17 Mrz
Original: Mononoke Hime (1997), von Hayao Miyazaki
Mit Prinzessin Mononoke fing alles an. Knapp fünf Jahre ist es her, dass ich ihn das erste Mal auf Video gesehen habe, und dieses Erlebnis war für mich wie eine Offenbarung! Dieser Film hatte so gar nichts mit den Animationsfilmen gemein, die ich bis dahin gesehen hatte (sprich: Disney und Pixar) und war so viel durchdachter, tiefgehender und menschlicher, dass ich mir wie ein Zweitliga-Kicker vorkam, den es plötzlich in die Nationalmannschaft verschlagen hat.
Wie immer bei Miyazaki ist die Welt des Films eine Mischung aus historischer Realität und dem Reich der Magie: Prinz Ashitaka rettet sein Dorf vor dem Angriff eines Dämons, wird dabei aber mit einem Fluch belegt. Auf der Suche nach dem Ursprung des Dämons stößt er auf eine Stadt, die Erzvorkommen ausbeutet und deren Herrin Eboshi Gewehre herstellt und damit die alten Waldgeister bekämpft. Auf der Seite des Waldes und seiner Tiere kämpft San, von den Menschen Prinzessin Mononoke genannt, in die Ashitaka sich sofort verliebt, wodurch er sich zwischen alle Fronten gerät.

Die Geschichte ist sehr komplex, definitiv nicht für kleine Kinder geeignet (es fließt reichlich Blut) und unglaublich faszinierend! Auch das kleinste Detail ist wunderschön gezeichnet, die Landschaftsbilder sind atemberaubend und die Charaktere glaubwürdig und im Gegensatz zu US-Filmen nicht in ein schwarz-weiß-Schema von gut gegen böse gepresst. Beispielsweise befreit die scheinbar böse Eboshi Frauen aus der Prostitution, um ihnen ein neues Leben zu ermöglichen, und kümmert sich rührend um Leprakranke. So hat jeder Charakter seine guten, aber auch seine schlechten Seiten.
Miyazaki klagt in Prinzessin Mononoke vor allem den Raubbau an der Natur aus egoistischen Motiven und kurzfristigem Gewinndenken an, sowie die Unfähigkeit der Menschen, in Harmonie untereinander und mit der Natur zu leben. Er plädiert für einen Neubeginn, eine neue Kultur und ein neues Bewusstsein im Umgang mit der Natur aber auch mit den Menschen. Er ist sich im Klaren, dass er sich damit Feinde auf beiden Seiten macht.
Dieses Dilemma verkörpert Ashitaka, der erkennt, dass sowohl die Menschen der Stadt als auch die Tiere und Geister des Waldes ihre Daseinsberechtigung haben. Damit stößt er sowohl bei Eboshi als auch bei San auf Unverständnis, phasenweise gar Hass. Der auf ihm lastende Fluch ist damit nicht nur dämonischer Zorn angesichts von Starrsinn und Zerstörung, sondern auch die schwere Erkenntnis, dass nur in der harmonischen Koexistenz von Mensch und Natur ein Ausweg aus den blutigen Kämpfen liegt. Ashitakas schwierige Aufgabe ist es, diese Erkenntnis zu verbreiten.

Immer wieder zeigt Miyazaki uns die durch den Fluch verunstaltete Hand des Helden, als wollte er uns auffordern, etwas zu tun, um diesen Fluch abzuwaschen. Erst ganz am – zwar glücklichen aber dennoch sehr nachdenklich stimmenden – Ende des Films, als alle Beteiligten ihre Verfehlungen eingesehen haben und zu einem Neubeginn bereit sind (bzw. dazu gezwungen wurden), verschwindet der Fluch. Ashitaka hat etwas bewirkt, eine Veränderung im Bewusstsein der Menschen angestoßen und den Weg in eine bessere Zukunft aufgezeigt.
Die Kernbotschaft von Mononoke ist damit umrissen; der Film ist jedoch so vielschichtig, dass ich ein ganzes Buch schreiben könnte, aber das schaffe ich heute Abend nicht mehr.
7 Kommentare for "Prinzessin Mononoke"
Gut (wenn auch in der Tat viel zu kurz) umrissen. Nur ein winziger Teil der japanischen Zeichentrickwelt interessiert mich wirklich, aber Filme wie Mononoke Hime sind schlichtweg ergreifend – wie auch ältere, ebenfalls sehr ernste wenn auch anders gestaltete Filme wie “Hotaru no haka” (dt. Grab der Glühwürmchen?). Ältere Werke von Miyazaki sind auch sehr schön, aber etwas schwerer nachvollziehbar.
Hi tabibito,
klar, ich könnte noch viel mehr schreiben, zum Verhältnis von Ashitaka und San, zu den verschiedenen Nebengeschichten rund um Jiko und Eboshi, zur Kritik an soziokulturellen Verhältnissen, zu den Uneinigkeiten in beiden Lagern, zur Symbolik, zur Entstehung des Films und nicht zuletzt hätte sich ein Vergleich mit Filmen von Akira Kurosawa aufgedrängt
Wie gesagt, ein Buch wäre da wohl der angemessene Umfang. Hier im Blog wollte ich den für mich zentralen Punkt hervorheben. Außerdem fehlen mir noch das Hintergrundwissen und die Vergleichsmöglichkeiten, um Mononoke umfassend einordnen zu können. Was würde dir denn noch unter den Fingern brennen?
Und zu den älteren Filmen Miyazakis, was sind denn deine Favoriten?
PS: Hotaru no haka ist glaub ich nicht von Miyazaki sondern Isao Takahata, kann mich aber auch irren.
Oh, da hast Du ja schon “Mein Nachbar Totoro” erwähnt. Höre den deutschen Titel übrigens zum ersten Mal. “Kaze no tani no Naushika” (dt. Titel vielleicht “Naushika aus dem Tal der Winde”?) hätte ich noch erwähnt, eines seiner früheren Werke von 1984 oder so. Fand ich auch sehr tiefgreifend und phantasievoll.
“Hotaru no haka” ist von Takahata, das ist richtig. Für mich war es allerdings der erste Anime, den ich mit offenem Mund und bis zum Ende gesehen habe. Bin soweit kein Freund des Genres, aber der Film hat mir zum ersten Mal gezeigt, was ein gut gemachter Zeichentrickfilm bewirken kann. Ich war wirklich tief bewegt.
Übrigens finde ich die “Makkuro Kurosuke” die Du jetzt in Dein Design eingebaut hast sehr passend
(die kleinen wuseligen schwarzen Wesen – die tauchen ja in etlichen Filmen von Miyazaki auf)
Bist du Hellseher? Nausicaä ist der nächste auf meiner Liste! und die makkuro Kurosuke sind super, nicht? bin ganz stolz auf mich
Hallo ihr beiden,
ist zwar schon länger her, dass jemand etwas dazu geschrieben hat, aber ich wollte auch mal meinen Senf dazugeben.
Mononoke Hime ist einer meiner Lieblingsfilme, da mich die Problematik in diesem Film sehr intressiert und er auch wunderschön gezeichnet ist.
Der Konflikt zwischen Natur und Mensch den Hayao Miyazaki so überzeugend dagestellt hat, kann auch (oder gerade vor Allem?) auf unsere Zeit übertragen werden. Das find ich bei Myazakis Filmen immer so bewundernswert, sie enthalten doch alle irgendwie eine Botschaft an den Zuschauer, oder?
Hi Ranna,
freue mich immer, wenn eine neue Stimme eine ältere Diskussion wieder in Gang bringt, also nur keine falsche Scheu.
Die Art wie Miyazaki in seinen zumeist nicht in der Gegenwart spielenden Filmen Konflikte unserer Zeit thematisiert und darüber eine Botschaft vermittelt, ist wirklich bewundernswert. Bin da ganz bei dir. Und bei Mononoke ist ihm das besonders eindrucksvoll gelungen.
Wunderschöner Artikel.
Mir geht’s genauso, Mononoke war auch bei mir der Film der meine Faszination für Japanisches oder generell Asiatisches Kino entzündete.
Ein Film der den Titel “Meisterwerk” wahrlich Verdient.
Hier kommt deine Meinung rein: