Archive for März, 2007

Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts MyVoice rund ums Thema Kinogang, an der über 13.000 Menschen teilgenommen hatten: 48,6 Prozent gaben an, im letzten halben Jahr nicht im Kino gewesen zu sein. Als regelmäßige Kinogänger mit durchschnittlich mindestens einem Kinobesuch im Monat bezeichneten sich knapp 10 Prozent (mehr Umfrageergebnisse, auch zu den beliebtesten Filmen der jüngeren Vergangenheit, bei denen Letters from Iwo Jima vorne liegt).

Jetzt wäre natürlich der Vergleich mit Deutschland interessant, ich konnte aber keine vergleichbaren Zahlen ergoogeln. Bei David Bordwell und hier gibt’s zumindest einige rudimentäre Angaben zum globalen Vergleich, da liegen die Deutschen mit rund 1,5 Besuchen pro Jahr und Einwohner knapp vor den Japanern mit 1,26. Hat jemand bessere Zahlen?

Seit Monaten habe ich mich fast ausschließlich mit Filmen von Mikio Naruse und Akira Kurosawa beschäftigt. Beide Regisseure haben mir mit ihren Filmen großartige, bereichernde und erfüllende Stunden geschenkt und auch die Beschäftigung mit der Literatur zum Thema war immer interessant und sehr aufschlussreich. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich etwas Abwechslung brauche, einen filmischen Tapetenwechsel gewissermaßen.

Und natürlich habe ich schon ein neues Feld gefunden, das ich beackern kann. Eines, dem ich mich bisher noch so gut wie überhaupt nicht gewidmet habe und das ursprünglich doch mein Interesse an japanischen Filmen erst geweckt hat: Anime. Es waren ursprünglich nämlich die Filme des Studio Ghibli, deren Faszination ich mich nicht entziehen konnte und die ein weitergehendes Interesse am japanischen Kino weckten. Zudem sind Anime seit jeher ein integraler Bestandteil der Kinolandschaft in Japan, heute mehr denn je. Etwa die Hälfte aller Kinokarten werden für Animes verkauft, die auch international erfolgreichsten Filme der letzten Jahre waren Animes.

Ich bin schon sehr gespannt auf diese neue Filmwelt, von der ich bisher noch kaum etwas weiß. Herantasten werde ich mich erst einmal über die Werke des Großmeisters Hayao Miyazaki, Klassiker wie Akira und Ghost in the shell stehen natürlich auch ganz oben auf meiner Liste, und dann gibt es ja noch die Anime-Bestenliste. Natürlich sind Tipps und Filmvorschläge gern gesehen!

Achja, da ich bei der Vorbereitung meines Kurosawa-Vortrags entdeckt habe, dass man mit dem VLC-Player ganz einfach Screenshots machen kann, werde ich jetzt auch öfter mal Filmbesprechungen mit Bildern anreichern. Wie sich das für ein multimediales Medium wie das Internet gehört!

Zum siebten Mal findet dieses Jahr in Frankfurt/Main das Nippon Connection Filmfestival statt, und zwar vom 18. bis 22. April. Heute trudelte eine E-Mail mit den neusten Infos (die leider noch nicht auf der Homepage stehen) ein, darunter welche Filme im Programm sind und auf welche Gäste man sich freuen darf. Klingt viel versprechend:

Erwartet werden unter anderem der Kultregisseur Shinya Tsukamoto („Tetsuo“) mit seinem neuen Meisterwerk Nightmare Detective, eine der bekanntesten Schauspielerinnen Japans Kaori Momoi mit ihrem bereits auf der Berlinale gefeierten Regiedebüt Faces of a Fig Tree, „Boys Choir“-Regisseur Akira Ogata mit The Milkwoman und Japans Trashfilm-Spezialist Minoru Kawasaki mit The World Sinks Except Japan und Rug Cop.

Und diese Streifen werden gezeigt:

A Prisoner (Yuheisha) von Masao Adachi
Arch Angels (Warau daitenshi (Mikaeru)) von Issei Oda
Baumkuchen von Kensaku Kakimoto
Boy (Shonen) von Yuji Dan
Faces of a Fig Tree (Ichijiku no kao) von Kaori Momoi
Fourteen (Juyonsai) von Hiromasa Hirosue
German + Rain (Jâman + ame) von Satoko Yokohama
Hal & Bons von Katsuhito Ishii
Into a Dream (Yume no naka he) von Sion Sono
Kemonozume (Episode 1-5) von Masaaki Yuasa
Komaneko – The Curious Cat (Komadori eiga komaneko) von Tsuneo Goda
Look of Love (Rukku obu rabu) von Yoshiharu Ueoka
Love Hotels von Ryotaro Muramatsu
Love on Sunday (Koi suru nichiyôbi) von Ryuichi Hiroki
La Maison de Himiko (Mezon do Himiko) von Isshin Inudô
The Matsugane Potshot Affair (Matsugane ransha jiken) von Nobuhiro Yamashita
The Milkwoman (Itsuka dokusho suru hi) von Akira Ogata
Mushishi von Katsuhiro Otomo
Nightmare Detective (Akumu tantei) von Shinya Tsukamotou
Nikomihoppy (Monzetsu – Hotobashiru aiyoku) von Toshiro Enomoto
Noriko’s Dinner Table (Noriko no shokutaku) von Sion Sono
The Pavillion Salamandre (Pavillion sanshouo) von Masanori Tominaga
Paprika von Satoshi Kon
Rug Cop (Zura deka) von Minoru Kawasaki
Strawberry Shortcakes von Hitoshi Yazaki
Tekkon Kinkreet von Michael Arias
Ten Nights of Dreams (Yumejûya) von Kon Ichikawa, Takashi Shimizu, Miwa Nishikawa, Nobuhiro Yamashita u.a., J 2006
Uncle’s Paradise (Ojisan Tengoku / Zetsurin zetsujô) von Shinji Imaoka
Unholy Women (Kowai onna) von Keita Amemiya, Takuji Suzuki, Keisuke Toyoshima
The World Sinks Except Japan (Nihon igai zebu chinbotsu) von Minoru Kawasaki
The Yakiniku Movie: Bulgogi (Za Yakiniku Mubi: Purukogi) von Su-yeon Gu
Yokohama Mary von Takayuki Nakamura

Außerdem laufen wohl eine ganze Reihe von Kurzfilmen und Klassikern und auch ein umfassendes japanzentriertes Rahmenprogramm wird angeboten. Wer (wie leider auch ich) keine Zeit hat, für ein paar Tage nach Frankfurt zu fahren,bekommt noch eine zweite Chance: Ein Teil der Filme geht nach dem Festival auf Welttournee, geplante Stationen sind Leipzig, Berlin, Rotterdam, Barcelona, Michigan, Toronto und Rio de Janeiro.

So, trotz des herrlichen Wetters hab ich mich auf meine vier Buchstaben gesetzt und den angekündigten Essay zu Akira Kurosawa abgeschlossen. Der Essay basiert auf einem Vortrag, der sich an ein bunt zusammengesetztes Laienpublikum, sowohl filmtheoretisch als auch was Kurosawa betrifft, richtet. Für diesen Vortrag hatte ich mich für eine Mischung aus chronologischem und thematisch-systematischem Vorgehen entschieden, und so ist auch der Essay strukturiert.

Für alle, die sich die 10 Seiten nicht durchlesen möchten, auf die Schnelle einige zentrale Punkte:

  • Kurosawas Schaffen lässt sich grob in vier Phasen unterteilen. Eine etwa bis Rashomon (1950) reichende Frühphase, in der er mit Techniken und Stilmitteln experimentiert und in der sich beherrschende Themen und Motive herauskristallisieren. Dann die bis Rotbart (1965) andauernde Reifephase, auf die eine Zeit großer professioneller und persönlicher Krisen folgt, die zu sehr pessimistisch geprägten Filmen führt, die 1985 in Ran kulminiert. Darauf folgt schließlich ein versöhnliches Alterswerk, das sich ästhetisch und thematisch stark von allen anderen Filmen unterscheidet.
  • Zentrales Thema vieler Filme Kurosawas sind die Entwicklung eines Helden und dessen Kampf mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Kontext. Dabei sind die Helden mit dem Dilemma konfrontiert, dass der Weg zu Selbsterkenntnis und Verbesserung gesellschaftlicher Zustände ein einsamer ist, gleichzeitig aber ein Leben ohne Einsatz für ein Ziel, ohne hartes Arbeiten an sich selbst und ohne Hingabe an ein höheres Ideal oder einen Meister leer und bedeutungslos ist.
  • Wichtige Merkmale von Kurosawas Stil sind die Fragmentierung (durch lineare Muster) und Kompression (durch Teleobjektive) des dargestellten Raums, was wiederum zusammen mit kontrastierender Schnitttechnik eine hohe Dynamik hervorbringt (außer in den Filmen der Spätphase). Außerdem verwendet er häufig Wind und Wetter, um wichtige Entwicklungen anzukündigen oder eine bedrohliche, bedrückende Stimmung zu schaffen.

pdf-iconDie ausführliche Version als PDF mit biographischem Hintergrund, Beispielen aus Filmen und ein paar Screenshots kannst du hier herunterladen. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Anregungen, Fragen und Kritik!

…habe ich für meinen Vortrag bei der DJG Hamburg zwar nicht eingeheimst, aber dafür reichlich Lob von den etwa 30 Zuhörern. Fast noch wichtiger: Mir selbst hat’s auch riesigen Spaß gemacht!

Etwas nervös war ich vorher schon, schließlich habe ich einen derartigen Vortrag noch nie gehalten. Klar, Referate an der Uni, aber da reichen doch meist 20 Minuten und ein paar Folien. Mit einer angepeilten Rededauer von 80 Minuten und einer Powerpoint-Präsentation mit sage und schreibe 100 Folien – die meisten davon allerdings Screenshots aus Filmen – war das dann doch ein ganz anderes Kaliber. Aber nachdem ich dann losgelegt hatte, gab es keine Nervosität und kein Halten mehr.

Eine Lektion hab ich aber auf alle Fälle gelernt: Immer eine Übersicht über die Abfolge der Folien in den Notizen mit einbauen. Ich bin doch des öfteren etwas aus dem Tritt gekommen, wenn plötzlich eine Folie zu einem eigentlich schon abgeschlossenen Thema kam, oder die mir sonstwie grade nicht in den Kram passte.

Großen Dank auch noch an meinen Kollegen Tobi, der mir einen überaus praktischen Laserpointer mit Steuerungsfunktion für Powerpoint auslieh, an dem ich mich während des Vortrags festhalten konnte. 😉

In den nächsten Tagen werde ich übrigens noch meine Notizen überarbeiten und dann hier in Essay-Form zum Download bereitstellen.

Update: Den Kurosawa-Essay gibt es inzwischen hier als PDF.