Original: Strawberry Shortcakes (2006) von Hitoshi Yazaki

Basierend auf dem Manga Sweet Cream and Red Strawberrys von Kiriko Nananan, die im Film selbst die Rolle der Malerin Toko übernimmt, dreht sich Strawberry Shortcakes um das Leben von vier alleinstehenden jungen Frauen in Tokyo, ihre Einsamkeit, Sehnsüchte und ihre vielfältigen Probleme von der Karriere über Männer bis zum Sinn des Lebens.

Die liebenswerte und zuvorkommende, etwas zerstreute Chihiro (Noriko Nakagoshi) geht einem bedeutungslosen Sekretärinnenjob nach und führt eine einseitige Beziehung mit einem Kollegen, der in ihr nicht mehr sieht als ein Mittel zur sexuellen Befriedigung. Sie wünscht sich eine geregelte Beziehung, eine Familie und eine sinnvolle Arbeit. Ihre Mitbewohnerin Toko (Kiriko Nananan) ist selbstständige Malerin und Designerin, leidet unter dem Unverständnis und der Geringschätzung der Menschen gegenüber ihren Bildern, die ihr alles bedeuten, und unter den Wunden einer zerbrochenen Beziehung. Anfangs sind die beiden nur Mitbewohnerinnen, ohne sich groß füreinander zu interessieren, doch langsam entwickelt sich eine enge Freundschaft.

Die immer fröhliche, scheinbar durch nichts unterzukriegende Satoko (Chizuru Ikewaki), die eine traumatische Trennung hinter sich hat und sich nach einer großen, wahren Liebe sehnt, arbeitet als Telefonistin in einer “Agentur” für Prostituierte. Dort muss sie sich den Avancen des Managers, eines verheirateten Familienvaters, erwehren und freundet sich mit der Prostituierten Akiyo (Yuko Nakamura) an. Akiyo hat einen Hang zum Morbiden (sie schläft in einem Sarg und hat bereits einen Plan für ihren Selbstmord) und führt ein Doppelleben: In ihrem Job tritt sie als stylische Dame auf, privat trägt sie Schlabberjeans, T-Shirts und eine Brille. Dieses Doppelleben setzt sich nahtlos in ihrem Liebesleben fort, das in die Erfüllung der Fantasien und Begierden ihrer Kunden und in ihre Unfähigkeit, Kikuchi (Masanobu Ando), ihrer großen Liebe seit dem College, ihre Gefühle zu offenbaren, zerfällt.

Von den vorgeblichen Schwächen der Vorlage bei der Charakterentwicklung ist im Film jedenfalls nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Alle vier Frauen sind vielschichtig und tief angelegt und absolut glaubwürdig dargestellt. Die Kameraführung ist distanziert, immer ruhig und kommt ohne irgendwelche Effekthascherei daher, wodurch ein quasi-dokumentarischer Stil entsteht, der nicht unerheblich zur Glaubwürdigkeit beiträgt. Ohne dass auch nur das kleinste bisschen auf die Tränendrüse gedrückt wird, entsteht sehr schnell Identifikation mit allen vieren, man fühlt mit und möchte irgendwann jede einzeln in den Arm nehmen und gaaanz fest drücken.

Neben der Suche nach Liebe und einer funktionierenden Beziehung thematisiert der Film vor allem aber auch den Umgang der Menschen miteinander allgemein und nicht zuletzt in der Arbeitswelt. Eine der eindrucksvollsten Szenen ergibt sich, als Tokos Auftraggeber eines ihrer Bilder verlieren, aber überhaupt nicht realisieren, was dies für Toko bedeutet. Anschließend sehen wir sie über die Toilette gebeugt, sich mit dem Finger im Mund erbrechend und die Missachtung ihrer Arbeit durch die Menschen verfluchend. Das angesprochene Problem, dass in unserer heutigen Arbeitswelt viel zu viele Menschen überhaupt nicht wissen, was es heisst, etwas zu tun, das einem selbst viel bedeutet und in dem man sich selbst verwirklicht, reicht weit über das Leben junger Frauen in der Großstadt hinaus: Durch mangelnden Respekt und ideellen Bezug zur eigenen Arbeit fehlt die Fähigkeit, Menschen und deren Arbeit zu würdigen und Respekt zu zollen.

Eine weitere, nur wenige Sekunden dauernde Szene zielt in eine allgemeinere Richtung: Chihiro steigt die Treppe zum Dach des Bürogebäudes hinauf, will sich zu ihren dort Pause machenden Kolleginnen gesellen und bringt ihnen Getränke mit. Da hört sie, wie eben diese Kolleginnen darüber lästern, dass Chihiro sich bei den Vorgesetzten durch das Servieren von Getränken einschleime. Die genuine, selbstlose Freundlichkeit von Chihiros Geste wird nicht nur nicht gewürdigt oder verstanden, sondern wird als Berechnung ausgelegt. Die Lästerinnen kommen gar nicht erst auf die Idee, dass Chihiro vielleicht einfach nur nett und freundlich sein will, sondern unterstellen ihr strategisches Denken, gar Böswilligkeit.

So beklagt der Film nicht nur einen Mangel an aufrichtiger Liebe und Zuneigung im Leben junger Menschen, sondern generell eine Enthumanisierung in zwischenmenschlichen Beziehungen und die Reduktion von Beziehungen auf ihre rein funktionalen Elemente. Güte, Verständnis, Aufrichtigkeit, Freundschaft, Ehrlichkeit und Interesse für die Belange der Mitmenschen, all das was ein glückliches Miteinander (nicht nur in einer Liebesbeziehung) ausmacht, sind uns verloren gegangen und müssen schwer erkämpft werden – siehe die nur langsam und mühevoll wachsende Freundschaft von Toko und Chihiro.