Original: Jûsan nin no shikaku (2010) von Takashi Miike

Wir schreiben das Jahr 1844, als das Oberhaupt einer anerkannten Samuraifamilie rituellen Selbstmord begeht. Er hinterlässt eine Schrift, in der er Fürst Naritsugu (Goro Inagaki), Halbbruder des Shoguns, grausamer Verbrechen anklagt. Dies ist nicht der einzige Skandal, für den Naritsugu verantwortlich ist, doch eine Bestrafung des Fürsten wäre ein nicht akzeptabler Gesichtsverlust für den Shogun. So erhält Shinzaemon Shimada (Koji Yakusho) den Auftrag, eine schlagkräftige Truppe von Samurai um sich zu versammeln und den Fürsten auf der Rückreise von Edo zu ermorden.

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Wer sich nur ein ganz winzig kleines bisschen mit Jidaigeki auskennt, wird in diesem Film an allen Ecken und Enden Zitate und Hommagen finden. Am auffallendsten sind natürlich die Parallelen zu Die Sieben Samurai: Die Rekrutierung der Kämpfer für Recht und Ordnung; der Ausbau des Dorfes zur Festung, die für Naritsugu und seinen Tross zum Grab werden soll; die Begegnung mit dem draufgängerischen Jäger Koyata, der sich den Samurai anschließt; und natürlich die nicht enden wollende Schlacht am Ende des Films.

Aber hier wurde nicht nur abgeguckt, an vielen Stellen hatte ich den Eindruck dass Miike ganz gezielt dem großen, unerreichten Meisterwerk Kurosawas seine Ehre erweist. So finden sich in 13 Assassins gleich mehrere Szenen, in denen Shimada seinen Samurai (und damit auch uns Zuschauern) anhand einer Karte seine Pläne erläutert oder mit der Karte in der Hand die Arbeiten im Dorf dirigiert, genau wie dereinst Kanbei. Und was passiert in genau dem Moment, als die Samurai zu dem Dorf aufbrechen? Es beginnt zu regnen.

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Darüber hinaus finden sich auch deutliche Parallelen zu Filmen Masaki Kobayashis, allen voran Samurai Rebellion und Harakiri. Nicht nur, dass sich Miike bei der visuellen Gestaltung seines Films an einigen Stellen offenbar von deren strenger Bildsprache inspirieren ließ. Auch die Thematisierung unmenschlicher Machtstrukturen, die es selbstgerechten und selbstverliebten Herrschern erlauben, auf dem Rücken der Menschen jede Laune auszuleben und unendliches Leid zu verursachen ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, stammt ganz offensichtlich aus diesen Filmen und der Atmosphäre der rebellischen 60er Jahre.

Auch hier knüpft 13 Assassins an die Vorbilder an, indem der bis zur Karikatur des grausamen Despoten überzeichnete Fürst nicht die widerstreitenden Moralvorstellungen und Verpflichtungen der Samurai in den Hintergrund drängt. Vielmehr befeuert er den Konflikt, in dem sich sein General Hanbei  (Masachika Ichimura) wiederfindet. Als aufrechter, loyaler Samurai sowie alter Bekannter Shimadas fühlt sich Hanbei ganz den alten Traditionen und Werten von bedingungsloser Treue und Aufopferung gegenüber dem Fürsten verpflichtet, ist aber gleichzeitig entsetzt angesichts der Grausamkeit und der Verbrechen seines Herrn.

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So opfern die 13 Samurai ihr Leben nicht, um Rache zu nehmen oder um ihre Ehre oder die ihres Clans zu schützen, was letztlich selbstbezogenes Handeln wäre und der Bewahrung der bestehenden Traditionen und Strukturen entspräche. Vielmehr kämpfen sie, um großes Leid vom ganzen Land und allen Menschen abzuwenden und scheren sich dabei wenig um Konventionen.

Dafür steht vor allem der Ronin Hirayama, eine wahre Kampfmaschine, der seinen Schützlingen einbläut: „Wenn ihr kein Schwert habt, tötet mit einem Stein. Wenn ihr keinen Stein habt, tötet mit euren Händen“. Aber auch das finale Duell zwischen dem konservativen Hanbei, der seinen Fürsten bis zuletzt verteidigt, und Shimada macht deutlich, dass die 13 Samurai den Bruch mit den Traditionen und die bevorstehende Moderne repräsentieren. Kein Wunder, dass der Film am Ende auf den bevorstehenden Untergang des Shogunats verweist.

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Diese Elemente prägen vor allem die erste Hälfte des Films, in denen die Machenschaften des Fürsten, die politischen Ränkespiele, die Rekrutierung der Samurai und die Vorbereitungen des Angriffs im Zentrum stehen. In der zweiten Hälfte geht es dann recht schnell zur Sache: Nachdem die Samurai im Dorf eintreffen beginnt eine Schlacht, wie es sie in einem japanischen Film wohl noch nie zu sehen gab. Allein die Länge von fast 45 Minuten ununterbrochener Kämpfe dürfte absoluter Rekord sein, dazu kommt ein großer Einfallsreichtum, der Sprengsätze ebenso einbezieht wie Stiere mit Brennsätzen auf dem Rücken.

Trotz der Länge zeichnet sich die Schlacht doch durch eine große Realitätsnähe aus. Damit hebt sich der Film wohltuend ab sowohl von den Gewaltexzessen, die Miike in der Vergangenheit schon abgeliefert hat, als auch von völlig überdrehten Stunts mit scheinbar schwerelos durch die Lüfte fliegenden Helden und aus dem Boden auftauchenden Ninjas. Dass ausgerechnet Miike einen solchen im besten Sinne klassischen Samuraifilm drehen und damit nahtlos an die Hochphase des Genres anknüpfen würde, das hat mich dann doch überrascht.

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13 Assassins ist einfach großartig anzusehen, ein geradezu monumentaler Film der so ziemlich alles enthält, was zum Genre gehört, und davon so viel wie nur möglich. Seine einzige Schwäche ist die mangelnde Identifikation mit den Samurai, weil uns Zuschauern einfach nicht genug Zeit bleibt, um zu mehr als vier oder fünf von Ihnen eine Bindung und Sympathie aufzubauen. Möglicherweise macht sich hier auch die um 15 Minuten gekürzte internationale Fassung bemerkbar, die ich gesehen habe. Angeblich fehlt in dieser nämlich eine längere Bordell-Szene, in der einige der Samurai vor dem Aufbruch in die Schlacht nochmal Dampf ablassen. Aber auch so ist Takashi Miike hier so ziemlich der beste Schwertkampffilm seit Jahrzehnten gelungen.