1 Jun
Original: Kuroneko (2009) von Shutaro Oku
Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, diesen Film auf dem JFFH2010 zu sehen, denn parallel lief Die Sieben Samurai. Dann habe ich aber kurzfristig die Ansage im Kino übernommen und wurde sehr positiv überrascht, gerade weil es sich nicht um einen “normalen” Film handelt.
Regisseur Shutaro Oku war neben Black Cat noch mit USB, einer sehr gesellschaftskritischen Aufarbeitung eines Störfalls in einer japanischen Atomanlage, auf dem Filmfest vertreten. Dass Oku ein sehr kritischer Geist ist, ist auch an Black Cat nicht zu übersehen: Die literarische Vorlage (Edgar Allan Poes Kurzgeschichte Die schwarze Katze) reicherte er um eine ganze Reihe aktueller Themen an, von skrupellosen Immobilienhaien über die Ausbeutung von Arbeiterinnen bis zu Tricksereien um Organspenden.
Dazu verlegt er die Geschichte nicht nur in die Gegenwart, sondern er macht aus dem gewalttätigen Trunkenbold in Poes Geschichte die alleinstehende Machiko (Ayako Fujitani), die in Armut lebt und ihr Kind offenbar bei einem Verkehrsunfall verlor (ganz sicher bin ich mir da allerdings nicht, diese Episode könnte auch in ihrer Wahnvorstellung stattgefunden haben). Noch dazu muss sie um ihre Unterkunft in einem alten, heruntergekommenen Vorkriegsbau kämpfen, den die Besitzerin abreißen und durch schicke Apartmenthäuser ersetzen will. Unterstützt wird Machiko von einem Polizisten, den die Besitzerin eigentlich mit der Aufklärung eines Brandanschlags auf ihr Büro und dem rätselhaften Tod einer schwarzen Katze beauftragt hat. Außerdem taucht ein Fotograf auf, der von den Wänden alter Gebäude und Fabrikanlagen fasziniert ist und sich für Machiko zu interessieren beginnt.
An einigen Stellen ist es nicht ganz einfach, der Handlung zu folgen, denn Black Cat ist wie gesagt kein “normaler” Film, sondern vielmehr eine abgefilmte Theateraufführung. Die Schauspieler agieren auf einer Bühne, Szenenwechsel werden durch veränderte Hintergründe und rearrangiertes Mobiliar verdeutlicht, im Vordergrund sind manchmal die Köpfe von Zuschauern zu sehen.

Doch Black Cat ist auch kein “normales” Theaterstück, von dem einfach nur ein Mitschnitt angefertigt wurde. Regisseur Oku versuchte statt dessen, typische filmische Elemente in die Theaterfassung einfließen zu lassen und ging dabei sehr raffiniert vor. Spannend sind beispielsweise die Szenenbilder, die überwiegend aus Projektionen bestehen. Für diese Projektionen wurden immer wieder kurze Filme verwendet, so z.B. in einer Szene die in einer Straßenbahn spielt und in der im Hintergrund eine vorbeirauschende Stadtlandschaft an die Wand geworfen wurde.
Sehr clever gelöst fand ich auch die gleichzeitige Einblendung von zwei Schauspielern mittles Überblendung, so dass eine Person groß im Vordergrund erscheint und die andere klein im Hintergrund – im Film gang und gäbe, im Theater unmöglich. Ein weiteres vom Film übernommenes Element ist der Soundtrack, der in zahlreichen Szenen sehr effektvoll zum Einsatz kam.
In der Frühzeit des japanischen Films war das Abfilmen von Theaterstücken weit verbreitet, da die neue Technologie des Films in Japan zunächst als Weiterentwicklung des Theaters begriffen wurde und nicht wie im Westen als Weiterentwicklung der Fotografie. Erst um 1915 herum hatte sich das Kino als eigenständige Kunstform mit ihren neuen Erzähltechniken und -normen durchgesetzt. Anders als damals, als vorwiegend klassisches japanisches Theater wie Kabuki gefilmt wurde, ist Black Cat allerdings durch und durch an westlichen Theatertraditionen orientiert – soweit ich als Theaterlaie das beurteilen kann.
Ich habe leider noch nie eine solche alte Filmvariante eines Kabukistücks gesehen und es würde mich sehr interessieren, ob damals ähnlich mit den technischen Möglichkeiten experimentiert wurde wie es Oku hier macht. Denn dass ein fruchtbarer und spannender Austausch zwischen beiden Kunstformen durchaus möglich ist, dafür ist Black Cat ein eindrucksvoller Beleg.
24 Mai
Einen der schönsten Momente für mich persönlich beim letzten Japanischen Filmfest hier in Hamburg erlebte ich am Sonntagvormittag. Nach der Vorführung von Appassionata sprach ich eine ältere Dame an, die sich in der Diskussion mit Regisseur Nakajima eifrig zu Wort gemeldet hatte. Nachdem wir eine Weile über den Film gequatscht hatten, stellte sich heraus, dass sie zu den gelegentlichen Lesern meiner hiesigen Ergüsse zahlt und durch meinen Blog auf zahlreiche Filme aufmerksam wurde. Auf solche Begegnungen hoffe ich auch für dieses Jahr! Da ich von ein paar meiner “Regulars” weiß, dass der Kinobesuch eingeplant ist, möchte ich solchen Begegnungen ein bisschen auf die Sprünge helfen
Hier sind die Vorführungen, die ich mir anschauen möchte:
| Tag | Uhrzeit | Film |
|---|---|---|
| Mittwoch | 20:00 | Tajomaru |
| Donnerstag | 20:00 | Summer Wars |
| 22:30 | A Knot | |
| Freitag | 20:30 | The Blood of Rebirth |
| 23:00 | Rashomon | |
| Samstag | 11:00 | Sad Vacation |
| 16:30 | Yamaguchi-Fokus | |
| 19:00 | All to the sea | |
| Sonntag | 11:00 | Glasses |
| 14:00 | Die Sieben Samurai | |
| 21:00 | High Kick Girl |
Auch wenn mich Tajomaru als Film nicht besonders interessiert, den Eröffnungsabend kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Könnte höchstens sein, dass die seit gestern auf dem Vormarsch befindliche Erkältung mir einen Strich durch die Rechnung macht. Am Donnerstag und Freitag stellt sich das Programm fast von selbst auf, da ich dieses Jahr keinen Urlaub nehmen konnte, so dass nur Abendvorstellungen drin sind – sehr schade, da ich nun Yojimbo auf der großen Leinwand verpasse
Dafür freue ich mich umso mehr auf Mamoru Hosodas Summer Wars und natürlich auf Rashomon. Diese beiden waren klar, da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Am Samstag dagegen fiel die Auswahl deutlich schwerer, letztlich hab ich mich dann mit All to the sea und dem Yamaguchi-Fokus für Filme entschieden, bei denen auch die Macher vor Ort sind. Am Sonntag dann der Klassiker mit dem Filmfrühstück, Sieben Samurai muss natürlich auch sein und High Kick Girl klingt nach einem guten, adrenalinhaltigen Ausklang für das Festival.
Also dann viel Spaß und hoffentlich sieht man sich!
5 Mai
Auch wenn wir es nicht ganz geschafft haben, den versprochenen Termin einzuhalten: die neue JFFH-Webseite, die seit gestern weitgehend fertig ist und die Infos zu allen 40 Filmen und den kompletten Spielplan enthält, kann sich – das behaupte ich jetzt einfach mal dreist – sehen lassen.
Wie es der Zufall so will, fand sich heute ein Review unseres Eröffnungsfilms Tajomaru im Feedreader. Und was hat der sehr geschätzte Kollege von AK-News and Information zu unserem Highlight geschrieben?
There is this genre of films that are so bad that, when watched together with a group of people, they become almost perfect entertainment, allowing you to constantly point at things on the screen and laugh until your stomachs hurt. Tajomaru (2009) is one of those films, and as such a brilliant cinematic present to any group wanting to have a good time on a Friday evening.
Wunderbar, bessere Werbung hätten wir uns ja kaum wünschen können! Jeder Marketingfritze würde sich nach Zitaten wie “almost perfect entertainment” und “brilliant cinematic present” die Finger lecken! Nur schade, dass unser Eröffnungsabend am Mittwoch ist und nicht am Freitag. Aber wie gehts denn weiter?
It is difficult to describe Tajomaru. I would love to present you with a full plot-outline, but I doubt that anyone could really follow it, as the film has more twists and turns than a Swiss alpine road on steroids.
Das wird ja immer besser, der Film ist nicht nur unglaublich witzig sondern bietet auch eine abwechslungsreiche und unvorhersehbare Story! Na da brauch ich doch gar nicht erst weiterzulesen, sondern freue mich schonmal rundum auf den Film und natürlich das ganze JFFH!
PS: Wir haben auch jede Menge wirklich genialer Filme im Programm
Vor ein paar Tagen habe ich nebenbei aufgeschnappt, dass ein mir bisher nicht bekanntes asiatisches Filmfest, die Asiexpo in Lyon, in diesem Jahr wohl zum letzten Mal stattfindet. Die Gründe scheinen, so mich die Überbleibsel meines Schulfranzösisch nicht in die Irre führen, hauptsächlich wirtschaftlicher Natur zu sein. Gerade mal 8000 Euro will die staatliche Kulturförderung für das Festival wohl noch locker machen, angesichts der Größe und Wirtschaftskraft der Stadt ein lächerlich niedriger Betrag.
Und doch ist das eine Situation, die ich vom JFFH nur zu gut kenne. Als nicht-kommerzielles Nischenfestival sind auch wir sehr stark auf Förderung mit staatlichen Mitteln angewiesen und wir sind sehr froh, dass wir uns bisher auf diese Unterstützung verlassen konnten. Aber die Stadt Hamburg ist als Handelsstadt von der Wirtschaftskrise natürlich besonders betroffen, so dass auch hier um jeden Euro gekämpft werden muss.
Angesichts solcher Nachrichten (oder auch angesichts des Cineasia Filmfest, das schon vor zwei Jahren eingestellt wurde) macht man sich natürlich schon seine Gedanken: Wie stellen wir sicher, dass es dem JFFH nicht genauso geht? Wie sieht die Zukunft von Filmfesten und speziell asiatischen Filmfesten aus?
Mit der ersten Frage beschäftigt sich zugegebenermaßen nur eine überschaubare Gruppe von Menschen, aber die Zukunft der Filmfeste war im Frühjahr Thema der 54. Ausgabe von Schnitt, in der mehrere Festivalmacher aus aller Welt ihre Meinung und ihre Prognosen schilderten. Vielen der dort zu Papier gebrachten Gedanken kann ich nur zustimmen, zum Beispiel auch diesen beiden Zitaten (die ich abgetippt habe, also bitte die Typos ignorieren):
Ein Filmfestival muß wahre Interventionskraft auf das Kino ausüben können, indem es die Anerkennung eines Filmemachers oder das Erscheinen eines Landes auf der Karte des Weltkinos vorantreibt oder begünstigt. Eine Rolle, die lange der Kritik zugefallen war und die diese seit einem Jahrzehnt an die Verantwortlichen der großen, einflußreichen Festspiele abgegeben hat. (Olivier Père, Festival de Cannes)
Wenn kleine Festivals überleben sollen, muß man daher eingestehen, daß ihre Funktion nicht notwendigerweise die eines Profiterzeugers ist, sondern die eines Fürsprechers: aufzuzeigen, warum die Arbeit verkäuflich ist und der Künstler weitere Aufträge verdient; zu fördern, zu interpretieren, zu kontextualisieren und, dies ist entscheidend, diejenigen Künstler zu unterstützen, deren Werke vielleicht kommerziell riskant oder sogar unhaltbar sind, aber künstlerisch bedeutsam. Dies ist von allerhöchster Wichtigkeit. (Adam Pugh, Aurora Filmfest)
Natürlich sollen Festivals Vorreiter sein, neue, innovative Kräfte fördern und vergessene Juwelen ans Tageslicht fördern. Die Frage nach dem Profit, den man aus einem Filmfest zieht, stellt sich aber nunmal unausweichlich vor allem bei Sponsoren aus der Privatwirtschaft, und ohne die geht heutzutage auch bei kleinen Festivals kaum noch etwas. Insofern finde ich die Aussage, Festivals sollten nicht als Profiterzeuger sondern als Fürsprecher gesehen werden, natürlich richtig, zugleich angesichts der wirtschaftlichen Realitäten aber auch ein Stück weit naiv.
Sehr interessant fand ich die folgende Beobachtung:
Auch in Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine rasante Zunahme von Filmfestivals gegeben, allein seit 1990 sind an die 30 größere und kleinere neue Veranstaltungen entstanden. Neben ihrer Bedeutung als weiche Standortfaktoren spielen viele von ihnen kaum eine Rolle in der kommerziellen Filmverwertung. Gleichwohl erfüllen sie aber den ursprünglichen kulturellen Auftrag: das Sichtbarmachen von Filmen, die kaum eine Chance in deutschen Kinos haben, die Begegnung von Publikum und Künstlern, die Begegnung mit internationaler Filmkunst. Gerade diese Festivals sind es, die in den letzten 10-15 Jahren immer öfter die Lücke geschlossen haben, die durch das Verschwinden kommunaler oder Programmkinos entstanden ist. So stellen Filmfestivals einen wichtigen Faktor dar, um das Kino als Ort der Begegnung mit Filmkultur zu stabilisieren und ein neugieriges Kinopublikum zu fördern. (Silke Johanna Räbiger, Internationales Frauenfilmfestival Dortmund)
Am Kinosterben führt kein Weg vorbei, allein in der Zeit, die ich in Hamburg lebe, wurde hier jedes Jahr ein Kino geschlossen. Dass Festivals ein Stück weit diese Lücke füllen könnten, ist ein interessanter Gedanke. Vor allem für die großen Kinoketten, die selbst kein Programmkino bieten, könnte es perspektivisch durchaus interessant werden, mit Nischenfestivals zusammenzuarbeiten, um ohne großen eigenen Aufwand ein (zahlungskräftiges?) Publikum zu erreichen, das sonst die Mainstream-Multiplexe eher meidet. Und ganz nebenbei könnte ein austauschbares Multiplex durch ein solches Festival auch den Ruf aufpolieren.
Auf die Frage, ob Festivals in einer Welt mit vielen Plattformen, in der die meisten Filme elektronisch gesehen werden, bereits anachronistisch sind, würde ich mit einem vorsichtigen Nein antworten. (Sandra Hebron, BFI Film Festival)
Beim JFFH machen wir zwar auch die Erfahrung, dass viele Fans gerade von Anime sich nicht für Festivals interessieren, weil sie sich ihre Filme/Serien aus dem Netz besorgen. Aber ich bin überzeugt, dass der soziale Aspekt des Festivals als geteiltes, gemeinsam erlebtes Ereignis, durch nichts ausgeglichen werden kann. Wenn es aber zunehmend vor allem dieser “Event-Charakter” ist, der das Besondere an Festivals ausmacht, weil die Filme im Sinne des Long Tail immer auch irgendwo in den Tiefen des Netzes gefunden und gesehen werden können, dann müssen Festivals dieses Alleinstellungsmerkmal hegen und pflegen. Und mehr noch:
Wenn es den Filmfestivals nicht gelingt, ihr Produkt zu entwickeln und den sozialen Mehrwert eines Filmfestivals nachhaltig und überzeugend zu formulieren, werden sie verzichtbar. Filmfestivals müssen lernen, die Beschränkung auf Ort und Zeit zu überwinden; sie müssen Bücher und DVDs machen, Partys und Konferenzen, sie müssen das bessere Fernsehen sein und die bessere Universität. (Lars Henrik Gass, Kurzfilmtage Oberhausen)
Ich glaube, dass diese Weiterentwicklung von Filmfesten zur “Marke”, die in verschiedenen Lebensbereichen vertreten und aktiv ist, ein zentraler Baustein ist, um die Zukunft eines Filmfestes zu sichern. Deshalb sind wir beim JFFH seit diesem Jahr auch bemüht, mehr als nur Filme zu bieten, das Rahmenprogramm auszuweiten, den Erlebnisfaktor zur erhöhen und unsere Besucher, Gäste und Filmfans stärker am Filmfest zu beteiligen und zu integrieren.
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wird für uns sein, dass wir bald einen Filmfest-Blog starten werden, der sowohl einen Blick hinter die Kulissen des JFFH als auch einen Einblick in die japanische Kultur erlauben wird. Erstaunlicherweise habe ich bisher praktisch keine vergleichbaren Blogprojekte von Filmfesten gefunden, wir scheinen an dieser Front also schonmal Vorreiter zu sein. Wenn uns das darüber hinaus auch noch im einen oder anderen Bereich gelingt, dann ist mir nicht länger bange um die Zukunft meines geliebte JFFH!
Gestern Abend saßen wir mit einigen JFFH-lern zusammen, wie üblich Pläne für die Weltherrschaft schmiedend. Mit dabei Regisseur Takatsugu Naito, der am Freitag seinen Debutfilm The Dark Harbour auf dem Filmfest Hamburg vorstellen wird und der zu meiner großen Freude gutes Englisch spricht! Durchaus keine Selbstverständlichkeit, wie ich in den letzten Jahren immer mal wieder enttäuscht feststellen musste. Leckeres Szegediner Gulasch und kühles Bier trugen das ihre dazu bei, die Verständigung zu erleichtern.
Takatsugu wurde in der Kleinstadt Miyazaki (womöglich ein Omen für eine große Zukunft?) auf der Südinsel Kyushu geboren, in der ich auch mal auf einer Rundreise vorbeikam, von der mir aber nur noch die herrlichen Pazifikstrände in Erinnerung sind. Seine Heimatstadt war die wichtige Inspiration für seinen Film, in dem er das einfache Leben der Fischer darstellt, in einer Mischung aus Melancholie und Humor. Dabei ließ er sich stark von den Filmen Takeshi Kitanos beeinflussen: Die Ruhe des Fischerdorfes, die Ereignislosigkeit hat er mit einer unbeweglichen Kamera eingefangen, und gesprochen wird in dem Film auch nicht viel. Auch von Nobuhiro Yamashita, der in Linda Linda Linda mit vergleichbaren Mitteln eine ganz ähnliche Stimmung erzeugt hat, scheint er große Stücke zu halten.
Auch wenn Takatsugu für seinen Erstling bereits auf dem PIA Filmfest ausgezeichnet wurde, ist er mit dem Film aber nicht wirklich zufrieden. Auf die 19 Drehtage folgten 2 Monate im Schneideraum, die von einer großen Krise gekennzeichnet waren: Den fertig geschnittenen Film fand er so furchtbar, dass er nochmal komplett von vorn anfing und dazu das ganze Material rekonstruieren musste. Bei diesen hohen Ansprüchen bin ich schonmal gespannt, was noch so alles in ihm steckt!
Sein nächstes Projekt, von dem er bisher nur eine vage Idee im Kopf hat, klingt auf jeden Fall sehr interessant. Wieder soll ein kleines Dorf, diesmal in den Bergen, im Zentrum stehen, was ich gern gehört habe, denn das ländliche Japan übt eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Aber auch die Idee als solche wirkt, mit selbstreferentiellen Elementen und einer sehr interessanten Konstruktion wie ein Film, den ich unbedingt sehen möchte! Vielleicht klappt es ja mal mit einer Premiere auf dem JFFH?
28 Jun
Original: Datsugoku Hiroshima satsujinshû (1974) von Sadao Nakajima
Heiliger Bimbam, was ein krasser Film! Der Kleinkriminelle Ueda (Hiroki Matsukata) wird 1948 für die Ermordung eines Drogenhändlers zu 20 Jahren Knast verurteilt. sucht aber vom ersten Tag an nach einer Möglichkeit zum Ausbruch, die auch nicht lange auf sich warten lässt. Doch kaum auf freiem Fuß, wird er wieder eingefangen, seine Strafe erhöht sich und die Brutalität der Wachmänner ist nach seiner Rückkehr natürlich noch größer. Ueda findet wieder einen Weg in die Freiheit, und dieses Mal flieht er nach Shikoku, wo seine in früher Kindheit von ihm getrennte Schwester lebt.
Auf dem Land angekommen, baut Ueda mit einigen Bauern einen illegalen Schlachtbetrieb auf. Schon wähnt er sich in Sicherheit, da bringt ihn ein Streit beim Besuch in einem Bordell wieder hinter Gitter. Diesmal gerät er allerdings weniger mit der Staatsgewalt sondern vor allem mit einem Yakuza aneinander und es bleibt ihm kein Ausweg, als ihn zu töten… die Länge seiner Strafe steigt und steigt.
Link: www.youtube.com
Wie Sadao Nakajima im Gespräch auf dem JFFH2009 berichtete, wollte er keinen klassischen Gefängnisausbruch-Film machen, bei dem ein (womöglich unschuldig Verurteilter) geduldig auf den Ausbruch hinarbeitet und dabei ein Hindernis nach dem anderen aus dem Weg räumt. Denn damit diese Filme funktionieren, muss der Zuschauer Sympathie für den Helden empfinden und sich mit ihm identifizieren. Nakajima ging es vielmehr darum, Ueda als Karikatur des freiheitliebenden Rebells darzustellen, der beim Zuschauer eher Kopfschütteln als Sympathie hervorruft. Und das ist ihm exzellent gelungen, wozu allerdings auch der großartige Hiroki Matsukata, der wie ein angeschossenes, wildes Tier über die Leinwand fegt, ein gewaltiges Stück beiträgt.
So finden wir Zuschauer uns in einer zwiespältigen Rolle, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für den unbezwingbaren Willen und die Energie Uedas auf der einen Seite und Verständnislosigkeit für sein zerstörerisches Wesen und seine Ablehnung jeglicher Regeln andererseits, was eine Einordnung in die Gesellschaft unmöglich macht. Dass der Film auf einer wahren Geschichte basiert, auf die Nakajima mittels eines Zeitungsberichts aufmerksam geworden war, macht die Figur noch interessanter.
Der Film lebt vor allem von seiner Hauptfigur und der Dynamik der Story. Es ist kaum zu glauben, wieviel Action, welche Wendungen und aberwitzigen Ausbrüche Nakajima in weniger als 100 Minuten unterbringt. Im Gegensatz zu anderen Genrefilmen, die zumeist völlig überdreht und unrealistisch bis zur Selbstironie sind, bleibt Escape from Hiroshima Prison dabei immer fest in der Realität verankert und um eine glaubhafte Darstellung des Gefängnisalltags und seiner Charaktere bemüht.
Der Film hat alles, was ein guter Gefängnis- oder Actionfilm haben muss, und macht nicht zuletzt dank des wild zusammengewürfelten Soundtracks immens viel Spaß. Die zwiespältige Rolle des Helden und seine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, die mit seinem Freiheitswillen nicht umzugehen weiß und sich nur in seiner Unterdrückung zu behelfen weiss, geben aber auch zum Nachdenken Anstoß. Definitiv ein filmisches Highlight, das es für viele Liebhaber japanischer Actionfilme noch zu entdecken gilt.
20 Jun
Original: Ai no mukidashi (2008) von Sion Sono
Dieses Vier-Stunden-Epos sprengt so ziemlich jeden Rahmen und ein Versuch, auch nur die wichtigsten Stränge der Handlung hier zusammenzufassen, ist eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb an dieser Stelle ein kurzer Überblick über die wichtigsten Charaktere und wie sich ihr Zusammenspiel entwickelt.

Im Zentrum stehen Yu (Takahiro Nishijima), der unter dem Druck der Schuldgefühle seines katholischen Vaters leidet, und seine große Liebe Yoko (Hikari Mitsushima). Das Schicksal der beiden wird massiv manipuliert von Koike (Sakura Ando), Anführerin einer christlichen Sekte, die wie Yu in ihrer Kindheit unter einem religiös verblendeten Vater zu leiden hatte und von ihrer ersten Begegnung an von Yu fasziniert ist.
Zunächst sieht sie ihn als Mittel, um die katholische Gemeinde seines Vaters mit ihrer Sekte zu unterwandern. Dazu arrangiert sie die erste Begegnung zwischen ihm und Yoko, bei der er sich natürlich unsterblich verliebt, sie sorgt dafür, dass die beiden in dieselbe Schulklasse kommen, dass Yoko ihn verabscheut und dass durch diesen Konflikt die kleine Familie in die Arme ihrer Sekte getrieben wird. Yu bleibt allein zurück und kämpft verzweifelt darum, Yoko zu befreien und sie für sich zu gewinnen.
So viel dazu in aller gebotenen Kürze. Der interessanteste und vielschichtigste Charakter in diesem Trio ist für mich die Figur der Koike, deren Motivation immer nebulös bleibt. Sexualität steht sie noch zwiespältiger gegenüber als Yu oder Yoko: In ihrer Kindheit wurde sie wegen ihres “sündigen” Körpers von ihrem Vater geprügelt und schnitt ihm später, als er einen Schlaganfall erlitt, dann den Penis ab. Auf der anderen Seite ist sie von Yus voyeuristischen Spielereien fasziniert, scheint ihre kurze lesbische Affäre mit Yoko zu genießen und versucht auch mehrfach, Yu zu verführen.

Aber vielleicht ist ihr wahres Ziel ja schlicht, Macht über Menschen auszuüben und mit ihrem Schicksal zu spielen, und Sex setzt sie dabei nur als Mittel ein? Dagegen wiederum spräche ihr Ende, als sie angesichts des verzweifelt um Yokos Liebe kämpfenden Yu Selbstmord begeht – hat sie ihn vielleicht doch geliebt und konnte es nicht ertragen, dass sie diese Gefühle nicht manipulieren konnte? Und wofür steht eigentlich der Wellensittich, der sie auf Schritt und Tritt begleitet?
Love Exposure spielt von der ersten Sekunde an mit religiösen – vor allem christlichen – Symbolen und Bildern. Tischgebete, Beichten, Taufen, das ganze Programm ist vertreten, schließlich ist Yus Vater ja auch Priester. Gleich zu Anfang wird sogar eine direkte Analogie von Yus Mutter zur Mutter Gottes gezogen und ihm die Verpflichtung auferlegt, eine Frau zu finden, die “seine” Maria werden soll. Was natürlich nicht unwesentlich zu seinen Komplexen beiträgt.
Doch schließlich findet er sie dann in Person von Yoko. Bei dieser ersten Begegnung wird sie dann auch konsequenterweise gleich religiös aufgeladen und zu einer regelrechten Erlösungsfigur für Yu erhoben – um im nächsten Moment ungünstig in einem Windstoß zu stehen und ihren Rock hochgeblasen zu bekommen.

Das Spannungsfeld von Religiosität und Sexualität ist vor allem in der ersten Hälfte das dominierende Thema des Films: Yus Vater, der gefallene Priester, der der sexuellen Ausstrahlung einer Frau nicht widerstehen kann und aus Gewissensbissen seinen Sohn zum Beichten zwingt. Yu, der sich daraufhin verzweifelt auf die Suche nach der “Sünde” begibt. Oder Yoko, die von den sexuellen Eskapaden ihres Vaters so angewidert ist, dass sie einen unstillbaren Hass auf alle Männer entwickelt – bis auf Kurt Cobain und Jesus.
Doch bei all der Auseinandersetzung mit Religion, Sekten und deren Stellung zu Sexualität ist Love Exposure vor allem anderen ein wahrhaft monumentaler Liebesfilm – ganz im Sinne des Titels beschäftigt er sich mit Liebe in all ihren Formen und auch Auswüchsen. Thematisiert wird die Liebe zu Gott, die Liebe der Eltern für ihr Kind und die des Kindes zu den Eltern, die auf sexueller Anziehungskraft basierende Liebe zwischen Mann und Frau (oder zwischen Personen gleichen Geschlechts), die mehr oder weniger perversen Spielarten dieser körperlichen Liebe, und natürlich die wahre, reine Liebe, um die Yu und Yoko so hart ringen. Noch nie habe ich vergleichbares gesehen!
In diesem Zusammenhang ist mir dann allerdings schon das zweite Mal nach Ghost in the Shell in einem japanischen Film der Korintherbrief untergekommen! Yoko rezitiert in einer dramatischen, windumtosten Szene am Strand die Verse 1-8 des Hohelieds der Liebe, darunter diesen Abschnitt:
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.
Unterlegt wird dieses Zitat mit dem Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie, das mit seinem feierlich-majestätigen Rhythmus auch in vielen anderen Szenen des Films als musikalisches Motiv für die “reine” Liebe verwendet wird. Im Gegensatz dazu steht übrigens der sehr viel bekanntere, wildere Boléro von Ravel, der als Motiv für die Sünde immer dann eingespielt wird, wenn Yu sich auf Abwege begibt. Eine sehr faszinierende Musikauswahl, die hinter den epischen Charakter des Films nochmal das eine oder andere Ausrufezeichen setzt und echtes Gänsehautgefühl erzeugt.

Aber nicht nur religiöse Elemente werden regelmäßig aufgegriffen, Love Exposure macht immer wieder Anleihen bei anderen Filmen. Allen voran natürlich bei der Figur der Sasori (siehe Screenshot weiter oben), in deren Kostüm Yu schlüpft und in die sich Yoko verliebt – ist die männerhassende Yoko doch ein Stück weit eine Wiedergängerin der feministischen, von Männern ausgenutzten und unterdrückten Sasori aus den 70ern. Einige Szenen des Films sind regelrecht eine Hommage an den Sexploitation-Klassiker.
Dazu kommen Zitate etwa von Shinji Aoyamas Eureka (die Szenen im Bus) oder Takeshi Kitanos Dolls (als Yu und Yoko aneinandergefesselt am Strand stehen). Und wie die Indoktrinierung von Yus Familie im Hauptquartier der Sekte in Szene gesetzt ist, erinnert doch stark an Kubricks 2001.

Das soll aber keinesfalls Kritik an Love Exposure sein, ganz im Gegenteil: Jedes der genannten Zitate bringt durch die Verknüpfung mit den anderen Filmen zusätzliche Assoziationen und Bedeutungsebenen hinein und ergänzt den Film somit – weitere Interpretationsansätze bieten sich an, die mal mehr oder weniger eindeutig sind. Genial! In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob der Nachname von Yoko vielleicht ebenfalls eine Anspielung sein soll: Ihr Charakter, der von Yu immer wieder als “seine Maria” bezeichnet wird, heisst mit Nachnamen nämlich Ozawa – und Maria Ozawa ist eine bekannte japanische Pornodarstellerin…
Puh, so langsam muss ich mal zum Schluss kommen! Love Exposure ist, das dürfte offensichtlich geworden sein, ein extrem vielschichtiges Werk, mit dem man sich auf verschiedensten Ebenen auseinandersetzen kann. Ein grandioser Liebesfilm, bildgewaltig, mal halbdokumentarisch, mal überdreht wie eine Teenie-Komödie, den man in keine noch so große Schublade gequetscht bekommt. Definitiv ein Meisterwerk!
15 Jun
Tja, so kann es gehen! In der Nachbereitung des JFFH hab ich ganz übersehen, dass meine Rezension zu Café Isobe die 100 voll gemacht hat. Somit bin ich inzwischen schon bei 101 Filmkritiken! Yeah!!
Tolle Sache, aber eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt schon deutlich mehr Kritiken geschrieben haben. Als ich vor knapp drei Jahren mit Japankino angefangen habe, hatte ich mir mal das Ziel gesteckt, ungefähr 50 Filme pro Jahr zu besprechen. Davon bin ich jetzt doch ein gutes Stück weit weg. Dafür stecke ich inzwischen aber auch viel mehr Zeit in die Rezensionen als am Anfang. Die Texte wurden länger und länger und irgendwann kamen die Screenshots dazu.
Bei manchen der Filme kann ich mich noch genau daran erinnern, wie ich über der Rezension gebrütet habe. Bei Ghost in the Shell zum Beispiel weiss ich noch gut, wie ich Sonntags Joggen war und dabei die ganze Zeit den Film hin- und hergedreht und auseinander genommmen habe, oder wie ich mich in den Korintherbrief eingelesen habe. Oder Tokyo Story, für den ich bestimmt eine Stunde allein an dem 9-in-1 Screenshot gewerkelt habe. Und natürlich Die Sieben Samurai, bei dem ich mich wirklich sehr auf das Wesentliche konzentrieren musste, damit aus der überschaubaren Rezension nicht ein Essay oder gar ein halber Roman wurde.
Im Moment stecke ich noch mitten in der Nachbereitung vom JFFH, die nächsten 2-3 Kritiken werden sich noch mit den Festivalfilmen befassen. Aber dann kommt erstmal die Rückbesinnung auf die Klassiker, mein letzter Schwarzweiss-Film ist ja nun schon bald 2 Monate her. Vielleicht mal wieder ein Kurosawa? Einen Naruse hab ich mir auch schon lange nicht mehr vorgeknöpft… ist eigentlich auch egal, sind ja alles tolle Filme!
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