7 Jun
Original: Subete wa umi ni naru (2009) von Akane Yamada
Selbst in unserer emanzipierten Gesellschaft gibt es noch ein paar Jobs, die bis heute Männerdomänen geblieben sind. Dazu gehört auch der des Regisseurs, so dass es meist eine besondere Erwähnung wert ist, wenn sich mal eine Frau auf den Regiestuhl setzt. Schade eigentlich. Woran das wohl liegen mag, dass sich Frauen bis heute so schwer damit tun? Liegt es vielleicht am hohen Druck in der Filmindustrie? Aber ich schweife ab. All to the sea ist jedenfalls einer dieser wenigen Filme, die von einer Frau gedreht wurden und wenn ich mich nicht irre ist es sogar der erste, den ich hier vorstelle.
Die Geschichte dreht sich um Natsuki (Eriko Sato), die in einer Buchhandlung für die Literaturecke zuständig ist und dort mit besonderer Freude Bücher rund um die Liebe präsentiert. Das macht sie so gut, dass ein Verlagsagent auf sie aufmerksam wird und sie Rezensionen zur Vermarktung neuer Bücher schreiben lässt. Nebenbei gehen die beiden auch noch miteinander ins Bett.
Doch dann macht Natsuki einen folgenschweren Fehler: Sie unterstellt einer Kundin ungerechtfertigterweise Ladendiebstahl, worauf sie und ihr Chef die Kundin zuhause besuchen, um sich zu entschuldigen. Dort treffen die beiden auf eine völlig kaputte Familie, deren Vater auf Schmerzensgeld drängt. Kurz darauf taucht der Sohn Koji (Yuya Yagira) jedoch bei Natsuki im Laden auf, entschuldigt sich für seinen Vater und beichtet, dass seine Mutter zwanghaft stehle. Natsuki ist vom Mut und der Aufrichtigkeit des Jungen beeindruckt und die beiden kommen sich schnell näher.

Regisseurin Yamada, die hier ihren eigenen Roman verfilmte, erzählt eigentlich gleich mehrere Geschichten in einer. Dazu gehört, dass die beiden Hauptcharaktere mit großem Einfühlungsvermögen und vielen kleinen Details ausgestaltet und von den beiden Darstellern wunderbar zum Leben erweckt werden. So erzählen beide ihre eigene Geschichte, die bei Koji viel mit den Schwierigkeiten eines Außenseiters in der Schule und bei Natsuki mit dem Verwechseln von Liebe mit Sex zu tun hat.
Was die beiden verbindet ist ihre Einsamkeit, deren Überwindung das zentrale Thema das Films darstellt. Zunächst führt dieses Thema die beiden zusammen, sie sehen sich selbst im jeweils anderen, machen sich gegenseitig Mut und bauen so ihre Freundschaft auf. Dann müssen sie jedoch erkennen, dass sie unterschiedliche Wege beim Umgang mit der Einsamkeit gehen, was ihre Freundschaft auf eine harte Probe stellt.
Eine weitere zentrale Rolle spielt im Film der Literaturbetrieb, verkörpert in der Figur des Agenten. Dieser wird als oberflächlich, egozentrisch und allein am materiellen Erfolg orientiert dargestellt und schreckt nicht davor zurück, aus Marketinggründen einen verzweifelten Autor dazu zu bringen, das Ende seines Buches zu ändern. Die Parallelen zum Filmbusiness sind nicht zu übersehen, so dass sich Yamadas Kritik fast eins zu eins übertragen lässt. Sie selbst bleibt jedoch standhaft und verpasst All to the sea ein unerwartetes, unkonventionelles und offenes Ende.
Für mich war dieser Film ein absolutes Highlight beim JFFH2010! Er widmet sich zwar sehr ernsten Themen, wird dabei aber nie verkopft, ganz im Gegenteil sind immer wieder lustig-skurrile Momente eingestreut. Anspruchsvolle Unterhaltung vom Feinsten!
1 Jun
Original: Kuroneko (2009) von Shutaro Oku
Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, diesen Film auf dem JFFH2010 zu sehen, denn parallel lief Die Sieben Samurai. Dann habe ich aber kurzfristig die Ansage im Kino übernommen und wurde sehr positiv überrascht, gerade weil es sich nicht um einen “normalen” Film handelt.
Regisseur Shutaro Oku war neben Black Cat noch mit USB, einer sehr gesellschaftskritischen Aufarbeitung eines Störfalls in einer japanischen Atomanlage, auf dem Filmfest vertreten. Dass Oku ein sehr kritischer Geist ist, ist auch an Black Cat nicht zu übersehen: Die literarische Vorlage (Edgar Allan Poes Kurzgeschichte Die schwarze Katze) reicherte er um eine ganze Reihe aktueller Themen an, von skrupellosen Immobilienhaien über die Ausbeutung von Arbeiterinnen bis zu Tricksereien um Organspenden.
Dazu verlegt er die Geschichte nicht nur in die Gegenwart, sondern er macht aus dem gewalttätigen Trunkenbold in Poes Geschichte die alleinstehende Machiko (Ayako Fujitani), die in Armut lebt und ihr Kind offenbar bei einem Verkehrsunfall verlor (ganz sicher bin ich mir da allerdings nicht, diese Episode könnte auch in ihrer Wahnvorstellung stattgefunden haben). Noch dazu muss sie um ihre Unterkunft in einem alten, heruntergekommenen Vorkriegsbau kämpfen, den die Besitzerin abreißen und durch schicke Apartmenthäuser ersetzen will. Unterstützt wird Machiko von einem Polizisten, den die Besitzerin eigentlich mit der Aufklärung eines Brandanschlags auf ihr Büro und dem rätselhaften Tod einer schwarzen Katze beauftragt hat. Außerdem taucht ein Fotograf auf, der von den Wänden alter Gebäude und Fabrikanlagen fasziniert ist und sich für Machiko zu interessieren beginnt.
An einigen Stellen ist es nicht ganz einfach, der Handlung zu folgen, denn Black Cat ist wie gesagt kein “normaler” Film, sondern vielmehr eine abgefilmte Theateraufführung. Die Schauspieler agieren auf einer Bühne, Szenenwechsel werden durch veränderte Hintergründe und rearrangiertes Mobiliar verdeutlicht, im Vordergrund sind manchmal die Köpfe von Zuschauern zu sehen.

Doch Black Cat ist auch kein “normales” Theaterstück, von dem einfach nur ein Mitschnitt angefertigt wurde. Regisseur Oku versuchte statt dessen, typische filmische Elemente in die Theaterfassung einfließen zu lassen und ging dabei sehr raffiniert vor. Spannend sind beispielsweise die Szenenbilder, die überwiegend aus Projektionen bestehen. Für diese Projektionen wurden immer wieder kurze Filme verwendet, so z.B. in einer Szene die in einer Straßenbahn spielt und in der im Hintergrund eine vorbeirauschende Stadtlandschaft an die Wand geworfen wurde.
Sehr clever gelöst fand ich auch die gleichzeitige Einblendung von zwei Schauspielern mittles Überblendung, so dass eine Person groß im Vordergrund erscheint und die andere klein im Hintergrund – im Film gang und gäbe, im Theater unmöglich. Ein weiteres vom Film übernommenes Element ist der Soundtrack, der in zahlreichen Szenen sehr effektvoll zum Einsatz kam.
In der Frühzeit des japanischen Films war das Abfilmen von Theaterstücken weit verbreitet, da die neue Technologie des Films in Japan zunächst als Weiterentwicklung des Theaters begriffen wurde und nicht wie im Westen als Weiterentwicklung der Fotografie. Erst um 1915 herum hatte sich das Kino als eigenständige Kunstform mit ihren neuen Erzähltechniken und -normen durchgesetzt. Anders als damals, als vorwiegend klassisches japanisches Theater wie Kabuki gefilmt wurde, ist Black Cat allerdings durch und durch an westlichen Theatertraditionen orientiert – soweit ich als Theaterlaie das beurteilen kann.
Ich habe leider noch nie eine solche alte Filmvariante eines Kabukistücks gesehen und es würde mich sehr interessieren, ob damals ähnlich mit den technischen Möglichkeiten experimentiert wurde wie es Oku hier macht. Denn dass ein fruchtbarer und spannender Austausch zwischen beiden Kunstformen durchaus möglich ist, dafür ist Black Cat ein eindrucksvoller Beleg.
28 Apr
Original: Yume (1990) von Akira Kurosawa
Wenn über das Werk Kurosawas geschrieben wird, dann werden dabei gern bestimmte Lebens- und Schaffensphasen unterschieden. Bei den Dreharbeiten von Dreams war der große Regisseur 80 Jahre alt, aber nicht nur deshalb ist der Film als Beginn seines Alterswerks zu sehen.

Dreams besitzt keine fortlaufende Handlung sondern setzt sich aus acht “Träumen” zusammen die Kurosawa angeblich selbst einmal geträumt hat, alles Episoden mit teilweise sehr unterschiedlichem Charakter. Manche ranken sich um Mythen der japanischen Folklore, andere haben klare Bezüge auf unsere Welt der Gegenwart. Und doch merkt man schnell, dass hier nicht einfach nur wahllos Kurzgeschichten aneinander gereiht wurden: Zum einen ist da das immer wiederkehrende Thema Umgang mit der Natur, die Wertschätzung ihrer Schönheit, der Respekt, den sie uns abnötigt und die Bedeutung eines Lebens im Einklang mit der Natur.
Zum anderen tauchen in jeder Episode Bezüge auf bestimmte Stationen im Lauf eines Lebens auf, die wie ein Bogen die einzelnen Träume überspannen und gewissermaßen zu einem Lebenslauf verbinden. In den ersten beiden Episoden sind das Ereignisse aus der Kindheit wie das Hina-matsuri. Dann folgen einen Menschen prägende Extremsituationen wie Kriegsdienst oder die gefährliche Bergexpedition in der dritten Episode. Anschließend wird die beeindruckende Schaffenskraft und unerschöpfliche Kreativität eines Menschen gefeiert, der seine Bestimmung gefunden hat, bevor dann die dunkleren, selbstzerstörerischen Seiten des Menschseins von Egoismus über Gier bis hin zum Kannibalismus thematisiert werden. Am Ende stehen schließlich ein versöhnlicher Entwurf einer alternativen, genügsamen und sich an den kleinen Dingen erfreuenden Lebensweise sowie ein gelassener Umgang mit dem Tod.

Wer als Zuschauer ein kleines bisschen mit Person und Leben Kurosawas vertraut ist, dem drängen sich beim Sehen des Films gleich mehrfach Hinweise auf eine ausgeprägte autobiographische Komponente auf. Jede Episode, jeder “Traum” wird aus der Sicht einer Person geschildert, die in den ersten beiden noch ein Kind ist und danach von Akira Terao verkörpert wird, der mit seinem Schlapphut in vielen Szenen ganz offensichtlich an Kurosawa selbst erinnern soll. Auch dass er mehrfach mit einer Zeichenmappe unterwegs ist, deutet auf Kurosawas Liebe zur Malerei hin.
Kurosawa lässt also sein Alter ego den Zuschauer auf eine kleine Reise zu verschiedenen Stationen eines (seines?) Lebens mitnehmen und verbindet die Stationen – mal mehr, mal weniger offensichtlich – mit klaren Botschaften: Da blickt offenbar ein alt gewordener Mann, der viel von der Welt gesehen und viel erlebt hat, zurück auf sein Leben und will seine gewonnen Weisheiten und seine Weltanschauung mit anderen teilen. Diese Versuche der Belehrung sind teilweise verblüffend direkt und simpel, um nicht zu sagen plump, wie etwa in “Mount Fuji in Red”, in der explodierende Atomkraftwerke den Untergang der Menschheit einleiten. Oder wie in der letzten Episode, in welcher der 86jährige Chishu Ryu vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur schwärmt und Dinge wie Elektrizität als überflüssigen Schnickschnack entlarvt, der uns nur davon abhält, das Leben in all seiner Schönheit zu genießen.

Man mag sich über diese Belehrungsversuche wundern – aber Kurosawa hatte schon immer eine Agenda. Nur dass er sich als greiser Mann nun einfach die Freiheit nimmt, ganz unverhohlen und direkt Dinge anzuprangern und seine Sicht der Welt darzulegen. Das erinnert teilweise ein bisschen an den Opa, der vom Schaukelstuhl aus seine Enkel belehrt – und in der Tat entwickelte Kurosawa sich mit seinem letzten Film Madadayo ja noch weiter in diese Richtung.
Nun könnte durch das bisher geschriebene der Eindruck entstehen, Dreams wäre kein besonders sehenswerter Film – diesem Eindruck muss ich energisch entgegentreten! Kurosawa ist ein Meister der Farbe und der Komposition und Dreams enthält einige der visuell beeindruckendsten Ideen und betörendsten Bilder aus Kurosawas Werk. Die Screenshots sollten das unübersehbar zeigen und selten fiel es mir so schwer, mich auf 4 oder 5 Screenshots zu beschränken.

Bereits in den vorangegangenen Filmen hatte sich eine Besinnung des Regisseurs auf seine in der Malerei liegenden Wurzeln angedeutet, hier wird sie offensichtlich. Nicht nur, dass er immer wieder wie gemalt erscheinende Szenen auf die Leinwand bannt, in der wohl berühmtesten Episode “Crows” begegnet sein alter ego dem von Martin Scorsese gespielten Vincent van Gogh und taucht regelrecht in einige der berühmtesten Bilder des Malers ein.
Um diese Szenen umzusetzen begann Kurosawa noch im hohen Alter, mit Special Effects zu experimentieren. Dabei kamen ihm seine Kontakte nach Amerika zugute, so dass er bei der Umsetzung seiner Ideen mit Industrial Light & Magic zusammenarbeiten konnte, der Effektschmiede seines großen Bewunderers George Lucas. Seine Offenheit für Neues und seine Experimentierfreude auch im hohen Alter sind für mich einer der stärksten Belege dafür, was ein außergewöhnlicher Künstler und großer Visionär Kurosawa doch war.

Dreams ist sicher nicht der erste Film, der einem einfällt wenn man an Kurosawa denkt oder den man als erstes empfehlen würde. Aber er ist sein wohl persönlichster Film und allein schon daher für das Verständnis der Person und des Künstlers von immenser Bedeutung. Zugleich ist der Film ein echtes Statement und einfach wunderschön anzusehen.
4 Feb
Original: Akumu tantei (2006) von Shinya Tsukamoto
Zwei rätselhafte Selbstmorde, bei denen sich die Opfer (Täter?) im Schlaf auf brutalste Weise selbst töteten, beschäftigen die Tokyoter Polizei. Beide Opfer haben unmittelbar vor ihrem Selbstmord mit derselben Person telefoniert, auf ihren Handys finden sich mysteriöse Hilferufe. Für die hochdekorierte Analystin Keiko Kirishima (Hitomi), die frisch von der Polizei- Akademie in den aktiven Dienst gewechselt ist, ist dies ihr erster Fall und sie geht ihn mit dem ihr eigenen Ehrgeiz an.
Dazu geht sie auch ungewöhnliche Wege und nimmt Kontakt mit Koichi Kagenuma (Ryuhei Matsuda) auf, der die Fähigkeit besitzt, in anderer Menschen Träume einzudringen. Koichi will mit der Sache nichts zu tun haben, warnt Keiko aber davor, die Nummer anzurufen. Als jedoch einer von Keikos Kollegen den Anruf macht und sich danach im Schlaf umbringt, will sie der Sache endlich auf den Grund gehen und lässt sich ebenfalls auf die gefährliche Traumwelt ein.

Ich habe bisher noch keine anderen Filme von Tsukamoto gesehen, der 1989 mit seinem bahnbrechenden Werk Tetsuo the Ironman über Nacht Kultstatus erreichte. Er ist bekannt für alptraumhaft-morbide Filme, die sich teilweise an der Grenze zum Splatter bewegen, mit denen er die dunkle Seite der menschlichen Psyche erkundet. Vergleiche mit Filmemachern wie Cronenberg oder Lynch sind an der Tagesordnung.
Wegen dieses Hintergrunds und meiner Begeisterung für den im selben Jahr erschienenen atemberaubenden Anime Paprika, (der sich ebenfalls mit der Verquickung von Traum und Realität und dem Eindringen in Träume beschäftigt), war ich sehr auf Nightmare Detective gespannt und habe mir einiges davon versprochen. Leider wurde ich über weite Strecken enttäuscht.

Aber beginnen wir mit dem Positiven: Der Film ist überwiegend sehr reduziert und minimalistisch inszeniert, um nicht zu sagen kalt. Viele Szenen sind ganz in blau-grünen Tönen oder sehr dunkel gehalten. Auch werden die Hauptcharaktere sehr isoliert dargestellt. Dadurch entsteht eine bedrückende Stimmung, die gut zum Thema Selbstmord passt.
Im krassen Gegensatz zu dieser allgemein vorherrschenden Atmosphäre stehen die “Jagdszenen” der Alpträume, in denen der “Traummörder” über seine Opfer herfällt. Diese beeindruckenden Szenen sind ruckelig, rasant, voller Lichtblitze und begleitet von kakophonischen Soundeffekten – einem Mix aus metallischen und erdig-wässrigen Geräuschen, sehr schwer zu beschreiben. Von diesem handwerklich-ästhetischen Gesichtspunkt aus bietet der Film ein stimmiges, gut umgesetztes Konzept und ist absolut sehenswert.

Leider war’s das aber auch schon an positiven Aspekten. Denn abgesehen davon funktioniert der Film einfach nicht: Das Duell zwischen dem Mörder und seinen Verfolgern wird viel zu spät aufgebaut und nimmt erst in den letzten 20 Minuten Fahrt auf. Es ist zwar die ganze Zeit irgendwie klar, dass es auf einen Showdown hinauslaufen wird, aber als es dann soweit ist, kommt er völlig aus dem Nichts – und funktioniert auch nicht wirklich, weil vorher keine Beziehung zwischen dem Mörder auf der einen und Keiko bzw. Koichi auf der anderen Seite entwickelt wurde. Alles bleibt irgendwie unmotiviert.
Ganz besonders leidet der Film aber an seinen Hauptcharakteren. Tsukamoto spielt selbst den Mörder, der aber erst in den letzten 20 Minuten des Films in Erscheinung tritt, und macht dabei mit Abstand die beste Figur. Ryuhei Matsuda, der eigentlich titelgebende Charakter, taucht nach seiner Einführung gleich am Anfang über lange Zeit ab und wirkt auch später wie ein Fremdkörper. Das Popsternchen Hitomi zeigt den ganzen Film hindurch (außer in der Schlusszene) eigentlich nur zwei Gesichtsausdrücke, nämlich “grübeln” und “angespanntes grübeln”. Wie jemand auf IMDb bemerkte, ist ihre außergewöhnliche Schönheit außerdem irgendwie fehl am Platze und lenkt eher von den psychologischen Aspekten ihres Charakters ab – in meinen Augen eine Fehlbesetzung.

Alles in allem ist der Film einfach unausgereift: Die Charaktere bleiben seltsam ungreifbar und unbegreifbar, der Plot ist voller Lücken und Ungereimtheiten. Ein gutes Beispiel dafür ist die am Anfang konstruierte Rivalität zwischen Keiko und einem älteren zynischen Kollegen, der sie immer wieder wegen ihrer Unerfahrenheit und ihrer hochhackigen Schuhe aufzieht – und der nach ca. 60 Minuten einfach auf nimmerwiedersehen aus dem Film verschwindet.
In einigen Kommentaren und Reviews habe ich gelesen, dass dieser Film für Tsukamoto eine Auftragsarbeit gewesen sein soll – das könnte eine Erklärung sein für die Schwächen des Plots und der Charaktere. Nightmare Detective ist kein wirklich schlechter Film und wer sich gern ein bisschen gruselt wird schon seinen Spaß dran haben, aber was mit dem Thema “Träume und Realität werden eins” alles möglich ist, das sollte man sich besser bei Paprika anschauen.
14 Dez
Original: Shiawase no kiiroi hankachi (1977) von Yoji Yamada
Zwischen den Folgen 19 und 20 der “Tora San”-Reihe drehte Yoji Yamada noch schnell – basierend auf einer Erzählung von Pete Hamill – ein mit nicht weniger als 27 Preisen überschüttetes Roadmovie. Darin macht sich der von seiner Freundin sitzen gelassene Kinya (Tetsyua Takeda) mit seinem fahrbaren Untersatz auf nach Hokkaido, wo er an einem Bahnhof die Touristin Akemi (Kaori Momoi) aufliest. Genau wie Kinya hat auch sie gerade eine zerbrochene Beziehung hinter sich. Zu den beiden stößt dann noch Yusaku (Ken Takakura), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Die drei könnten kaum unterschiedlicher sein: Während Kinya ein groß geratenes, gutherziges Kind ist, allzeit den Clown spielt und kaum weiter als bis zum Lenkrad in seinen Fingern denkt, ist Akemi völlig verunsichert und labil, mal in sich gekehrt, mal jauchzend und dazwischen der eine oder andere Heulanfall. Yusaku betrachtet die beiden jungen Leute anfangs mit offensichtlicher Skepsis und schweigt und grübelt die ganze Zeit vor sich hin. Als einziger der drei scheint seine Reise allerdings ein Ziel zu haben, das einerseits eine magische Anziehungskraft auf ihn ausübt, vor dem er sich aber auch zu fürchten scheint.

Immer wieder reiben sich die drei aneinander, kabbeln sich, stehen kurz davor, getrennter Wege zu gehen und wollen – oder können – dann doch nicht auf einander verzichten und raufen sich wieder zusammen. Als bei einer Polizeikontrolle auf der Landstraße Yusaku eingesteht, dass er wegen Totschlags im Gefängnis war, und anschließend seinen beiden Begleitern das Geheimnis hinter seinem Reiseziel offenbart, nimmt der bis dahin langsam vor sich hinfließende Film richtig Fahrt auf.
Im Kern des Films, auf den sich auch der Titel bezieht, steht letztlich Yusakus Geschichte. Seine Einführung ist auch gleich einer der ersten Höhepunkte und ein Paradebeispiel für die simplen, unaufdringlichen Mittel mit denen Yamada seine Charaktere ausformt: Gerade aus dem Knast entlassen geht Yusaku in der Stadt in ein kleines Restaurant, bestellt Ramen und ein Bier. Als das Bier serviert wird, umklammert er mit zitternden Händen das Glas und stürtzt es in einem Zug hinunter. Er kostet zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Freiheit, den Geschmack hat er schon fast vergessen, doch der fühlt sich offenbar gut an. Takakura spielt wunderbar und einige der 27 Preise des Films gingen an ihn für seine Leistung.

The Yellow Handkerchief lässt uns viel Zeit, die drei Hauptcharaktere kennenzulernen und angesichts der kleinen, ungekünstelten, erfreulich menschlichen Details, die Regisseur Yamada während der Reise einstreut, nehmen wir uns diese gern. Es macht einfach Spaß, den dreien zuzusehen, wie sie – verunsichert wie sie alle sind – sich langsam aneinander herantasten und sich dabei auch mal auf die Füße treten. Aber letztlich ist es kein Zufall, dass sie in einem Mazda der Modellreihe Familia unterwegs sind: Sie lernen, zu vergeben und füreinander da zu sein und überwinden so gemeinsam ihre Einsamkeit.
Das gelbe Taschentuch, das dem Film seinen Titel gibt, wird so am Ende zu einem Symbol der Hoffnung. Dabei kommt The Yellow Handkerchief trotz des Happy-Ends, bei dem wohl fast jeder die eine oder andere Träne verdrücken dürfte, völlig ohne die unnötig kitschigen, sich wie Kaugummi ziehenden “Jetzt bitte Taschentuch rausholen”-Momente aus, von denen wir leider in so vielen Filmen geplagt werden. Ein Feelgood-Movie im allerbesten Sinne, der zugleich auch noch Tiefe hat – Regisseur Yamada ist hier wirklich ein kleiner, feiner Film für die Ewigkeit gelungen.
9 Nov
Original: Tokyo orimpikku (1965) von Kon Ichikawa
Kurz nach Beginn des Einmarsches der Athleten ins Olympiastadion gibt es zwei besonders herausgehobene Momente: Der Auftritt der Delegationen aus Camerun und dem Congo, die zum ersten Mal nach der Befreiung aus der europäischen Kolonialherrschaft an Olympischen Spielen teilnehmen; und die vereinte deutsche Mannschaft, bestehend aus Athleten der DDR und der BRD, die gemeinsam an diesen Spielen des Friedens teilnehmen. Dieser völkerverbindende, friedliche Geist prägt Kon Ichikawas dreistündigen Dokumentar-Epos über die Olympischen Spiele in Tokyo 1964, weshalb er auch so wunderbar zu diesem 20. Jahrestag des Mauerfalls passt.

Als Fest der Menschen und der Völker will Ichikawa seinen Film ganz offensichtlich verstanden wissen, die Ankunft der Athleten schon am Flughafen wird in vielen dynamisch geschnittenen Einstellungen festgehalten, unterstrichen von einem euphorischen Kommentator, der ein bisschen wie ein guter alter Radioreporter klingt. Diese Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, von der Eröffnungszeremonie, über eine kurze Episode in der Kantine des olympischen Dorfs bis zur Abschlussfeier.
Neben Internationalität und Völkerverständigung stellt Tokyo Olympiad noch ein weiteres, zentrales Motto der Spiele in den Mittelpunkt: Dabei sein ist alles. Anders als in Sportdokumentationen (und in Sportfilmen sowieso) meist üblich, lernen wir nicht nur die Sieger kennen, denn alle Athleten verdienen gleichermaßen unsere Anerkennug und unsere Bewunderung. So auch der gestürzte Radfahrer, der irische Marathonläufer, der am Rand der Strecke zusammensackt oder die unbekannte Sportgymnastin, denen genausoviel oder sogar mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als Don Schollander, der vier Goldmedaillen gewann.

Exemplarisch für dieses Bestreben Ichikawas, die olympischen Spiele vor allem als eine friedliche Begegnung der Menschen aus aller Welt darzustellen, bei der jeder sein Bestes gibt, steht der junge Sprinter Isa aus dem Tschad, ebenfalls eine gerade erst aus der Kolonialisierung entlassene Nation. Er ist der einzige Athlet, dessen Geschichte in einer kurzen Episode aus einer persönlichen Perspektive erzählt wird und durch dessen Augen wir einen Blick auf die Spiele werfen. Aber dann zieht die Kamera auch schon weiter, die Schwimmwettbewerbe stehen schließlich an und Judo und Volleyball und und und…
Das Volleyballfinale der Damen zwischen der Sowjetunion und Japan ist sicherlich einer der Höhepunkte des Films. Die kurze Zusammenfassung des Matches hat alles zu bieten, was Sportberichterstattung ausmacht: Spannung, atemberaubende Zeitlupen, Dynamik, kleine Heldentaten und natürlich Tränen der Freude und der Enttäuschung, als die Japanerinnen den sechsten Matchball endlich verwandeln.

Weitere herausragende Momente aus sportlicher Sicht wären das Radrennen, der Stabhochsprung, das Judomatch bei dem der japanische Weltmeister (und Favorit) spektakulär vom Belgier Geesink besiegt wird und – natürlich – das 100-Meter-Finale der Männer, das Ichikawa in einer brillanten Zeitlupensequenz einfängt. Das große Finale des Films in sportlicher wie spiritueller Hinsicht ist aber der Marathonlauf, der fast 25 Minuten einnimmt und regelrecht einen Film im Film darstellt.
Mittels Hubschrauberflug über die Hochautobahn quer durch Tokyo, die für den Marathon gesperrt wurde, werden wir an die Herausforderung herangeführt, beim Start werden uns einige der Protagonisten vorgestellt. Dann beginnt das Spektakel, das innerhalb weniger Minuten eine ganze Reihe menschlicher Dramen und Triumphe schildert: Der bereits erwähnte, am Streckenrand zusammengebrochene Läufer, ein Läufer der barfuß (!) unterwegs ist, die ersten Erfrischungsstopps und dann der Triumphlauf Abebe Bikilas aus Äthiopien, der nach Rom zum zweiten Mal die Goldmedaille gewinnt und dabei zugleich seinen eigenen Weltrekord verbesserte. In einer minutenlangen Sequenz sehen wir nur ihn, ganz allein auf der Strecke vor dem Hintergrund des grauen Asphalts, wie er in Zeitlupe einen Kampf mit sich selbst austrägt. Und siegt.

So abwechslungsreich wie die sportlichen Höhepunkte des Films sind auch die cineastischen Mittel, die Ichikawa einsetzt. Es finden sich viele Bilder, die für eine Sportdokumentation erstaunlich minimalistisch sind, wie etwa die Screenshots oben vom Marathonlauf und der Gymnastik zeigen. Diese durchbrechen immer wieder die bunten, dynamisch und schnell geschnittenen, “actionhaltigen” Szenen der Wettkämpfe und sorgen für regelrecht meditative Momente.
Großaufnahmen einzelner Athleten stehen Massenszenen gegenüber, und auch Soundeffekte werden stark benutzt, besonders während der Zeitlupen. So sind etwa während eines Hürdenlaufs überhaupt keine Geräusche zu hören, außer dem Umstürzen einer Hürde, das fast wie ein verzweifelter Schrei klingt.

Kon Ichikawa, damals einer der renommiertesten Regisseure Japans, stand für die Dokumentation der Spiele ein Heer von fast 600 Mitarbeitern, darunter allein 16 Kameramänner, zur Verfügung. Mit dem Ergebnis seiner Arbeit war das Organisationskomitee der Spiele aber äußerst unzufrieden.
Donald Richie berichtet, dass Ichikawas ursprüngliche Fassung stark überarbeitet wurde, in der noch viel mehr als im endgültigen Film der einfache Mensch in den Mittelpunkt gestellt wurde. So soll Ichikawa für das Ende des Films eine Szene vorgesehen gehabt haben, in der ein Mann mit einer Leiter auf der Schulter durch das leere Stadion geht, das Lachen von spielenden Kindern im Hintergrund. Allein bei dem Gedanken bekomme ich Gänsehaut! Was ein Jammer, dass er seine Vision nicht umsetzen konnte und Kompromisse gegenüber dem Komitee eingehen musste.

Aber auch ohne dieses Ende und mit der etwas “monumentalisierteren” Version, die letztlich veröffentlicht wurde, stellt Tokyo Olympiad einen Meilenstein des Sportdokumentationsfilms dar. Zahllose Elemente und Techniken, die Ichikawa vor 45 Jahren anwandte, gehören heute zum Standard jeder Berichterstattung von einem sportlichen Großevent. Mit einem Blick auf die letzten Olympischen Spiele wäre zu wünschen, dass nicht nur die Technik sondern auch der Geist seines Werkes, das kompromisslos den Menschen in den Mittelpunkt stellt und um verherrlichende, großkotzige Inszenierungen einen weiten Bogen macht, noch Einfluss bis in die Gegenwart hätte.
6 Okt
Original: Okuribito (2008) von Yojiro Takita
Als Departures Anfang des Jahres mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, war das für die meisten (nicht nur Japaner) eine riesige Überraschung. Der Film hatte zwar schon zuvor reihenweise Auszeichnungen eingesammelt, vor allem in Japan aber auch bei einigen internationalen Festivals, aber die ganz großen Ehrungen, die ihn in eine Favoritenrolle gebracht hätten, waren nicht dabei. Auch ich war damals sehr überrascht, aber jetzt wo ich ihn gesehen habe, finde ich es gar nicht mehr so sehr verwunderlich.
Der Film beginnt mit einem Flashback: Der Cellist Daigo (Masahiro Motoki) kehrt Tokyo den Rücken nachdem sein Orchester aufgelöst wurde und bezieht zusammen mit seiner Frau Mika (Ryoko Hirosue) das alte Haus seiner Eltern in einer ländlichen Kleinstadt. Über eine Stellenausschreibung findet er Arbeit als zeremonieller Leichenpräparator. Eine Aufgabe, die früher traditionell von den Familienangehörigen übernommen wurde, die sich heute aber zu fein dafür sind und lieber andere dafür bezahlen.
Anfangs kostet Daigo die Arbeit viel Überwindung, aber der patriarchalische Firmengründer Sasaki (Tsutomu Yamazaki) fördert und unterstützt ihn und entwickelt sich zu einer regelrechten Vaterfigur für Daigo. Daigos leiblicher Vater ließ ihn und seine Mutter nämlich im Stich, als er noch ein kleiner Junge war, was er bis heute noch nicht verarbeitet hat. Ein Problem mit der Verarbeitung seines neuen Jobs hat dagegen Mika, sie ist entsetzt, ja, angeekelt von ihrem mit Leichen arbeitenden Mann und zieht aus, als der sich keine andere Arbeit suchen will. Hier endet der ca. einstündige Flashback, und der Plot beginnt, die aufgeworfenen Konflikte zu ihrem Höhepunkt zusammenzuführen. Und dabei will ich es auch belassen, schließlich möchte ich niemandem den Spaß an dem Film verderben.
Was mich an Okuribito besonders beeindruckt hat, waren die teilweise überraschenden, aber immer beeindruckend souveränen Stimmungswechsel. Einen Moment werde ich wahrscheinlich nie vergessen: Nach einer sehr emotionalen, traurigen Bestattungszeremonie, bei der eine Leiche gewaschen, angekleidet und geschminkt wurde, schneidet Regisseur Takita direkt auf die Großaufnahme einer Schüssel voll panierter Hühnchenschlegel, die von Daigo und Sasaki mit den Worten “Zum Sterben gut” laut schmatzend verzehrt werden. Der Effekt ist völlig grotesk, aber auch urkomisch, und reisst unvermittelt aber dennoch auf eine positive – weil lustige – Art aus der traurigen Melancholie der Bestattung. Solche beeindruckenden Momente gibt es immer wieder.
Großartig auch, dass im ganzen Film wenig Worte gebraucht werden und statt dessen viel mehr mit Stimmung und Atmosphäre gearbeitet wird (kein Wunder, wenn die Musik von Joe Hisaishi stammt). Das ist natürlich zum einen logische Konsequenz der zahlreichen, intensiv porträtierten Bestattungsriten, zum anderen aber typisch für japanische Filme und auch eine der Eigenheiten, die mich an japanischen Filmen so faszinieren. In so einen Film passt Tsutomu Yamazaki natürlich perfekt, der hier wieder grandios seine Paraderolle des mürrisch-schweigsamen Einzelgängers mit dem großen Herzen spielen kann.
Warum schrieb ich anfangs, dass ich mich über den Oscar für Departures jetzt, da ich den Film gesehen habe, nicht mehr so sehr wundere? Der Film ist sehr gut, keine Frage, aber er ist kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist er zu wenig subtil und arbeitet zu sehr mit Stereotypen. Aber er trifft genau die Mischung aus anspruchsvollem Gefühlskino und gleichzeitiger Mainstreamkompatibilität, die bei der Academy auch in der Vergangenheit schon des öfteren sehr gut funktioniert hat. Zudem greift der Film ein Thema auf, dem durchaus eine gewisse Tabuisierung eigen ist. Insofern finde ich es naheliegend, dass der Oscar an Departures ging und als treuer Freund des japanischen Films freue ich mich natürlich ganz besonders.
13 Sep
Original: Fried Dragon Fish (1993) von Shunji Iwai
Ein kleiner Privatdetektiv erhält den Auftrag, einen verlorengegangenen Arowana wiederaufzutreiben, ein seltener Zierfisch der möglicherweise Millionen wert ist. Der Besitzer ist jedoch ein einziges großes Mysterium, an dem Poo (Miyoko Yoshimoto) einen Narren frisst. Sie sollte eigentlich nur ein Computersystem in der Detektei installieren, findet aber schon bald die ersten Indizien, die auf den Wohnort des Fischsammlers hindeuten. Als auf der Suche ihrer Vespa der Sprit ausgeht, bietet ihr ein junger Mann, der ihr Missgeschick von seinem Fenster beobachtet hatte, seine Hilfe an.
Kaum in seiner Wohnung, erkennt Poo an den ganzen Aquarien natürlich sofort, dass sie es mit dem Gesuchten zu tun hat. Der stellt sich als sehr netter, hilfsbereiter Zeitgenosse heraus. Doch Natsuro (Tadanobu Asano) ist nicht nur Fischliebhaber, sondern auch Killer in Diensten eines Waffenhändlers. Das verkompliziert die Angelegenheit etwas, besonders, als die beiden sich ineinander verlieben.

Fürs Fernsehen im 1,33-Format gedreht ist Fried Dragon Fish mit einer guten Dreiviertelstunde Laufzeit noch weniger ein “vollwertiger” Spielfilm als der von Iwai einige Jahre später gedrejte April Story. Einerseits merkt man das an der sehr gerafften Handlung und den in groben Strichen gezeichneten Charakteren. Vieles ist rauh und roh, wird angefangen aber nicht schlüssig in ein großes Ganzen eingebettet.
In Fried Dragon Fish sehen wir die Anfänge sowohl von Regisseur und Autor Shunji Iwai als auch von Tadanobu Asano. Dem gerade mal 20jährigen – und äußerlich noch fast kindlich wirkenden – Asano ist hier schon die typische mysteriös-sphinxhafte Aura eigen, die ihn in vielen seiner später folgenden Filme umgibt. Seine Partnerin Yoshimoto dagegen gibt eine naiv-draufgängerische junge Frau, beide wirken aber schematisch, was wohl nicht zuletzt dem Format des Films geschuldet sein dürfte.

Alles andere als schematisch ist dagegen die Regiearbeit. Regisseur Iwai spielt mit allerlei Varianten, erprobt und testet. Eine ganzheitliche Stimmung, eine dichte Atmosphäre, die seine späteren Filme so auszeichnen und herausheben, kann dabei natürlich gar nicht erst entstehen. Ähnlich wie bei dem späteren Star Asano sind aber auch bei ihm gewisse Eigenheiten schon in diesem Frühwerk erkennbar.
Ein unübersehbares Beispiel ist, wie er sich die Kraft der Farben zur Erzeugung von bestimmten Stimmungen zu eigen macht. Viele Szenen sind in dominanten Farbtönen gehalten, mal blau, mal gelb, mal rot und sehr häufig weiss. Dazu kommen noch sehr durchstilisierte und komponierte Bildarrangements, die schon andeuten, wie sehr seine späteren Filme auf “look & feel” und “style” getrimmt sein würden.

Fried Dragon Fish ist weniger als eigenständiges Werk interessant – er ist letztlich ein ganz ordentlicher, unterhaltsamer Fernsehfilm. Als frühes Sprungbrett für zwei große Künstlerkarrieren ist er aber wertvolles Dokument, das man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man sich für mindestens einen der beiden näher interessiert. Achja, und eine nette Pointe gibts am Ende auch noch.
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