Archive for the ‘Gegenwartsfilme’ Category

Hula Girl

Original: Hula gâru (2006), von Sang-il Lee

1965, in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden Japans: Die örtliche Kohlemine soll dicht gemacht werden, Tausende stehen vor dem Nichts. Anstelle der Mine will die Firma um die örtlichen heißen Quellen herum einen hawaiianischen Erlebnispark aufbauen. Die Tänzerinnen dafür sollen aus den Bergarbeiterfamilien kommen, doch die lehnen das scheinbar aussichtslose Projekt rigoros ab. Nur Kimiko (Yu Aoi) und Sanae (Eri Tokunaga) begreifen dies als Chance, das harte Leben hinter sich zu lassen.

Unterstützung finden sie bald bei der in Tokyo engagierten Tanzlehrerin Hirayama (Yasuko Matsuyuki), die eigentlich total abgehalftert ist und sich nun mit diesem miesen Job in der Provinz abgeben muss. Zunächst nur widerwillig nimmt sie die Mädchen unter ihre Fittiche, aber bald bemerkt sie, wie wichtig das Tanzen für diese ist und gegen welche Widerstände in ihren Familien sie sich durchsetzen müssen, so dass sie sich immer engagierter für die Mädchen und die Sache einsetzt. Dadurch gelingt es ihr schließlich, sogar Kimikos Bruder Yojiro, einen Bergarbeiter der das Hawaii-Projekt strikt ablehnt, umzustimmen.

Hula Girls Screenshot 2

Hula Girl beruht auf einer wahren Geschichte, und einer sehr interessanten noch dazu, aus der man eine ganze Reihe sehr verschiedener Filme hätte machen können: Eine Gesellschaftsstudie mit politischer Message vor dem Hintergrund des Niedergangs des Kohlebergbaus über die Auswirkungen auf die Menschen und wie diese mit den Veränderungen umgehen, welche Konflikte dabei entstehen und wie sie ausgetragen werden. Eine Liebesgeschichte zwischen der Tanzlehrerin und Yojiro. Eine Geschichte über einige Mädchen, die aus ihrem Bergarbeiterumfeld ausbrechen und etwas aus ihrem Leben machen wollen, darüber Konflikte mit ihren Familien austragen und am Ende den großen Traum Wahrheit werden lassen. Eine Charakterstudie der in Tokyo gescheiterten Tänzerin, die sich verzweifelt an den früheren Ruhm klammert, aber nun in der Provinz neu anfangen muss und dabei zu sich selbst findet. Einen klassischen Sport- und Tanzfilm mit typischen Elementen wie Teamgeist, harten Trainings, Fahrten zu Auftritten, Verarbeitung von Rückschlägen und Niederlagen und dem großen Triumph am Ende.

All das hätten vor dem spannenden historischen Hintergrund richtig gute und aussagekräftige Filme werden können. Leider konnten sich die Macher für keine der Möglichkeiten entscheiden und haben deshalb versucht, alles auf einmal in den Film hineinzustecken.

Hula Girls Screenshot 1

Dabei blieb vieles auf der Strecke: Konflikte und Charaktere werden kurz angerissen, Handlungsfäden angedeutet, aber allzu viel bleibt leider oberflächlich. Die komödiantischen Elemente wollen irgendwie nicht so recht zum ernsten Hintergrund (inklusive eines Grubenunglücks, bei dem der Vater einer der Tänzerinnen stirbt) passen. Die emotional-sentimentalen Höhepunkte zum Ende des Films sind stark übersteigert und ziehen sich scheinbar endlos dahin – die letzten 15 bis 20 Minuten des Films bestehen eigentlich nur noch aus Tränen, Tanzen und Trara.

So bleibt Hula Girl leider weit unter dem Potenzial der Ausgangsgeschichte. Herausgekommen ist ein brauchbares Stück leichter Familienunterhaltung, das einige Einblicke in das harte ländliche Leben im Japan der 1960er Jahre gibt (was schon selten genug ist), über das ich mich aber doch ziemlich geärgert habe, denn mit ein bisschen Mut zur Entscheidung und Konzentration auf das Wesentliche hätte man so viel mehr aus diesem Film machen können!

Chain

Original: Chain (2007) von Akihito Kajiya

Ein Amokläufer erstach heute 7 Menschen, weitere 10 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Tat ereignete sich im Tokyoter Stadtteil Akihabara während eines autofreien Sonntags, der noch mehr Besucher als gewöhnlich in das Einkaufsviertel lockte. Der Täter war zunächst mit einem Lieferwagen in die Menge gefahren und hatte dann wahllos um sich gestochen. Nach seiner Festnahme sagte er, er sei der Welt müde und hätte einfach nur irgendwen töten wollen.

Auf den Tag genau vor 7 Jahren erstach ein Amokläufer an einer Grundschule in Osaka 8 Schülerinnen und Schüler und verwundete 15 weitere. Nach seiner Festnahme gab er zu Protokoll, dass er vom Leben die Schnauze voll habe und die Todesstrafe wolle, zu der er später auch verurteilt wurde.

Was haben diese furchtbaren Ereignisse nun mit dem Film Chain zu tun? Der Abschlussarbeit eines Studenten der Osaka University of Arts, die ich in Anwesenheit des Regisseurs vor einer guten Woche beim JFFH sehen konnte? Regisseur Kajiya griff die Ereignisse in seiner Heimatstadt Osaka von 2001 sowie ein persönliches Erlebnis, als in seiner Nachbarschaft ein Mann drohte, in einem Kindergarten Amok zu laufen, auf und fragte sich, was einen Menschen dazu bringen mag, wahllos andere zu töten. Dazu benutzt er vier Handlungsstränge um vier Hauptpersonen – zwei Schülerinnen, deren Lehrerin sowie den Kollegen des Ehemanns der Lehrerin – deren Wege sich immer wieder kreuzen, sich immer weiter verweben, eine Reaktionskette auslösen und schließlich in einem Blutbad an der Schule enden.

Alle vier haben schwer an ihren Problemen zu tragen: Die Schülerin Rie leidet unter der bevorstehenden Scheidung ihrer Eltern und wird in der Schule gehänselt, unter anderem von Rena, die dadurch ihre eigenen Minderwertigkeits- und Schuldgefühle übertünchen will. Die Lehrerin wiederum leidet mit ihren Schülerinnen und nimmt deren Probleme gewissermaßen mit nach Hause, während der Kollege ihres Mannes gerade eine Scheidung hinter sich hat und zu allem Überfluss auch noch gefeuert wird.

Letztlich sind es jedoch nicht diese faktisch-eindeutigen Gründe die zum Wahnsinn des Amoks führen, denn diese würden eine solche Tat gewissermaßen nachvollziehbar und verständlich machen. Vielmehr sind es kleine, schwer interpretierbare Details und Ereignisse des Alltags, wie lärmende Mädchen auf dem Schulweg oder ein unachtsamer Rempler auf der Straße, die eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen und irgendwann einen emotionalen Kurzschluss verursachen, der in der Gewalt mündet.

Screenshot Chain

Chain hat nur eine Spielzeit von etwa 60 Minuten und bewegt sich somit – nicht zuletzt auf Grund seiner episodenhaften Erzählweise – gefühlsmäßig irgendwo zwischen Kurzfilm und Spielfilm. Die Art und Weise, wie diese Episoden miteinander verwoben sind, und wie das blutige Finale in Szene gesetzt ist, ist phänomenal und weist eine filmische Reife auf, die weit über dem liegt, was ich bisher von Studentenfilmen gesehen habe. Chain packt einen von der ersten Minute und lässt einen nicht wieder los; für mich einer der besten Filme die dieses Jahr auf dem Japanischen Filmfest liefen!

Nicht nur die Geschichte und ihre dramaturgische Umsetzung sind erstklassig, auch Inszenierung und Ästhetik sind mit ihrem halbdokumentarischen Charakter absolut stimmig. Einzige Schwäche ist die etwas zu kurz gekommene Verbindung zwischen dem Amokläufer und den Schülerinnen. Würde hier noch etwas nachgearbeitet, hätte der Film mit einer Laufzeit von vielleicht 70, 75 Minuten einen Release absolut verdient! Wie in Falling Down werden auch in Chain gesellschaftliche und familiäre Probleme und Fehlentwicklungen thematisiert, die aber sehr viel realer, greifbarer und alltäglicher sind. Anders als der Schumacher-Film wird die Entstehungsgeschichte des Amoklaufs dezidiert aus der Perspektive mehrerer Betroffener unter die Lupe genommen. Überhaupt hat der Film keine politische Attitüde, bleibt viel mehr auf der menschlich-persönlichen Ebene und wirkt sehr authentisch und realistisch.

Im Gegensatz zu Falling Down und anderen westlichen Filmen zum Thema ist hier – wie auch bei den geschilderten realen Amokläufen – ein Messer die Tatwaffe, und Kajiya setzt diesen Umstand exzellent ein, um dem Wahnsinn der Tat auf schauerliche Weise Nachdruck zu verleihen. Zudem berichtete er nach dem Film, dass Amokläufe in Japan fast nie mit Schusswaffen durchgeführt werden und die Täter daher eigentlich immer festgenommen werden können.

Damit sind diese Wahnsinnstaten auch Ausdruck der unterschiedlichen Gewaltkultur in Japan und dem Westen. Während durch die Dominanz von Schusswaffen im Westen Gewalt stärker technisiert, unmittelbarer und damit “leichter ertragbar” wird, sind Stechwaffen nach wie vor sehr archaisch, verursachen große körperliche Anstrengung und durch ihre allgemeine Verfügbarkeit (ein großes Brot- oder Fleischermesser gibt es in praktisch jedem Haushalt) auch eine ganz andere, direktere und damit viel schockierendere Form von Bedrohung, die auf leisen Sohlen daherkommt und dann wie aus dem Nichts über die Menschen hereinbricht.

Wie in Akihabara heute.

Original: Maiko haaaan!!! (2007) von Nobuo Mizuta

Bei einem Schulausflug nach Kyoto verläuft sich der junge Kimihiko (Sadao Abe) in das Geisha-Viertel Gion und verfällt Hals über Kopf dem rätselhaften Charme der jungen Maikos. Zehn Jahre hat sich daraus eine völlige Besessenheit entwickelt. Als er nach Kyoto versetzt werden soll, lässt er seine Freundin Fujiko (Kou Shibasaki) sitzen und nimmt die Gelegenheit gerne wahr, doch er muss zuerst noch seinen Chef überzeugen, von diesem in ein Geisha-Haus mitgenommen zu werden. Als er seinem Ziel dann ganz nah ist, kommt ihm der Baseballspieler Kiichiro (Shinichi Tsutsumi) in die Quere.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine völlig überdrehte Rivalität: Kimihiko geht selbst in den Profi-Baseball, worauf Kiichiro eine Restaurantkette eröffnet und als Bürgermeister kandidiert, was ihm Kimihiko natürlich prompt nachmacht (und wozu er jedesmal seinen Chef mit aberwitzigen Plänen überredet). In der Zwischenzeit ist Fujiko auch nach Kyoto gekommen um eine Ausbildung als Maiko zu machen, und gerät natürlich prompt zwischen die Streithähne, allerdings ohne dass Kimihiko sie wiedererkennen würde…

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Maiko haaaan!!! war einer der großen Überraschungserfolge 2007 in Japan, und das ist im Grunde gar nicht überraschend. Der Film führt nämlich eine ganze Reihe von Erfolgselementen sehr gut zusammen: Eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama, den Aufstieg eines Helden, skurrilen Slapstick und jede Menge japanischer Nationalsymbole von der Maiko über Baseball bis zu den Ramen-Nudeln.

Erfreulicherweise bleibt der Film auch keineswegs auf dem Niveau der wohlbekannten Blödel-Filme sondern entwickelt gleich auf zwei Ebenen Tiefgang: Zum einen bezüglich Kimihiko, dem zum Ende klar wird, dass seine Besessenheit von Maikos dem echten Glück im Wege steht und zum andern in der Figur des Kiichiro, der ein Geheimnis bewahrt, das seine Familie vor eine harte Zerreissprobe stellt. Und ganz nebenbei vermittelt der Film auch noch einige Einblicke in die stark reglementierte Welt der Geishas und räumt so mit dem einen oder anderen Klischee und Vorurteil auf.

Großartige Unterhaltung made in Japan!

Original: Noto no hanayome (2008), von Mitts Shirahara

Und wieder mal hab ich die Ehre, hier einen Film vorstellen zu können, von dem es noch nicht mal einen IMDb-Eintrag gibt! A Bride of Noto lief erst wenige Wochen vor dem Japanischen Filmfest in Japan an und wurde meines Wissens bisher auch nur in der Region Noto gezeigt. Denn die Story des Films hat einen wahren Hintergrund: Ein Erdbeben zerstörte dort viele Häuser, viele Menschen mussten lange Zeit in Notunterkünften unterkommen.

In dieser Zeit reist die junge Miyuki aus Tokyo ins ländliche Noto, um sich um die Mutter ihres Verlobten zu kümmern, die sich bei einem Unfall ein Bein brach. Mit dem ungewohnten Landleben konfrontiert, stellt Miyuki sich zunächst sehr ungeschickt an, besonders in häuslichen Dingen. Zudem behandeln die Schwiegermutter in spe und andere Dorfbewohnerinnen sie sehr von oben herab. Nur zur steinalten, tauben Nachbarin entwickelt sie ein freundschaftliches Verhältnis.

Als die Situation für sie immer unerträglicher wird, entschließt sie sich zur Rückkehr nach Tokyo, doch auf dem Weg erfährt sie, dass die Mutter eventuell ins Altenheim eingewiesen werden soll. Nun fasst sie sich ein Herz, nimmt die Herausforderung an und die beiden Frauen beginnen, sich zu respektieren. Als Miyuki mit viel Einsatz auch noch ein lokales Festival reanimiert, gewinnt sie auch die restlichen Dörfler für sich.

Die Geschichte ist ziemlich vorhersehbar, aber die Story bietet natürlich nur den Rahmen für die Entwicklung von Miyuki und ihrem Verhältnis zur Schwiegermutter und dem traditionellen Landleben, das diese repräsentiert. Und diese ist mit einigen sehr emotionalen Momenten gut in Szene gesetzt. Zudem lockern komische (manchmal etwas klischeehafte) Situationen, etwa rund um Miyukis unterentwickelte Kochkünste oder zum Umgang mit lebenden Fischen oder Ziegen den Film gut auf. Und natürlich ist er an manchen Stellen etwas sehr sentimental.

Sehr gut gefallen hat mir besonders der Umgang mit dem Land-Stadt-Gegensatz, der nicht nur auf platte Klischees reduziert wird. Vor dem Hintergrund der Zerstörungen durch das Erdbeben werden auch Probleme wie Abwanderung der jungen Generation, Einsamkeit und Verbitterung der zurückgebliebenen Alten oder Jobmangel thematisiert. Dass Miyuki am Ende ganz traditionell in Noto heiratet, deutet die Sympathien des Films an, der natürlich auch einige schöne Landschaftsbilder bietet (wer sich einen Eindruck verschaffen will, auf der offiziellen Website gibt’s einen Trailer).

Original: Sukiyaki Western Django (2007), von Takashi Miike

Miike darf derzeit ja auf keinem japanischen Filmfest fehlen, letztes Jahr lief Big Bang Love auf dem Japanischen Filmfest, jetzt Sukiyaki Western Django, der reichlich Aufmerksamkeit erhielt, auch in den großen Medien. Was nicht weiter verwunderlich ist, schließlich spielt Quentin Tarantino eine kleine Rolle und alle japanischen Schauspieler sprechen englisch – so gut oder schlecht es eben geht.

Die Story ist altbekannt und folgt den Genre-Konventionen: Zwei Banden bekriegen sich in einer kleinen Stadt über einen vermuteten Goldschatz, eine Familie gerät zwischen die Fronten, der Vater wird getötet, die Mutter schließt sich gezwungenermaßen einer der Banden an, der Sohn ist traumatisiert. Da verschlägt es einen mysteriösen, unbekannten Revolverhelden in die Stadt, die Dinge kommen in Bewegung und das Blut beginnt zu fließen.

Leider gab es bei der Vorführung eine kleine Panne, der Film lief mit der falschen Tonspur an (nämlich der japanischen Synchronfassung), so dass wirklich nichts zu verstehen war, denn Untertitel gibts nicht. Nach einer halben Stunde wurde der Fehler korrigiert und wir Zuschauer kamen endlich in den Genuss, Kaori Momoi, Masanobu Ando und all die anderen japanischen Stars, die Miike um sich geschart hatte, auf Englisch radebrechen zu hören. Das und der eine oder andere Gag führten durchaus zu einigen Lachern, alles in allem ist der Film von einer echten Komödie aber weit entfernt, vielmehr ist Sukiyaki Western Django eine einzige Skurrilität.

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Das beginnt schon beim Rückgriff auf den historischen Hintergrund, der aus den Heike Monogatari stammt, in denen der Kampf der Samurai-Clans Taira und Minamoto geschildert wird. Miike bedient sich bis zu den Namen der Hauptkontrahenten der historischen Tatsachen, nur dass Kyomori dann plötzlich zum Showdown mit einer Gatling antritt und Shakespare bewundert. Ein schizophrener Sheriff und ein durch den Verlust seiner Hoden dem Wahnsinn verfallener Samurai mit Irokesen-Schnitt sind weitere Paradebeispiele in Miikes Kuriositäten-Kabinett.

Highlight des Films ist für mich ganz klar Kaori Momoi – die ich bisher nur aus Arthaus-Filmen in anspruchsvollen Rollen kannte – die sich hier als Revolverheldin mal so richtig austoben kann und daran sichtlich Spaß hat. Ansonsten fällt mir nicht viel gutes ein, außer dass der Film handwerklich natürlich sehr gut gemacht ist und nett anzusehen ist, besonders das Finale im Schnee. Aber viele Handlungsstränge und Motive bleiben unklar, der Charakter des Films ist schwer zu bestimmen und wäre wohl am ehesten als groteske Verarsche sowohl des Westerns als auch des Samurai-Genres aufzufassen. Einen tieferen Sinn kann ich nicht erkennen: aufwändige Verpackung, nichts dahinter.

Original: Yôki na gyangu ga chikyû o mawasu (2006), von Tetsu Maeda

Als sie zufällig bei einem amateurhaft durchgeführten Banküberfall anwesend sind, lernen sich Kyono, Naruse, Kuon und Yukiko kennen und merken, dass sie es selbst viel besser machen könnten. Denn ihre besonderen Fähigkeiten ergänzen sich perfekt: Naruse (Takao Osawa) ist der Planer und Organisator und hat außerdem ein untrügliches Gespür für Lügen. Kuon (Shota Matsuda) ist ein exzellenter Taschendieb, Yukiko (Kyoka Suzuki) eine Fahrlehrerin mit dem Talent zur Stuntfrau und Kyono (Koichi Sato) ein Charmeur und Schwätzer vor dem Herrn.

Zunächst läuft für die so entstandene Gang alles wie am Schnürchen, doch dann tauchen Erpresser auf, die Yukikos Sohn kidnappen und den Erfolg der Gang ausnutzen wollen. So muss Naruse einen Plan aushecken, um eine weitere Bank zu überfallen und dabei gleichzeitig die Erpresser schachmatt zu setzen. Nebenbei entwickelt sich auch noch eine Romanze zwischen ihm und Yukiko. Beim Showdown geht es dann endgültig drunter und drüber, als auch noch ein rachsüchtiger Kollege Naruses mit einer Bombe auftaucht und ein vertrottelter Polizist ins Geschehen eingreift.

Screenshot A Cheerful Gang turns the earth 1

Die Charaktere dieser abgedrehten Gangsterkomödie sind leider ziemlich dünn, nur Yukiko und ansatzweise Naruse werden etwas ausführlicher beleuchtet und dem Zuschauer nahegebracht. Auch die Gags sind manchmal etwas sehr albern. Das ist schade, aber bei einem Film, der auf Action, Spaß und eine rasante Handlung setzt nicht weiter verwunderlich.

Viel problematischer sind die Widersprüche des Plots und die vielen durcheinander geworfenen Handlungsfäden, die es dem Zuschauer am Ende doch ziemlich schwer machen, zu verstehen, was nun eigentlich wirklich passiert. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch die Erzählstruktur, die nicht kontinuierlich chronologisch verläuft sondern Flashbacks und im Fall der Planung des Überfalls auch Vorgriffe auf die Zukunft verwendet. Zudem durchbrechen eine Reihe von CGI-Effekten, die zwar lustige Ideen umsetzen und schön anzusehen sind, die Struktur und erschweren so die Konzentration auf das Wesentliche noch zusätzlich.

Screenshot A Cheerful Gang turns the earth 2

Zugleich sind es aber genau diese skurrilen Ideen, die entscheidend dazu beitragen, dass A Cheerful Gang turns the Earth einfach richtig Spaß macht und gute Unterhaltung für die ganze Familie bietet (trotz einiger in slow motion abgefeuerter Revolverkugeln ist der Film nämlich weitgehend gewaltfrei). Daher sehe ich dann auch darüber hinweg, dass bei aller Ähnlichkeit zu offensichtlichen Vorbildern wie Butch Cassidy and the Sundance Kid oder Ocean’s Eleven deren Klasse in weiter Ferne bleibt.

Battle Royale

Original: Batoru rowaiaru (2000), von Kinji Fukasaku

Zum Ende seiner Karriere setzte der 2003 (während der Dreharbeiten zum Sequel) verstorbene Kinji Fukasaku, der in den 1970ern mit der Battles without Honor and Humanity-Reihe bekannt geworden war, nochmal ein kräftiges Ausrufezeichen: Battle Royale.

In einer nicht allzu fernen Zukunft steht die japanische Gesellschaft vor dem Abgrund: ein Heer an Arbeitslosen, Perspektivlosigkeit, die Jugend lebt ihren Frust in Gewalt aus und gerät außer Kontrolle. Eine Schulklasse wird ausgelost und statt auf die Abschlussfahrt auf eine einsame Insel verfrachtet, wo die Jugendlichen sich unter Aufsicht des Militärs und ihres ehemaligen Lehrers Kitano (Takeshi Kitano) gegenseitig umbringen müssen. Nur der letzte Überlebende darf die Insel verlassen.

Battle Royale Screenshot 1

Battle Royale ist aber keiner der üblichen Splatter-Filme, auch wenn natürlich reichlich Blut fließt und junge hübsche Mädchen im Dutzend niedergemetzelt werden. Es gibt nämlich keinen äußeren Feind, der die Gruppe nach und nach dezimiert (auch wenn Takeshi Kitano als sadistischer Lehrer einen herrlichen Schurken abgibt). Vielmehr sind es die Schüler selbst, die gegeneinander aufgehetzt ihre eigenen Klassenkameraden bis aufs Blut bekämpfen.

So wird der Film zu einer bitteren, ins groteske übersteigerten Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen Japans um die Jahrtausendwende. Über allem wird der extreme Konkurrenzdruck, dem Schüler bereits von Kindheit an ausgesetzt sind und der sich nahtlos in der späteren Arbeitswelt fortsetzt, thematisiert. Dieser Druck führt dazu, dass Klassenkameraden, die sich eigentlich gegenseitig helfen und Vertrauen ineinander haben sollten, sich gegenseitig verraten, vergiften und hinterrücks erschießen.

Battle Royale Screenshot 2

Natürlich kristallisieren sich schnell bestimmte Typen unter den Schülern heraus: Die berechnende Egoistin, die auch Sex als Waffe nutzt, der Psycho, der aus purer Freude tötet, die mit Gift spielende Eifersüchtige, eine kleine Gruppe von Nerds, die in bester A-Team-Manier Sprengstoff selbst mischen und die Technik des Militärs unterwandern und natürlich das aufrechte Liebespaar, das sich dem Töten verweigert. Was sie alle verbindet (und Anlass zu wunderbaren Diskussionen über Spieltheorie bietet) ist der Mangel an Vertrauen den anderen gegenüber, und nur dadurch kann das “Spiel” funktionieren.

Aber auch andere Aspekte des Alltags bekommen ihr Fett weg, allen voran die Medien: Der Film eröffnet mit einer Sequenz, in der die Vorjahres-”Siegerin”, ein blutbespritztes, wirr lächelndes Mädchen, von einem Pulk abgehetzter Journalisten empfangen wird. Und die Regeln des Spiels werden den Schülern mittels eines Videoclips vermittelt, in der eine dralle, hyperaktive Moderatorin in Hot Pants und Patronengürtel in bester Dschungelcamp-Manier die Jugendlichen auffordert, beim gegenseitigen Gemetzel ihr Bestes zu geben.

Battle Royale Screenshot 3

In Form des Lehrers Kitano, der zunächst als rechtschaffenes Opfer der gewalttätigen Schüler eingeführt wird, nimmt Regisseur Fukasaku auch das Establishment aufs Korn. Nicht nur dass er mittels einiger kurzer Telefonate zwischen Kitano und dessen Familie auch dessen verpfuschtes Privatleben beleuchtet, das ihm keinerlei Halt mehr gibt und ihn als leer und vereinsamt porträtiert.

Mehr noch wird Kitano als gewissenloser Sadist präsentiert, der nur auf Rache an den Schülern aus ist, die ihm das Leben zur Hölle gemacht haben. Einzig eine von ihm verehrte Schülerin, Noriko (Aki Maeda), gibt ihm noch so etwas wie Hoffnung, alle anderen würde er am liebsten eigenhändig umbringen, wie am Ende ein von ihm gemaltes Bild zeigt. Rache- und Mordphantasien sind eben nicht nur auf computerspielende Kids beschränkt, sondern kommen sehr wohl auch bei Familienvätern und Respektspersonen (Lehrer haben in Japan noch einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland) vor.

Battle Royale Screenshot 4

Als Film begeistert mich Battle Royale nicht wirklich. Er ist gut und routiniert gemacht, mit vielen, die Stimmung mitprägenden, in kalten Blau- und Grautönen gehaltenen Einstellungen. Die Hemmungslosigkeit, mit der sich die Teenager gegenseitig umbringen, verliert jedoch bald den Reiz des Schockierenden. Echte Spannung kommt kaum auf, weil für eine Identifikation viel zu viele Schüler über die Klinge springen müssen und weil bereits relativ bald absehbar ist, wer am Ende überleben wird.

Als bittere, desillusionierte Anklage einer auf bedingungslosen Wettbewerb ausgerichteten Gesellschaft, in der Gewalt als ein legitimes Problemlösungskonzept dargestellt und propagiert wird und in der elementare menschliche Werte dem individuellen Erfolg nur im Wege stehen, trifft Battle Royale allerdings einen Nerv unserer Zeit. Und stellt uns allen die Frage: Wie konnte es so weit kommen?

Original: Linda Linda Linda (2005), von Nobuhiro Yamashita

Eine Gruppe Mädchen plant, für ein Festival an ihrer Schule eine Band auf die Beine zu stellen und einige Songs aufzuführen. Dummerweise hat sich die Gitarristin gerade zwei Finger gebrochen, und die Gründerin der Band, Kei (Yu Kashii), hat sich mit einer Freundin, die ebenfalls in der Band mitwirken sollte, zerstritten. Nun springt Kei, die eigentlich kaum Gitarre spielen kann, als Gitarristin ein und als Sängerin wird kurzerhand die koreanische Austauschschülerin Son (Doo-na Bae), die nur gebrochen Japanisch spricht, rekrutiert.

Der Film zeigt, wie die vier Mädchen – außer den beiden genannten noch Schlagzeugerin Kyoko (Aki Maeda) und Bassistin Nozomi (Shiori Sekine) – innerhalb von drei Tagen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen, Freundinnen werden und neben dem Einstudieren der Songs noch mit typischen Problemen des Erwachsenwerdens zu kämpfen haben. Die schüchterne Kyoko beispielsweise verliebt sich in einen Mitschüler, kann sich aber nicht überwinden, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Kei dagegen muss sich mit dem Streit mit ihrer besten Freundin und einer in die Brüche gegangenen Beziehung auseinandersetzen und ist zu Beginn des Films (verständlicherweise) deprimiert, reizbar und schlecht gelaunt, findet aber dank der Band wieder zu guter Laune und Spaß am Leben zurück.

Screenshot Linda 2

Was an Linda Linda Linda sofort auffällt, ist sein langsamer Rhythmus, der im starken Kontrast zu den Punkrock-Songs der Blue Hearts steht, welche die Mädchen einstudieren (und von denen einer dem Film seinen Namen gab). Regisseur Nobuhiro Yamashita bleibt mit der Kamera immer auf Distanz, vermeidet Kamera-Bewegungen und hält die Einstellungen sehr lange. Damit schafft er jedoch ganz wunderbare Stimmungsgemälde und lässt seine Charaktere in dieser etwas wehmütigen, melancholischen Stimmung aufgehen.

Nachtrag: Ich habe nachgezählt und bin auf 335 Schnitte gekommen, was bei einer Gesamtlaufzeit von 114 Minuten durchschnittlich 3 Schnitte pro Minute sind. Ich habe leider keine Vergleichszahlen zur Hand, aber für einen Film des 21. Jahrhunderts und einen Regisseur der Videoclip-Generation (Yamashita war 2005 gerade mal 29) sind das ist unglaublich lange Einstellungen!

Besonders in der ersten Hälfte, während der Einführung der beiden Hauptpersonen Kei und Son, verdeutlicht diese Distanziertheit die Isolation der beiden: Die Austauschschülerin Son, die sich nur schwer verständigen kann und keine Freunde hat, sehen wir allein vor den Plakatwänden ihres Projekts zum Koreanisch-Japanischen Kulturaustausch. Kei, die gerade mit einer alten Freundin im Streit ist, treibt allein im Pool.

Screenshot Linda 1

Yamashita verzichtet konsequent auf jegliche Stereotypen und die allseits bekannten Klischees von Teenie-Filmen: Kein Gekreische, keine Zickenkriege (wir erfahren nie, warum sich Kei und ihre Freundin zerstritten haben), keine konstruierten Konflikte mit Lehrern, Eltern oder irgendwelchen Schulhof-Mobbern. Er zeigt einfach nur die Geschichte von vier ganz normalen Mädchen, mit ganz normalen Nöten und Problemen, die kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit noch eine Band gründen. So entsteht ein sehr glaubwürdiges, realistisches Porträt.

Diese Schlichtheit und der langsame Rhythmus lassen Linda Linda Linda besonders in der ersten Hälfte, während des zaghaften Kennenlernens der vier, für den einen oder anderen vielleicht etwas dröge wirken, aber ich bin mir sicher: Würde Ozu heute einen Teenager-Film drehen, dann sähe das Resultat ungefähr so aus! Die immer wieder eingestreuten Bilder aus dem Schulgebäude, von langen Korridoren, Schließfächern oder Fahrradständern erinnern stark an die typischen Stillleben bei Ozu, auch wenn sie natürlich einem anderen Zweck dienen und in erster Linie die Atmosphäre der Schule aufgreifen, transportieren und im Zuschauer die Erinnerung an die eigene Schulzeit wecken sollen.

Screenshot Linda 3

Trotz der simplen Story und der schlichten Ästhetik wirkt der Film aber keineswegs kalt oder intellektuell-abgehoben. Dazu trägt zum einen gerade in der zweiten Hälfte der großartige Soundtrack mit den von den Mädchen gespielten Songs der Blue Hearts bei. Die Energie, Lockerheit und Lebendigkeit der Musik geben die sich wandelnde Stimmung wieder und passen hervorragend zu dem ausgelassenen Spaß, den die vier trotz aller Schwierigkeiten beim Musizieren haben.

Zum anderen sind es die schauspielerischen Leistungen, die den Film tragen. Besonders Doon-na Bae in der Rolle der Son (im unteren Screenshot links) hält den Film zusammen, wird zum Dreh- und Angelpunkt; dank ihr sehen wir die zunächst zurückhaltende, in der fremden Umgebung etwas chaotisch agierende Son regelrecht aufblühen. Ihre Direktheit und die fehlende Vertrautheit mit Normen und Verhaltensweisen sorgen zudem immer wieder für skurril-komische Momente, etwa wenn sie in einer Karaoke-Bar dem Besitzer so lange auf die Nerven geht, bis der darauf verzichtet, dass sie ein Getränk bestellen muss. Mit ihrer Begeisterung und ihren großen Augen reißt sie die anderen (und den Zuschauer) mit und wird mit ihrem warmen sympathischen Wesen zum emotionalen Mittelpunkt der Band.

Screenshot Linda 5

Ihr ist klar, dass der ganze Spaß den sie mit der Band hat, die Befreiung aus ihrer Isolation in diesem fremden Land und die großartige Erfahrung während ihres Austauschs ihr völlig unverhofft in den Schoß fielen. Sie ergreift einfach die gebotene Gelegenheit, kostet diese ganz aus und ermöglicht dadurch das enge Zusammenwachsen der Band, da sie keinen Ballast mit sich trägt.

Wieder einmal ein kleiner, gelungener und sehr charmanter Film, der einen wehmütig an die eigene Jugend zurückdenken lässt, als das ganze Leben vor einem lag, noch alle Möglichkeiten offenstanden und man noch auf nichts festgelegt war. Zugleich weckt er aber auch die Erinnerung an dieses Gefühl des Abschiednehmens, des Auskostens einer vielleicht einzigartigen (weil letzten?) Gelegenheit, und die Unsicherheit darüber, was vor einem liegt. Aber Achtung, wer sich diesen wunderbaren Film anschaut sollte sich darauf einstellen, neben der DVD auch gleich noch die CDs der Blue Hearts kaufen zu wollen, die Songs haben nämlich definitiv Ohrwurm-Potenzial!

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