Original: Ugetsu monogatari (1953), von Kenji Mizoguchi

Dem Film liegen zwei Erzählungen aus Akinari Uedas “Erzählungen von Mondlicht und Regen” aus dem späten 18. Jahrhundert zugrunde, die aber sehr viel früher, im 15. bzw. 12. Jahrhundert, spielen. Diese haben Mizoguchi und sein angestammter Drehbuchautor Yoshikata Yoda exzellent miteinander verflochten und zusätzlich um weitere Handlungsstränge ergänzt, so dass ein in sich geschlossenes, die Vorlagen aufgreifendes aber über diese weit hinausgehendes Werk entstanden ist, von dem Mark LeFanu schreibt: “The script is a triumph of bricolage: mixed, mingling, audacious.”

Im vom Krieg zerrissenen Japan wittern die beiden Bauern Genjuro (Masayuki Mori) und Tobei (Eitaro Ozawa) im Handel mit Töpferwaren das große Geschäft und gehen dazu auf der Flucht vor den anrückenden Truppen große Risiken ein. Tobei will mit dem verdienten Geld Waffen kaufen, um endlich die Landarbeit hinter sich zu lassen und Samurai zu werden, doch seine Frau Omaha (Mitsuko Mito) will ihm dies ausreden. Genjuro möchte seiner geliebten Frau Miyagi (Kinuyo Tanaka) und seinem Sohn Genichi ein besseres Leben ermöglichen. Auf der Flucht vor den anrückenden Truppen machen sich Genjuro, Tobei und Omaha auf in die Stadt, um die letzten Waren zu verkaufen, während Miyagi sich mit Genichi in den Bergen versteckt.

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Die Geschäfte mit den Töpferwaren gehen sehr gut, sogar die schöne und mysteriöse Dame Wakasa (Machiko Kyo) wird auf Genjuro aufmerksam und bittet ihn zu einem Besuch auf ihr Anwesen, wo sie den arglosen, vom Reichtum geblendeten Genjuro umschmeichelt und verführt, während seine Frau Miyagi in der Heimat von Soldaten getötet wird. Tobei hat inzwischen Waffen gekauft und sich die Gunst eines Fürsten erworben, darüber aber Omaha vergessen, die vergewaltigt wurde und nun als Prostituierte ihr Dasein fristet. Unterdessen begegnet Genjuro einem Priester, der sofort den bösen Einfluss eines Geistes an ihm feststellt: Wakasa ist in Wirklichkeit schon lange tot, kehrte aber auf der Suche nach Liebe unter die Menschen zurück.

Obwohl die Geschichte überwiegend aus der Sicht der beiden Männer, insbesondere Genjuros, erzählt wird, sind die eigentlichen Hauptfiguren aus meiner Sicht die drei Frauen. Auf meisterliche Art gelingt es Mizoguchi, anhand ihrer Erlebnisse typische Dilemmata von Frauen in der Gesellschaft und ihre auf tragische Weise unerfüllte Sehnsucht nach Liebe darzustellen. Da ist zum einen Wakasa, die schöne, reiche Frau von Welt, die scheinbar alles hat und doch so verzweifelt auf der Suche nach einer dauerhaften Liebe ist. Zum anderen Omaha, deren Mann sie über der Erfüllung seiner eigenen Träume vergisst, die erniedrigt wird und Unvorstellbares erleiden muss. Und letztlich Miyagi, die sich vom Leben nichts wünscht, als mit ihrer Familie ein einfaches Leben zu führen, dafür sich selbst aufopfert und erst durch dieses Opfer ihren vom Ehrgeiz getriebenen Mann zur Vernunft bringt.

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Mizoguchi kontrastiert diese Leidensgeschichten mit Bildern von traumhafter Schönheit: endlose Kamerafahrten, außergewöhnlich ausgewogene Bildkomposition, fließende ܜberblendungen und atemberaubende Landschaften, fotografiert von Kazuo Miyagawa, unbestritten einer der hervorragendsten Kameramänner aller Zeiten. Besonders bemerkenswert sind die Begegnungen von Wakasa und Genjuro, die, obwohl sie nur eine Episode innerhalb des Films darstellen, diesen doch außerordentlich prägen.

Fast unmerklich führt Mizoguchi uns hier aus den Kriegswirren in eine Traumwelt voll überirdischer Schönheit, Tanz, Gesang, Exotik und nicht zuletzt der bildschönen Verführerin Wakasa. Wie diese – verkörpert von der überwältigenden Machiko Kyo – Genjuro mit einem einzigen Tanz verzaubert und ganz in ihren Bann zieht, daran kann sich auch der Zuschauer berauschen. Musik, Bewegung, Beleuchtung, die Kamera gehen in diesen und vielen anderen Szenen eine außergewöhnliche Symbiose ein.

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Nicht umsonst tummeln sich in Ugetsu Stars vor und hinter der Kamera. Mit Kyo, Mori und Kinuyo Tanaka verfügte Mizoguchi über drei der herausragendsten japanischen Schauspieler ihrer Zeit. Das Drehbuch von Yoda, die Musik von Fumio Hayasaka, und hinter der Kamera der erwähnte Kazuo Miyagawa, der drei Jahre zuvor bereits mit seiner bahnbrechenden Kameraführung in Rashomon für Furore gesorgt hatte. So ist Ugetsu wie kaum ein anderer Film mit Szenen gespickt, deren schiere Brillanz einem den Atem stocken lassen. Der Zuschauer wird ständig hin und her gerissen zwischen der Bewunderung für die von Mizoguchi inszenierte wahrhaftig traumhafte Schönheit der Welt und dem Mitleid für die Frauen und ihrem tragischen Schicksal, das sie in ebendieser Welt ereilt.

Doch diese Welt ist auch geprägt vom Wahnsinn des Krieges, der in Ugetsu allgegenwärtig ist. Anstatt jedoch Schlachten zu inszenieren, werden dem Zuschauer immer wieder die Leiden der einfachen Menschen vor Augen geführt: Dorfbewohner, die in Panik in die Berge flüchten, dabei Hab und Gut verlieren. Arglose Bauern wie Genjuro und Tobei, die plötzlich Gier und Größenwahn verfallen. Frauen wie Ohama, die Opfer willkürlicher Vergewaltigungen werden. Und Miyagi, die in einer vor allem wegen ihrer schieren Absurdität erschreckenden Szene von betrunkenen Soldaten wegen ein paar Reiskuchen erstochen wird, ihren kleinen Sohn auf dem Rücken tragend.

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So ist dieser Film nicht nur ein außergewöhnlich meisterhaft inszeniertes Werk, sondern acht Jahre nach Kriegsende auch eine unübersehbare Mahnung. Für diese filmische Meisterleistung wurde Ugetsu monogatari in Venedig mit dem “Silbernen Löwen” ausgezeichnet und wird bis heute regelmäßig von Kritikern als einer der besten Filme in der Geschichte des Kinos benannt.

[Hinweis: Dies ist die stark erweiterte und ergänzte Version eines ursprünglich am 23. September 2006 veröffentlichen Artikels.]