Archive for the ‘Gegenwartsfilme’ Category

Love Exposure

Original: Ai no mukidashi (2008) von Sion Sono

Dieses Vier-Stunden-Epos sprengt so ziemlich jeden Rahmen und ein Versuch, auch nur die wichtigsten Stränge der Handlung hier zusammenzufassen, ist eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb an dieser Stelle ein kurzer Überblick über die wichtigsten Charaktere und wie sich ihr Zusammenspiel entwickelt.

Im Zentrum stehen Yu (Takahiro Nishijima), der unter dem Druck der Schuldgefühle seines katholischen Vaters leidet, und seine große Liebe Yoko (Hikari Mitsushima). Das Schicksal der beiden wird massiv manipuliert von Koike (Sakura Ando), Anführerin einer christlichen Sekte, die wie Yu in ihrer Kindheit  unter einem religiös verblendeten Vater zu leiden hatte und von ihrer ersten Begegnung an von Yu fasziniert ist.

Zunächst sieht sie ihn als Mittel, um die katholische Gemeinde seines Vaters mit ihrer Sekte zu unterwandern. Dazu arrangiert sie die erste Begegnung zwischen ihm und Yoko, bei der er sich natürlich unsterblich verliebt, sie sorgt dafür, dass die beiden in dieselbe Schulklasse kommen, dass Yoko ihn verabscheut und dass durch diesen Konflikt die kleine Familie in die Arme ihrer Sekte getrieben wird. Yu bleibt allein zurück und kämpft verzweifelt darum, Yoko zu befreien und sie für sich zu gewinnen.

So viel dazu in aller gebotenen Kürze. Der interessanteste und vielschichtigste Charakter in diesem Trio ist für mich die Figur der Koike, deren Motivation immer nebulös bleibt. Sexualität steht sie noch zwiespältiger gegenüber als Yu oder Yoko: In ihrer Kindheit wurde sie wegen ihres „sündigen“ Körpers von ihrem Vater geprügelt und schnitt ihm später, als er einen Schlaganfall erlitt, dann den Penis ab. Auf der anderen Seite ist sie von Yus voyeuristischen Spielereien fasziniert, scheint ihre kurze lesbische Affäre mit Yoko zu genießen und versucht auch mehrfach, Yu zu verführen.

Aber vielleicht ist ihr wahres Ziel ja schlicht, Macht über Menschen auszuüben und mit ihrem Schicksal zu spielen, und Sex setzt sie dabei nur als Mittel ein? Dagegen wiederum spräche ihr Ende, als sie angesichts des verzweifelt um Yokos Liebe kämpfenden Yu Selbstmord begeht – hat sie ihn vielleicht doch geliebt und konnte es nicht ertragen, dass sie diese Gefühle nicht manipulieren konnte?  Und wofür steht eigentlich der Wellensittich, der sie auf Schritt und Tritt begleitet?

Love Exposure spielt von der ersten Sekunde an mit religiösen – vor allem christlichen – Symbolen und Bildern. Tischgebete, Beichten, Taufen, das ganze Programm ist vertreten, schließlich ist Yus Vater ja auch Priester. Gleich zu Anfang wird sogar eine direkte Analogie von Yus Mutter zur Mutter Gottes gezogen und ihm die Verpflichtung auferlegt, eine Frau zu finden, die „seine“ Maria werden soll. Was natürlich nicht unwesentlich zu seinen Komplexen beiträgt.

Doch schließlich findet er sie dann in Person von Yoko. Bei dieser ersten Begegnung wird sie dann auch konsequenterweise gleich religiös aufgeladen und zu einer regelrechten Erlösungsfigur für Yu erhoben – um im nächsten Moment ungünstig in einem Windstoß zu stehen und ihren Rock hochgeblasen zu bekommen.

Das Spannungsfeld von Religiosität und Sexualität ist vor allem in der ersten Hälfte das dominierende Thema des Films: Yus Vater, der gefallene Priester, der der sexuellen Ausstrahlung einer Frau nicht widerstehen kann und aus Gewissensbissen seinen Sohn zum Beichten zwingt. Yu, der sich daraufhin verzweifelt auf die Suche nach der „Sünde“ begibt. Oder Yoko, die von den sexuellen Eskapaden ihres Vaters so angewidert ist, dass sie einen unstillbaren Hass auf alle Männer entwickelt – bis auf Kurt Cobain und Jesus.

Doch bei all der Auseinandersetzung mit Religion, Sekten und deren Stellung zu Sexualität ist Love Exposure vor allem anderen ein wahrhaft monumentaler Liebesfilm – ganz im Sinne des Titels beschäftigt er sich mit Liebe in all ihren Formen und auch Auswüchsen. Thematisiert wird die Liebe zu Gott, die Liebe der Eltern für ihr Kind und die des Kindes zu den Eltern, die auf sexueller Anziehungskraft basierende Liebe zwischen Mann und Frau (oder zwischen Personen gleichen Geschlechts), die mehr oder weniger perversen Spielarten dieser körperlichen Liebe, und natürlich die wahre, reine Liebe, um die Yu und Yoko so hart ringen. Noch nie habe ich vergleichbares gesehen!

In diesem Zusammenhang ist mir dann allerdings schon das zweite Mal nach Ghost in the Shell in einem japanischen Film der Korintherbrief untergekommen! Yoko rezitiert in einer dramatischen, windumtosten Szene am Strand die Verse 1-8 des Hohelieds der Liebe, darunter diesen Abschnitt:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Unterlegt wird dieses Zitat mit dem Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie, das mit seinem feierlich-majestätigen Rhythmus auch in vielen anderen Szenen des Films als musikalisches Motiv für die „reine“ Liebe verwendet wird. Im Gegensatz dazu steht übrigens der sehr viel bekanntere, wildere Boléro von Ravel, der als Motiv für die Sünde immer dann eingespielt wird, wenn Yu sich auf Abwege begibt. Eine sehr faszinierende Musikauswahl, die hinter den epischen Charakter des Films nochmal das eine oder andere Ausrufezeichen setzt und echtes Gänsehautgefühl erzeugt.

Aber nicht nur religiöse Elemente werden regelmäßig aufgegriffen, Love Exposure macht immer wieder Anleihen bei anderen Filmen. Allen voran natürlich bei der Figur der Sasori (siehe Screenshot weiter oben), in deren Kostüm Yu schlüpft und in die sich Yoko verliebt – ist die männerhassende Yoko doch ein Stück weit eine Wiedergängerin der feministischen, von Männern ausgenutzten und unterdrückten Sasori aus den 70ern. Einige Szenen des Films sind regelrecht eine Hommage an den Sexploitation-Klassiker.

Dazu kommen Zitate etwa von Shinji Aoyamas Eureka (die Szenen im Bus) oder Takeshi Kitanos Dolls (als Yu und Yoko aneinandergefesselt am Strand stehen). Und wie die Indoktrinierung von Yus Familie im Hauptquartier der Sekte in Szene gesetzt ist, erinnert doch stark an Kubricks 2001.

Das soll aber keinesfalls Kritik an Love Exposure sein, ganz im Gegenteil: Jedes der genannten Zitate bringt durch die Verknüpfung mit den anderen Filmen zusätzliche Assoziationen und Bedeutungsebenen hinein und ergänzt den Film somit – weitere Interpretationsansätze bieten sich an, die mal mehr oder weniger eindeutig sind. Genial! In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob der Nachname von Yoko vielleicht ebenfalls eine Anspielung sein soll: Ihr Charakter, der von Yu immer wieder als „seine Maria“ bezeichnet wird, heisst mit Nachnamen nämlich Ozawa – und Maria Ozawa ist eine bekannte japanische Pornodarstellerin…

Puh, so langsam muss ich mal zum Schluss kommen! Love Exposure ist, das dürfte offensichtlich geworden sein, ein extrem vielschichtiges Werk, mit dem man sich auf verschiedensten Ebenen auseinandersetzen kann. Ein grandioser Liebesfilm, bildgewaltig, mal halbdokumentarisch, mal überdreht wie eine Teenie-Komödie, den man in keine noch so große Schublade gequetscht bekommt. Definitiv ein Meisterwerk!

Original: Gelatin Silver Love (2009) von Kazumi Kurigami

Das Regiedebut von Kazumi Kurigami, seines Zeichens anerkannter Fotograf, ist ein in vieler Hinsicht sehr ungewöhnlicher, mysteriöser Film: Keine der Hauptpersonen hat einen Namen. Außer in drei, vier Szenen wird nicht gesprochen. Die Protagonistin wird immer wieder beim Essen hartgekochter Eier gezeigt, in Zeitlupe, in Großaufnahme oder als Standbild. Trotz dieser Eigentümlichkeiten und der schweren Zugänglichkeit der Charaktere ist der Film nicht zuletzt dank seiner einzigartigen Ästhetik absolut faszinierend und schildert die Geschichte einer obsessiven Liebe und wie sie einen Menschen verändert.

Ein – wie wir zwischen den Zeilen herauslesen können – durchaus anerkannter Fotograf (Masatoshi Nagase) steckt in einer Schaffens- und Sinnkrise, er macht nur noch Bilder von Schimmelpilzen und Altmetall. Aus der Not heraus nimmt er einen seltsamen Auftrag an: Er soll die Wohnung einer Frau (Rie Miyazawa) rund um die Uhr observieren und alles, was dort geschieht, auf Video aufzeichnen.

Es dauert nicht lange und die geheimnisvolle Schönheit, die jeden Morgen ein hartgekochtes Ei isst, übt eine immer größere Anziehungskraft und Faszination auf ihn aus. Über seinen Auftraggeber versucht er, mehr über sie zu erfahren, doch dieser blockt ab. Er kauft einen Großbildschirm, um jede Bewegung der Frau in Zeitlupe und Großformat betrachten zu können, folgt ihr, spricht sie sogar in einem Supermarkt an. Seine Besessenheit steuert unaufhaltsam auf den schicksalhaften Höhepunkt zu.

„Was soll das Ganze?“ wird sich sicherlich so mancher Zuschauer gefragt haben, der den Film auf dem JFFH gesehen hat. Zugegeben, die mal unterkühlten, mal düster-erotischen Bilder sind zwar genial (Rie Miyazawa könnte ich den ganzen Tag beim Eieressen zugucken), wären allein aber zu wenig. Vielmehr sind es die Atmosphäre, die aus einer Mischung aus Beklemmung und Langeweile in obsessives Verlangen umschlägt, sowie das Knistern zwischen den beiden Protagonisten, die Gelatin Silver Love Leben einhauchen.

Auch wenn die Story sehr getragen daher kommt und lange Zeit nicht den Eindruck macht, Dynamik entwickeln zu wollen, hält sie am Ende doch eine interessante Pointe bereit, die exzellent zu diesem merkwürdig rätselhaften Film passt: Sie hängt nämlich mit einer zwischenzeitlich eingeschobenen Erzählung des Fotografen zusammen, in der ein kleiner Käfer in der Wüste eine zentrale Rolle spielt. Dieser Käfer gibt das Spiegelbild des Fotografen, und sie teilen am Ende dasselbe Schicksal.

Gelatin Silver Love ist ein zwar schön anzusehender, aber sperriger Film. Ein Film, der mir großen Spaß bereitet hat und bei dem ich schon gespannt bin, ob er einen Verleih in Europa oder Amerika findet. In meinen Augen hat er das Potenzial zum Kultfilm.

Café Isobe

Original: Jun kissa isobe (2008) von Keisuke Yoshida

Leider Gottes werden japanische Komödien meistens unter dem Label „durchgeknallter Trash“ promotet, was Café Isobe nun so ganz und gar nicht gerecht wird. Auch wenn im Film einige schräge Gestalten auftauchen, bewegt er sich doch auf sehr viel ruhigerem und ernsterem Territorium und widmet sich mit großer Offenheit und viel Herz seinen Protagonisten und deren Problemen.

Im Zentrum des Films stehen die Teenagerin Sakiko (Riisa Naka) und ihr geschiedener Vater Yujiro, bei dem sie lebt. Yujiro (Hiroyuki Miyasako) ist ein Faulenzer wie er im Buche steht, was zwischen den beiden immer mal wieder für Spannungen sorgt. Als sein Vater stirbt und ihm ein beträchtliches Erbe hinterlässt, schmeisst er seinen Job hin und eröffnet ein Café, das er aber so eigenwillig einrichtet, dass sich kein Mensch blicken lassen will. Sakiko ist von dem ganzen überhaupt nicht begeistert, ihr Vater und sein Café sind ihr so peinlich, dass sie es sogar ihren Freunden verheimlicht.

Als eines Tages die hübsche Motoko (Kumiko Aso) im Café auftaucht, verliebt Yujiro sich vom Fleck weg und stellt sie als Kellnerin ein. Natürlich riecht Sakiko den Braten, die Spannungen zwischen ihr und Yujiro nehmen zu, immer öfter flüchtet sie sich heimlich zu ihrer Mutter. Doch Yujiro schwebt im siebten Himmel, nicht zuletzt weil dank Motoko und ihrem knappen Kostüm auch das Café endlich brummt. Doch auch Sakiko verliebt sich in einen Gast und wird bitter enttäuscht.

Ganz wunderbar und ohne Effekthascherei gelingt es dem Film, uns in die Gefühlswelten der drei Hauptcharaktere einzuführen: Yujiro, der anfangs wie ein alternder Frauenheld wirkt, eigentlich aber nach der großen, romantischen Liebe sucht; Sakiko, die noch nicht so recht weiß, was sie von der Liebe erwarten soll; wie beide durch Enttäuschung zusammengeschweisst werden. Und auch der Kristallisationspunkt Motoko hat es nicht leicht und muss mit dem Unverständnis und der Ablehnung der Menschen umgehen.

Café Isobe unterhält mit feinem, immer wieder überraschendem Humor, befasst sich dabei aber auch sehr stimmig und ernsthaft mit Freundschaft, Familie und den verworrenen Pfaden der Liebe. Ein kleiner, unaufdringlicher und sehr symapthischer Film mit großartigen Darstellern (Riisa Naka gewann mehrere Nachwuchspreise), der sich auf den Spuren ruhiger Komödien wie Linda Linda Linda oder Maison de Himiko bewegt und einen tollen Eröffnungsfilm für das 10. JFFH abgab.

Tokyo Sonata

Original: Tokyo Sonata (2008) von Kiyoshi Kurosawa

Dank einer freundlichen Filmvorführerin, die zuerst sehr verantwortungsvoll sicherstellte, dass alle regulären Karteninhaber in der Vorstellung waren, dann aber doch noch eine kleine Gruppe akkreditierter Besucher in den Saal von Orfeos Erben schleichen ließ, konnte ich mir gestern Abend die Wiederholung von Tokyo Sonata auf der Nippon Connection ansehen. Und ich muss gestehen, dass ich nach all dem Buzz und Hype, der in den letzten Monaten um den Film gemacht wurden, etwas enttäuscht bin. Aber der Reihe nach.

Der leitende Angestellte Ryuhei Sasaki (Teruyuki Kagawa) erfährt, dass seine Abteilung aufgelöst und nach China verlagert wird, um Kosten zu sparen. Unfähig, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen, tut er so, als wäre alles beim Alten und geht weiter jeden Morgen „zur Arbeit“, damit seine Frau Megumi (Kyoko Koizumi) und seine beiden Söhne nichts mitbekommen. Während Ryuhei panisch bemüht ist, durch Rituale des Alltags Normalität vorzugaukeln und seine Autorität als Familienernährer zu wahren, zerfällt diese Autorität angesichts der Suche aller Familienmitglieder nach Sinn im Leben mehr und mehr.

Tokyo Sonata beginnt zunächst als bitterböse Gesellschaftssatire, voll ätzender Kritik an einem kapitalistischen System, für das Menschen nur Ressourcen sind und in dem ein Mann ohne Arbeit irgendwo zwischen „wertlos“ und „aussätzig“ eingestuft wird. Ungläubig und hilflos muss Ryuhei mitansehen, wie eine schneidige junge Chinesin – die aber auch nur instrumentalisiert wird – ihm den Job abknöpft, wie er eiskalt abserviert wird und sich auf einem Arbeitsmarkt wiederfindet, der ihm nur Tagelöhnerdienste zu bieten hat.

Doch dann verschiebt sich der Fokus des Films mehr auf die Familie Sasaki, deren ältester Sohn sich rast- und ziellos die Nächte um die Ohren schlägt, bis er auf die Idee kommt, sich freiwillig für die US-Armee zu melden. Auch der jüngere Sohn sorgt für Ärger, weil er heimlich gegen den Willen seines Vaters Klavierunterricht nimmt. Dazwischen versucht Mutter Megumi, ihre Familie irgendwie zusammenzuhalten und gleichzeitig auch für sich einen Neuanfang zu finden.

In dieser Phase nimmt der Film mehr den Charakter eines Familiendramas an, das zunächst mit leisen Tönen und feinen Beobachtungen beginnt und mit der Eskalation der persönlichen Konflikte Tempo aufnimmt. Dann jedoch passieren merkwürdige Dinge: Eine Entführung, ein mysteriöses Geldpaket in einer Kaufhaustoilette, ein Autounfall, eine Nacht im Gefängnis wegen Schwarzfahrens – der Film, der zuvor bereits den Umschwung von der Gesellschaftssatire zum Familiendrama verkraften musste, gerät nun aus den Fugen.

Tokyo Sonata ist sicherlich ein guter Film voller wunderbarer Ideen, der sich vieler Themen unserer Zeit kritisch annimmt und von enorm starken Darstellern (allen voran Kyoko Koizumi) getragen wird. Aber ihm fehlt die rote Linie, der Rahmen, der alles zusammenfasst und an seinen rechten Platz setzt. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Regisseur Kurosawa, der mit intelligenten Horrorfilmen berühmt geworden ist, sich für seinen ersten großen „ernsten“ Film zu viel auf einmal vorgenommen hat. Das große Meisterwerk, als das der Film immer mal wieder bezeichnet wird, ist er noch nicht. Aber das Potenzial ist da. Ich bin schon auf das nächste Projekt von Kiyoshi Kurosawa gespannt!

Original: Pako to mahô no ehon, (2008) von Tetsuya Nakashima

Der alte und verbitterte Onuki (Koji Yakusho) muss wegen eines Herzinfarkts in einer – sagen wir: fantastischen – Klinik versorgt werden. Dort besteht sein ganzer Lebensinhalt darin, den anderen Patienten und dem Personal auf die Nerven zu gehen und sie zu erniedrigen. Bis ihm das Mädchen Paco (Ayaka Wilson) begegnet, das bei einem Autounfall seine Eltern und sein Kurzzeitgedächtnis verlor und nun jeden Tag aufs neue seinen Geburtstag feiert und in einem Bilderbuch die Geschichte des gemeinen Froschprinzen liest.

Onuki freundet sich zum großen Erstaunen aller mit Paco an und beginnt, ihr jeden Tag aufs Neue die Geschichte vorzulesen. In seinem verzweifelten Versuch, einen noch so kleinen Keil der Erinnerung in ihr Gedächtnis zu treiben, lebt er die Geschichte des Bilderbuches immer mehr nach und überredet schließlich die anderen, sie in einem Theaterstück für die sterbende Paco nachzuspielen.

Der letzte Film von Nakashima war der Überraschungshit Memories of Natsuko, und wer den kennt wird sich in der aus verschiedenen Handlungsebenen bestehenden Struktur des Films schnell zurechtfinden und auch die Grundidee – nach und nach kommt der wahre Charakter eines Außenseiters zum Vorschein – bekannt finden. Nur dass Paco noch um ein Vielfaches bunter, fantastischer und überdrehter ist als Memories. Der Trailer ist eindrucksvoller Beleg:

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=2iUDG9s_OaY[/flash]

Das Theaterstück, in dem Onuki nahezu mit der Figur des Froschprinzen verschmilzt, wird jedoch nicht nur für ihn zur Katharsis. Auch anderen Patienten (und dem Personal!) der Klinik gelingt es dadurch, ihre Probleme wenn nicht zu lösen, so doch zumindest zu konfrontieren, allen voran ein früherer Kinderstar, der nur noch seinem Ruhm nachtrauert und in Selbstmitleid versinkt. So hält der Film eine Reihe von kurios-absurden Charakteren bereit, mit denen sich der Zuschauer identifizieren und Zugang zur Geschichte finden kann (mein Favorit ist der Yakuza, der von seinem Lieblingsaffen angeschossen wurde und diesen Umstand peinlichst geheimhalten will).

Bei all dem Spaß und den Verrücktheiten bleibt dem Zuschauer ein hollywood-mäßiges Happy End aber erspart verwehrt, wovon ich hier aber nicht mehr verraten will in der Hoffnung, dass Paco auch außerhalb von Festivals hierzulanden noch in die Kinos kommt oder zumindest einen ähnlich guten DVD-Release erleben wird wie Memories of Matsuko. Bis dahin kann man sich auch noch mit dem Soundtrack von Kaela Kimura trösten…

[flash]http://www.youtube.com/watch?v=xF8TOfHsJEg[/flash]

Was mich an diesem rundum mitreißenden und begeisternden Film besonders faszinierte war der fließende Übergang von Realfilm und animierten Sequenzen, die sich wechselseitig wunderbar ergänzten. Etwas vergleichbares habe ich seit Roger Rabbit nicht mehr gesehen! Mit ihrer einzigartigen Animationstradition und ihrer Experimentierfreude in diesem Bereich hoffe ich, von japanischen Filmemachern in dieser Richtung zukünftig noch mehr zu sehen. Und natürlich auch von Regisseur Nakashima, der mit seiner scheinbar unerschöpflichen Fantasie und seinem Sinn für schräge Details schon als Tim Burton Japans bezeichnet wird.

Swing Girls

Original: Swing Girls (2004), von Shinobu Yaguchi

Mitten in den Sommerferien sitzen Tomoko (Juri Ueno) und ihre Freundinnen im Mathe-Nachholkurs und langweilen sich zu Tode. Als jemand der bei einem Baseballspiel auftretenden Schulband das Mittagessen bringen muss, springen sie natürlich nur zu gern ein, nur um von einem Unglück ins nächste zu stolpern: Die Lieferung kommt viel zu spät und weil die Mädchen das Essen nicht gekühlt haben, holt sich die Schulband eine astreine Lebensmittelvergiftung. So werden die Mädchen dazu verdonnert, unter der Leitung des etwas schüchternen Takuo (Yuta Hiraoka) eine Ersatzband auf die Beine zu stellen.

Swing Girls Screenshot 1

Das bedeutet natürlich zuerst viel viel Üben und hartes Training, bei dem die Mädchen ständig herumalbern. Doch der Funke springt schließlich über, und so ist die Enttäuschung bei Tomoko und Takuo groß, als die Schulband wieder gesund ist und ihr Einsatz nicht mehr gebraucht wird. Nun wollen sie auf eigene Faust eine Band aufstellen, organisieren dazu eigene Instrumente und erste Auftritte im Supermarkt und finden schließlich in ihrem Mathelehrer sogar einen begeisterten Jazzliebhaber, der sie für den großen Auftritt bei einem Schulbandwettbewerb fit machen soll.

Auf den ersten Blick wirkt Swing Girls wie die übliche High-School Komödie voller sympathischer, merkwürdig-überdrehter Charaktere, die sich ungeschickt anstellen, dann aber über sich hinaus wachsen. Und im großen und ganzen ist der Film auch genau das, aber auf eine sehr wohltuende, schlichte Art. Die Konzentration des Films gilt nämlich ganz der vom Jazz und dem Musizieren ausgehenden Faszination.

Swing Girls Screenshot 2

Neben Takuo, der das Ganze gewissermaßen ins Rollen bringt, stehen dabei besonders Tomoko und der Mathelehrer im Mittelpunkt. Tomoko, für die das Musizieren zuerst nur eine willkomme Ablenkung vom Nachhilfeunterricht ist, wird nach anfänglichen Schwierigkeiten schließlich ganz von der Begeisterung erfasst und verscherbelt sogar heimlich den Mac ihrer Schwester, um sich ein uraltes Saxophon kaufen zu können. Der Mathelehrer, der Jazz nur von CDs kennt, nimmt sogar heimlich Musikunterricht, als er bemerkt, wie ernst es den Mädchen ist.

So vermeidet Swing Girls jegliche erzwungene, billige Schenkelklopfer oder unglaubwürdige Gefühlsduselei. Ganz im Gegenteil spielt der Film in manchen Szenen sogar mit üblichen Klischees und Erwartungen der Zuschauer, und erzeugt damit einen wunderbar hintersinnigen Humor. Ein sehr schönes Beispiel wäre die Schneeballschlacht, in deren Verlauf Tomoko ausrutscht, so dass Takuo in beste Wurfposition kommt; als er ihr in die Augen schaut reicht er ihr dann aber die Hand. Anstatt nun die eigentlich fällige Romanze zwischen den beiden Hauptcharakteren in dem idealen Setting der Schneeballschlacht einzuleiten, lässt Regisseur Yaguchi Tomoko aufspringen und gegen den Baum treten, unter dem Takuo steht, so dass dieser von einem Schneeschauer überrascht wird.

Swing Girls Screenshot 3

Zu den weiteren Highlights gehören eine herrliche Veräppelung des Bullet-Time-Effekts anlässlich einer Begegnung der pilzsammelnden Mädchen mit einem Wildschwein oder die beiden E-Gitarre und Bass spielenden Rockerinnen, deren eigene Band sich aufgelöst hatte und die daraufhin der Swingband beitreten. Da Swing Girls anders als der von einer ähnlichen Grundkonstellation ausgehende Hula Girl von jedem unnötigen Ballast befreit bleibt, ist der Film in sich stimmig, atmosphärisch dicht und lässt den Zuschauer ganz in der Musik aufgehen. Nicht zuletzt macht er einfach riesigen Spaß, und zwar offensichtlich auch den Schauspielern, die übrigens alle Instrumente selbst spielten!

Hula Girl

Original: Hula gâru (2006), von Sang-il Lee

1965, in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden Japans: Die örtliche Kohlemine soll dicht gemacht werden, Tausende stehen vor dem Nichts. Anstelle der Mine will die Firma um die örtlichen heißen Quellen herum einen hawaiianischen Erlebnispark aufbauen. Die Tänzerinnen dafür sollen aus den Bergarbeiterfamilien kommen, doch die lehnen das scheinbar aussichtslose Projekt rigoros ab. Nur Kimiko (Yu Aoi) und Sanae (Eri Tokunaga) begreifen dies als Chance, das harte Leben hinter sich zu lassen.

Unterstützung finden sie bald bei der in Tokyo engagierten Tanzlehrerin Hirayama (Yasuko Matsuyuki), die eigentlich total abgehalftert ist und sich nun mit diesem miesen Job in der Provinz abgeben muss. Zunächst nur widerwillig nimmt sie die Mädchen unter ihre Fittiche, aber bald bemerkt sie, wie wichtig das Tanzen für diese ist und gegen welche Widerstände in ihren Familien sie sich durchsetzen müssen, so dass sie sich immer engagierter für die Mädchen und die Sache einsetzt. Dadurch gelingt es ihr schließlich, sogar Kimikos Bruder Yojiro, einen Bergarbeiter der das Hawaii-Projekt strikt ablehnt, umzustimmen.

Hula Girls Screenshot 2

Hula Girl beruht auf einer wahren Geschichte, und einer sehr interessanten noch dazu, aus der man eine ganze Reihe sehr verschiedener Filme hätte machen können: Eine Gesellschaftsstudie mit politischer Message vor dem Hintergrund des Niedergangs des Kohlebergbaus über die Auswirkungen auf die Menschen und wie diese mit den Veränderungen umgehen, welche Konflikte dabei entstehen und wie sie ausgetragen werden. Eine Liebesgeschichte zwischen der Tanzlehrerin und Yojiro. Eine Geschichte über einige Mädchen, die aus ihrem Bergarbeiterumfeld ausbrechen und etwas aus ihrem Leben machen wollen, darüber Konflikte mit ihren Familien austragen und am Ende den großen Traum Wahrheit werden lassen. Eine Charakterstudie der in Tokyo gescheiterten Tänzerin, die sich verzweifelt an den früheren Ruhm klammert, aber nun in der Provinz neu anfangen muss und dabei zu sich selbst findet. Einen klassischen Sport- und Tanzfilm mit typischen Elementen wie Teamgeist, harten Trainings, Fahrten zu Auftritten, Verarbeitung von Rückschlägen und Niederlagen und dem großen Triumph am Ende.

All das hätten vor dem spannenden historischen Hintergrund richtig gute und aussagekräftige Filme werden können. Leider konnten sich die Macher für keine der Möglichkeiten entscheiden und haben deshalb versucht, alles auf einmal in den Film hineinzustecken.

Hula Girls Screenshot 1

Dabei blieb vieles auf der Strecke: Konflikte und Charaktere werden kurz angerissen, Handlungsfäden angedeutet, aber allzu viel bleibt leider oberflächlich. Die komödiantischen Elemente wollen irgendwie nicht so recht zum ernsten Hintergrund (inklusive eines Grubenunglücks, bei dem der Vater einer der Tänzerinnen stirbt) passen. Die emotional-sentimentalen Höhepunkte zum Ende des Films sind stark übersteigert und ziehen sich scheinbar endlos dahin – die letzten 15 bis 20 Minuten des Films bestehen eigentlich nur noch aus Tränen, Tanzen und Trara.

So bleibt Hula Girl leider weit unter dem Potenzial der Ausgangsgeschichte. Herausgekommen ist ein brauchbares Stück leichter Familienunterhaltung, das einige Einblicke in das harte ländliche Leben im Japan der 1960er Jahre gibt (was schon selten genug ist), über das ich mich aber doch ziemlich geärgert habe, denn mit ein bisschen Mut zur Entscheidung und Konzentration auf das Wesentliche hätte man so viel mehr aus diesem Film machen können!

Chain

Original: Chain (2007) von Akihito Kajiya

Ein Amokläufer erstach heute 7 Menschen, weitere 10 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Tat ereignete sich im Tokyoter Stadtteil Akihabara während eines autofreien Sonntags, der noch mehr Besucher als gewöhnlich in das Einkaufsviertel lockte. Der Täter war zunächst mit einem Lieferwagen in die Menge gefahren und hatte dann wahllos um sich gestochen. Nach seiner Festnahme sagte er, er sei der Welt müde und hätte einfach nur irgendwen töten wollen.

Auf den Tag genau vor 7 Jahren erstach ein Amokläufer an einer Grundschule in Osaka 8 Schülerinnen und Schüler und verwundete 15 weitere. Nach seiner Festnahme gab er zu Protokoll, dass er vom Leben die Schnauze voll habe und die Todesstrafe wolle, zu der er später auch verurteilt wurde.

Was haben diese furchtbaren Ereignisse nun mit dem Film Chain zu tun? Der Abschlussarbeit eines Studenten der Osaka University of Arts, die ich in Anwesenheit des Regisseurs vor einer guten Woche beim JFFH sehen konnte? Regisseur Kajiya griff die Ereignisse in seiner Heimatstadt Osaka von 2001 sowie ein persönliches Erlebnis, als in seiner Nachbarschaft ein Mann drohte, in einem Kindergarten Amok zu laufen, auf und fragte sich, was einen Menschen dazu bringen mag, wahllos andere zu töten. Dazu benutzt er vier Handlungsstränge um vier Hauptpersonen – zwei Schülerinnen, deren Lehrerin sowie den Kollegen des Ehemanns der Lehrerin – deren Wege sich immer wieder kreuzen, sich immer weiter verweben, eine Reaktionskette auslösen und schließlich in einem Blutbad an der Schule enden.

Alle vier haben schwer an ihren Problemen zu tragen: Die Schülerin Rie leidet unter der bevorstehenden Scheidung ihrer Eltern und wird in der Schule gehänselt, unter anderem von Rena, die dadurch ihre eigenen Minderwertigkeits- und Schuldgefühle übertünchen will. Die Lehrerin wiederum leidet mit ihren Schülerinnen und nimmt deren Probleme gewissermaßen mit nach Hause, während der Kollege ihres Mannes gerade eine Scheidung hinter sich hat und zu allem Überfluss auch noch gefeuert wird.

Letztlich sind es jedoch nicht diese faktisch-eindeutigen Gründe die zum Wahnsinn des Amoks führen, denn diese würden eine solche Tat gewissermaßen nachvollziehbar und verständlich machen. Vielmehr sind es kleine, schwer interpretierbare Details und Ereignisse des Alltags, wie lärmende Mädchen auf dem Schulweg oder ein unachtsamer Rempler auf der Straße, die eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen und irgendwann einen emotionalen Kurzschluss verursachen, der in der Gewalt mündet.

Screenshot Chain

Chain hat nur eine Spielzeit von etwa 60 Minuten und bewegt sich somit – nicht zuletzt auf Grund seiner episodenhaften Erzählweise – gefühlsmäßig irgendwo zwischen Kurzfilm und Spielfilm. Die Art und Weise, wie diese Episoden miteinander verwoben sind, und wie das blutige Finale in Szene gesetzt ist, ist phänomenal und weist eine filmische Reife auf, die weit über dem liegt, was ich bisher von Studentenfilmen gesehen habe. Chain packt einen von der ersten Minute und lässt einen nicht wieder los; für mich einer der besten Filme die dieses Jahr auf dem Japanischen Filmfest liefen!

Nicht nur die Geschichte und ihre dramaturgische Umsetzung sind erstklassig, auch Inszenierung und Ästhetik sind mit ihrem halbdokumentarischen Charakter absolut stimmig. Einzige Schwäche ist die etwas zu kurz gekommene Verbindung zwischen dem Amokläufer und den Schülerinnen. Würde hier noch etwas nachgearbeitet, hätte der Film mit einer Laufzeit von vielleicht 70, 75 Minuten einen Release absolut verdient! Wie in Falling Down werden auch in Chain gesellschaftliche und familiäre Probleme und Fehlentwicklungen thematisiert, die aber sehr viel realer, greifbarer und alltäglicher sind. Anders als der Schumacher-Film wird die Entstehungsgeschichte des Amoklaufs dezidiert aus der Perspektive mehrerer Betroffener unter die Lupe genommen. Überhaupt hat der Film keine politische Attitüde, bleibt viel mehr auf der menschlich-persönlichen Ebene und wirkt sehr authentisch und realistisch.

Im Gegensatz zu Falling Down und anderen westlichen Filmen zum Thema ist hier – wie auch bei den geschilderten realen Amokläufen – ein Messer die Tatwaffe, und Kajiya setzt diesen Umstand exzellent ein, um dem Wahnsinn der Tat auf schauerliche Weise Nachdruck zu verleihen. Zudem berichtete er nach dem Film, dass Amokläufe in Japan fast nie mit Schusswaffen durchgeführt werden und die Täter daher eigentlich immer festgenommen werden können.

Damit sind diese Wahnsinnstaten auch Ausdruck der unterschiedlichen Gewaltkultur in Japan und dem Westen. Während durch die Dominanz von Schusswaffen im Westen Gewalt stärker technisiert, unmittelbarer und damit „leichter ertragbar“ wird, sind Stechwaffen nach wie vor sehr archaisch, verursachen große körperliche Anstrengung und durch ihre allgemeine Verfügbarkeit (ein großes Brot- oder Fleischermesser gibt es in praktisch jedem Haushalt) auch eine ganz andere, direktere und damit viel schockierendere Form von Bedrohung, die auf leisen Sohlen daherkommt und dann wie aus dem Nichts über die Menschen hereinbricht.

Wie in Akihabara heute.