Original: Kumo no mukô, yakusoku no basho (2004), von Makoto Shinkai
Makoto Shinkai wurde durch den 25-minütigen Anime Voices from a distant star schlagartig berühmt, was vor allem daran lag, dass er den gesamten Film im Alleingang zuhause animiert hatte! Und auch wenn er bei The Place Promised mit einem großen Team an Animateuren, Designern, Technikern und Schauspielern arbeiten konnte, übernahm er doch wieder eine außergewöhnliche Vielzahl an Aufgaben: Vom Charakterdesign über die Hintergrundbilder, den Schnitt und das Drehbuch bis hin zur Musik, alles ist von Shinkai selbst konzipiert. Vielleicht ist es allein damit zu erklären, dass der Film so atmosphärisch dicht, stimmig und atemberaubend schön geworden ist.
Zwei Jungs, Takuya und Hiroki, bauen in den Schulferien an ihrem Traum, einem Flugzeug, das sie zu dem geheimnisvollen Turm bringen soll, der sich weithin sichtbar auf Hokkaido erhebt. Eines Tages zeigen sie ihrer bewunderten Mitschülerin Sayuri das Flugzeug und versprechen ihr, sie auf dem Flug zum Turm mitzunehmen. Einen Sommer lang sind die drei beste Freunde, doch dann kommt der Bruch.
Diesen Sommer erleben wir in Hirokis Erinnerung, die dann der Gegenwart Platz macht. In dieser ist Sayuri einem rätselhaften Dauerschlaf verfallen, Takuya forscht in einem Labor über Paralleluniversen, die irgendwie mit dem Turm zusammenhängen zu scheinen und Hiroki hängt diesem einzigartigen Sommer nach. Ein Krieg steht kurz vor dem Ausbruch, und das Flugzeug wartet immer noch auf seine Fertigstellung. So wie Sayuri darauf wartet, dass das ihr gegebene Versprechen eingelöst wird.

The Place Promised ist definitiv der großartigste Liebesfilm, den ich je gesehen habe, auch wenn das aus diesem kurzen Anriss der Geschichte nicht unbedingt so ohne weiteres ersichtlich ist. Die Gefühle der drei werden auch immer nur ganz dezent angedeutet und stehen die meiste Zeit im Schatten anderer, größerer Dinge. Zunächst ist es die grenzenlose Begeisterung der Jungs für ihr Flugzeug, das sie blind für Mädchen macht, dann überdeckt die sich entwickelnde Freundschaft mit Sayuri die tiefer liegenden Gefühle.
Auch wenn es im Film (jedenfalls in den Untertiteln und der englischen Sprachfassung) nirgends explizit gemacht wird, so muss der Bruch nach dem traumhaft schönen Sommer meiner Meinung nach auf eine Auseinandersetzung zwischen Hiroki und Takuya über Sayuri zurückzuführen sein, die sich beide in das Mädchen verlieben, das ihren Alltag und ihre Zweierfreundschaft komplett auf den Kopf stellt.

Besonders deutlich wird dies an den beiden obigen Screenshots, zwei exakt parallel konstruierten Szenen: Einmal die verschworenen Freunde Takuya und Hiroki, die über ihre Fortschritte beim Flugzeugbau sinnierend durch den Winterwald gehen. Und dann die spätere Szene im Sommer, in der nun, nur ein paar Monate später, Sayuri zwischen ihnen steht und ihre enge Freundschaft auf die Probe stellt.
Jahre später erst, vor dem Hintergrund des wegen des Turms ausbrechenden Krieges, findet Hiroki die Kraft, Takuya zu konfrontieren, zu seiner Liebe für Sayuri zu stehen und das ihr gegebene Versprechen einzulösen. Der alles entscheidende Moment auf diesem Weg, die Erkenntis dessen, was er zu tun hat, ist die Begegnung mit Sayuris Traum, die Überwindung der Grenze von Traum und Realität, die in The Place Promised als Paralleluniversen desselben Kontinuums betrachtet werden.

Vieles wird nur angedeutet, etwa der gesamte Komplex um die Forschung über Paralleluniversen und ihre Verbindung sowohl zum Turm als auch zu Sayuri, oder auch die politischen Ereignisse, die letztlich zum Krieg führen. Und dies ist auch nur konsequent, denn im Mittelpunkt stehen nunmal drei heranwachsende junge Menschen, die sich mit ihrem sich verändernden Selbst und ihren Gefühlen füreinander auseinander setzen müssen. Ausladende technische oder politische Details würden da nur stören. Dennoch trägt The Place Promised klare Züge der Science-Fiction, nicht zuletzt durch die Positionierung in einer alternativen, unserer eigenen aber sehr ähnlichen Welt.
Wie spielerisch es Makoto Shinkai mit diesem Film gelingt, die Genre-Grenzen von Science-Fiction und Romanze aufzulösen, beides miteinander zu verbinden und in eine intelligente Coming-of-Age-Geschichte einzubinden, ist hochgradig beeindruckend. Noch beeindruckender, ja, umwerfend, sind die von Licht durchfluteten Bilder des Films, der scheinbar aus einem endlosen Sonnenuntergang zu bestehen scheint. Neben grandiosen Naturpanoramen finden sich bezaubernde Details wie die Decke eines Zugabteils, in deren Chromleisten Reflexionen hin- und herhuschen oder durch ein leckes Dach hereinrieselnde Schneeflocken. Viele der Szenen sind Sinfonien pursten Lichts von fast übersinnlicher Schönheit.

Ständig am Horizont präsent ist dabei der Turm, das Sayuri versprochene Ziel ihres Fluges. Über dessen symbolische Bedeutung ließe sich lange spekulieren und diskutieren. Steht er für das Erwachsensein? Für Selbsterkenntnis? Gar für die Liebe an sich? Klar ist nur, dass er da ist, unübersehbar, dass eine besondere Faszination von ihm ausgeht, der sich auch der Zuschauer nicht entziehen kann und dass er den Schlüssel zum Glück darstellt. Aus diesen Gründen tendiere ich auch zu letzterer Sichtweise: Er ist ein Symbol der Liebe. Kann man aber auch anders sehen.
Ich kann es nicht wirklich in Worte fassen was diesen Film so außergewöhnlich macht, aber nachdem ich The Place Promised das erste Mal gesehen habe, wollte ich ihn sofort noch einmal schauen. Shinkai schafft auf virtuose Weise eine so reale Welt, dass die besonders im ersten Teil des Films allgegenwärtige Nostalgie und Sehnsucht Hirokis nach diesem Sommer, in dem alles möglich schien, geradezu greifbar wird und sich unweigerlich auf den Zuschauer überträgt. Man beginnt, sich nach einem Ort zu sehnen, an dem man nie war, nach Freunden, die man nie hatte und einer Liebe, die man nie fühlte. Man muss diesen Film gesehen haben, um das Nachempfinden zu können!
Während ich gestern Shrek der Dritte sah und popcornkauend in meinem Kinosessel saß, musste ich an das Zitat von Manohla Dargis zum Unterschied zwischen amerikanischen und japanischen Animationsfilmen denken:
One of this week’s indisputable standouts is ”Paprika,” the latest eye-popping anime from Satoshi Kon (”Millennium Actress,” ”Tokyo Godfathers”), which, despite the dizzying spirals of its overly compressed narrative, offers continued evidence that Japanese animators are reaching for the moon (and other far-out destinations), while most of their American counterparts remain stuck in the kiddie sandbox with their underage audiences.
Shrek ist wirklich kein schlechter Film, er weist die bekannten, sympathischen Charaktere auf, ist witzig, hat eine zwar vorhersehbare aber doch nette Story und seine Animation ist in manchen Details (die Haare von Arthur oder Prince Charming!) unfassbar naturalistisch.
Doch da liegt auch schon ein Teil des Problems. Anstatt die Möglichkeiten der Animation für ungewöhnliche Effekte, spannende Bildkompositionen oder expressionistische Elemente, welche den Charakteren mehr Tiefe geben könnten, zu verwenden, versucht man sich bei Dreamworks daran, Haare oder ein Getreidefeld immer noch “realistischer” und naturgetreuer hinzubekommen. Anstatt seinem Publikum etwas zum Staunen zu geben, es zu überraschen und dabei vielleicht auch zu fordern, verlässt man sich auf altbekannte Rezepturen und die etablierte Marke.
In den anderthalb Stunden Shrek, so unterhaltsam sie auch waren, dachte ich nicht ein einziges Mal “Wow”, war nie von den Bildern und der Kreativität der Animateure so überwältigt, wie mir das bei japanischen Anime regelmäßig passiert, kurz: das “eye-popping” fehlte komplett. Und das ist kein Problem von Shrek, sondern von amerikanischen Animationsfilmen ganz generell. Man denke an Madagascar, Ice Age, Hennen rennen und auch die meisten der Pixar-Filme, die – was Charakterentwicklung, Tiefe des Plots und Kreativität der Animation angeht – nicht einmal im Entferntesten mit den Japanern mithalten können.
Zentrales Problem dabei ist, dass Trickfilme aus den USA nach wie vor ausschließlich auf das Komödien-Genre beschränkt sind. Niemand scheint die Möglichkeiten, die der Animationsfilm für so naheliegende ernsthaftere Genres wie Science-Fiction oder Fantasy, die Anime in Japan so erfolgreich gemacht haben, bietet, zu erkennen. Oder es wagt einfach niemand, auch mal den eigentlich logischen, ja überfälligen, Schritt über die Komödie hinaus zu machen. Dargis’ Zitat weist hier bereits auf die einseitige Orientierung auf ein jugendliches Publikum hin, doch dies kann nicht der Grund für die Erstarrung der US-Animationsfilme sein, denn schließlich sind ja gerade Jugendliche die Hauptkonsumenten von Anime und müssten Experimenten gegenüber eigentlich aufgeschlossen sein. Zudem werden auch in Japan Kinofilme in erster Linie für ein junges Publikum produziert.
Vermutlich liegt der Kern des Problems – wie so häufig – in den Führungsetagen, wo über Filmprojekte und deren Budgets entschieden wird und wo Innovation, Kreativität und Risikobereitschaft häufig eben nicht als Garant für Erfolg gesehen werden. Auf das einzelne Filmprojekt bezogen mag das auch stimmen, aber auf lange Sicht bedeutet Stagnation schlicht Rückschritt. Angesichts der rasch wachsenden globalen Popularität von Anime mit ihrem breit aufgestellten thematischen Repertoire und ihren exzellenten, visionären und hochinnovativen Animateuren ist die US-Filmindustrie auf dem besten Weg, sich ohne Not in einer Nische einzubuddeln.
11 Jun
Original: Hôhokekyo tonari no Yamada-kun (1999) von Isao Takahata
Mit diesem Film begann im Studio Ghibli das digitale Zeitalter, es ist der erste des berühmten Animationsstudios, der komplett ohne die analog bemalten Cels auskam. Doch wer jetzt eine überschwängliche 3D-Welt erwartet, wird komplett enttäuscht: My Neighbors the Yamadas ist im Stil einfacher Wasserfarben- Skizzen gehalten und erinnert fast ein bisschen an ein Storyboard.

Zu Beginn werden uns die Mitglieder der Familie Yamada vorgestellt, mit deren Leben und Zusammenleben sich der Film in einer Reihe von Episoden beschäftigt: Die Eltern Matsuko und Takashi, die Tochter Nonoko und der Sohn Noboru sowie Oma Shige. Eine durchgehende Handlung ist nicht vorhanden, vielmehr werden in einzelnen Szenen aus dem Alltag die Tücken des Ehe- und Familienlebens aber auch seine schönen Seiten thematisiert.
Die meisten der Episoden sind herrlich komisch, etwa wenn Matsuko und Takashi in einem “Fechtkampf” mit Fernbedienung und Zeitung austragen, wer das Fernsehprogramm bestimmt, oder wenn Shige und ihr Sohn über Haus und Grundstück streiten und plötzlich Enkel Noboru ein “Was streitet ihr euch, am Ende gehört sowieso alles mir” dazwischenwirft. Viele der Szenen dienen aber auch dazu, die Charaktere zu beleuchten, hintergründige Alltagsweisheiten zu vermitteln oder zum Nachdenken anzuregen. In diesen Fällen steht am Ende der Episode ab und an ein Haiku von großen Meistern wie Basho oder Buson und eine leichte Melancholie liegt in der Luft.

Das wunderbare an My Neighbors the Yamadas sind die liebenswert chaotischen, schrägen Personen, in denen sich jeder ein Stück weit wiedererkennt und mit denen die Identifikation deshalb sehr leicht fällt, sowie seine Allgemeingültigkeit. Abgesehen von ganz wenigen Szenen, in denen spezifisch japanische Traditionen im Mittelpunkt stehen (aus dem Stehgreif fällt mir da jetzt nur ein, wie Takashi einen neuen Rekord im Verteilen der Neujahrskarten aufstellt), ist jeder Zuschauer mit den Situationen vertraut. Sei es aus seiner eigenen Jugend wie im Falle Noborus (Schulstress, erste Liebe), dem Arbeitsleben Takashis oder der eigenen Familie: Die kleinen, alltäglichen Reibereien im Zusammenleben von Mann und Frau, Eltern und Kindern. Diese werden immer originell und ohne Partei zu beziehen dargestellt.
Regisseur Takahata, Schöpfer des unvergesslichen Hotaru no haka, zelebriert hier regelrecht die Freuden aber auch Merkwürdigkeiten des Familienlebens und geht damit auf die Familienmüdigkeit vieler – gerade junger – Menschen ein und führt ihnen gleichzeitig eine andere Perspektive auf die Familie vor Augen. Mit dieser Thematik und der ungewöhnlichen Ästhetik des Films stellt er eindrucksvoll seine außergewöhnliche Vielseitigkeit unter Beweis. Ein wunderschöner, unterhaltsamer Film voller kleiner Wahrheiten, wahrhaftig ein Film für die ganze Familie, der seine ganzen Magie aber wohl nur in der japanischen Originalversion entfalten kann.
22 Mai
Original: Paprika (2006) von Satoshi Kon
Gegen 0.30 Uhr endete die Vorführung von Paprika, und obwohl es mein vierter Film an diesem Tag gewesen war hätte ich ihn mir am liebsten gleich noch einmal angesehen! So mitreißend ist die intelligente Geschichte dieses neuen Meisterwerks von Satoshi Kon, in dem er mit den Gegensätzen von Wirklichkeit und Traum spielt, die sich letztlich in Filmen auflösen. Absolut genial!
Namensgeberin des Films ist die überaus wandelbare Traumfigur Paprika, alter Ego der Psychologin Chiba, die fließend zwischen den beiden Welten wechseln kann. Diese Fähigkeiten nutzt sie, um dem Polizisten Konagawa bei der Überwindung eines Traumas zu helfen. Ermöglicht wird ihr dies durch das DC Mini, ein Gerät, mit dem Psychiater Träume ihrer Patienten wie einen Film aufzeichnen, analysieren und sogar an diesen teilhaben können.
Als eines der Geräte gestohlen und missbraucht wird, um in die Träume der Menschen einzudringen, sie zu manipulieren und ihr Unterbewusstsein zu zerstören, begibt sich Paprika auf die Suche. Diese führt sie in die Traumwelten verschiedener Menschen, die unter dem Einfluss des DC Mini immer mehr miteinander, aber auch mit der Wirklichkeit verschmelzen. Dabei bekommt sie überraschend Hilfe von Konagawa, der so der Überwindung seines Traumas näher kommt. Doch auch Paprika/Chiba muss sich ihrem eigenen, zwischen zwei Welten bzw. Persönlichkeiten schwankenden Unterbewusstsein und ihren Gefühlen stellen.
Link: www.youtube.comDer Film beginnt mit Konagawas Traum, einem Zaubertrick in einem Zirkus, und so wie ein Zauberer kleine Kinder in seinen Bann zieht, so bezaubert auch Satoshi Kon mit diesem Film. Das Tempo von Paprika ist in den Traumsequenzen geradezu halsbrecherisch, die Fantasie der Animateure scheint keine Grenzen zu kennen und der exzellente Soundtrack trägt ebenfalls dazu bei, dass man sich dem Bann dieses Films nicht entziehen kann.
Die Geschichte ist sehr komplex, bietet reihenweise überraschende Wendungen – allein durch die fließenden Wechsel von Traum und Realität- sowie reichlich Hinweise auf die Rollen der Charaktere und die Entwicklung der Handlung. Diese sind so dicht und doch zugleich fast unmerklich eingewoben, dass vieles beim ersten Sehen unbemerkt bleibt. Das gilt gerade auch für das erste der beiden dominanten Motive des Films, die ich hier erwähnen möchte, die Ähnlichkeit von Traum und Film.
Bereits in der Auftaktsequenz mit Konagawas Traum wird das Thema Film als Äquivalent zum Traum etabliert: In kurzen Momentaufnahmen saust er als Tarzan durch den Dschungel und kämpft a la James Bond in einem Zugabteil (diese Szenen werden später noch mehrfach aufgegriffen). Dann berichtet er Paprika, dass er Filme nicht ausstehen könne. Im weiteren Verlauf stellt sich jedoch heraus, dass er in seiner Jugend von Filmen begeistert war und selbst einen gedreht hatte. Immer wieder sieht er sich mit Filmplakaten konfrontiert und mehrere Szenen spielen in einem Kinosaal, wo er Paprika auch erklärt, wie ein Achsensprung über die 180°-Grad-Linie sich auf einen Film auswirkt. Dabei trägt er die für Akira Kurosawa typische Mütze und Sonnenbrille (eine grandiose Idee und – wenig überraschend – eine meiner Lieblingsszenen).
Das zweite immer wieder auftretende Motiv ist die scheinbar grenzenlose Wandlungsfähigkeit von Paprika, die auch im Trailer schön zum Ausdruck kommt. Allein während des Vorspanns wechselt sie fast im Sekundentakt ihr Aussehen und springt zwischen komplett verschiedenen Kontexten und Bildebenen hin und her. Damit wird ihr eine allgegenwärtige Agilität, ja Macht zugewiesen, die ihren Höhepunkt im Showdown des Films findet (mehr werde ich nicht verraten). Diese Macht durch Wandlungsfähigkeit steht für die in Animes häufig anzutreffende implizite Überlegenheit von Frauen gegenüber Männern, die Susan Napier in der japanischen Kultur verwurzelt sieht: “The transformative power of the female body is an important convention in both high and folk culture in Japan.”
Aber bevor ich mich jetzt komplett in Details verliere, empfehle ich einfach jedem, sich diesen Film anzusehen. Gelegenheit dazu gibt es schon bald, denn laut twitch soll am 20. Juni die französische DVD erscheinen, die auch englische Untertitel enthält und die jetzt schon bei Amazon vorbestellt werden kann. Und auch auf die deutsche Ausgabe muss man dann hoffentlich nicht mehr lange warten.
Update: Bei twitch gibt’s jetzt auch einen ausführlichen Bericht zur japanischen Limited Edition DVD von Paprika.
18 Mai
Original: Tekkonkinkreet (2006) von Michael Arias
Leider habe ich zu dieser visuellen Achterbahnfahrt keine Screenshots anzubieten, aber auf der offiziellen Website zum Film gibt es ein paar Bilder und natürlich einen Trailer zu bestaunen. Der hebt aber stark auf die Actionelemente ab und lässt die psychologischen Hintergründe und die damit verbundenen psychedelischen Bilderwelten außen vor. Könnte ja potenzielle Kinogänger verstören. Immerhin habe ich noch einen japanischen Originaltrailer bei Youtube aufgestöbert:
Link: www.youtube.com
Tekkonkinkreet spielt in Treasure Town, Teil einer größeren, aus einer Vielzahl asiatischer und globaler kultureller Kontexte zusammengesetzen Metropole. Moscheen und buddhistische Tempel finden sich ebenso wie westliche Ikonographien von Hammer und Sichel bis zu 007-Plakaten. In dieser Stadt kämpfen die elternlosen Brüder Shiro und Kuro (japanisch für weiss und schwarz) um das tägliche Überleben und haben sich dabei zwischen Yakuza und Polizei einen gewissen Status und Machtbereich erkämpft.
Diese stabilen Verhältnisse kommen durch die Ankunft eines neuen, von außerirdischen Kämpfern begleiteten Gangsters ins Rutschen. Er spielt die Banden gegeneinander aus, macht Jagd auf Kuro und Shiro und will die Stadt von Grund auf verändern. In ihrem immer verzweifelteren Kampf werden die Brüder schließlich getrennt, woraufhin Kuros dunkle, blutrünstige Seite immer mehr außer Kontrolle gerät.
Die Gegensätzlichkeit von Schwarz und Weiss, die aber zugleich auch aufeinander angewiesen sind, ist ein konstantes Motiv in Tekkonkinkreet. Tag und Nacht, weisse Tauben und Krähen, eine Großaufnahme der Mondsichel mit der im Dunkeln liegenden Seite, ständig werden wir an die unauflösliche Verbindung von schwarz und weiss erinnert. Die Bedeutung des Motivs wird zum Ende des Films erkennbar, wenn klar wird, dass nicht nur Shiro auf den starken Arm seines älteren Bruders Kuro angewiesen ist, sondern dass gerade auch der Ältere die Zuneigung, Freundschaft und Liebe braucht, um sein seelisches Gleichgewicht zu halten und nicht in einem Strudel aus Zerstörung und Selbstvernichtung unterzugehen.
In dieser Phase reisst uns der Film mittels eines Stroms atemberaubender Bilder hinein in Kuros Seele, die gegen überhandnehmende Wut, Hass und Verzweiflung ankämpft. In diesem Kontext erfüllt sich dann auch die eingangs gemachte Aussage, man müsse sich manchmal die Finger verbrennen, um das rätselhafte Innere von etwas zu erkennen.
Eine spannende Geschichte, in der in einer Nebenhandlung um das Verhältnis eines alternden Yakuza zu seinem Protege Loyalität und Freundschaft unter anderen Gesichtspunkten beleuchtet werden, mitreißend und visuell großartig in Szene gesetzt, mit reichlich psychologischer Würze. Mit seinem Regiedebüt ist dem in Japan lebenden Amerikaner Michael Arias ein sehr interessanter, unbedingt zu empfehlender Film gelungen!
27 Apr
Original: Majo no takkyubin (1989) von Hayao Miyazaki
Seufz! Ach, was ein schöner Film! Berauschend schöne Landschaften, wo man nur hinsieht unfassbar viele liebevolle Details und immer wieder fast expressionistische Einstellungen, die der Charakterentwicklung Kikis Ausdruck verleihen. Miyazakis Perfektionismus erreichte mit diesem Film einen ersten Höhepunkt, und das nicht nur, weil er sich zur Vorbereitung des Films einen ganzen Tag an einem belebten Platz auf eine Parkbank setzte, um die Bewegungen von Röcken und Kleidern zu studieren!

Der Plot ist schnell zusammengefasst: Die 13jährige Hexe Kiki macht sich zusammen mit ihrem Kater Jiji auf in die große Stadt, um ihr Lehrjahr zu absolvieren. Anfängliche Schwierigkeiten überwindet sie dank der Hilfe einer Bäckersfamilie, bei der sie eine Unterkunft findet und die ihr hilft, einen kleinen Lieferservice aufzubauen.
Doch diese Erfolge können nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass Kiki einfach anders als andere Mädchen ist und es ihr deshalb schwer fällt, auf Menschen zuzugehen und Anschluss zu finden. Sie rutscht in eine tiefe Krise, verliert sogar ihre Zauberkräfte. Erst als ihr einziger Freund, der Junge Tombo, in Gefahr gerät, besinnt sie sich auf die tief in ihr schlummernden Fähigkeiten.

Ganz ähnlich wie in Mein Nachbar Totoro geht es in Kikis kleiner Lieferservice nicht um äußere Bedrohungen und Konflikte zwischen Gut und Böse wie in den meisten Disney-Filmen, sondern um Kikis Entwicklung als Persönlichkeit angesichts der Herausforderungen des Lebens. Sie verlässt ihr Zuhause, ihre Freundinnen und ihre Familie und beginnt ein neues Leben in einer völlig anderen Umgebung, in der sie einen Platz für sich selbst finden, sich beweisen und selbst definieren muss.
Auf der Suche nach diesem Platz für sich wäre Kiki gerne genauso modisch schick gekleidet wie die Mädchen aus der Stadt und in einer Szene bestaunt sie wehmütig die schönen aber für sie viel zu teuren Kleider in einem Schaufenster. Zugleich ist sie aber auch stolz darauf, sie selbst und damit anders zu sein, will sich dies nicht nehmen lassen und schwimmt bewusst gegen den Strom. Und am Ende wird sie für ihr Durchhaltevermögen und ihre Treue zu sich selbst belohnt.

Kiki ist ein wunderbarer Film über das Erwachsenwerden, über den Kampf um eine eigene Identität und einen Platz im Leben. Er ist dabei frappierend ehrlich und verharmlost nicht, wie schwer dieser Kampf sein kann. Er zeigt aber auch, dass man sich dabei auf die Hilfe anderer verlassen kann und dass es sich lohnt, selbst anderen zu helfen. Außerdem bietet er natürlich auch ein Happy-End, das, wie oft bei Miyazaki, im Abspann die weiteren Erlebnisse Kikis andeutet.
Hier sehen wir auch nochmal Kiki, wie sie sich am selben Schaufenster wieder die Nase plattdrückt, bis ihr ein vorbeilaufendes, genau wie sie gekleidetes Mädchen (inklusive kleinem Besen!) auffällt: Aus der Außenseiterin wurde ein Vorbild für andere.

Und noch in einer anderen Hinsicht greift das Ende den Anfang des Films auf: In einer Sequenz, die eine ganze Reihe von Bildern der Eröffnungssequenz wiederspiegelt, sehen wir Kikis Eltern, die einen Brief von ihr erhalten und dabei genau so aufgeregt sind wie Kiki selbst vor ihrem Aufbruch. In diesem Brief schildert sie ihnen, dass sie jetzt in der Stadt ein neues Zuhause gefunden hat und glücklich ist.
Miyazakis erklärtes Ziel war es, einen Film als Ansporn und Ermutigung für junge Frauen, sich selbst in der Gesellschaft zu behaupten, zu machen (auch heute noch ein großes Thema, nicht nur in Japan). Das gelang ihm auf so bewundernswerte Weise, dass der Film jungen Menschen generell viel über das Leben vermittelt.
Jedes Kind sollte Kikis kleiner Lieferservice gesehen haben, und Erwachsene ebenso!
21 Apr
Original: Akira (1988) von Katsumo Otomo
Der Film, der Anime auch im Westen bekannt machte und demonstrierte, dass es sich bei Anime nicht nur um Sonntagnachmittagsunterhaltung für Kinder handelt, basiert auf dem gleichnamigen Manga, ebenfalls von Otomo.
Akira beginnt mit der Zerstörung Tokyos durch eine Atombombe. Dann werden wir 30 Jahre in die Zukunft versetzt und lernen Kaneda und Tetsuo kennen, Berufsschüler, gute Kumpels und Mitglieder einer Motorradgang. Bei einer Prügelei mit einer rivalisierenden Bande geschehen jedoch plötzlich seltsame Dinge: Militärhubschrauber tauchen auf, Tetsuo begegnet einem merkwürdig grünlichen Menschlein und wird dann vom Militär in ein Spezialkrankenhaus eingewiesen.
Langsam wird klar, dass das Militär seit langer Zeit versucht, einen Übermenschen mit paranormalen Kräften zu züchten, und dass die Atombombe gezündet worden war, weil die Experimente außer Kontrolle geraten waren. Nun wiederholen die Wissenschaftler ihre Versuche an Tetsuo, der ebenfalls übermenschliche Kräfte entwickelt und in einem Amoklauf seiner Zerstörungswut freien Lauf lässt. Erst Kaneda zusammen mit anderen Mutanten kann ihn schließlich stoppen.

Man merkt Akira an, dass er auf einem Manga basiert und dessen komplexen Plot in zwei Stunden Film quetschen muss. Eine ganze Reihe von Nebenhandlungen werden nur kurz angekratzt (die Machtergreifung des Oberst, die politischen Intrigen, die Terroristengruppe) und einige Charaktere sind einfach nicht rund. Bestes Beispiel dafür ist Kei, Kämpferin in einer Art Guerilla-Gruppe, in die sich Kaneda verliebt und die am Ende des Films selbst zur Mutantin wird. Kei muss im Akira-Manga eine zentrale Figur gewesen sein, aber im Film sind weder ihre Motivation noch ihre überraschende Wandlung zur übermächtigen Mutantin nachvollziehbar, und auch ihr Verhältnis zu Kaneda bleibt unklar.

Im Zentrum des Films steht die Verwandlung von Tetsuo. Er ist ein Verlierer, ein Versager (aufgewachsen in einem Waisenhaus, gehänselt und ausgestoßen) der verzweifelt darum kämpft, ein bisschen Stolz und Selbstachtung zu bewahren, indem er rivalisierende Motorradrocker zusammenschlägt. Die an ihm durchgeführten Experimente machen ihn dann endgültig zum Opfer, geben ihm aber zugleich die Macht, aus seiner Opferrolle auszubrechen und all seine Rachefantasien auszuleben: Er wird zum Amokläufer.
In blinder Wut macht sein Hass nicht einmal vor denen Halt, die in der Vergangenheit zu ihm gehalten und sein Schicksal als Außenseiter der Gesellschaft geteilt haben: Seine Freundin und Kaneda. Getrieben durch seine scheinbare Allmacht und seinen Hass verliert Tetsuo jedoch völlig die Kontrolle über seine Handlungen und sich selbst. Visualisiert wird dies durch die unkontrollierten Mutationen und das gespenstische Wachstum Tetsuos.

Neben dieser sozialkritischen Botschaft enthält Akira auch eine Warnung vor dem unstillbaren Wissensdurst des Menschen und dem Drang, die eigenen Grenzen zu negieren. Nicht alles was technisch möglich ist, muss auch in die Realität umgesetzt werden. Denn die zum Umgang mit den eigenen Fähigkeiten notwendige Reife wächst nicht automatisch im selben Maße wie die Fähigkeiten selbst.
Da nie wirklich klar wird, was Akira eigentlich ist (ein besonders mächtiger Mutant? die Urkraft des Universums? ein Symbol für die unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen und die davon ausgehende Gefahr?) eröffnet gerade das stark an 2001 – Odyssee im Weltraum erinnernde Ende zahlreiche Möglichkeiten der Interpretation, aber leider auch ein erhebliches Frustrationspotenzial.
Ist eine neue, höhere Lebensform entstanden (von der Kei einmal gesprochen hatte), oder gar ein neuer Kosmos, ein Paralleluniversum? Oder haben sich Tetsuo, Akira und die anderen Mutanten gegenseitig einfach zerstört und in Nichts aufgelöst? Ich kann mir keinen Reim darauf machen (vielleicht ist Akira aber auch einfach einer dieser Filme, die man mehrfach gesehen haben muss) und frage mich, ob die am Anfang des Films stehende Explosion einer Atombombe möglicherweise das eigentliche – zur Entstehungszeit des Films brandaktuelle – Thema andeuten sollte…

Alles in allem aber ein bahnbrechender Film mit auch heute noch sehenswerten Animationen, einer anspruchsvollen Story und zeitloser Thematik. Etwas mehr Konzentration auf das Wesentliche hätte ihm zwar gutgetan und beim Ende habe ich mich etwas alleingelassen gefühlt, aber dennoch absolut sehenswert.
Teil I zu Anime vor 1960 lesen
Toei Doga, das führende japanische Animationsstudio zu Anfang der 1960er Jahre, musste erkennen, dass seine Adaptionen traditioneller asiatischer Sagen und Legenden international nicht zu vermarkten waren. Deshalb änderte das Studio seine Strategie und griff nun auch auf westliche Erzählungen (Gulliver’ s Travels beyond the Moon) und Sci-Fi-Mangas zurück: Cyborg 009 von Shotaro Ishinomori wurde 1966 ein riesiger Erfolg, auf den eine Fortsetzung und eine TV-Serie folgten.
Spezialist für TV-Serien war jedoch Mushi Pro, das Studio des “Manga no Kamisama” Osamu Tezuka, dessen Manga Astro Boy in 193 Episoden für das Fernsehen umgesetzt wurde. Tezuka war seit den früher 1950er Jahren der erfolgreichste Manga-Zeichner überhaupt und revolutionierte durch seinen dynamischen, filmische Elemente aufgreifenden Stil (dramatische Blickwinkel, Wechsel von Totalen und Detailansichten) die bisher hauptsächlich auf statischen Bildern basierende Manga-Welt. Auch die heute für Manga und Anime typischen großen Augen der Charaktere gehen auf Tezuka zurück.
Mit der wachsenden Beliebtheit der TV-Serien Ende der 1960er Jahre begannen sich dann auch erste Genres herauszubilden: Sally the Little Witch war die erste speziell für Mädchen konzipierte Serie, Princess Knight die erste romantische Serie für Mädchen (shojo) und Tomorrow’s Joe die erste Sportserie für Jungs. 1969 wurde dann die erste Folge von Sazae san ausgestrahlt, einer Comedy-Serie für Hausfrauen, die bis heute ununterbrochen produziert wird! In diesem Umfeld kam auch erstmals der Begriff Anime auf, eine Verkürzung des englischen “animation”.
Während der 70er Jahre waren TV-Serien das dominierende Format, das sich zunehmend nicht nur an Kinder sondern auch an Jugendliche und Erwachsene wandte und sich dazu vor allem Science-Fiction Geschichten bediente, aus denen sich ein neues Genre um gigantische Roboter (mecha) entwickelte. Die erste derartige Serie war Mazinger Z, von der ab 1972 in fünf Jahren 222 Folgen produziert wurden. Ende der 70er Jahre existierten nicht weniger als 40 Mecha-Serien sowie zahlreiche weitere Sci-Fi Abenteuer-Serien wie Space Battleship Yamamoto oder Galaxy Express 999.
Die zu dieser Zeit entstandenen Spielfilme waren überwiegend Spin-Offs der populärsten TV-Serien (Galaxy Express 999 oder die Lupin III-Reihe), die sich in immer neuen Genres ausdifferenzierten. Einige Künstler wie Rintaro, Isao Takahata und insbesondere Hayao Miyazaki, waren nach der Realisierung von Spielfilmen mit der Arbeit an Serien allein aber nicht mehr zufrieden. Sie begannen Anfang der 1980er Jahre, neue Maßstäbe in der Adaption von Mangas für die Kinoleinwand zu setzen.
Der grandiose Erfolg von Miyazakis Nausicaä aus dem Tal der Winde ermöglichte 1985 die Gründung des Studio Ghibli, das sich seitdem unter der Leitung von Miyzaki und Takahata ganz der Produktion von abendfüllenden Spielfilmen widmet. Meilensteine des Studios, das besonders für seine unermüdliche Perfektionierung handgemalter Filme bekannt ist, waren Filme wie Hotaru no haka, Porco Rosso und Mononoke Hime.
Für die gestiegene internationale Bekanntheit der Anime war jedoch der Erfolg eines Films entscheidend: Akira. Dem 1988 gezeigten, unter der Leitung von Katsushiro Otomo auf der Basis seines eigenen Manga entstandenen Film gelang es dank seiner düsteren, sozialkritischen Geschichte und der perfekten Animation erstmals, auch im Westen ein erwachsenes Publikum zu begeistern. Ähnlich einflussreich war der ebenfalls Sci-Fi-Themen aufgreifende Ghost in the Shell von 1995.
Die Weiterentwicklung und zunehmende Reife von Computergrafiken ermöglichte seit den späten 1990er Jahren zwei neue Entwicklungen: Zum einen die Verwendung von computergenerierten 3D-Grafiken in Animes, die ein komplett neues Seherlebnis und eine hyper-realistische Repräsentation, wie etwa in Robotic Angel, ermöglichte. Zum anderen aber auch die Adaption von ursprünglich aus Computerspielen hervorgegangenen Figuren und Geschichten. Prominentestes Beispiel dafür ist die Pokemon-Reihe.
In der jüngeren Vergangenheit gab es eine Tendenz zu kürzeren TV-Serien mit nur etwa 10-20 Folgen, die auf spektakuläre CGI-Bilder und komplexe Erzählkonstruktionen setzten, wie etwa Texhnolyze oder Serial Experiments: Lain. Und auch bei den Spielfilmen werden neue Akzente gesetzt, beispielsweise durch Newcomer Satoshi Kon, Protegé des Akira-Schöpfers Otomo, der mit Filmen wie Tokyo Godfathers und Sennen joyu dazu beitrug, dass sich Anime auch jenseits des Sci-Fi-Genres weiterentwickeln.
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