Archive for Februar, 2011

Es gibt tatsächlich noch Doktoranden, die ihre Doktorarbeit selbst schreiben und dafür sogar empirische Forschung betreiben! Ein solches leuchtendes Beispiel ist Frank Schneider, Psychologe und Doktorand an der Uni Koblenz-Landau, der in seiner Dissertation der Frage nachgeht, nach welchen Kriterien Zuschauer Filme bewerten. Um das herauszufinden hat er eine Umfrage konzipiert und ins Netz gestellt. Mitmachen, kann ich da nur sagen!

Die Umfrage dauert etwa 20-30 Minuten und enthält abwechselnd Blöcke, die danach fragen was an Filmen gefällt, und Blöcke mit Wissensfragen rund um Filme, Filmtheorien, Techniken und Filmgeschichte. Dabei kann man sogar als ausgemachter Filmfan noch was lernen! Und wer für den zweiten Teil der Umfrage seine E-Mail hinterlegt, nimmt auch noch an der Verlosung von Amazon-Gutscheinen teil. Ich sags nochmal: Oben auf den Link klicken und mitmachen!

Nachtrag: Die Umfrage ist inzwischen beendet, ich habe daher den Link entfernt. Frank Schneider bedankt sich bei den 20 Japankino-Lesern, die an der Umfrage teilgenommen haben.

Original: Akujo no kisetsu (1958) von Minoru Shibuya

Yashino (Eijiro Tono) ist reich, geizig und alt – aber topfit! Als ihm sein Arzt auch noch bestätigt, dass er wahrscheinlich 100 Jahre alt wird, entschließt sich seine Frau Taeko (Isuzu Yamada), etwas dagegen zu unternehmen. Ein erster Versuch mit Gas scheitert an Seita, einem plötzlich auftauchenden ehemaligen Liebhaber Taekos, der Geld braucht um sein Taxi abzubezahlen. Sie weiht ihn in ihre Pläne an und macht ihn zu ihrem Komplizen.

Doch die beiden sind nicht die einzigen, die es auf Yashinos Geld abgesehen haben: Auch Taekos Tochter Hitomi (Mariko Okada) und sein Neffe Shujiro wollen ihm an den Kragen. Immer neue Varianten, den Alten loszuwerden, denken sie sich aus, doch vergeblich. Obendrein engagiert Seita auch noch einen Auftragskiller. Als Yashino ein Wochenende in seiner Bergvilla verbringen will, kulminieren die Ereignisse und die von Geldgier Getriebenen lassen einer nach dem anderen ihr Leben.

Einige Szenen dieser makabren, schwarzen Komödie sind wirklich herrlich böse und umwerfend komisch. Der ganze Kinosaal hat sich geschüttelt vor Lachen, als der nicht besonders helle Auftragskiller beim Graben nach Yashinos Reichtümern auf eine Granate aus dem Krieg stößt und – weil er darin Diamanten vermutet – unvermutet zuerst mit einer Schaufel und dann mit dem Hammer darauf einschlägt. Begeistert hat mich an dieser Szene nicht nur die Komik des absurden, selbstmörderischen Verhaltens des Killers, sondern wie dieser vor Gier wahrhaft alles vergisst und sehenden Auges sein eigenes Ende herbeiführt.

The Days of evil Women ist in Grandscope gefilmt, Shochikus Antwort auf den Trend zu Farbfilmen im Breitbild. So hat der Film brillante Farben und selbst nach 50 Jahren noch ein großartiges Bild zu bieten, aber abgesehen von einigen Szenen in denen beispielsweise das Treppenhaus im Anwesen Yashinos das Bild ausfüllt, hatte ich nicht das Gefühl, dass Shibuya die Möglichkeiten dieses Formats wirklich ausnutzte. Was mit daran liegen mag, dass sein klassisches Terrain eher die gedrängten Städte, engen Gassen und heruntergekommenen Viertel waren (jedenfalls erscheint mir das anhand der Filme, die ich im Rahmen der Berlinale Retrospektive sehen konnte) und weniger Villen mit Gärten und offene Berglandschaften.

Umso mehr wird der Film von den Schauspielern getragen: Isuzu Yamada als frustrierte Ehefrau zu sehen, die verzweifelt ihren Mann loswerden will, sich dazu mal einschmeichelt und schnurrt wie eine Katze und mal hinterrücks die Lebensversicherung aufteilt, macht richtig Spaß. Noch mehr beeindruckt hat mich aber Mariko Okada als ihre Tochter, ein richtiges, eiskaltes und berechnendes Biest.

Eine wunderbare Komödie, bei der ich aber oft das Gefühl hatte, dass durch die Untertitel vieles verloren geht. Gerade bei Komödien spielen ja Wortwitz, Timing, Doppeldeutigkeiten, Überraschung und natürlich die Stimmlage und der Ausdruck eine besonders zentrale Rolle. Alles Aspekte, die in Untertiteln kaum lebendig und mitreißend rüberzubringen sind. Wie viel Spaß muss dieser Film erst machen, wenn man Japanisch spricht!

Meine erste Berlinale-Luft habe ich in der vergangenen Woche geschnuppert und die hat Lust auf mehr gemacht! 8 Filme in 4 Tagen, ein recht gemütliches Programm hatte ich mir zurecht gelegt, um genug Freiraum für den einen oder anderen netten Plausch mit in Berlin gestrandeten Freunden zu haben. Meine Einschätzungen zur einen Hälfte der Filme habe ich schon pflichtschuldigst gepostet, die anderen folgen in den nächsten Tagen. Aber auch zur Berlinale selbst möchte ich ein paar Worte verlieren.

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Schön sehen Sie aus, die Eintrittskarten, aber sie zu bekommen war gar nicht so einfach. Die Tickets für die Filme werden nämlich immer erst 3 Tage vor der Vorstellung online buchbar. Für mich als Besucher von außerhalb bedeutete das, dass ich mich über mehrere Tage hinweg jeden Vormittag eine Viertelstunde mit dem Ticketing-System der Berlinale auseinandersetzen durfte, das nicht besonders komfortabel ist – immerhin kenne ich jetzt meine Kreditkartennummer auswendig. Die Idee hinter dieser Zeitverzögerung ist wohl, dass die Entstehung eines Schwarzmarktes unterbunden werden soll. Das mag ja bei begehrten Wettbewerbsfilmen wie True Grit und Konsorten Sinn machen, aber von “meinen” 8 Vorstellungen war keine einzige auch nur annähernd ausverkauft.

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Kommen wir zu den Festival-Kinos, von denen ich fünf kennenlernen durfte: Das Cinemaxx, das Cubix, das Colosseum, das Cinestar und den Celphi äh, Delphi-Filmpalast. Die ersten drei waren im Großen und Ganzen ok, im Colosseum (Saal 1) war die Leinwand etwas zu klein für die Größe des Saals und im Cubix war der Sound viel zu basslastig. Wirklich beeindruckt hat mich das Cinestar, mit superscharfem Bild und sehr schön ausbalanciertem Sound sowie mit den stylischsten Toiletten die ich je in einem Kino gesehen habe. Siehe das Foto aus dem Inneren einer Herrentoilette oben, wobei die CD allerdings  nicht Bestandteil des Original-Designs war, sondern von einem kreativen und geschmackvollen Geist (also nicht von mir) mit beidseitigem Klebeband hingepappt wurde.

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Mein Lieblingskino ist aber der Delphi-Filmpalast, ein schönes, ehrwürdiges, altes Kino mit Funzellampen im Eingangsbereich und einem herrlichen Kinosaal (natürlich mit Empore), in dem man nur darauf achten muss, sich einen Platz hinter einem möglichst kleingewachsenen Vordermann zu suchen. Die Technik ist top, und vor Beginn der Vorstellung erklingt tatsächlich genau derselbe Gong, den ich aus dem Hamburger Metropolis gewohnt bin! Ich hab mich also gleich ganz wie zuhause gefühlt :-)

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Enttäuscht war ich jedoch über die fehlende Festivalatmosphäre, in vielen Kinos sah alles nach Business as usual aus (siehe das Cinemaxx oben). Ja, überall hingen Berlinale-Plakate und vor jedem Film gab es die obligatorische Begrüßung des Publikums, die aber ziemlich karg und lieblos ausfiel, so nach dem Schema  “Willkommen auf der Berlinale, wir zeigen jetzt den Film XYZ. Viel Spaß.” Da kann man mit ein bisschen Charme, Persönlichkeit und emotionaler Ansprache des Publikums deutlich mehr draus machen, selbst wenn man sich nicht den Stress geben mag, Hintergründe zu den Filmen zu recherchieren.

Auch von den Aktivitäten die neben den Vorführungen so liefen hab ich als “normaler” Kinogänger so gut wie nichts mitbekommen: kulturelle Veranstaltungen, Parties, Gesprächsrunden – wenn es sie gab, musste man wohl danach suchen. Kein Vergleich zu den kleineren Festivals, die ich in den letzten Jahren kennenlernen konnte!

Vielleicht liegt das einfach an der Größe der Berlinale. Wer ein solches Massenpublikum bedient, kann wahrscheinlich gar nicht mehr nette Kamingespräche anbieten, weil der Andrang viel zu groß wäre. Allein bei der Masse an Medienvertretern wird wohl aus jeder Diskussionsrunde mit einem Filmschaffenden gleich eine Pressekonferenz. Verständlich, aber irgendwie auch schade, geht so doch das Besondere an der Festival-Atmosphäre verloren.

PS: Einen wunderschön bebilderten Berlinale-Bericht gibt es bei Fritz.

Original: Byakuyakou (2010) von Yoshihiro Fukagawa

1980 wird in einem Armenviertel ein Mann erstochen, verdächtigt wird eine Nachbarin, mit der er angeblich eine Affäre hatte. Kommissar Sasagaki (Eiichiro Funakoshi) ermittelt und begegnet dabei zunächst unter merkwürdigen Umständen dem Sohn des Mordopfers: Der kleine Ryoji ist im Obergeschoss des Hauses eingeschlossen und wirkt seltsam unbeteiligt angesichts der Ermordung seines Vaters. Beim anschließenden Besuch bei der Tatverdächtigen ist der Kommissar besonders von deren achtjähriger Tochter Yukiho beeindruckt, die sehr gefasst und viel ehrlicher als ihre Mutter aussagt, wichtige Hinweise liefert und nebenbei auch noch „Vom Winde verweht“ liest. Als wenige Tage später die Tatverdächtige Selbstmord begeht, wird der Fall zu den Akten gelegt, doch der Kommissar hat seine Zweifel.

Und diese Zweifel scheinen durchaus berechtigt: Im Lauf der nächsten 20 Jahre begegnen wir Yukiho (Maki Horikita) und Ryoji (Kengo Kora) immer wieder. Ryoji ist von zuhause ausgerissen und schlägt sich als Kleinkrimineller durch. Yukiho auf der anderen Seite wächst in der Obhut ihrer Tante zu einer strahlenden Schönheit heran, in der Schule bekommt sie nur die besten Noten. In regelmäßigen Abständen geschehen in Yukihos Umgebung jedoch furchtbare Verbrechen: Erst wird eine Mitschülerin, dann sogar ihre beste Freundin vergewaltigt, ein Privatdetektiv der im Auftrag der Familie ihres zukünftigen Bräutigams mehr über sie herausfinden sollte stirbt an einer Vergiftung. Kommissar Sasagaki lässt nicht locker, gräbt in der Vergangenheit, freundet sich über die Jahre mit Ryojis Mutter an und bekommt nach langer langer Zeit von ihr den entscheidenden Tipp, das alles erklärende, fehlende Puzzleteil.

Die Story klingt nach einem wirklich sehr vielversprechenden Krimi, allerdings leidet der Film an einer Reihe von massiven Problemen. Dazu gehört zunächst seine Vorhersehbarkeit: Schon nach relativ kurzer Zeit ist eigentlich klar, was hinter dem Mord an Ryojis Vater und dem „Selbstmord“ von Yukihos Mutter steckt (Achtung, jetzt kommen Spoiler!! Wer den Film noch sehen will, springt am besten direkt zum letzten Absatz). Die Ungereimtheiten um Yukiho sind zu offensichtlich, ihre Figur so exponiert angelegt, agiert so abgeklärt und erwachsen, sie muss hinter den Todesfällen stecken: Ihre Mutter hatte keine Affäre mit Ryojis Vater, es war Yukiho selbst, die er besuchen kam, denn das Mädchen wurde von der Mutter an Pädophile aus der Umgebung verkauft.

So weit, so dramatisch und erschütternd – ein toller Stoff für einen Film! Wenn nicht der Rest von Byakuyakou darauf ausgerichtet wäre, weiter Spannung aufzubauen und uns langsam an des Rätsels Lösung heranzuführen, obwohl die schon längst auf der Hand liegt. Alle paar Jahre geschehen Verbrechen, sterben Menschen und die Löcher im Plot werden immer größer und größer, denn die Macher versuchen ja weiter verzweifelt, die Zuschauer im Unklaren zu halten. Geradezu lächerlich wird es, wenn Yukihos beste Freundin genau vor einem Rendezvous Opfer einer Vergewaltigung wird, und Yukiho ihr den gutaussehenden, reichen Mann wegschnappt und ihn schließlich heiratet – ohne dass dieser sich auch nur einmal nach seiner plötzlich verschwundenen Angebeteten erkundigt hätte! Oder die Vorstellung, dass Ryoji ein perfektes Verbrechen nach dem anderen begeht, als Jugendlicher noch dazu, der sich selbst mit Prostitution und anderen Gaunereien über Wasser hält. Einfach absurd!

Doch über Unstimmigkeiten in der Story sehe ich gern mal hinweg, wenn das Paket ansonsten stimmig ist. Das viel größere Problem des Films ist die fehlende Auseinandersetzung mit den Charakteren von Ryoji und vor allem von Yukiho. Dieser Mangel ergibt sich zwangsläufig daraus, dass die Macher verzweifelt die Auflösung des Rätsels an das Filmende schieben. So es ist natürlich schwer möglich, uns die Charaktere und ihre Figuren nahezubringen und dabei gleichzeitig die Ereignisse, die diese Motive hervorbringen, auszusparen. Bei Ryoji kann man noch argumentieren, dass er im Lauf der Jahre die ganzen grausamen Verbrechen aus Liebe zu Yukiho oder aus Verpflichtung und einem empfundenen Verantwortungsgefühl begeht.

Aber über Yukiho erfahren wir überhaupt nichts. Sie wirkt die ganze Zeit wie eine eiskalte, berechnende, skrupellose, jeden manipulierende und nur auf ihren Vorteil bedachte Bestie in Menschengestalt. Doch was treibt sie an? Rache kann es nicht sein, dann müsste sie die ganzen Männer beseitigen, die ihr ihre Kindheit zerstört haben, was sie aber nicht macht. Der Wunsch, ihre zerstörte Kindheit nachzuleben, eine Ersatzfamilie zu finden? Kein Hinweis im Film. Liebt sie Ryoji? Vielleicht, aber dann könnten die beiden einfach zusammen glücklich sein, anstatt das Leben völlig unbeteiligter Menschen zu zerstören. Krankhafter Ehrgeiz und der verzweifelte Wunsch nach Anerkennung? Das käme noch am ehesten in Frage, so à la Charles Foster Kane. Nur will das nicht zu den Flashbacks passen, die Ryoji und Yukiho als glücklich spielende Kinder zeigen. Die Sache ergibt einfach keinen Sinn, es gibt keine nachvollziehbare Motivation für die ganzen grausamen Taten! Und daran scheitert letztlich der ganze Film. Schade.

Und es gibt noch ein Problem: Die Macher konnten sich anscheinend nicht entscheiden ob sie einen Krimi oder ein Melodram drehen sollten. Das wird schon im Trailer klar, man achte einfach mal auf die unwesentlichen Brüche in Musik und Bildsprache bei Sekunde 54 und bei 1:30.

Die Ursache für all diese Inkonsistenzen dürfte der Umstand sein, dass es sich bei Into the White Night um die Adaption einer TV-Serie handelt. Diese lief 2006 wohl ziemlich erfolgreich, weist aber einige grundlegende Unterschiede zum Film auf: Yukiho und Ryoji sind ein paar Jahre älter, als sie ihre Eltern umbringen, was ihr abgebrühtes Vorgehen glaubwürdiger macht.  Vor allem aber sind sie ein Liebespaar und die Serie erzählt folgerichtig in erster Linie eine Liebesgeschichte. Zudem kann es im Serien-Format durchaus gut funktionieren, in einzelnen Folgen mal die Krimi-Elemente in den Vordergrund zu stellen, ohne dass dadurch gleich die ganze Serie aus dem Gleichgewicht kommt. Der Film dagegen wirkt durch diese Mischung unfertig und alles andere als stimmig. Was wirklich schade ist, denn die Geschichte hat unbestritten ein großes Potenzial und hat ja auch als TV-Serie sehr gut funktioniert.

Der Film ist in vieler Hinsicht auch wirklich gut gemacht, atmosphärisch dicht, in ruhigen, langsamen und zurückhaltenden Bildern inszeniert und schön anzuschauen. Doch unter dieser gelungenen Oberfläche steckt einfach ein riesengroßes Kuddelmuddel, wohl weil die Macher unbedingt den Fans der Byakuyakou-Serie etwas “Neues” bieten und bisher weniger beachtete Aspekte der Story in den Vordergrund stellen mussten. Aus der Länge dieser Auseinandersetzung mit den Schwächen von Into the White Night seht ihr, dass mich dieser Film keineswegs kalt gelassen hat. Eben weil ich die Grundidee genial finde und der Film mich durchaus berührt hat, ärgern mich die Inkonsistenzen bei Plot und Charakterzeichnung ungemein. Hier war das Potenzial für was wirklich großes da, aus dem dann leider nur Durchschnitt wurde.

Modern People

Original: Gendaijin (1952) von Minoru Shibuya

Ogino (Sô Yamamura), Chef einer Abteilung im Bauministerium, lässt sich von einem windigen Bauunternehmer schmieren, um die Krankenhausrechnung für seine Frau zahlen zu können. Obendrein führt er noch eine Affäre mit der Barbesitzerin Shinako (Isuzu Yamada), die ebenfalls der Bauunternehmer finanziert. Als der neue Mitarbeiter Odagiri (Ryô Ikebe) in die Abteilung kommt, will Ogino diesen jedoch aus den unredlichen Machenschaften heraushalten und denkt sogar daran, ihn mit seiner Tochter Michiko zu verheiraten.

Michiko und Odagiri verlieben sich auch tatsächlich ineinander. Um Michiko den Traum von der perfekten Familie zu ermöglichen, beginnt Odagiri jedoch ein undurchsichtiges Intrigenspiel: Zuerst spannt er dem Vater Shinako aus und drängt ihn aus dem Geschäft mit der Vergabe von Bauaufträgen. An Stelle Oginos verstrickt er sich nun selbst immer tiefer in die Fänge der Korruption. Als ihm klar wird, dass er mit seinen Ränkeschmieden sowohl den Vater wie die Tochter gegen sich aufgebracht hat, will er einen Schlussstrich ziehen, doch es gibt kein Zurück mehr: Betrunken zettelt er einen Streit mit dem Bauunternehmer an und erschlägt ihn, anschließend steckt er auch noch das Büro in Brand um Beweise zu vernichten.

Der Film eröffnet mit einer Flugsequenz über eine Industrie- und Großstadtlandschaft, unterlegt mit bedrohlicher Musik und einem Off-Sprecher, der Kriminalität und Gewissenlosigkeit anprangert. Da ist es nicht verwunderlich, dass mit Odagiri der Hauptcharakter, der zunächst unbefleckt von diesen Machenschaften auftritt, in Korruption, Gewalt und Kriminalität versinkt und am Ende der Todesstrafe entgegensieht. Verwunderlich ist jedoch, mit welcher Direktheit Regisseur Shibuya seine Kritik an gesellschaftlichen Zuständen (die in vielen seiner Filme vertreten ist) vorbringt. Das ist schon kein Wink mit dem Zaunpfahl mehr, hier winkt er gleich mit dem ganzen Zaun!

Fünf Filme Shibuyas konnte ich auf der Berlinale sehen und verglichen mit diesen fällt Modern People noch unter zwei weiteren Gesichtspunkten ziemlich aus dem Rahmen: Zum einen hatten die anderen Filme bei aller Ernsthaftigkeit und Dramatik immer auch ihre komischen Momente, die in Modern People dagegen völlig fehlen. Zum anderen zeichneten sich die übrigen Filme Shibuyas duch ihre liebenswert gezeichneten und durch und durch menschlichen, wenn auch manchmal etwas überdrehten Charaktere aus, mit denen wir Zuschauer mitfiebern und uns identifizieren konnten.

Im Gegensatz dazu mag man sich in Modern People mit keinem der Charaktere wirklich identifizieren: Ogino ist ein permanent herumstammelnder Schwächling ohne einen Hauch von Rückgrat, Odagiri ist berechnend und nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle der Menschen, Shinako ist käuflich und arrogant, der Bauunternehmer sowieso ein gewissenloses Arschloch und Michiko eine verwöhnte Träumerin.

Offenbar liegt hier der Hund begraben: “Moderne Menschen” haben ihre Menschlichkeit verloren. Worin allerdings die Ursache für die allgegenwärtige Gewissenlosigkeit und die Selbstbezogenheit liegt, darauf gibt uns Shibuya keine Hinweise. Die Motivation der einzelnen Charaktere für ihr Handeln ist jedenfalls von Fall zu Fall verschieden, ein Muster nicht wirklich erkennbar. Hier liegt die Schwäche des Films, der zwar die Zustände anprangert, aber weder Ursachen benennt noch einen möglichen Ausweg weist.

Ein sehr direkter und kritischer Film, der schonungslos und mutig die üblen Machenschaften zwischen Politik und Wirtschaft im Nachkriegsjapan zum Thema macht und Schwächen der Menschen adressiert. Leider wird die Botschaft aber ziemlich plakativ vermittelt und die Problematik etwas eindimensional betrachtet. Mit Righteousness ist Shibuya ein paar Jahre später ein besserer Wurf zu einer ähnlichen Thematik gelungen.

Im letzten Jahr war es ganz schön still geworden um Rapid Eye Movies. Besonders die sehnlichst erwartete DVD zu Genius Party Beyond wollte und wollte nicht erscheinen, so dass ich mich schon fragte ob die Jungs aus Köln überhaupt noch japanische Filme in ihrem Katalog als wichtig ansahen. Die Frage hat sich jetzt wohl erledigt!

Denn nachdem die lang erwartete DVD vor wenigen Wochen endlich auf den Markt kam, sollen im zweiten Halbjahr noch drei weitere Knaller folgen: Tetsuya Nakashimas hochgelobter Psychothriller Confessions, der noch blutigere und grausamere Cold Fish von Shion Sono und zur Entspannung Hitoshi Matsumotos abstruse Komödie Symbol.

Exzellent! :-)

Righteousness

Original: Seigiha (1957) von Minoru Shibuya

Im Zentrum des Films stehen die Schwarzmarkthändlerin Okyo (Eiko Miyoshi) und ihr Sohn Seitaro, der die illegalen Aktivitäten seiner Mutter strikt ablehnt. Er arbeitet als Mechaniker bei einem Busunternehmen und ist heimlich verliebt in Machiko, die Tochter einer Kneipenbesitzerin, die jedoch mit einem Börsenhändler verheiratet werden soll. Ein Kollege Seitaros, der Busfahrer Fujita, ist mit seiner kränklichen Frau neu in der Nachbarschaft. Beide haben sich mit ihren Familien zerstritten, weil sie gegen deren Willen geheiratet haben. Frau Okyo schließt die beiden schnell in ihr Herz und hilft ihnen sowohl bei den alltäglichen Kleinigkeiten als auch im Handling der Eltern.

Als Fujita (Keiji Sada) nach einer durchzechten Nacht auch noch Überstunden machen muss, verursacht er einen Unfall und überfährt ein kleines Mädchen. Einziger Zeuge ist Seitaro, der mit ihm im Bus war. Von allen Seiten wird Seitaro bedrängt, eine Falschaussage zu machen, doch er folgt seinem Gewissen, was ihm Unverständnis und Ablehnung der Kollegen und Nachbarn einbringt. Nur seine Mutter erkennt, dass er das Richtige getan hat und verteidigt ihn in einer furiosen Szene gegen die Anschuldigung, ein Verräter zu sein. Doch genau in diesem Moment wird sie wegen ihrer Schwarzmarktaktivitäten verhaftet.

Letztlich gibt es aber ein klassisches Happyend: Fujita und seine Frau versöhnen sich mit ihrer Familie und kehren zurück aufs Land, Frau Okyo wird nach dem Verhör gleich wieder freigelassen und entsagt ihren illegalen Geschäften und Seitaro offenbart seine Gefühle endlich Machiko, die daraufhin die Hochzeit mit dem Börsenhändler absagt und bei ihm bleibt.

Wie in Doctor’s day off versammelt Regisseur Shibuya ein Ensemble an Charakteren die mit ihrer Menschlichkeit, mit ihren großen und kleinen Schwächen, ihren guten und schlechten Seiten, sehr sympathisch und glaubwürdig erscheinen. Das ist aber nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen. Auch in Righteousness finden wir wieder einen Hauptcharakter, der unermüdlich wie ein Aufziehmännchen von Szene zu Szene düst, ständig Anlass für einen Lacher ist, mal mürrisch und mal großherzig. Sehr beeindruckend, wie die vor allem aus kleineren Rollen in verschiedenen Filmen von Kurosawa oder Ozu bekannte Eiko Miyoshi das Original Okyo verkörpert. Zu den weiteren Parallelen gehören die schwierigen sozialen und finanziellen Verhältnisse der Figuren sowie ihr Lebensumfeld am Rande eines Industriegebiets, dessen Schornsteine und Öltanks die Hintergründe dominieren, wie in Doctor’s day off die Gleisanlagen und Schuppen eines Güterbahnhofs.

Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit müssen manchmal auch gegen äußere Zwänge und ein verständnisloses Umfeld verteidigt werden, das ist die klare Botschaft des Films. Sie erfordern mehr als große Worte, nämlich auch schmerzhafte Entscheidungen sowie die Größe, zu seinen Taten zu stehen und mit deren Konsequenzen umzugehen. Gerade deshalb ist es aber wichtig, “das Richtige” zu tun. Diese Herausforderung verkörpert die Figur der Okyo: In der Szene, in der sie die versammelte Nachbarschaft für ihre Kritik an Seitaros Entscheidung zusammenfaltet, bettelt sie gleich darauf alle um Hilfe an, als ein Polizist erscheint um sie zum Verhör abzuholen.

Ein sehr unterhaltsamer, sympathischer Film, der richtig Spaß macht und dabei aber mehr zu bieten hat als “nur” Unterhaltung.

Original: Honjitsu kyushin (1952) von Minoru Shibuya

Der alte Stadtteilarzt Dr. Mikumo (Eijiro Yanagi) möchte eigentlich den Jubiläumstag der Wiedereröffnung seiner Praxis genießen, doch daraus wird nichts: Gleich am frühen Morgen wird er von einem Polizisten aus dem Bett geklingelt. Eine junge Frau wurde in der Nacht vergewaltigt und muss untersucht werden. Und sie bleibt nicht die einzige Patientin, um die sich Dr. Mikumo noch kümmern muss. Da gibt es eine komplizierte Schwangerschaft, einen Blinddarmdurchbruch und nicht zuletzt einen Yakuza, der sich den kleinen Finger amputieren lassen muss.

Großherzig kümmert sich Dr. Mikuno rührend nicht nur um seine Patienten sondern generell um seine Mitmenschen, er sorgt sich auch um ihre materiellen Nöte und kümmert sich, wo er nur kann. Auch wenn er aufrecht und standhaft agiert und in vieler Hinsicht die klassische Vorbild- und Vaterfigur abgibt, bleibt er dabei doch immer menschlich, lässt sich auch mal betrunken zu einer Patientin fahren und gibt sich in manchen Momenten schusselig. Um ihn herum versammelt Regisseur Shibuya ein Ensemble an Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen ereilt wurden, durch eigenes Verschulden auf die schiefe Bahn geraten sind oder einfach schräge Vögel sind.

Diese Charaktere vereinen meist ausgeprägte komödiantische und tragische Elemente in sich. Ein Paradebeispiel für diese Verbindung ist die Figur des Yusaku (Rentaro Mikuni in einer seiner ersten Rollen), der als Leutnant im Krieg diente und tief traumatisiert wurde: Er lebt immer noch den Krieg fort, ruft die Nachbarn zum Morgenappell, beschuldigt unbeteiligte Passanten als Deserteure und nimmt eine verletzte Gans auf, weil er in ihr einen verwundeten Piloten sieht. Mit seinen abstrusen Fantasien sorgt er immer wieder für lustige Situationen, in denen einem angesichts des in seinen Kriegserinnerungen gefangenen Yusaku aber das Lachen im Halse stecken bleibt.

Letztlich überwinden die Figuren die Schicksalsschläge aber durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe – wie das Mädchen, das vergewaltigt wurde und dann in der Nachbarschaft eine neue Heimat findet – so dass wir Zuschauer uns zum Schluss über ein Happyend freuen können. Die Schlussszene, in der die geheilte Gans zu ihrem Rudel zurückkehrt und dem Sonnenuntergang entgegenfliegt, bringt die Botschaft bildhaft auf den Punkt und ist auch emotional einer der Höhepunkte des Films.

Die klassische, klare Struktur mit dem Motiv “Ein Tag im Leben…” macht die erste Hälfte des Films besonders gut nachvollziehbar und reizvoll, in der wir die Charaktere und ihre jeweiligen Probleme und Konflikte kennenlernen. In der zweiten Hälfte gerät der Film phasenweise etwas aus den Fugen, weil der klare Rahmen nicht mehr gegeben ist und plötzlich noch weitere Komplikationen und Figuren auftreten, wie etwa eine reiche Hausfrau, bei der der Yakuza mit einem ziemlich erbärmlichen Erpressungsversuch abblitzt. Etwas unübersichtlich wird es auch, weil zeitliche Zusammenhänge nicht mehr klar nachvollziehbar sind.

Begeistert hat mich vor allem Hauptdarsteller Yanagi, der in manchen Szenen wie ein Wirbelwind durch den Film fegt, voller positiver Energie, Sorge um seine ihm anvertrauten Patienten und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Zu den Höhepunkten des Films zählt eine Szene, in der er völlig außer sich über die Bahngleise hetzt, um eine Patientin zu besuchen und sich dabei todesmutig wie ein Wiesel zwischen vorbeifahrenden Zügen hindurchschlängelt – großartig dynamisch, lebendig und mitreißend in Szene gesetzt. Sehr schön auch seine immer wieder eingestreuten Lebensweisheiten wie „Große Pläne und Hoffnungen lösen sich von selbst auf, wenn man heiratet.“

Alles in allem eine wirklich gelungene Verbindung von Komödie und Drama mit sozialkritischen Untertönen. Beeindruckend die durch und durch menschlichen Charaktere mit ihren große und kleinen Schwächen, die sie so liebenswert machen. Für mich ein wunderbarer Auftakt in meine erste Berlinale, der Freude auf mehr machte!

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