Der heute für aus Japan stammende Animationsfilme übliche Begriff Anime entstand erst in den späten 1960er Jahren, mit der Entwicklung einer echten Animationsindustrie. Die zuvor in den Jahren seit 1917 produzierten Filme waren als Doga bezeichnet worden.

Der erste japanische Animationsfilm Mukuzo Imokawa wurde von Hekoten Shimokawa, einem Mitarbeiter des humoristischen Magazins Tokyo Puck im Jahr 1917 produziert. Im selben Jahr entstanden auch Hanahekonai’s New Sword von Junichi Kouchi und The Battle of the Monkey and the Crab von Seitaro Kitayama, der 1921 das erste japanische Animationsstudio gründete (das allerdings bereits nach dem großen Kanto-Erdbeben 1923 wieder auflöste).

In dieser Frühphase wurden Animationsfilme meist für Schulungen eingesetzt. Einer der Zeichner in Kitayamas Studio, Sanae Yamamoto, begann bald eigenständig Filme zu produzieren und wurde neben Yasuji Murata und Noburo Ofuji zu einem der Aushängeschilder der Animationsindustrie. Ihre Filme basierten meist auf asiatischen Legenden, Märchen und Sagen und orientierten sich stark an den amerikanischen Vorbildern. Eine Spezialität Ofujis war die Animation von bemalten Papierausschnitten.

Der typische Animationsfilm der 1930er Jahre war schwarz-weiß, hatte eine Länge von sechs bis 14 Minuten und behandelte Sagen, Tieranimationen im Disney-Stil und Komödien mit militaristischem Hintergrund. Auch wenn wichtige Animateure wie Ofuji oder Murata ihren Themen treu blieben, wurden im Laufe der 30er Jahre doch immer mehr propagandistische Filme gedreht. Spätestens nach dem Angriff auf Pearl Harbor entstanden dann fast ausschließlich Animationsfilme mit propagandistischem Hintergrund. Ihr Zweck war es, die Glorifizierung der Armee und des Krieges in den Realfilmen zu ergänzen und damit eine größere Abdeckung der Bevökerung zu erreichen, speziell Familien und Kinder.

Umso erstaunlicher, dass es Kenzo Masaoka 1943 gelang, mit Kumo to chourippu eines der größten Meisterwerke aus der Frühzeit des Animationsfilms zu schaffen. Darin versucht eine große schwarze Spinne, ein Marienkäfermädchen in ihr Netz zu locken. Im letzten Moment entdeckt die Marienkäfer-Dame die Falle und flüchtet in eine schützende Tulpe. Die Spinne gibt nicht auf und webt die gesamte Tulpe ein in welcher der Marienkäfer sitzt. Doch da setzt ein Sturm ein und die Spinne muss plötzlich selbst um ihr Netz und ihr Leben kämpfen.

Nach Kriegsende schlossen sich Sanae Yamamoto und Kenzo Masaoka zusammen und gründeten die Produktionsfirma Nihon Doga. Trotz der neuen Organisationsform und der Zusammenarbeit zweier bekannter Animationskünstler fehlte es aber an professionellen Produktionsmitteln. Außerdem blieben viele Animateure den gewohnten Arbeitsmethoden und –techniken treu, so dass die Filme der späten 1940er Jahre sich kaum von denen der 30er unterschieden. Nur mussten sie jetzt mit den aus den USA importierten, aufwändig in Farbe produzierten Disney-Filmen konkurrieren.

1955 entschied Toei, eines der großen japanischen Filmstudios, eine Abteilung für Animationsfilme zu einzurichten und kaufte Nihon Doga auf, so dass 1956 Toei Doga entstand. Erklärtes Ziel war es, das “Disney Asiens” zu werden. Ab 1958 entstand nun unter der Leitung von Taji Yabushita und Yasuji Mori jedes Jahr ein abendfüllender Farbfilm, für den sie zunächst auf das erprobte Disney-Schema der Adaption von Märchen und Sagen zurückgriffen, in denen süße Tiere und viel Magie vorkamen.

Fast zeitgleich baute auch Ryuchi Yokoyama, ein bekannter Manga-Zeichner, ein eigenes Studio auf, mit dem er mehrere preisgekrönte Filme produzierte. Zudem begann Tadahito Mochinaga für das Fernsehen erste Werbespots (Once Upon a Time There Was Beer) und Kurzfilme zu drehen, von denen Little Black Sambo Conquers the Tigers 1958 beim Internationalen Filmfest in Vancouver ausgezeichnet wurde. Der Grundstein für eine blühende Animationsindustrie war gelegt.

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