Archive for the ‘Kurosawa Akira’ Category

Original: Dodesuka-den (1970) von Akira Kurosawa

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bewohnern eines Slums am Rande Tokyos kämpft um das Überleben im Alltag, darunter auch Rokku-chan, ein geistig zurückgebliebener Junge, der in der Illusion lebt, Straßenbahnführer zu sein. Jeden Morgen fährt er seine nicht-existente, dafür aber innig geliebte Bahn – sie ist schon ein etwas älteres Modell und die Wartungsmannschaften lassen sie manchmal links liegen – mit weithin hörbarem „dodeskadendodeskadendodeskaden“-Geratter durch die Müllberge.

Auf seiner Runde begegnen ihm die Familie Sawagami, deren Kinder alle von verschiedenen Männern stammen weil die Mutter eine hochnäsige Schlampe ist, was den Vater aber nicht davon abhält, jedes einzelne aus tiefstem Herzen zu lieben. Oder die befreundeten Ehepaare Masuda und Kawaguchi, die sich im Suff schon mal in der Haustür und im Partner für die Nacht irren, was ihrer Freundschaft aber keinen Abbruch tut.

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Weitere Charaktere wären der Bettler, der nur seinen Tagträumen von einem bombastischen Haus nachhängt, während sein kleiner Sohn sich um ihr Überleben kümmert und betteln geht. Oder der einsame, zurückgezogen lebende Mann, dessen eisiges Schweigen ein tiefes, schreckliches Geheimnis zu verbergen scheint, das allen Nachbarn Rätsel aufgibt. Oder das Mädchen Katsuko, das bei seiner Tante lebt und für deren Mann nicht nur Tag und Nacht schuften muss, sondern auch noch von ihm missbraucht wird.

So hat jeder der Slumbewohner sein Päckchen zu schultern, und jeder hat seine Art, damit umzugehen. Für manche ist das Mittel der Alkohol, andere denken an Selbstmord oder geben sich Träumereien hin wie der Bettler. Manche Schicksale sind zum Herzzerreißen wie das von Katsuko, die in ihrer Verzweiflung und Einsamkeit alles in sich hineinfrisst und am Ende den einzigen Menschen, der ihr etwas bedeutet, in einer hysterischen Attacke umzubringen versucht.

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Andere wie die beiden dauerbetrunkenen Kumpels sind in ihrer drolligen Tolpatschigkeit einfach lustig. Wieder andere, wie der gehbehinderte und von epileptischen Anfällen geplagte kleine Angestellte, der dennoch immer gut gelaunt und stets hilfsbereit ist, lassen den Zuschauer dann die Niederträchtigkeit und das Elend vergessen und wieder an das Gute im Menschen glauben.

So zeigt der Film einen nahezu zeitlosen Ausschnitt dessen, was Menschsein und menschliches Zusammenleben ausmacht, allerdings mit einem Schwerpunkt eher auf den Tiefen als den Höhen. Die Menschen in Dodeskaden sind tagtäglich mit dem Kampf ums Überleben und um die Wahrung ihrer Menschenwürde konfrontiert und gehen mit dieser Herausforderung völlig unterschiedlich um. Doch der Film bleibt dabei immer in einer bitter-süßen, humoristisch-leichten Stimmung verhaftet, die Kurosawa sehr wichtig war: „Hätte ich diesen Film ganz ernst gedreht, wäre er unerträglich depressiv geworden.“

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Diese Stimmung wird zu einem guten Teil mit getragen von den manchmal geradezu aggressiven, unglaublich lebendigen Farben in Kurosawas erstem Farbfilm. Anders als seine prominenten Vorgänger Ozu oder Mizoguchi, die in ihren Farbfilm-Debuts eher zurückhaltend-realistisch und wenig innovativ mit der neuen Technik umgegangen waren, lässt Kurosawa es richtig knallen. Seine Wurzeln in der Malerei werden an vielen Stellen deutlich, nicht zuletzt in der finalen Szene in Rokku-chans über und über mit kindlichen Bildern seiner Straßenbahn behängten Hütte.

Diese beeindruckend farbenfrohen und wunderschön anzusehenden Bilder tragen den Film über weite Strecken, denn eine echte Handlung gibt es nicht und die Charaktere der einzelnen Episoden sind durch nichts – abgesehen von ihrer räumlichen Nähe – miteinander verbunden. So fehlt dem Film auch ein für Spannung sorgender Konflikt, geschweige denn ein Held oder eine sonstige Identifikationsfigur.

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Das unterscheidet Dodesukaden denn auch von den thematisch ähnlich gelagerten früheren Filmen Kurosawas, wie Ein wunderschöner Sonntag, Nachtasyl oder Rotbart. Besonders die Parallelen zu Nachtasyl sind an vielen Stellen in der Anlage und Konstellation der Charaktere zu erkennen, ohne dass Dodesukaden dadurch aber an die – wenn auch negative – Kraft, Eindringlichkeit und Leidenschaft des Vorläufers anknüpfen könnte. Vielmehr plätschert der Film über weite Strecken einfach so dahin.

Dodesukaden war nicht nur Kurosawas erster Farbfilm, es war zugleich auch der erste und einzige Film, der vom „Club der vier Ritter“ realisiert wurde, einem Studio, das Kurosawa zusammen mit Keisuke Kinoshita, Masaki Kobayashi und Kon Ichikawa gegründet hatte. Nach Dodesukaden war das Studio denn auch sogleich pleite, weil der farbenfrohe Film beim Publikum durchfiel. Man geht allgemein davon aus, dass diese Enttäuschung und die schwierige Suche nach einem Anschlussprojekt einen erheblichen Anteil an Kurosawas Selbstmordversuch im darauf folgenden Jahr hatten.

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Für Kurosawa-Enthusiasten ist Dodeskaden – Menschen im Abseits ein absolutes Must-see, nicht zuletzt wegen der Farbexperimente und der wichtigen Rolle als Bindeglied zwischen den zutiefst humanistisch-optimistischen schwarz-weiß Filmen und den späteren berühmten, an der Menschheit verzweifelnden Schlachtengemälden von Kagemusha und Ran. Und auch wer sich gerne mal ein filmgewordenes expressionistisches Experiment ansehen möchte, wird an diesem Film seine Freude haben.

Dieser Frage geht Hiroshi Tasogawas Buch „All the Emperor’s Men“ nach, und beleuchtet damit einen der spannendsten und mysteriösesten Abschnitte in Leben und Werk des großen Akira Kurosawa. Der sollte die japanischen Szenen im von 20th Century Fox produzierten Film über den Angriff auf Pearl Harbor drehen, eine internationale Zusammenarbeit die für großes Aufsehen und entsprechende Erwartungen sorgte. Doch nach einem guten Jahr wurde Kurosawa von Fox gefeuert, Kinji Fukasaku und Toshio Masuda übernahmen stattdessen die Regie. Was zu diesem unrühmlichen Ende der einst so gefeierten Zusammenarbeit führte, war in den letzten Jahrzehnten steter Anlass für Spekulationen, denen jetzt erstmals fundierte Recherche, Fakten und Interviews entgegen gestellt werden.

Autor Tasogawa war selbst an den Dreharbeiten beteiligt als Übersetzer für Kurosawa und arbeitete später als Journalist. Ideale Voraussetzungen für einen tiefen Einblick in die Hintergründe und eine anspruchsvolle, neutrale Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Phase für Kurosawa. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, kann also kein eigenes Urteil abgeben. Diese Rezension vom sehr geschätzten Vili Maunula verspricht aber ein großes und wichtiges Werk, siehe das Fazit:

All the Emperor’s Men is an extremely well written book, which is a joy to read and very difficult to put down. It is thoroughly researched and sets out to give out all the available facts, with Tasogawa’s ability to juggle the minute details and put them into a coherent narrative nothing short of impressive. More impressive still is that the book does not force feed the reader any specific interpretation about what or who actually went wrong. Instead, it shows that a number of factors were at play with Kurosawa’s failure to complete the Tora! Tora! Tora! project.

Ich werde mir „All the Emperor’s Men“ auf jeden Fall anschaffen und dann meine Meinung zum Besten geben. Wer bis dahin nicht warten mag, kann inzwischen schon mal selbst bei Amazon zugreifen, das Buch in der gebundenen englischen Fassung kostet 24,99 Euro.

Original: Warui yatsu hodo yoku nemuru (1960) von Akira Kurosawa

Die Hochzeit des Sekretärs Nishi (Toshiro Mifune) mit Yoshiko (Kyoko Kagawa), der Tochter seines Chefs, steht unter keinem guten Stern: Reporter belagern die Gesellschaft wegen eines Korruptionsskandals, Polizisten verhaften den Zeremonienmeister und obendrein taucht aus dem Nichts auch noch eine mysteriöse zweite Hochzeitstorte in Form eines Gebäudes auf, aus dem sich vor einigen Jahren ein Mitarbeiter der Firma in den Selbstmord gestürzt hatte.

Es stellt sich jedoch heraus, dass die Torte von Nishi selbst bestellt worden war. Denn es war sein Vater gewesen, der damals Selbstmord beging. Anders als von manchen vermutet geht es Nishi daher auch nicht um seine Karriere, als er Yoshiko heiratete, sondern um Rache an ihrem Vater Iwabuchi (Masayuki Mori), der im Zentrum der Korruption steht und zusammen mit seinen Schergen Nishis Vater in den Selbstmord gedrängt hatte. Nun nutzt Nishi seine Position als Schwiegersohn und Sekretär, um Beweise zu sammeln und den korrupten Chefs die Daumenschrauben anzulegen. Doch mit einem hat er dabei nicht gerechnet: Dass er sich in Yoshiko verliebt.

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Die Bösen schlafen gut enthält einige der stärksten, emotionalsten und beeindruckendsten Szenen aus Kurosawas Werk. Zu erwähnen wäre da natürlich als erstes die gesamte, etwa halbstündige Hochzeitssequenz, die den Film eröffnet und in deren Verlauf sämtliche wichtigen Akteure sowie deren Hintergründe und Beziehungen zueinander dem Zuschauer vermittelt werden. Kurosawa lässt dabei die anwesenden Reporter wie in der griechischen Tragödie die Rolle eines kommentierenden Chors übernehmen – genial! Zehn Jahre später wählte Kurosawas Bewunderer Francis Ford Coppola ein ähnliches Vorgehen für den Auftakt von Der Pate.

Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Szene, in der Nishi den von allen für tot gehaltenen Wada zwingt, seine eigene Beerdigung mitanzusehen und ihm dazu eine Tonbandaufzeichung vorspielt. Mit diesem cleveren Kniff der Überlagerung von Ton und Bild veranschaulicht Kurosawa auf unvergleichliche Art den Kontrast zwischen der in die Öffentlichkeit projezierten Täuschung, in der die korrupten Chefs den Tod Wadas betrauern und seiner Familie ihr Beileid aussprechen, und der harten Realität, in der sie bei Wein, Weib und Gesang darauf anstoßen, ihn erfolgreich in den Selbstmord getrieben zu haben. Erst durch diese Konfrontation mit dem doppelten Spiel, das seine Vorgesetzten treiben, lässt sich Wada überzeugen, seine tief verankerte Loyalität aufzugeben und mit Nishi zusammenzuarbeiten.

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Wie schon bei zahlreichen seiner früheren Filme liegt Die Bösen schlafen gut eine tiefe Unzufriedenheit Kurosawas mit sozialen und politischen Zuständen in seiner Heimat zugrunde. Die enge Verflechtung von Privatwirtschaft und staatlichen Institutionen in Japan, mit der sich die Firmen Vorteile verschaffen, ist bis in die heutigen Tage immer wieder Anlass zu Diskussionen (siehe etwa die Rolle von Tepco während der Fukushima-Krise). In den 1950er Jahren gab es immer wieder Korruptionsskandale und die erste Stunde des Films wirkt fast wie eine semi-dokumentarische Aufarbeitung eines solchen Skandals.

Dabei weist der Film mehrfach darauf hin, dass das größte Problem gar nicht mal die korrupten Beamten und Politiker sind, sondern die Kultur der unbedingten Loyalität ihrer Untergebenen. Diese aus dem Kriegercode der Samurai abgeleitete Loyalität (ursprünglich zum Fürsten, dann zum Vorgesetzten) spielte in japanischen Unternehmen eine große Rolle und stürzte die Mitarbeiter in einen tiefen Konflikt, wenn sie von illegalen Machenschaften ihrer Vorgesetzten erfuhren oder aus Loyalität sogar daran mitwirkten – was in der genannten Szene exemplarisch an Wada vorgeführt wird. Der würde lieber Selbstmord begehen, als seine Chefs an die Justiz zu verraten – bis Nishi ihm mit Gewalt die Augen öffnet.

Interessant fand ich den für Kurosawa ungewöhnlich schwachen weiblichen Charakter der Yoshiko. Im Vergleich zu den selbst- und oft auch machtbewussten Frauen, die Kurosawa sonst porträtiert (man denke etwa an die Arbeiterinnen in Am allerschönsten, die Prinzessin Yuki in Die verborgene Festung, die skrupellose Lady Kaede in Ran oder die aufrechte Yukie in Kein Bedauern für meine Jugend) ist Yoshiko hier ein demütiges, fast willenloses Püppchen. Meine Vermutung: Sie steht metaphorisch für die ahnungslose, naive japanische Bevölkerung, die sich von den „bösen Männern“ nach Belieben manipulieren, ausnutzen und herumschubsen lässt.

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Das große Problem dieses Films ist die Entwicklung von Nishis Charakter. Zunächst ist er der klassische Rächer, der den Tod seines Vater sühnen und die Verantwortlichen zur Strecke bringen will. Dass er dafür zur Not auch selbst das Gesetz bricht und andere Menschen – allen voran Yoshiko – für seine Zwecke missbraucht, stellt dabei den grundsätzlichen Konflikt aller „gut meinenden“ Rächer dar, die sich zur Erreichung ihrer Ziele derselben Methoden bedienen wie „die Bösen“. Nishi ist diesem Konflikt nicht gewachsen bzw. weicht von seinem Weg ab, er zeigt Yoshiko zuliebe Schwäche und läuft damit in sein Verderben. Leider gerät damit auch der Film nach ca. 90 Minuten aus der Bahn: Nishis Konflikt mit seinen Gefühlen für Yoshiko und seinem Gewissen drängt die Story des Korruptionsskandals in den Hintergrund.

Wie zehn Jahre zuvor in Skandal lässt sich Kurosawa hier wieder durch die Faszination eines Charakterkonflikts von der eigentlichen Story ablenken. So gerät der ganze Film aus der Balance, dem halbdokumentarischen Polit-Thriller der ersten anderthalb Stunden wird eine Mischung aus tragischer Liebesgeschichte und Kriminaldrama angehängt. Beide Teile funktionieren an und für sich gut und sind in sich stimmig, nur wollen sie nicht so recht zusammenpassen. Bei seinem nächsten Film Yojimbo sollte Kurosawa sich dann klar für einen kaltblütigen, den Konflikt ignorierenden Rächer entscheiden.

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Trotz dieser Schwäche (oder vielleicht auch gerade ihretwegen?) gehört Die Bösen schlafen gut zu meinen persönlichen Favoriten in Kurosawas Werk. Der Film hat wie erwähnt viel zu bieten: einen von Konflikten zerrissenen Helden, großartig in Szene gesetzte Kritik an sozialen und politischen Zuständen, einen spannenden und anspruchsvollen Plot, einen intensiven und unverwechselbaren Soundtrack sowie ein unvergessliches Ende. Ein Film, den man gesehen haben sollte!

Nachtasyl

Original: Donzoko (1957) von Akira Kurosawa

In einem Armenviertel von Edo findet unter dem Dach der tyrannischen Vermieterin Osugi (Isuzu Yamada) eine Mischung aus Träumern und Zynikern zusammen: Ein ehemaliger Schauspieler, der sich dank exzessiven Alkoholkonsums kaum noch an sein früheres Leben erinnern kann. Ein misanthropischer Handwerker, der mit dem ständigen Geklapper seiner Werkzeuge die andren nervt und der nur auf den Tod seiner Frau wartet. Ein ehemaliger Lehrer, der die anderen beim Kartenspiel ausnimmt. Eine Prostituierte, die ihrer großen Jugendliebe nachtrauert.

Sie alle sind hoffnungslose Fälle, die allein Alkohol, Zynismus und Träumereien am Leben halten. Einzig der Dieb Sutekichi (Toshiro Mifune) hat noch einen Funken Energie in sich, aber auch Ärger mit Osugi, mit der er ein Verhältnis hatte. Inzwischen will er aber nichts mehr von ihr wissen, denn er hat sich in ihre jüngere Schwester Okayo (Kyoko Kagawa) verliebt. Auch ein gutmütiger Pilger (Bokuzen Hidari) auf der Durchreise kann mit seinen süßen Lügen das Leid und die Verzweiflung nur punktuell lindern. Seine gutgemeinten Apelle an Sutekichi, sich ein Herz zu fassen und zusammen mit Okayo durchzubrennen, wirken letztlich wie Brandbeschleuniger und führen direkt in die Katastrophe.

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Wieder mal machte sich Kurosawa an die Verfilmung einer literarischen Vorlage, nämlich des Theaterstücks Na dne von Maxim Gorki. Er folgte der Vorlage dabei sehr getreu und übernahm alle wichtigen Charaktere und Handlungsstränge. Auch das Setting hat viel von einem Bühnenstück, denn fast der gesamte Film spielt im Wohn- und Schlafraum des Asyls.

Was ziemlich schnell auffällt sind die immer wieder eingestreuten witzigen, fast albernen Szenen, mit denen Kurosawa die düstere, drückende Stimmung auflockert. Das können mal Lieder und Tänze sein, oder Scherze auf Kosten der Vermieter. Besonders Bokuzen Hidari trägt in der Rolle des gutmütigen Pilgers dazu bei, Gorkis niederschmetterndes Drama in eine Tragikomödie zu verwandeln: Mit spitzer Zunge spricht er sowohl schmerzhafte Wahrheiten wie aufmunternde Lügen aus und verkörpert die einzige Stimme der Vernunft und Menschlichkeit im Chaos von Verzweiflung, Trauer, Neid und Hass. Diese herausragende Charakterisierung dürfte zu den absoluten Höhepunkten in der mehr als 100 Filme umfassenden Karriere Hidaris gehören.

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Doch nicht nur Hidari brilliert in seiner Rolle. Isuzu Yamada gibt mal wieder eine herrlich biestig-tyrannische Femme fatale und auch die kleineren Rollen sind exzellent besetzt, wie beispielsweise der sonst eher in unbedeutenden Nebenrollen auftauchende Koji Mitsui als zynischer Lehrer, bei dessen Sprüchen es einem schon mal kalt den Rücken runterlaufen kann. Die gesamte Riege liefert in Nachtasyl eine fantastische Ensemble-Leistung ab, ohne die dieser kammerspielartige Film niemals funktionieren könnte.

Aber nicht nur die Schauspieler tragen den Film, Kurosawa holt mit ständigen Perspektivwechseln, multiplen Kameras und visuellen Ebenen unglaublich viel aus dem beschränkten Raum heraus. Zudem verfügt Nachtasyl über exzellenten Rhythmus und Timing: Die im Zentrum des Films stehenden Konflikte um das Trio Sutekichi-Osugi-Okayo sind eng verwoben mit den Ereignissen um die Nebencharaktere, immer wieder wird unsere Aufmerksamkeit vom einen zum anderen geleitet. Zusammen mit den oft durch den Pilger angestoßenen Stimmungswechseln lässt dies den Film deutlich kürzer als seine 130 Minuten erscheinen.

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Religion, Liebe, Gewalt, Alkohol, Träumereien – nichts kann die Bewohner des Asyls aus der Sinnlosigkeit ihrer verpfuschten Leben herausreißen. Vielmehr führt jeder Versuch, aus ihrem Elend auszubrechen, zu einer weiteren Verschlechterung der Situation. Am erschreckendsten ist jedoch, dass die Ausweglosigkeit zu keiner wirklichen Verbrüderung unter den Bewohnern führt. Vielmehr scheint jeder die jeweils anderen auszunutzen, zu belauern und jeden Ausbruchversuch argwöhnisch zu beobachten, aus Angst, allein zurückzubleiben. So ist es eigentlich nur logisch, dass am Ende der Selbstmord als einziger Ausweg bleibt, und selbst dieser von den Lebenden noch zynisch kommentiert wird.

Mir fiel der Zugang zu diesem Film wahrlich nicht leicht, wir haben es hier mit ganz schön starkem Tobak zu tun. Die bedrückenden Schicksale der Protagonisten, das Elend und die Ausweglosigkeit ihrer Situation und der allgegenwärtige, beißende Zynismus drücken ganz schön auf die Stimmung und müssen in ihrer massiven Negativität erst einmal verdaut werden. Aber mit jeder weiteren Sichtung stieg mein Respekt und meine Wertschätzung des Films. Nachtasyl ist einfach eines jener Werke, die man sich langsam erarbeiten muss, die dann aber einen umso tieferen Eindruck hinterlassen.

Original: Shizukanaru kettô (1949) von Akira Kurosawa

Während einer Operation in einem Kriegslazarett schneidet sich der Arzt Fujisaki (Toshiro Mifune) und steckt sich anschließend bei seinem Patienten mit der Syphilis an. Nach Kriegsende kehrt er in die Klinik seines Vaters und zu seiner Verlobten Misao (Miki Sanjo) zurück und unterzieht sich heimlich einer Therapie. Doch ihm ist klar, dass es Jahre dauern wird, bis er die Krankheit überwunden haben wird. Obwohl es ihm beinahe das Herz zerreißt beendet er daher die Verlobung ohne Angabe von Gründen, damit Misao mit einem anderen Mann glücklich werden kann.

Seine Krankheit bleibt aber nicht allen verborgen: Eine der Krankenschwestern (Noriko Sengoku) überrascht ihn, als er sich eine Injektion setzt. Sie vermutet, dass er sich die Syphilis in einem Bordell zugezogen hat und verachtet ihn deshalb zunächst. Doch als sie die Wahrheit erfährt und versteht welche Überwindung es ihn kostet, Misao zu ihrem eigenen besten ziehen zu lassen, betrachtet sie Fujisaki mehr und mehr als einen Heiligen. Entsprechend groß ist ihre Empörung, als der Mann in der Klinik auftaucht, bei dem Fujisaki sich angesteckt hatte – und der ohne seine Krankheit behandeln zu lassen seine Frau geschwängert hat.

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In vieler Hinsicht ist The Quiet Duel ein Musterbeispiel aus dem frühen Werk Kurosawas. Wie schon im Jahr zuvor in Der trunkene Engel dient ihm eine Krankheit als Metapher für den Zustand der Gesellschaft – dass es nun die Syphilis statt der Tuberkulose ist, lässt vermuten, dass die sozialkritische Haltung des Regisseurs eher noch zugenommen hat. Auch das Schüler-Meister-Verhältnis ist in stark zurückgenommener Form in der Verehrung der Krankenschwester für den Arzt vorhanden.

Und seinen Helden lässt er wieder gegen die Auswüchse verantwortungslosen, schändlichen Handelns ankämpfen, verkörpert durch den Syphilis-Patienten, der die Gefahren der Krankheit herunterspielt, ihre Konsequenzen nicht akzeptieren will und ohne Rücksicht auf die Gesundheit seiner Frau mit ihr schläft. Zugleich muss Fujisaki aber auch einen Kampf mit sich selbst austragen, um nicht genau so zu handeln. Dieses Ringen zwischen seiner verantwortungsvollen, fürsorgenden und selbstlosen Seite und den Instinkten und Begierden in ihm ist das eigentliche, titelgebende stille Duell.

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Ein großes Problem des Films ist jedoch, dass dieses Duell mit Ausnahme von zwei kurzen Momenten (Fujisakis Beichte an die Krankenschwester und sein Abschied von Misao) nicht wirklich fesselt und speziell in den Szenen mit Misao häufig ins melodramatische abdriftet. Zudem will die Überhöhung des Arztes in heiligengleiche Gefilde einfach nicht so recht gelingen und wirkt gerade in den finalen Szenen schon fast unfreiwillig komisch. Fünfzehn Jahre später gelang Kurosawa dann mit dem eigenwilligen Arzt Niide in Rotbart eine perfekte Mischung aus übermenschlicher, aber zugleich augenzwinkernder Arztfigur.

Interessant ist, dass Kurosawas Wahl für die Rolle des Arztes auf Toshiro Mifune fiel, der in seiner bis dahin kurzen Karriere praktisch nur Gangster gespielt hatte. Doch Kurosawa glaubte an sein Talent und wollte ihm die Chance geben, sich mit dieser völlig anderen Rolle weiterzuentwickeln und setzte sich gegen die Bedenken des Studios durch. Mifune spielt zwar exzellent, dennoch fällt es mir jedesmal wieder schwer, ihm diesen rationalen, beherrschten und fast intellektuellen Arzt abzunehmen – die überbordende Emotionalität seiner meisten anderen Rollen wiegt einfach sehr schwer.

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Kurosawa selbst schreibt in seiner Autobiographie mit großer Begeisterung von den Dreharbeiten an The Quiet Duel, gesteht aber ein, dass er mit dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden war und es ihm nicht gelang, seine Botschaft wie gewünscht zu vermitteln. So ist der Film zwar keiner der großen Kurosawas und hat mit einigen Unzulänglichkeiten zu kämpfen. Dennoch bietet er auch einige interessante Highlights, allen voran die eröffnenden Szenen im Kriegslazarett mit ihrer enorm dichten Atmosphäre sowie einen jungen Toshiro Mifune in einer ziemlich ungewohnten Rolle.

Madadayo

Original: Madadayo (1993) von Akira Kurosawa

Madadayo war die letzte Regiearbeit Kurosawas, in welcher der 1998 verstorbene Großmeister des japanischen Kinos die Schlachtfelder früherer Filme wie Ran, Kagemusha oder Die Sieben Samurai hinter sich lässt. Statt dessen widmet er sich der Geschichte des Deutschprofessors Uchida und seiner ihn verehrenden Schüler. Eine Handlung im eigentlichen Sinne fehlt dem Film, vielmehr setzt er sich aus Episoden und Anekdoten zusammen, die den Professor und seine Schüler vom Anfang der 1940er bis in die 1960er Jahre hinein verbinden.

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Zu Beginn des Films zieht Uchida (Tatsuo Matsumara) sich überraschend aus der Lehrtätigkeit zurück, um sich ganz seinem literarischen Schaffen widmen zu können. Wir sehen die ersten ausgelassenen Besuche bei ihm, Saufgelage und das Schwelgen in alten Geschichten. Dann wird das Haus Uchidas von Bomben zerstört, er und seine Frau erleben das Ende des Krieges und die amerikanische Besatzung in einer kleinen Hütte.

Doch den Frohsinn und die Lebensfreude kann das nicht beeinträchtigen, und kaum ist der Krieg vorüber, helfen die Schüler ihnen beim Wiederaufbau. Außerdem wird jedes Jahr der Geburtstag des Professors gebührend gefeiert, mit einem zentralen Ritual bei dem ihn die Schüler fragen „Mahda-kai?“ („Fertig?“) und er antwortet: „Mahda-dayo!“ („Noch nicht!“).

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Mit Madadayo schuf Kurosawa ein einfühlsames Porträt eines lebensfrohen, aufgeweckten und liebenswerten Menschen, der sich seine positive Haltung zum Leben und zu anderen Menschen auch angesichts von Verlusten im Krieg und zunehmender Beschwernisse des Alterns bewahrt. Durch sein kindlich-sympathisches Wesen, seine Aufgeschlossenheit und seine unterhaltsamen Weisheiten bereichert er auch das Leben der Menschen um ihn herum, insbesondere seiner Ehefrau und seiner Schüler. Und die zahlen es ihm mit viel Liebe, Zuwendung und Unterstützung zurück.

Die Dialoge sind dabei oft durch eine gewisse oberflächliche Komik geprägt und bewegen sich teilweise am Rande der Belanglosigkeit. Die eigentlich entscheidenden Hinweise auf die Beziehungen der Charaktere zueinander und die unendliche Wertschätzung, die dem Professor vor allem von seinen Schülern aber auch von vielen anderen Menschen entgegengebracht wird, werden oft ohne Worte und statt dessen durch Gesten und Handeln zum Ausdruck gebracht – wie es der japanischen Sitte entspricht.

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Kurosawa wurde seinem Ruf des Perfektionisten einmal mehr gerecht und legte bei den Dreharbeiten größten Wert auf Details, um die für die Aussage des Films und die Darstellung der Charaktere so wichtigen Stimmungen einfangen zu können. Für die Dreharbeiten an der wunderbare Szene, in der Uchida und seine Frau in ihrer kleinen Hütte den Gang der Jahreszeiten verfolgen, wurde beispielsweise keineswegs Kunstschnee verwendet. Vielmehr entstanden die Aufnahmen tatsächlich im Abstand von mehreren Monaten unter realen Witterungsbedingungen – ein enormer Aufwand angesichts der paar Sekunden im fertigen Film.

Der Titel „Madadayo“ stammt von den Rufen japanischer Kinder beim Versteckspiel: Die Suchenden rufen „Mahda-kai“ und das sich versteckende Kind „Mahda-dayo“, bis es ein gutes Versteck gefunden hat. Dies wird auch in der letzten Szene zum Höhepunkt des Films, als der alte Uchida erschöpft von einer weiteren Feier mit seinen Schülern im Schlaf von den Spielen der Kindheit träumt – ein Ende von geradezu betörender Schönheit!

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Madadayo wird damit zum Ausdruck des unbedingten Lebenswillens, des Sich-versteckens vor dem – letztlich unausweichlichen – Tod. Doch mehr als das zeigt der Film vor allem, wie einfach ein schönes Leben sein kann: Gemütliche Gespräche und ausgelassene Saufgelage mit Freunden, besinnliches Betrachten des Mondes, Freude an Tier und Natur, eine harmonische und liebevolle Ehe – da wird selbst ein Weltkrieg zur Nebensache, und die größte Katastrophe ist das Verschwinden der geliebten Hauskatze.

Verglichen mit den mitreißenden, atemlosen und teils verstörenden tour-de-force Filmen, die wir aus Kurosawas Werk sonst kennen, ist Madadayo ein ganz schöner Langweiler. Die meiste Zeit sitzen ein paar Leute einfach nur herum und hören einem alten Mann zu. Andererseits ist es aber wahrscheinlich der „japanischste“ Film, den er je gedreht hat – ein würdiges Alterswerk eines Regisseurs, dem von seinen Landsleuten oft vorgeworfen worden war, ein „westlicher“ Regisseur zu sein.

Dies ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Artikels, der ursprünglich am 26. September 2006 veröffentlicht wurde.

Original: Ichiban utsukushiku (1944) von Akira Kurosawa

Eine Gruppe junger Mädchen stellt in einer Fabrik Präzisionslinsen für Kampfflugzeuge her, es ist ihr Beitrag zur Kriegsanstrengung Japans. Im Kampf gegen die materielle Übermacht der Gegner wird das Produktionsziel für die Arbeiter von der Fabrikleitung verdoppelt, das der Arbeiterinnen aber nur um 50% erhöht. Empört darüber, dass ihnen nur so wenig zugetraut wird, setzen die Mädchen mittels ihrer Anführerin Watanabe (Yoko Yaguchi) eine stärkere Erhöhung durch. Doch um dieses Ziel auch zu erreichen, müssen Krankheiten, Unfälle und nicht zuletzt auch Streitigkeiten und Neid innerhalb der Gruppe überwunden werden. Dabei wird Watanabe von der Herbergsmutter Mizushima (Takako Irie) unterstützt, die sich rührend um die Mädchen kümmert.

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Nach dem großen Erfolg von Sanshiro Sugata erhielt Kurosawa den Auftrag für einen Propagandafilm, der den Geist der Nation feiern und bestärken sollte. Wie viele Regisseure wählte er dafür einen dokumentarischen Ansatz und war darum bemüht, den Alltag der Mädchen in der Fabrik so realitätsgetreu (und dennoch mit dem Propagandaziel vereinbar) darzustellen, wie möglich. Dazu ließ er alle Schauspielerinnen tatsächlich in einem Wohnheim auf dem Fabrikgelände unterbringen, Marschieren und Musizieren. Die Dreharbeiten müssen allen Berichten der Beteiligten zufolge hochgradig anstrengend gewesen sein.

Was hinter dem Film steht, wird noch vor Filmbeginn klar, da prangt nämlich ein Schriftzug „Greift den Feind an und zerstört ihn“ – martialische Töne, die Am allerschönsten interessanterweise fast völlig ignoriert. Denn Kurosawa erzählt die Geschichte einer kleinen Gruppe Menschen, die sich ganz und gar in den Dienst einer Sache stellen. Ihr Gegner ist eine unerbittliche Produktivitätskurve in einem Diagramm, die zugleich als Stimmungsindikator dient. Sind Konflikte auszustehen oder Unglücksfälle zu überwinden, geht es mit der Kurve abwärts, feiert die Gruppe die Rückkehr eines Mitglieds oder hat sie Spaß beim Volleyball, geht es aufwärts.

Dass die Mädchen am Ende erfolgreich ihr Ziel erreichen, haben sie zum großen Teil ihrer Anführerin Watanabe zu verdanken. Die geht (wunderbar gespielt von Kurosawas späterer Ehefrau Yoko Yaguchi) mal vermittelnd, mal anspornend, mal mit strenger Hand voran und muss dabei selbst einen inneren Konflikt austragen: Soll sie ihre im Sterben liegende Mutter besuchen, oder ihrer Pflicht gegenüber der Sache nachkommen?

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Nach dem Krieg sah Kurosawa seine eigene Rolle als Instrument der Propaganda für das Regime und einen wahnwitzigen Krieg sehr kritisch und schämte sich, dass ihm der Mut zu Widerstand gefehlt und er sich sogar bei den Zensoren eingeschmeichelt hatte. Den Film selbst bezeichnete er in seiner Autobiographie zwar nicht als bedeutend, aber als einen seiner Liebsten, nicht zuletzt wegen der Erinnerungen an die außerordentlich enge Zusammenarbeit.

Bei aller Kritik angesichts des propagandistischen Subtextes ist Am allerschönsten ein Film, der auf spannende Weise zeigt, wie eine Gruppe von Menschen mit sich und schwierigen Umständen ringt und im Dienst einer Sache über sich selbst hinauswächst. Und das ist nunmal klassischer Kurosawa.

Original: Hachigatsu no kyoshikyoku (1991) von Akira Kurosawa

Vier Kinder verbringen den Sommer bei ihrer Großmutter Kane (Sachiko Murase) in Nagasaki, während ihre Eltern einen lange vergessenen Bruder Kanes in Hawaii besuchen, der es inzwischen zu Reichtum gebracht hat. Durch die Erzählungen der Großmutter und Ausflüge nach Nagasaki und in die Umgebung tauchen sie ein in die Geschichte ihrer Familie und des Atombombenabwurfs auf die Stadt, bei dem auch ihr Großvater ums Leben kam.

Als die Verwandten in Amerika davon erfahren, reist der Neffe Clark (Richard Gere) zum bevorstehenden Todestag des Großvaters am 9. August an und versetzt damit die Familie in Alarmstimmung. Völlig umsonst, wie sich herausstellt, denn anstatt durch die Bedeutung der Atombombe in der Familiengeschichte abgeschreckt zu sein, nimmt Clark aufrichtig Anteil an Kanes Trauer. Für die alte Dame werden die Erinnerungen jedoch immer realer – bis sie ganz in die Vergangenheit eintaucht.

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Rhapsodie im August wurde teils als oberlehrerhaft, teils als anti-amerikanisch kritisiert. Doch diese Kritik betrachtet den Film sehr oberflächlich und übersieht damit zum einen, dass der Abwurf der Atombombe keineswegs den Amerikanern vorgeworfen wird. Vielmehr wird sie und das Leid, das sie über die Menschen gebracht hat, als Bestandteil des Krieges gesehen und der Krieg in seiner Gesamtheit verurteilt. Zudem wird die Person von Clark – und damit stellvertretend auch Amerika – sehr positiv und sympathisch dargestellt.

Zum anderen geht es Kurosawa in seinen Filmen immer um die Menschen und wie sie selbst im Angesicht dramatischer Beschwernis Sinn und Glück finden. Dafür steht sinnbildlich auch das lange Leben von Kane, die trotz ihrer grausamen Erfahrungen letztlich ein zufriedenes Leben geführt hat und sich nun im hohen Alter an ihren Enkeln, leckeren Bohnen und der Schönheit des Mondscheins erfreut.

Kritisiert werden vielmehr die Erwachsenen, die ihrer amerikanischen Verwandtschaft genau die Probleme im Umgang mit der Atombombe und den Überlebenden unterstellen, die es in Japan gibt. Als Clark dann jedoch aufrichtig mit den Trauernden mitfühlt und keinerlei Berührungsängste hat, fallen sie aus allen Wolken.

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Während ich diese Kritik an Kurosawas vorletztem Film also nicht gelten lasse, hat er dafür andere Schwächen. Die größte ist zweifellos, dass nach etwas mehr als der Hälfte ein völliger Bruch durch Rhapsodie im August geht. Standen in den ersten ca. 50 Minuten ganz Kane und die vier Kinder und ihre gemeinsame Reise in die Geschichte der Familie im Zentrum, wird mit dem Auftauchen zuerst der Erwachsenen und dann von Clark all das völlig beiseite gewischt und die Perspektive gewechselt. Was bei den Kindern eine sympathisch-unbedarfte Herangehensweise an die Vergangenheit war, wirkt nun streckenweise aufgesetzt, bemüht und hölzern.

Ganz unbenommen hat der Film – wie könnte es bei einem Kurosawa auch anders sein – aber auch einige sehr starke Momente. Zu nennen wäre etwa der Blick auf die Ameisen während des Trauergottesdienstes, deren langer Karawane die Kamera bis zu einer wunderschön erblühten Rose folgt. Und natürlich der Schluss, als sich Kane mit ihrem Regenschirm dem Taifun entgegenwirft und Abschied von der Realität nimmt. Eine wunderschön inszenierte Szene, bei sich Kurosawa auch ein bisschen selbst zitiert.

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Alles in allem ist Rhapsodie im August aus meiner Sicht dennoch einer der schwächsten Filme in Kurosawas Opus, aber gegen seine großen Meisterwerke können natürlich 99% aller Filme nicht anstinken, das kann also eigentlich kein vernünftiger Maßstab sein. Der Film hat Licht und Schatten, etwas mehr Stringenz und Konzentration auf die Figur der Kane hätte ihm gut getan, aber er setzt sich mit einem sehr schwierigen und emotionalen Thema auseinander und regt dabei auf interessante und angenehme Weise zum Nachdenken an.