Original: Honjitsu kyushin (1952) von Minoru Shibuya

Der alte Stadtteilarzt Dr. Mikumo (Eijiro Yanagi) möchte eigentlich den Jubiläumstag der Wiedereröffnung seiner Praxis genießen, doch daraus wird nichts: Gleich am frühen Morgen wird er von einem Polizisten aus dem Bett geklingelt. Eine junge Frau wurde in der Nacht vergewaltigt und muss untersucht werden. Und sie bleibt nicht die einzige Patientin, um die sich Dr. Mikumo noch kümmern muss. Da gibt es eine komplizierte Schwangerschaft, einen Blinddarmdurchbruch und nicht zuletzt einen Yakuza, der sich den kleinen Finger amputieren lassen muss.

Großherzig kümmert sich Dr. Mikuno rührend nicht nur um seine Patienten sondern generell um seine Mitmenschen, er sorgt sich auch um ihre materiellen Nöte und kümmert sich, wo er nur kann. Auch wenn er aufrecht und standhaft agiert und in vieler Hinsicht die klassische Vorbild- und Vaterfigur abgibt, bleibt er dabei doch immer menschlich, lässt sich auch mal betrunken zu einer Patientin fahren und gibt sich in manchen Momenten schusselig. Um ihn herum versammelt Regisseur Shibuya ein Ensemble an Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen ereilt wurden, durch eigenes Verschulden auf die schiefe Bahn geraten sind oder einfach schräge Vögel sind.

Diese Charaktere vereinen meist ausgeprägte komödiantische und tragische Elemente in sich. Ein Paradebeispiel für diese Verbindung ist die Figur des Yusaku (Rentaro Mikuni in einer seiner ersten Rollen), der als Leutnant im Krieg diente und tief traumatisiert wurde: Er lebt immer noch den Krieg fort, ruft die Nachbarn zum Morgenappell, beschuldigt unbeteiligte Passanten als Deserteure und nimmt eine verletzte Gans auf, weil er in ihr einen verwundeten Piloten sieht. Mit seinen abstrusen Fantasien sorgt er immer wieder für lustige Situationen, in denen einem angesichts des in seinen Kriegserinnerungen gefangenen Yusaku aber das Lachen im Halse stecken bleibt.

Letztlich überwinden die Figuren die Schicksalsschläge aber durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe – wie das Mädchen, das vergewaltigt wurde und dann in der Nachbarschaft eine neue Heimat findet – so dass wir Zuschauer uns zum Schluss über ein Happyend freuen können. Die Schlussszene, in der die geheilte Gans zu ihrem Rudel zurückkehrt und dem Sonnenuntergang entgegenfliegt, bringt die Botschaft bildhaft auf den Punkt und ist auch emotional einer der Höhepunkte des Films.

Die klassische, klare Struktur mit dem Motiv “Ein Tag im Leben…” macht die erste Hälfte des Films besonders gut nachvollziehbar und reizvoll, in der wir die Charaktere und ihre jeweiligen Probleme und Konflikte kennenlernen. In der zweiten Hälfte gerät der Film phasenweise etwas aus den Fugen, weil der klare Rahmen nicht mehr gegeben ist und plötzlich noch weitere Komplikationen und Figuren auftreten, wie etwa eine reiche Hausfrau, bei der der Yakuza mit einem ziemlich erbärmlichen Erpressungsversuch abblitzt. Etwas unübersichtlich wird es auch, weil zeitliche Zusammenhänge nicht mehr klar nachvollziehbar sind.

Begeistert hat mich vor allem Hauptdarsteller Yanagi, der in manchen Szenen wie ein Wirbelwind durch den Film fegt, voller positiver Energie, Sorge um seine ihm anvertrauten Patienten und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Zu den Höhepunkten des Films zählt eine Szene, in der er völlig außer sich über die Bahngleise hetzt, um eine Patientin zu besuchen und sich dabei todesmutig wie ein Wiesel zwischen vorbeifahrenden Zügen hindurchschlängelt – großartig dynamisch, lebendig und mitreißend in Szene gesetzt. Sehr schön auch seine immer wieder eingestreuten Lebensweisheiten wie „Große Pläne und Hoffnungen lösen sich von selbst auf, wenn man heiratet.“

Alles in allem eine wirklich gelungene Verbindung von Komödie und Drama mit sozialkritischen Untertönen. Beeindruckend die durch und durch menschlichen Charaktere mit ihren große und kleinen Schwächen, die sie so liebenswert machen. Für mich ein wunderbarer Auftakt in meine erste Berlinale, der Freude auf mehr machte!