13 Jun
Das Japanische Filmfest Hamburg hatte auch 2011 wieder jede Menge Highlights zu bieten, sowohl filmischer wie kultureller Natur. Zur letzteren Kategorie gehörten das Filmfrühstück und die Tegami-Ausstellung, über die ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe. Als ein besonders gelungenes Beispiel der Erweiterung des Filmerlebnisses zum Event – wodurch sich ein Filmfestival ja originär auszeichnen sollte – muss ich außerdem noch die Vorführung von Amachoro hervorheben.
Sweet silly Lovesong – Amachoro, so der volle Titel, war nicht nur ein guter Film, der sämtliche Klippen des Band-Genres umschiffte indem er sich aus einer ganz anderen Richtung näherte. Nach dem Film folgte dann zunächst eine Gesprächsrunde mit Regisseur Miyata und Hauptdarstellerin Naomi Oroji, einer Musikerin die selbst die Songs zum Film beigesteuert hatte. Abschließend griff Oroji dann im ausverkauften 3001-Saal noch selbst zur Gitarre und gab eine kleine Live-Performance, unter anderem mit dem titelgebenden “sweet silly lovesong”. Eine wirklich schöne, rundum gelungene Veranstaltung! Genau solche Angebote machen ein Festival aus und verleihen ihm diesen besonderen, einzigartigen Charakter, den auch die beste Heimkino-Anlage niemals ersetzen kann.
Nun zu den Filmen. Aus dem umfangreichsten Festivalprogramm, das es beim JFFH je gab, habe ich mir 12 Filme angeschaut und nach den ersten drei Tagen hatte ich ein ähnliches Gefühl wie nach der NipponConnection, als es mir sehr schwer fiel, eine Hitliste zusammenzustellen. Das hat sich dann mit den Filmen vom Wochenende geändert, besonders die beiden letzten vom Sonntag haben mich schwer beeindruckt und finden sich an der Spitze meines Rankings:
1. Heaven’s Story
2. 13 Assassins
3. Wandering Home
4. Lost Paradise in Tokyo
Arrietty wäre normalerweise wohl auf Platz 2, aber der lief gewissermaßen außer Konkurrenz, weil ich ihn ja schon von der NC kannte. Und Groschi, falls du das hier lesen solltest: Ich hab auf Grund deines Verrisses von Heaven’s Story überlegt, ihn auszulassen, und nach etwa 90 Minuten war ich sogar kurz davon, das Kino zu verlassen. Aber als dann der Abspann lief, war ich von der emotionalen Intensität fix und fertig und hatte Tränen in den Augen! Irgendwann kommt da auf jeden Fall noch eine Filmbesprechung.
Aus persönlicher Sicht war es für mich ein sehr schönes und ziemlich entspanntes Filmfest, bei dem ich nach meinem Abschied aus dem Organisationsteam endlich wieder ganz die Filme ins Zentrum stellen konnte. Genauso hat es aber auch Spaß gemacht, am Sonntag beim Filmfrühstück mit zuzupacken, ich würde also nicht ausschließen, dass ich rückfällig werde
Wie derzeit wohl jede Veranstaltung mit Japanbezug stand natürlich auch das JFFH unter dem Eindruck der Erdbebenkatastrophe mit zehntausenden Toten. In Zusammenarbeit mit der in Hamburg lebenden Künstlerin Nobuko Watabiki gab es während des Festivals im Metropolis und in der Festival-Lounge eine sehr berührende und beeindruckende Auseinandersetzung mit den tragischen Ereignissen des März zu bestaunen: Hunderte Künstler aus Japan hatten ihre Gedanken und Gefühle auf Postkarten verewigt und nach Hamburg geschickt.
Das Ergebnis war hochgradig beeindruckend! Von todtraurigen über nachdenkliche bis zu total lebensfrohen, quietschbunten Postkarten war so ziemlich alles dabei. Einige waren von persönlichen Botschaften und Berichten begleitet, wie etwa dieses Beispiel, das mit einer Postkarte bunter Blumen kam:

Wer sich für die unter dem Namen “Tegami” laufende Kunstaktion interessiert, kann sich auf der Website informieren und einige gescannte Exemplare ansehen. Die Initiatoren berichten von großem Interesse an der Ausstellung und wollen sie wenn es irgendwie möglich ist auch auf die Reise schicken.
~~~
Obwohl ich in diesem Jahr nicht mehr in die Organisation des Festivals involviert war, konnte ich dann doch nicht fünf Tage lang untätig zugucken, während sich die alten Freunde und Mithelfer bis tief in die Nacht hinein im Schweiße ihres Angesichts die Allerwertesten aufreißen. Und das mit “Schweiß” meine ich absolut wörtlich, denn bei so einem Filmfest zu helfen heißt nicht nur, Tickets abzureißen und Gästen die touristischen Highlights von Hamburg zu zeigen. Da muss auch mal eine Wagenladung 35mm-Filme in den Vorführraum hochgeschleppt werden, und je nach Film wiegt so ein Paket schlanke 20-40 Kilo!

So sieht dann beispielsweise ein 13 Assassins auf der Treppe zum Vorführraum des Metropolis aus. (Übrigens einer der Knallerfilme des diesjährigen Festivals, Rezension kommt noch in den nächsten Tagen)
~~~
Deutlich leichter und mit sehr viel mehr Spaß verbunden als Filme zu schleppen ist da die Vorbereitung des Filmfrühstücks. Wenn man nur nicht so verdammt früh aufstehen müsste dafür!
Aber es hat sich auch dieses Jahr wieder gelohnt und Riesenspaß gemacht. Die Onigiri waren superlecker, Jans japanischer Kartoffelsalat ein Gedicht und Saschas Miso-Suppe einfach göttlich! So langsam scheint sich das bei den Gästen wirklich herumzusprechen, und so war der Andrang trotz typisch Hamburger Wetter wieder ziemlich groß.

Schön war’s! Und lecker
28 Mai
Original: Saitai (2010) von Naoki Hashimoto
Eine junge Frau stalkt ein Ehepaar und deren Teenage-Tochter. Tagelang steht sie bei Wind und Wetter halb hinter einem Baum verborgen gegenüber des Gartens und blickt durch die Wohnzimmerfenster. Dann spricht sie, als Schülerin verkleidet, die Tochter an und lockt sie unter einem Vorwand in ihr Auto, wo sie das Mädchen mit Handschellen fesselt und knebelt. Sie sperrt das Mädchen in einen bunkerähnlichen Raum, nimmt ihm das Handy ab und schickt der Mutter eine Nachricht: “Ich werde das zerstören, was dir am Kostbarsten ist! Grüße von deiner verstoßenen Tochter.”

Das Regiedebut des etablierten Produzenten Naoki Hashimoto, der uns unter anderem den genialen Tony Takitani beschert hat, klingt zunächst wie eine klassische Rache-Story mit besten Voraussetzungen für einen intensiven Psychothriller oder intelligenten Horror-Schocker. Nur leider wird daraus weder das eine noch das andere.
Die Location für die Entführung unterstreicht zunächst die bedrohlich-düstere Stimmung perfekt und erinnert ein wenig an ein ausrangiertes Dojo. Im permanenten Halbdunkel, kein Laut ist zu hören, perfekt für ein spannendes Psychoduell. Doch weder zwischen den beiden Halbschwestern noch zwischen der Mutter und der von ihr ausgesetzten und nun auf Rache dürstenden Tochter kommt es dazu. Die meiste Zeit sitzen die Charaktere einfach nur wort- und reglos in der Gegend herum. Und Blut fließt in dem Film erst in den letzten Sekunden, und dann völlig anders als erwartet.
Die entführte Tochter ist ein hilfsloser Spielball ihrer kaltblütigen, berechnenden und zu allem entschlossenen Halbschwester, ohne aber zu wissen, wen sie vor sich hat und für welchen perfiden Plan sie da gerade benutzt wird. Die Mutter ist – bis auf die letzten Minuten des Films – völlig apathisch und emotionslos. Weder wird ein echter Spannungsbogen aufgebaut noch erhalten wir Einblicke in das Gefühlsleben der Charaktere. Dazu kommt noch das ästhetische Konzept des Films, das sehr auf düstere, minimalistische und farblose Bilder setzt, die zwar schön anzusehen sind, den Film allein aber nicht tragen können.
Als besonders problematisch empfand ich zudem, dass der Film die “Heldin” mehrfach in ein positives Licht zu rücken und Sympathie für sie zu wecken versucht, etwa im Flashback, in dem man sie in einem Waisenhaus aufwachsen sieht, oder in der Schlusssequenz. Was in vielen Filmen über “gerechte Rache” gut funktioniert, nur wird hier ein unschuldiges Mädchen zum Werkzeug eines Hasses, der sich eigentlich gegen eine andere Person richtet.
Ich muss zugeben, dass ich während des Films ein paar Mal eingenickt bin, es könnte also theoretisch möglich sein, dass ich was wichtiges verpasst habe. Ich bezweifle das aber stark. Und damit ist dann eigentlich auch schon alles gesagt über Birthright. Schade eigentlich, das klang alles so vielversprechend.
Dieses Jahr macht das JFFH das Dutzend voll und präsentiert zum 12. Mal einen Überblick über die vielfältige Filmszene Japans in der Hansestadt. Und mit rund 100 Produktionen wird dieser Überblick so umfassend ausfallen wie noch nie zuvor!
Außerdem wird es aus Anlass der Erdbeben-Tsunami-Katastrophe eine Ausstellung der in Hamburg lebenden Künstlerin Nobuko Watabiki zu sehen geben. Mehrere hundert namhafte Künstler aus Japan haben dazu ihre Eindrücke und Gedanken in Postkartenform gebracht. Einige großartige Beispiele gibt es auf der Webseite des Projekts zu sehen, das Watabiki zusammen mit Markus Leibold aus dem JFFH-Team vorantreibt. Die Ausstellung mit allen Exponaten während des Filmfests im Foyer des Metropolis-Kinos sollte man auf keinen Fall versäumen!
Außerdem habe ich erfahren, dass einer der Gäste des JFFH aus der betroffenen Erdbebenregion stammt und etwa 180 Minuten niemals zuvor gezeigtes Filmmaterial aus den verwüsteten Gebieten mitbringt. Das Team sucht gerade noch fieberhaft nach Möglichkeiten, diese einzigartige Dokumentation den Besuchern des JFFH zugängig zu machen. Ich drücke alle Daumen dass das klappt, das wäre sensationell!
Nun mein ganz unspektakulär-persönlicher Festivalplan. Darauf finden sich ein paar Filme, die ich auf der Nippon Connection verpasst hatte und die nun nachgeholt werden, wie etwa Door to the sea oder Milocrorze. Außerdem werde ich die Gelegenheit nutzen und mir Arrietty gleich nochmal geben
| Tag | Uhrzeit | Film |
|---|---|---|
| Mittwoch | 20:00 | Surely Someday |
| Donnerstag | 19:00 | Door to the Sea |
| Freitag | 15:00 | Lost Paradise in Tokyo |
| 20:00 | Wandering Home | |
| 22:30 | A Crowd of Three | |
| Samstag | 15:00 | Arrietty |
| 17:30 | Amachoro | |
| 22:30 | Hijoshi-What girls want | |
| Sonntag | 13:00 | Milocrorze |
| 15:00 | Heaven's Story | |
| 20:00 | 13 Assassins |
Außerdem werde ich am Sonntag beim Filmfrühstück mit anpacken. Vielleicht sieht man sich!
Das Japanische Filmfest Hamburg hat sich für seine 12. Ausgabe großes vorgenommen und wartet mit der Rekordzahl von fast 100 Filmen auf! Kaum habe ich mich aus der Organisation vom JFFH zurückgezogen, läuft es dort also richtig rund
Das Filmfest startet am 25. Mai mit Surely Someday, Regiedebut des vor allem aus Schwertkampffilmen wie Azumi, Tajomaru oder Sukiyaki Western Django bekannten Shun Oguri. Der begibt sich mit seinem Debut aber auf neue Pfade und hat eine Highschool-Tragikomödie abgeliefert, die dem Schicksal einiger Jungs folgt, die eine Schuldband gründen.
Zu den weiteren Highlights gehören die bereits auf anderen Festivals präsenten Werke Heaven’s Story von Takahisa Zeze oder Arrietty aus dem Haus Ghibli. In den verschiedenen Kategorien werden außerdem die folgenden Filme zu sehen sein:
Noh: Arthouse
WANDERING HOME von Yoichi Higashi
BIRTHRIGHT von Naoki Hashimoto
LOVE+LOATHING+LULU+AYANO (LLLA) von Hisayasu Sato
ANDANTE von Satoshi Kaneda
NAGANOS KINDERLIEDER von Nadja Frenz
HEAVEN’S STORY von Takahisa Zeze
HOTEL CHELSEA von Jorge Valdes Igo
A CROWD OF THREE von Tatsushi Omori
ISAMU KATAYAMA – ARTISANAL LIFE von Koichi Makino
OUR BRIEF ETERNITY von Takuya Fukushima
ASSAULT GIRLS von Mamoru Oshii
TEMPTATION von Masayuki Yonaha
OTHER WORLD von Yoshiko Takano
HASHISH GANG von Kazushi Ozawa
SUPERIORITY OF ADDICTS von Kenichi Aikawa
LUNAR CHILD von Akihiro Suzuki
KIRITORU von Joe Tanaka
LOST PARADISE IN TOKYO von Kazuya Shiraishi
GOOD BYE – HEBANO von Bunyo Kimura 2009
CAGE von Shinsuke Kurimoto
DRIFTING CLOUDS von Daisuke Hasebe
TETO von Hiroshi Gokan
SHEEP IN THE NIGHT von Paul Young
DOOR TO THE SEA von Reiko Ohashi
Kurzfilme:
NEW KIDS ON THE GUERILLA von Saori Abe und Nazuki Takahashi, 2010,
WHO OPENS THE DOOR? Von Hajime Izuki, 2010
PATERNAL WOMB von Megumi Tazaki, 2010
A DAY IN BABYLON von Ariko Kimura , 2010
FUNNY AT CLOSED von Gaku Kobayashi, 2010
NUKU NUKU von Shoh Kataoka, 2010
SO FAR AWAY von Satoru Hirohara, 2010
ON THE STREET von Kohei Yamakawa, 2010
DIY ENCOURAGEMENT von Kohei Yoshino, 2010
BURNING HEARTS von James Mc Fay, 2010
Anime: Zeichentrickfilm
ARRIETTY von Hiromasa Yonebayashi 2010
PLANZET von Jun Awazu, 2010
NEGADON: THE MONSTER FROM MARS von Jun Awazu ,2005
THE ASYLUM SESSION von Takuto Aoki
Rakugo: Komödien
I LOVE RED LION
FILM OF THE DEAD von Ryusuke Shinada 2007
HIJOSHI- WHAT GIRLS WANT(versch. Regisseure) 2009
MILOCRORZE – A LOVE STORY von Yoshimasa Ishibashi 2011
OVER 8 (versch. Regisseure) 2009
RECORD FUTURE von Kishi Kentaro
YURIKO’S AROMA von Kota Yoshida, 2010
SWEET SILLY LOVE SONG – AMACHORO von Soukichi Miyta, 2010
Naginata: wildes junges Kino
HELLDRIVER von Yoshihiro Nishimura, 2010
KARAKURI von Hajime Ishida, 2011
GOTHIC + LOLITA PSYCHO von Yoshihiro Nishimura, 2010
MUTANT GIRL SQUAD (versch. Regisseure)
ALIEN VS. NINJA von Seiji Chiba und Yuji Shimomura, 2010
GANTZ VOL. 1 von Shinsuke Sato , 2011
YAKUZA WEAPON von Tak Sakaguchi + Yudai Yamaguchi, 2011
EROTIBOT von Naoyuki Tomomatsu
BLOODY MARJ von Ryota Mori, 2011
GUNHEAD aka ROBOT WAR von Masato Harada und Alan Smithee, 1989
Naniwa: Osaka-Filme
13 ASSASSINS von Takashi Miike 2010
PHANTOM OF THE TOWN von Hiroshi Toda
NIGHT OF FISH von Hiroshi Toda
DOMAN SEMAN von Go Shibata, 2010
Kurzfilme:
YUMEKO von Kaneko Yosuke
SNIPPING GIRL von Chihiro Amano
CAFE IN THE SUN von Masakazu Yamaguchi
SAIKA – THE AGE OF CIVIL STRIFE Pilotfilm von Masakazu Yamaguchi ,
IMAGES OF THE LAST BATTALION von Koushi Kishida
DER MODERNE SAMURAI von Kazuki Kurata
GEBURTSTAG DER ÄLTEREN TOCHTER von Osamu Ono
DAS REBELLISCHE LEBEN von Daiki Niki
DÄMMERUNGSWOLKEN von Tetsuya Kawaguti + Tazuko Aso
TACHO LICHT von Nobuhiko Oda
GOLDFISCH Hiroshi Oda
BONES von Sinsaku Hidaka
DER SPUKANGESTELLTE von Yuuta Fukuda
SCHNELLER ALTER MANN von Takaaki Hattori
WOLF RUN von Yuuma Yoshimoto
MILKBAR von Masayoshi Masugi
BEAUTIFUL METHOD von Takamasa Oe
SCRAP FAMILY von Akihito Kajiya
MISTAKE von Hideyuki Hou
UNSER (UN)VERTRÄGLICHES ICH von Rei Tsuruge
HARUKU von Yuuka Kanaizuka
MILK von Masayoshi Masugi
10 Jul
Original: Summer Wars (2009) von Mamoru Hosoda
Eigentlich hat Kenji schon einen Ferienjob als Systemadministrator bei dem riesigen Social Network “Oz”. Doch als die Schulschönheit Natsuki noch eine Aushilfe sucht, lässt er sich nicht zweimal bitten und begleitet sie aufs Land zu ihrer weitläufigen Familie, die den 90. Geburtstag der Oma feiert. Dort stellt sich allerdings heraus, dass sein Job darin besteht, Natsukis Freund zu spielen. Nach ein bisschen Sträuben lässt er sich natürlich breit schlagen und genießt dann auch das turbulente Familienleben.
Doch das böse Erwachen folgt am nächsten Morgen, als sich herausstellt, dass Kenjis “Oz”-Account gehackt wurde und nun Amok läuft: Reihenweise schluckt er andere Accounts und greift mit deren Rechten auf allerlei Systeme zu, von Ampelanlagen über GPS-Satelliten bis zu Herzschrittmachern. Die Welt droht, im Chaos zu versinken. Doch Kenji und seine “neue Familie” stemmen sich mit allen Mitteln der künstlichen Intelligenz entgegen, und dabei kommen sich natürlich auch Kenji und Natsuki näher.

Summer Wars ist Unterhaltung im allerbesten Sinne: Der Film legt gleich mit der berauschenden Bilder- und Bewegungsflut von “Oz” los, doch bevor wir von all den Eindrücken überwältigt werden, nimmt Hosoda Tempo raus und stellt uns erstmal unsere Helden vor. Dann gehts gleich wieder mit Vollgas weiter in die nächsten Temposzenen, bevor wir dann Natsukis Familie kennenlernen. Man muss diese rhythmischen Wechsel, die uns einerseits mitreißen und die Zeit wie im Fluge vergehen lassen (Laufzeit fast 2 Stunden), dazwischen aber viele Gelegenheiten zum Innehalten bieten und schon fast eine besinnliche Stimmung bieten, einfach bewundern.
Einziger Wermutstropfen für den nicht-japanischen Zuschauer ist das Finale, in dem Natsuki mit dem gehackten Monster-Account um die Zukunft der Welt spielt – und zwar eine Partie Hanafuda, ein japanisches Kartenspiel. Wer dieses Spiel nicht kennt, was wohl für die meisten westlichen Zuschauer zutrifft, dem entgeht leider ein Stück der Spannung und des Mitfieberns.

Auch wenn der Film in erster Linie unterhalten will, ist er aber alles andere als platt. Es werden eine Reihe von wichtigen, ernsten Themen angeschnitten und die fließende Verknüpfung der “realen” Welt im Film mit einem Social Network, wie es in ein paar Jahren durchaus vorstellbar wäre, bietet reichlich Gedankenanstöße. So gibt es eine Sequenz, in der Natsukis Oma mit Hilfe ihrer weitverzweigten Familienverhältnisse sowie alter Freunde und Bekannten – also mit einem Netzwerk der alten Schule – in all das durch den Zusammenbruch des virtuellen Netzwerks verursachte Chaos etwas Ordnung zu bringen versucht.
Was mich – als jemand der in der Branche tätig ist – an der Umsetzung von “Oz” besonders begeistert hat, war der einerseits sehr spielerische, zugleich aber absolut realistische Umgang mit dem Thema. Wie wir als Zuschauer und “neu registrierte Mitglieder” am Anfang des Films abgeholt werden und die Funktionsweise dieser virtuellen Welt erklärt bekommen, davon könnte sich so manches real existierende Social Network eine Scheibe abschneiden! Auch wie die spielerische Nutzung, die für die meisten Menschen bei Social Networks im Vordergrund steht, mit den sehr ernsten Konsequenzen von Ereignissen in der virtuellen Welt für das reale Leben kontrastiert wird, zeugt von einem durchdachten Umgang mit diesem hochaktuellen Thema. Die Ernsthaftigkeit bleibt aber angesichts der unfassbar vielen, liebevoll-kreativen Details stets im Hintergrund.

Was im Vergleich zu Hosodas vorangegangenem Film Das Mädchen, das durch die Zeit sprang jedoch fehlt, sind die wunderbar ausgeformten Charaktere. Dafür bleibt in Summer Wars bei all dem drunter und drüber, der Faszination der virtuellen Welt in “Oz” und der Vielzahl an zwar sympathisch-schrägen, aber doch ziemlich oberflächlichen Charaktere schlicht keine Zeit mehr. Es sind zwei völlig verschiedene Filme und beide sind auf ihre Art sehr sehr gut gemacht. Das spricht eindeutig für das Können von Mamoru Hosoda, von dem wir angesichts seines Alters von 42 Jahren noch einiges erwarten dürfen.
26 Jun
Huh, wie schnell die Zeit vergeht bei schönem Wetter und Fußballfieber! Aber bevor die WM richtig Fahrt aufnimmt, versuche ich mich noch an einem Fazit zum nunmehr schon einige Wochen zurückliegenden 11. JFFH, bei dem ich leider so wenig Filme zu sehen bekommen habe wie noch nie zuvor
Außer Konkurrenz lief für mich natürlich Rashomon, der auf der großen Leinwand große Freude gemacht hat. Obwohl die Kopie unübersehbar alt war, war die Qualität dennoch ok. Lediglich die Untertitel waren teilweise schwer zu lesen, und auf der zweiten Filmrolle ließ die Tonqualität stark nach. Das tat der Faszination, die dieser Film auch beim x-ten Sehen ausübt, aber keinen Abbruch. Nach der Vorstellung wurde ich dann noch von einem älteren Herrn angesprochen, der vor 40 Jahren den Film im Kino gesehen hatte und regelrecht euphorisiert war, dass er nochmal die Gelegenheit hatte.
Der Yamaguchi-Fokus bestehend aus insgesamt drei Filmen bot Licht und Schatten: Während Der Beweis des Detektivs mich nicht überzeugen konnte, war ich von den beiden jüngeren Kurzfilmen sehr angetan. Sehr ruhig und einfühlsam mit einem guten Händchen für Stimmungen und Atmosphäre inszeniert.
Darüber hinaus habe ich nur noch vier weitere Filme gesehen, die waren aber alle top! Bereits vorgestellt habe ich All to the sea und Black Cat, demnächst muss ich mich auch noch an die beiden anderen machen. Ich vergebe zwar keine Sterne oder Punkte wie Marald in seinem Kommentar, aber der Tendenz nach schließe ich mich ihm an was die besten Filme vom JFFH2010 angeht:
1. Sad Vacation
2. Summer Wars
3. All to the sea
4. Black Cat
Eine ganze Reihe der Filme, die ich mir eigentlich vorgenommen hatte, habe ich verpasst. Zum Teil krankheitsbedingt, zum Teil habe ich mich kurzfristig umentschieden oder bei der Orga mit angepackt. Die hat auch dieses Jahr wieder großen Spaß gemacht und ich glaube, dass uns ein wirklich schönes Filmfest gelungen ist.
Besonderes Highlight war (wieder mal) das Filmfrühstück im 3001, das trotz aufziehenden Nieselregens ausverkauft war und dank dem ich jetzt den Dreh fürs Onigiri-in-Dreiecksform-Kneten richtig gut raushabe. Ist eigentlich ganz einfach, es kommt wie beim Golfen vor allem auf den Swing an, und natürlich muss man ordentlich in den Reis reinspucken! Kleiner Scherz

Die Dinger waren wohl so lecker, dass die ca. 15 Platten, die wir den ganzen Morgen über geknetet haben, ratzfatz leer waren. Siehe obiges Beweisfoto mit vereinsamtem Tofu. Auch sonst lief eigentlich alles wie geschmiert, ohne größeren Pannen oder Probleme. Ein großer Fortschritt war natürlich das erstmals eingesetzte Ticketingsystem, das wir uns von anderen Hamburger Filmfestivals ausleihen konnten. Theoretisch wäre es damit wohl sogar möglich, Tickets über die Festival-Webseite zu verkaufen…mal sehen, was die Zukunft bringt!
7 Jun
Original: Subete wa umi ni naru (2009) von Akane Yamada
Selbst in unserer emanzipierten Gesellschaft gibt es noch ein paar Jobs, die bis heute Männerdomänen geblieben sind. Dazu gehört auch der des Regisseurs, so dass es meist eine besondere Erwähnung wert ist, wenn sich mal eine Frau auf den Regiestuhl setzt. Schade eigentlich. Woran das wohl liegen mag, dass sich Frauen bis heute so schwer damit tun? Liegt es vielleicht am hohen Druck in der Filmindustrie? Aber ich schweife ab. All to the sea ist jedenfalls einer dieser wenigen Filme, die von einer Frau gedreht wurden und wenn ich mich nicht irre ist es sogar der erste, den ich hier vorstelle.
Die Geschichte dreht sich um Natsuki (Eriko Sato), die in einer Buchhandlung für die Literaturecke zuständig ist und dort mit besonderer Freude Bücher rund um die Liebe präsentiert. Das macht sie so gut, dass ein Verlagsagent auf sie aufmerksam wird und sie Rezensionen zur Vermarktung neuer Bücher schreiben lässt. Nebenbei gehen die beiden auch noch miteinander ins Bett.
Doch dann macht Natsuki einen folgenschweren Fehler: Sie unterstellt einer Kundin ungerechtfertigterweise Ladendiebstahl, worauf sie und ihr Chef die Kundin zuhause besuchen, um sich zu entschuldigen. Dort treffen die beiden auf eine völlig kaputte Familie, deren Vater auf Schmerzensgeld drängt. Kurz darauf taucht der Sohn Koji (Yuya Yagira) jedoch bei Natsuki im Laden auf, entschuldigt sich für seinen Vater und beichtet, dass seine Mutter zwanghaft stehle. Natsuki ist vom Mut und der Aufrichtigkeit des Jungen beeindruckt und die beiden kommen sich schnell näher.

Regisseurin Yamada, die hier ihren eigenen Roman verfilmte, erzählt eigentlich gleich mehrere Geschichten in einer. Dazu gehört, dass die beiden Hauptcharaktere mit großem Einfühlungsvermögen und vielen kleinen Details ausgestaltet und von den beiden Darstellern wunderbar zum Leben erweckt werden. So erzählen beide ihre eigene Geschichte, die bei Koji viel mit den Schwierigkeiten eines Außenseiters in der Schule und bei Natsuki mit dem Verwechseln von Liebe mit Sex zu tun hat.
Was die beiden verbindet ist ihre Einsamkeit, deren Überwindung das zentrale Thema das Films darstellt. Zunächst führt dieses Thema die beiden zusammen, sie sehen sich selbst im jeweils anderen, machen sich gegenseitig Mut und bauen so ihre Freundschaft auf. Dann müssen sie jedoch erkennen, dass sie unterschiedliche Wege beim Umgang mit der Einsamkeit gehen, was ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellt.
Eine weitere zentrale Rolle spielt im Film der Literaturbetrieb, verkörpert in der Figur des Agenten. Dieser wird als oberflächlich, egozentrisch und allein am materiellen Erfolg orientiert dargestellt und schreckt nicht davor zurück, aus Marketinggründen einen verzweifelten Autor dazu zu bringen, das Ende seines Buches zu ändern. Die Parallelen zum Filmbusiness sind nicht zu übersehen, so dass sich Yamadas Kritik fast eins zu eins übertragen lässt. Sie selbst bleibt jedoch standhaft und verpasst All to the sea ein unerwartetes, unkonventionelles und offenes Ende.
Für mich war dieser Film ein absolutes Highlight beim JFFH2010! Er widmet sich zwar sehr ernsten Themen, wird dabei aber nie verkopft, ganz im Gegenteil sind immer wieder lustig-skurrile Momente eingestreut. Anspruchsvolle Unterhaltung vom Feinsten!
Neue Kommentare
12 japanische Filme, die man gesehen haben muss (49):- TommyTom: Ich liebe japanische Filme, vor allem Klassiker oder neuere die sich mit dem alten Japan beschäftigen. Kenne viele aus...
Das Beste der anderen – Dezember11 (1):