Ein absolut würdiger Abschluss des Festivals war der Sonntag, an dem ich zuerst in A Bride of Noto war, um mir anschließend Bloody Snake under the sun anzusehen, der in den nächsten Wochen in die japanischen Kinos kommt und dessen Produzent Yamashita und Hauptdarsteller Shôgen zu Gast waren. Die ausführliche Kritik kommt demnächst, was mich aber sehr begeistert hat waren unsere beiden Gäste, die nach der Vorstellung ausführlich auf Fragen des Publikums eingingen (so ausführlich, dass der nachfolgende Film um 20 Minuten verschoben werden musste).

Produzent Yamashita berichtete lang und breit (der Kollege scheint recht gesprächig zu sein) von den Widrigkeiten, die das Projekt auf Schritt und Tritt verfolgten: Ein wichtiger Sponsor sprang ab, bei einem anderen wurden für das Projekt gedachte Gelder veruntreut, so dass die Postproduktion sich fast zwei Jahre hinzog! Die Dreharbeiten selbst fanden bereits 2006 statt, zum großen Teil in Thailand (der Film spielt in den 1960er Jahren auf Okinawa) und müssen eine ziemlich extreme Erfahrung gewesen sein.

Shôgen stammt zwar selbst von Okinawa, musste sich aber für seine Rolle erst das Spielen eines lokalen Instruments (so eine Art kleine Gitarre, den genauen Namen hab ich vergessen, es ist aber nicht die Shamisen) beibringen. Und er musste im Film, in dem er einen sehr extrovertierten, kumpelhaften Typen spielt, der ständig Witze reisst und seinen Freunden Streiche spielt, wohl auch ziemlich aus sich herausgehen, denn im realen Leben wirkt er eher ruhig und zurückhaltend. Definitiv ein sehr sympathischer Kerl! Ich wünschte, ich hätte früher gemerkt, dass er richtig gutes Englisch spricht, das wäre die Gelegenheit gewesen, um Kontakte zu knüpfen.

Shogen und Sandra beim Fotoshooting

Auf dem Foto ist er übrigens mit einem signierten Poster seines Films und mit Sandra aus dem Festival-Team zu sehen.

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Wir haben auf an manchen Abenden ja auch für ein befreundetes Hamburger Label eine wilde Mischung DVDs verkauft, von Pink und Sexploitation über Yakuza-Trash bis hin zu Horror und Splatter. Naja, verkauft ist wohl das falsche Wort, „angeboten“ würde es eher treffen, denn die paar Scheiben die über den Tisch gingen waren eigentlich zu vernachlässigen 😉

Nur an einem Abend nicht: Als The Machine Girl lief waren die Gäste vor dem Film noch zurückhaltend, aber nach dem Film wurde uns die gerade erschienene US-DVD förmlich aus den Händen gerissen! Und das zu 25 Euro pro Stück, obwohl es die bei Amazon.com für schlappe 13 US-$ (knapp 9 Euro) gibt!

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Kurzbericht zu Noisy Requiem:

Der über fünf Jahre gedrehte Film mit zweieinhalb Stunden Laufzeit, der auf dem Weg zu einem Festival schon mal vom italienischen Zoll konfisziert wurde weil er als Gefahr für die Moral eingeschätzt wurde, verdient eigentlich eine ausführliche Auseinandersetzung. Dazu müsste ich ihn allerdings mindestens noch ein weiteres Mal sehen, daher jetzt die Kurzfassung.

Yoshihiko Matsui verwebt in diesem Epos die Geschichten mehrerer Außenseiter während der Hochphase des japanischen Wirtschaftsbooms in den 1980ern. Ein Frauenmörder, der eine intime Beziehung zu einer Schaufensterpuppe pflegt, verkrüppelte Kriegsveteranen, eine durch einen Unfall entstellte Zwergin und die inzestuöse Liebesgeschichte eines jungen Geschwisterpaars fließen ineinander und lassen kein Tabu unberührt. Auch wenn manche der meist grandios fotografierten Schwarz-weiss-Bilder sehr drastisch sind, was den Film wirklich aufwühlend und schockierend macht, ist vielmehr, dass sich so viel in der Fantasie des Zuschauers abspielt.

Noisy Requiem ist eine schier unendliche Aneinanderreihung von Industriebrachen, Abfallhalden, Abwasserkanälen, Hinterhöfen und ausgestorbenen Lagerhallen. Schmutz und Dreck wollen gar kein Ende nehmen und die Akteure, die anfangs noch relativ „normal“ erscheinen, versinken irgendwann völlig darin.

Für mich überraschend: Es gibt kaum Szenen, in denen ein direkter Kontrast mit dem Bild des sauberen, reichen Japans aufgebaut wird. Durch dieses fast völlige Fehlen scheint es, als würde der Film die Existenz dieser „guten“ Welt regelrecht negieren. In dieser Hinsicht ging Matsui viel weiter als etwa Shohei Imamura, der sich ja auch immer für Außenseiter und die Schattenseiten der Gesellschaft interessierte, diese dabei aber in die Gesellschaft einbettete.