Kriegsveteranen, der auf eigene Faust und unter Einsatz ungewöhnlicher Methoden Kriegsverbrechen aufdeckt. Gleich mal vormerken!

Das Fantasy Filmfest macht sich dieser Tage wieder auf die Reise durch die Republik und bringt im Gepäck auch eine Reihe japanischer Filme nach München, Berlin, Hamburg, Stuttgart, Köln, Frankfurt, Nürnberg und Bochum. Im Einzelnen sind dies:

Insbesondere die letzten beiden hab ich mir schon fest in den Kalender eingetragen, bin doch sehr gespannt, wie sich der Sohnemann vom großen Hayao Miyazaki bei seinem Debut so schlägt. Und Paprika hab ich zwar schon gesehen, aber der ist so genial, dass ich mir die Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lasse, den nochmal auf der großen Leinwand zu sehen. Werde auch so viele Freunde und Bekannte wie möglich mitschleppen! :-)

Original: Chikamatsu monogatari (1954) von Kenji Mizoguchi

Auch wenn es sich dem Titel nach um die Adaption eines Stückes von Monzaemon Chikamatsu handelt, haben Mizoguchi und sein Drehbuchautor Yoshikata Yoda einen guten Teil der Geschichte bei Ihara Saikaku entliehen und aus den alten Werken beider Schriftsteller etwas eigenes geschaffen.

Osan (Kyoko Kagawa) ist mit dem reichen aber geizigen Hoflieferanten Ishun (Eitaro Shindo) verheiratet. Als sie ihn bittet, ihre Familie mit einem kleinen Betrag zu unterstützen, lehnt er brüsk ab. So wendet sie sich an seinen Buchhalter Mohei (Kazuo Hasegawa), der Osan heimlich verehrt und ihr verspricht, das Geld zu besorgen. Sein Versuch, das Geld aus der Kasse zu “leihen” wird jedoch entdeckt und durch unglückliche Umstände entsteht bei seiner Flucht der Eindruck, er und Osan hätten eine Affäre.

Nun muss auch Osan fliehen, denn auf Ehebruch steht die Todesstrafe. Bald sehen die beiden keinen Ausweg mehr und wollen gemeinsam in den Tod gehen, als Mohei seiner Angebeteten endlich seine Gefühle offenbart. Da sie ihn ebenfalls heimlich liebte, ändert sich nun schlagartig alles, der Selbstmord ist vergessen, sie wollen ihre Liebe leben. Doch auch ihre Flucht in die Berge kann das unvermeidliche Schicksal nur hinauszögern.

Screenshot Chikamatsu2

Anfangs trägt die Geschichte noch fast komische Züge mit operettenhaften Verwechslungen, einem ausgedehnten Wer-liebt-wen-Rätsel und Moheis steifen Bemühungen, die angemessene Distanz zu Osan zu wahren. Das ändert sich völlig, als aus dem angestrebten Doppelselbstmord eine romantische Liebesszene wird und beide erkennen, dass es sich lohnt, um ihr gemeinsames Leben zu kämpfen. Als beide am Ende doch dem gemeinsamen Tod durch Kreuzigung entgegen gehen, bemerkt eine frühere Dienerin am Straßenrand, sie habe die beiden nie so glücklich gesehen.

Die altertümlichen Moralvorstellungen, auf denen die zentralen Konflikte des Films basieren, machen ihn aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar, fast anstrengend. Aber ich könnte mir denken, dass diese Welt dem japanischen Publikum vor über einem halben Jahrhundert noch sehr viel näher war, hatte man doch gerade ein Regime hinter sich, das traditionelle Werte wie Selbstaufopferung zugunsten der Familie und der Gesellschaft sowie die Ehre als oberstes Gut propagiert hatte.

Davon, sich diesen Erwartungen und Normen zu beugen, sind Osan und Mohei weit entfernt, sie wollen zusammen sein, ihre Liebe auskosten, und scheren sich nicht um den Ruf ihrer dem Ruin verfallenen Familien. Damit porträtiert Mizoguchi ein sehr modernes Paar, dem man als Zuschauer unwillkürlich die Daumen drückt, auch wenn einem klar ist, dass die Liebe tragisch enden muss.

Screenshot Chikamatsu1

Als Ishun seiner Frau Osan beim ersten Verdacht der Untreue und ohne ihren Unschuldsbeteuerungen auch nur zuzuhören sofort den Selbstmord aufdrängen will – welcher ihm überaus gelegen käme, hat er doch selbst eine Affäre mit einer Hausangestellten – ignoriert sie ihn völlig. Auch als sie von ihrer Familie bedrängt wird, die sich bietende Chance auf Rückkehr in das alte Leben zu nutzen und die Familienehre zu wahren, lässt sie dies kalt.

Somit steht Chikamatsu monogatari in bester Tradition früherer Mizoguchi-Filme wie Osaka Elegy oder Die Schwestern von Gion, in denen ebenfalls starke Frauenfiguren versuchten, sich gegen sozialen Druck, die Erwartungen der eigenen Familie und ausbeuterische, untreue Männer zu behaupten. Die sich daraus ergebenden Konflikte sind in diesen frühen realistischen und in der Gegenwart spielenden Filmen aber sehr viel nachvollziehbarer und greifbarer als in dem in einer feudalen Vergangenheit spielenden Chikamatsu monogatari.

Das tut dem Film letztlich nur geringen Abbruch, will er doch in erster Linie eine epische Liebesgeschichte erzählen, was ihm auch absolut gelingt. Ungewöhnlich für einen Liebesfilm jeder Zeit ist jedoch die Distanz, welche die Kamera die meiste Zeit hält und die uns kaum einmal einen close-up genehmigt, was aber zentraler Bestandteil von Mizoguchis Stil ist. Die ebenso typischen langen Kamerafahrten und die extrem langen Einstellungen dagegen kommen nur sporadisch zum Einsatz. In mancher Hinsicht ein typischer Mizoguchi, weicht Chikamatsu monogatari dann doch vom üblichen Kanon des Meisters ab.

Filmbrain habe ich bisher vor allem wegen des dort regelmäßig ausgetragenen Filmquiz verfolgt und mich zwischendurch wunderbar amüsiert über liebenswerte Skurrilitäten wie Disneys The Story of Menstruation. Aktueller Anlass für die Aufnahme in die Blogschau ist ein Post zu Hideaki Annos Love and Pop, die ganz im Zeichen der Fetischisierung der Schulmädchen in der japanischen Kultur steht und auch Vergleiche zu Iwais All about Lily Chou-Chou zieht.

Ein noch junger, aber sehr aktiver (deutschsprachiger!) Blog, der zwar mit japanischen Filmen relativ wenig am Hut hat, dafür aber erstklassig über interessante DVD-Neuerscheinungen informiert, ist der dvdbiblog. Von den neuesten Criterion-Ausgaben bis hin zu auf DVD erscheinenden TV-Filmen ist hier alles vertreten, entsprechend ist auch bereits eine erstaunliche Menge an Posts im Archiv aufgelaufen.

Ein weiterer interessanter junger Blog begrüßt den Leser mit den Worten “Welcome to the Underworld of Japanese Film.” Wenig überraschend geht es bei Eigazoku denn auch vor allem um das Exploitation-Kino, wozu reichlich Trailer und Ausschnitte geliefert werden, die Texte fallen vergleichsweise kurz aus. Nicht unbedingt mein Fall, aber man sollte auf jeden Fall ein Auge drauf haben.

Und zu guter Letzt noch der Blog eines Filmindustrie-Insiders, nämlich von Jason Gray, Japan-Korrespondent des Magazins Screen International. Der berichtet nicht nur von Filmfestivals, Interviews und News aus der Filmszene, sondern auch über sein Leben in Japan generell, was eine spannende Mischung ergibt.

Assassination

Original: Ansatsu (1964) von Masahiro Shinoda

Der erste Jidaigeki des jungen, 1931 geborenen Regisseurs Shinoda, der zuvor mit dem Yakuza-Film Pale Flower für Furore gesorgt hatte, hat einen überaus komplexen historischen Hintergrund, der beim japanischen Publikum damals sicher gegeben war, der den Film heute (insbesondere für Nicht-Japaner) aber schwer nachvollziehbar macht. Es geht um die gewaltsame Öffnung Japans durch die Kanonenbootpolitik des Commodore Perry und die sich daraus ergebende Auseinandersetzung zwischen Anhängern des Shogunats und des Kaisers, welche unter dem Motto sonno joi die Ausländer vertreiben und die Herrschaft des Kaisers wiederherstellen wollten, wozu es dann im Jahr 1867 auch kam.

Screenshot Assassination1

Vor diesem Hintergrund erzählt Assassination die Geschichte von Hachiro Kiyokawa (Tetsuro Tamba, im Screenshot links), Ronin mit außergewöhnlichem Geschick im Schwertkampf und großen Führungsqualitäten, der für den Shogun eine Kampftruppe aus Ronin zusammenstellen soll. Doch Kiyokawa ist als Gegner des Shogunats bekannt, weshalb gleichzeitig der Schwertkampfmeister Sasaki (Isao Kimura, rechts) mit dessen Ermordung beauftragt wird, sollte Kiyokawa außer Kontrolle geraten.

Gleich zu Beginn des Films kommt es zu einer Begegnung der beiden, die in einem Trainingsduell gipfelt, in dem Kiyokawa Sasaki mit Leichtigkeit zweimal schlägt und öffentlich demütigt. Für Sasaki wird die Ermordung Kiyokawas damit zur persönlichen Rache und er macht sich daran, mehr über den mysteriösen Führer der Ronin zu erfahren, um dessen Schwächen zu entdecken. Während Kiyokawa seine politischen Intrigen spinnt, mit seiner Truppe ins Lager des Kaisers überläuft und langsam dem Größenwahn und dem Alkohol verfällt, macht sich Sasaki ein Bild seines Gegners und schlägt schließlich zu.

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Da mir das historische Hintergrundwissen fehlt, um die ganzen politischen Ränkeschmiedereien zu durchschauen, habe ich Assassination vor allem als ein Duell zweier Männer erfahren, in dessen Zuge der Zuschauer immer mehr über den außergewöhnlichen Charakter Kiyokawas erfährt, der von Shinoda als ein Symbol für eine ganze Epoche präsentiert wird. Dabei erschien mir der Film fast wie eine Mischung aus Citizen Kane und Lawrence von Arabien: Aus Gesprächen mit Weggefährten Kiyokawas und dem Tagebuch seiner Geliebten Oren entsteht nach und nach ein immer differenzierteres Bild dieses Mannes, das sich aber mit der fortschreitenden Handlung zugleich dynamisch weiterentwickelt.

Wir erfahren von seiner einfachen Herkunft, wegen der er nicht ernst genommen wurde, seinen politischen Überzeugungen, seinem unsteten Lebenswandel, seinen ersten Erfahrungen mit dem Töten und wie er mehr und mehr in einem Strudel aus Gewalt versinkt, an dessen Ende er schließlich selbst durch das Schwert Sasakis stirbt. Sympathisch lässt ihn dabei lediglich die Liebe Orens erscheinen, die er aus einem Bordell befreite und die sich für ihn zu Tode foltern lässt.

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Assassination ist ein Film voller Gewalt, voller Lügen, Intrigen und verzweifelter Männer, die mit ansehen müssen, wie ihre Ideale wertlos werden und ihre Welt zu Bruch geht – und die sich dennoch krampfhaft daran festklammern. Shinoda lässt diese Zeit gewaltsamen Umbruchs in grandiosen Bildern vor unserem Auge entstehen, zieht dabei alle Register von durchkomponierten und -stilisierten Totalen über Close-ups bis hin zur aus der Hand gefilmten Ich-Perspektive. Kongenial begleitet werden die Bilder übrigens von Toru Takemitsus Musik.

Besonders faszinierend sind die wiederholt eingesetzten Freeze-frames, Kulminationspunkte von Szenen außergewöhnlicher Gewalt, die diese Gewalt festhalten und förmlich auf der Netzhaut einbrennen. So etwa ein Massaker in einer kleinen Gastwirtschaft, eine der brillantesten Szenen überhaupt. Zwischen den sich gegenseitig abschlachtenden Anhängern der beiden widerstreitenden Lager folgt die Kamera den schreiend durcheinander rennenden Zivilisten und verschiebt so für einen Moment komplett die Perspektive, um sogleich zu einem Samurai zurückzukehren, der einen Gegner durch den Körper seines eigenen Kampfgefährten hindurch ersticht. Freeze!

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Allein der Umstand, dass Assassination auch bei nahezu kompletter Unkenntnis des historischen Hintergrunds trotzdem noch ein faszinierender, mitreißender Film ist, sagt eigentlich schon alles über dessen Qualität aus. Wenn ich ihn mir das nächste Mal ansehe, werde ich mich aber dennoch gut vorbereiten, um ihn dann auch als politisch-historischen Thriller würdigen zu können.

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