Archive for the ‘Gendaigeki Filme’ Category

Original: Nagayaka shinshiroku (1947) von Yasujiro Ozu

Der Wahrsager Tashiro (Chishu Ryu) bringt eines Abends einen kleinen Jungen mit nach Hause, der sich scheinbar verlaufen hat. Doch niemand in der armen Nachbarschaft mag sich um den Kleinen kümmern und ihn für die Nacht aufnehmen. Schließlich lässt Tashiro ihn einfach bei der griesgrämigen Witwe Tane (Choko Iida), die den Jungen widerwillig aufnimmt.

Am nächsten Morgen bringt sie ihn zu seinem Zuhause und es stellt sich heraus, dass sein Vater verschwunden ist – offenbar wurde der Junge ausgesetzt. Genau das versucht nun auch Tane, doch der Kleine will sich nicht abschütteln lassen und folgt ihr bis nach Hause. Mit seiner stoischen, aufrechten Art bringt er die alte Witwe nach und nach dazu, ihre harte Schale abzulegen und so dauert es nur ein paar Tage, bis sie ihn in ihr Herz geschlossen hat und sich darüber selbst verwandelt. So wird der Junge, den sie zunächst als Bürde abgelehnt hat, zu ihrer geliebten Familie, bis plötzlich sein Vater in der Tür steht.

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Die Charaktere des Films leben mitten in einer zertrümmerten Stadtlandschaft und in einfachsten Verhältnissen. Sie halten sich mit Tauschgeschäften, Lebensmittelrationen und kleinen Dienstleistungen über Wasser. Damit dürften sie kurz nach Kriegsende die Realität der allermeisten Japaner wiederspiegeln und vor diesem Hintergrund ist die Botschaft des Films eine eindeutige: Gerade wenn man es schwer hat und scheinbar nichts zu teilen, dann sind Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit besonders wichtig. All die Sorgen, die Tanes Alltag anfangs bestimmen, treten zum Ende hin völlig in den Hintergrund und statt über günstige Kartoffeln und geklaute Süßigkeiten zu grübeln genießt sie das Leben zusammen mit dem Jungen.

Hier muss ich übrigens kurz die Darstellung der Tane durch Choko Iida hervorheben, die wirklich ganz vorzüglich spielt und Tane mit vielen kleinen Macken und ihren Wandel sehr glaubhaft verkörpert – allein die Grimassen, die sie manchmal zieht, sind köstlich! Dabei scheint Iida 1947 bereits auf eine lange Karriere zurückblicken zu können, ihr Debut gab sie offenbar bereits 1924. Ein echtes Urgestein des japanischen Kinos also!

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In Ozus Werk sehe ich Record of a tenement gentleman insofern in einer Sonderrolle, als es zwar um Familienbande geht, aber hier ganz die Entdeckung der schönen, sinnstiftenden Aspekte der Familie im Zentrum stehen. Im Vergleich dazu sind die meisten seiner anderen Filme (jedenfalls der Bekannteren) sehr viel zweideutiger im Umgang mit Familie und beleuchten meist die Konflikte und Themen wie Entfremdung oder unerfüllte Hoffnungen.

Davon abgesehen wird sich jeder, der schon den einen oder anderen Ozu gesehen hat, hier gleich wie zuhause fühlen. Ästhetisch wie thematisch (und auch was einige bekannte Gesichter angeht) ist diese kleine aber feine Tragikomödie unverkennbar ein Ozu, aber im Vergleich zu einigen seiner nachfolgenden Filme sehr viel leichter zugänglich. Ein Einsteiger-Ozu gewissermaßen.

Godzilla

Original: Gojira (1954) von Ishiro Honda

Als mehrere Schiffe auf mysteriöse Weise sinken und dann auch noch die Bewohner der kleinen Insel Odo von merkwürdigen Vorkommnissen während eines Taifuns und dem legendären Monster Gojira berichten, wird eine Kommission mit der Untersuchung beauftragt. Geleitet vom Paläontologen Yamane (Takashi Shimura) besuchen die Wissenschaftler die Insel Odo, wo sie Zeuge eines Angriffs von Gojira werden. Die auf Odo gefundenen Spuren radioaktiver Verseuchung und längst ausgestorbene Trilobiten bringen Yamane zu dem Schluss, dass Gojira ein Seedinosaurier sein muss, der durch Atombombentests geweckt und in ein radioaktives, aggressives Monster verwandelt wurde.

Natürlich bleibt Gojira nicht auf dem kleinen Inselchen Odo, sondern taucht bald in Tokyo auf: Weder ein eilig errichteter Hochspannungszaun noch Panzer oder Kampfflugzeuge können ihn davon abhalten, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Nur Yamanes Tochter Emiko (Momoko Kochi) hat eine Idee, wie Gojira gestoppt werden könnte: Ihr Verlobter Serizawa (Akihiko Hirata) hat eine Substanz entwickelt, die jegliches Leben im Wasser vernichtet. Doch aus Sorge, dass seine Entdeckung als Waffe missbraucht werden könnte, hält er sie zurück.

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Um die Entstehungsgeschichte von Godzilla ranken sich zahllose Legenden: Über die Entstehung der bahnbrechenden Miniaturmodelle unter Leitung von Eiji Tsuburaya oder die unvorstellbar anstrengende Arbeit mit dem rund 100 kg schweren Latex-Anzug (Haruo Nakajima, der den Anzug trug, verlor bei den Dreharbeiten mehrfach das Bewusstsein und musste von der Crew aus dem Anzug herausgeschält werden).

Kein Wunder angesichts der Pionierarbeit, die Regisseur Honda und sein Team hier leisteten, denn noch nie war ein vergleichbares Projekt von einem japanischen Filmstudio umgesetzt worden. Angeblich stand Toho, das den Film parallel zu Kurosawas Die Sieben Samurai produzierte, wegen des hohen Aufwands für die beiden Großprojekte sogar kurz vor dem Bankrott. Letztlich wurde Godzilla aber zu einem gigantischen Erfolg und hat sich heute zu einer internationalen Ikone der Pop-Kultur entwickelt.

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Selbst wenn die Spezialeffekte aus heutiger Sicht kaum den Namen Spezialeffekt verdienen, wohnt den Bildern nach wie vor eine seltsame Faszination inne. Zum einen, weil die dunkel gehaltenen schwarz-weiß Bilder die technischen Mängel der Effekte an vielen Stellen kaschieren. Vielleicht spielt aber auch eine Rolle, dass hier tatsächlich eine Miniaturausgabe von Tokyo, die man anfassen konnte, zertrampelt und in Brand gesetzt wurde, und es sich nicht um virtuelle, nur im Computer existierende Gebäude handelt. Die Silhouette des Monsters vor dem Hintergrund des brennenden, nächtlichen Tokyos übt jedenfalls eine merkwürdige, schaurige Anziehungskraft aus, ähnlich wie die Fotos von atomaren Explosionen – Schönheit und Faszination der Zerstörung durch eine außer Kontrolle geratene Kraft.

Bei all den Legenden und der Actionlastigkeit des Films ist der ernste Hintergrund nicht zu übersehen. Gleich die erste Szene, in der das Schiff von Godzilla angegriffen wird, erinnert in der visuellen Gestaltung stark an die Explosion einer Atombombe: Eine Explosion unter Wasser und ein Blitz, der die Matrosen blendet und das Schiff Feuer fangen lässt.

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Diese Szene stellte damals für jeden Zuschauer unmissverständlich den Bezug zu Atomtests her, denn Anfang 1954 waren ein japanisches Fischerboot und seine Besatzung bei den Tests der Amerikaner am Bikini-Atoll verstrahlt worden, was einen Aufschrei in der Öffentlichkeit hervorrief.

So ist Godzilla über weite Strecken zwar ein Katastrophen- und Actionfilm, der an entscheidenden Stellen aber immer wieder Atomwaffen verurteilt und anklagt. Das passiert gleich auf mehreren Ebenen: Zunächst dadurch, dass das Monster Godzilla selbst ein Produkt – gewissermaßen die Reinkarnation – der Atombombe ist; dann durch die atomare Verseuchung, die von Godzilla ausgeht und die ihn endgültig zur Verkörperung der Atombombe macht; durch die Angst Serizawas vor einem Missbrauch seiner Entdeckung für militärische Nutzung; und letztlich noch auf einer emotional-symbolischen Ebene, in der ein Chor junger Mädchen die durch Godzilla Getöteten betrauert, stellvertretend für die Toten von Hiroshima und Nagasaki.

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Es sind einerseits diese politische Botschaft und andererseits die für einen Katastrophenfilm gut entwickelten und dargestellten Charaktere, die den Original-Godzilla weit aus der Masse seiner recht tumben Nachfolger herausheben und ihn zu einem absolut sehenswerten Klassiker machen.

Original: Chichi ariki (1942) von Yasujiro Ozu

Der alleinstehende Lehrer Shuhei (Chishu Ryu) kümmert sich liebevoll um seinen Sohn Ryohei. Nach einem tragischen Unfall bei einem Schulausflug gibt Shuhei seinen Beruf auf und kehrt in seine Heimatstadt Ueno zurück, wo der kleine Ryohei zu seinem Entsetzen in einem Internat eingeschult wird. Die Entfremdung der beiden beginnt und wird beschleunigt, als Shuhei nach Tokyo zurückkehrt um mit der Arbeit in einer Fabrik das Geld für die Ausbildung seines Sohnes zu verdienen.

Die Jahre vergehen, Ryohei hat seine Ausbildung abgeschlossen und ist nun wie sein Vater einst selbst Lehrer mit einer Anstellung in Akita. Bei einem gemeinsamen Urlaub nähern sich die beiden wieder an und Ryohei schlägt seinem Vater vor, wieder als Familie zusammen zu leben. Doch Shuheis tiefsitzendes Verantwortungsgefühl lässt dies nicht zu, bis es schließlich zu spät ist.

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Die Vater-Sohn-Geschichte dümpelt die meiste Zeit gemütlich vor sich hin und wird zudem durchbrochen von einigen Episoden, in denen Shuhei einen alten Kollegen trifft und sich mit dessen Familie anfreundet, sowie einer Wiedersehensfeier mit seinen alten Schülern. Diese Abschweifungen lassen die Beziehung von Vater und Sohn phasenweise fast zur Nebensache werden. Auch in den Momenten des Wiedersehens von Vater und Sohn will kein wirkliches Gefühl der Verbundenheit aufkommen, da sie kaum einmal über den Austausch von Belanglosigkeiten  hinaus kommen. Ryohei ist seinem Vater vor allem durch Dankbarkeit und ein Gefühl der Verpflichtung verbunden.

Auch wenn Es war einmal ein Vater klassische Ozu-Themen wie familiäre Werte und den Umgang mit den Beschwernissen des Lebens aufgreift, war er doch ein Propagandafilm, der von den amerikanischen Zensoren um einiges gekürzt wurde. Die Feier mit den ehemaligen Schülern Shuheis beispielsweise soll von patriotisch-nationalistischen Ansprachen und Gesängen durchsetzt gewesen sein, von denen heute nichts mehr erhalten ist.

So ist der in der Hochphase des Zweiten Weltkriegs entstandene Film vor allem eine doppelte Hymne auf ein wohlmeinendes Patriarchat (und als solche wurde der Film von der Militärregierung auch verstanden): Auf der einen Seite der selbstlose Vater, der sein ganzes Leben ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohl schuftet, um seinem Sohn eine Ausbildung und ein gutes Leben zu ermöglichen, und der selbst noch am Sterbebett dessen Hochzeit mit der Tochter eines Freundes arrangiert; auf der anderen Seite der brave Sohn, der sich der Weisheit und den Wünschen des Vaters unterordnet, obwohl er nichts anderes will als mit seinem Vater zusammen zu leben.

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Der Film zeigt aber immer wieder auch die Schmerzen und die Enttäuschung Ryoheis, so dass man durchaus versteckte Kritik an einem Ideal erkennen kann, das Verpflichtung und Selbstaufopferung über soziale und familiäre Bindungen, Gefühle und menschliche Nähe stellt. Diese zweischneidige Interpretationsmöglichkeit verleiht dem Film aus meiner Sicht eine gewisse Würze, die ihn – neben dem Umstand, dass Chishu Ryu von Ozu erstmals in einer Hauptrolle eingesetzt wurde – erst so richtig interessant macht. Denn ansonsten zählt der Film nicht gerade zu denjenigen Werken Ozus, die man unbedingt gesehen haben muss.

The Shrikes

Original: Mozu (1961) von Minoru Shibuya

Die Bardame Ohisa (Chikage Awashima) hat ihre besten Tage hinter sich, geht aber bei den Kunden noch als Mitte 30 durch. Als ihre fast 30jährige Tochter Sachiko (Ineko Arima) nach Tokyo kommt, um in einem Schönheitssalon zu arbeiten, und das Wiedersehen nach vielen Jahren nicht gerade optimal verläuft, gerät Ohisas Welt aus den Fugen.

Sachiko ist schockiert, als ihr klar wird, dass ihre Mutter sich von einem Kunden aushalten lässt, mit dem sie eine Beziehung führt. Ausgerechnet dieser Kunde – ein alter Industrieller – ist es dann jedoch, der Sachiko hilft, eine Stelle zu finden. Als jedoch Ohisa von der Begegnung der beiden erfährt, wird sie eifersüchtig und macht sich dennoch gleichzeitig Sorgen um Sachiko. Schließlich beendet sie ihre Affäre, wird entlassen und obendrein auch noch krank. Nun kümmert sich Sachiko um sie, die beiden ziehen zusammen und eine nicht enden wollende Serie aus Streitereien nimmt ihren Lauf, meist ausgelöst durch Männergeschichten oder Heiratspläne für Sachiko. Doch jedesmal versöhnen sich die beiden wieder.

Die Beziehung von Mutter und Tochter dominiert den Film von der ersten bis zur letzten Sekunde. Diese ist geprägt durch ständige wechselseitige Vorwürfe und Unverständnis für den jeweils anderen. Der Auslöser dafür liegt direkt in der ersten Szene, in der die beiden sich nach langer Trennung zunächst langsam aneinander herantasten. Bevor die beiden wieder wirklich vertrauen zueinander fassen können, werden sie von Ohisas Kunden unterbrochen. Als Sachiko die „Wahrheit“ über ihre Mutter erfährt, bedeutet das einen Schock und einen Vertrauensverlust, der sie nicht wieder loslässt. Gleichzeitig fühlt sie sich dennoch ihrer Mutter zutiefst verpflichtet, und diese Bindung wird im Laufe des Films immer stärker.

Ironischerweise ist es am Ende des Films Sachiko, die sich an denselben Kunden wie ihre Mutter verkauft, um die Tuberkulosebehandlung für die im Sterben liegende Mutter bezahlen zu können. In gewisser Weise schließt sich an dieser Stelle der Kreis, sie ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten und hat sich genauso prostituiert wie diese.

Von den fünf Filmen Shibuyas, die ich auf der Berlinale sehen konnte, konnte mich The Shrikes am wenigsten überzeugen. Die ständigen, wegen lächerlicher Lappalien ausbrechenden Streitereien zwischen Mutter und Tochter sind irgendwann nur noch anstrengend, zumal die jedesmal anstehende Versöhnung absehbar ist. Undurchschaubar bleibt dabei für mich die Rolle der Tochter Sachiko, ihre Motivation ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar: Sie hat ihre Mutter jahrelang nicht mehr gesehen, streitet sich bei jeder Gelegenheit mit ihr, und kümmert sich dennoch am Ende aufopferungsvoll um sie, ohne dass wirklich klar wäre, weshalb.

Da es außer den beiden keine weiteren relevanten Charaktere gibt und auch eine Story im klassischen Sinne fehlt, ist es mir nicht gelungen, irgendeinen emotionalen Bezug zum Film herzustellen. Dabei war die Auftaktszene in der Bar, in der das Wiedersehen von Ohisa und Sachiko stattfindet, so vielversprechend: Eine lebendige, lustige Truppe an Bardamen, ein paar schräge Kunden, das sah ganz nach einem weiteren Ensemble-Film Shibuyas mit wunderbar gezeichneten, liebenswert-chaotischen Charakteren à la Doctor’s Day off, Righteousness oder Days of evil women aus.

Positiv aufgefallen ist mir vor allem Nobuko Otowa in einer kleinen Nebenrolle als Bardame und Freundin Ohisas. Wer die Ehefrau Kaneto Shindos vor allem aus den Filmen ihres Mannes wie Onibaba oder Die nacke Insel kennt, wird sich ganz schön die Augen reiben! Wie sie hier Witze und Grimassen reißt und mit den Kunden flirtet, deutet auf ein komödiantisches Talent hin, das ich so nie bei ihr vermutet hätte.

Fünf Filme sind wahrscheinlich nicht ausreichend, um das Gesamtwerk Shibuyas beurteilen oder einschätzen zu können. Mein Eindruck ist jedoch, dass seine Stärke in der Verbindung von komödiantisch-turbulenten Charakteren und Stories mit einer sozialkritischen Aussage liegt. Bei drei der fünf Filmen kam diese Mischung zum Einsatz, und sie hat jedesmal gut funktioniert. Beim sehr viel ernster angelegten The Shrikes wollte der Funke aber nicht überspringen.

Modern People

Original: Gendaijin (1952) von Minoru Shibuya

Ogino (Sô Yamamura), Chef einer Abteilung im Bauministerium, lässt sich von einem windigen Bauunternehmer schmieren, um die Krankenhausrechnung für seine Frau zahlen zu können. Obendrein führt er noch eine Affäre mit der Barbesitzerin Shinako (Isuzu Yamada), die ebenfalls der Bauunternehmer finanziert. Als der neue Mitarbeiter Odagiri (Ryô Ikebe) in die Abteilung kommt, will Ogino diesen jedoch aus den unredlichen Machenschaften heraushalten und denkt sogar daran, ihn mit seiner Tochter Michiko zu verheiraten.

Michiko und Odagiri verlieben sich auch tatsächlich ineinander. Um Michiko den Traum von der perfekten Familie zu ermöglichen, beginnt Odagiri jedoch ein undurchsichtiges Intrigenspiel: Zuerst spannt er dem Vater Shinako aus und drängt ihn aus dem Geschäft mit der Vergabe von Bauaufträgen. An Stelle Oginos verstrickt er sich nun selbst immer tiefer in die Fänge der Korruption. Als ihm klar wird, dass er mit seinen Ränkeschmieden sowohl den Vater wie die Tochter gegen sich aufgebracht hat, will er einen Schlussstrich ziehen, doch es gibt kein Zurück mehr: Betrunken zettelt er einen Streit mit dem Bauunternehmer an und erschlägt ihn, anschließend steckt er auch noch das Büro in Brand um Beweise zu vernichten.

Der Film eröffnet mit einer Flugsequenz über eine Industrie- und Großstadtlandschaft, unterlegt mit bedrohlicher Musik und einem Off-Sprecher, der Kriminalität und Gewissenlosigkeit anprangert. Da ist es nicht verwunderlich, dass mit Odagiri der Hauptcharakter, der zunächst unbefleckt von diesen Machenschaften auftritt, in Korruption, Gewalt und Kriminalität versinkt und am Ende der Todesstrafe entgegensieht. Verwunderlich ist jedoch, mit welcher Direktheit Regisseur Shibuya seine Kritik an gesellschaftlichen Zuständen (die in vielen seiner Filme vertreten ist) vorbringt. Das ist schon kein Wink mit dem Zaunpfahl mehr, hier winkt er gleich mit dem ganzen Zaun!

Fünf Filme Shibuyas konnte ich auf der Berlinale sehen und verglichen mit diesen fällt Modern People noch unter zwei weiteren Gesichtspunkten ziemlich aus dem Rahmen: Zum einen hatten die anderen Filme bei aller Ernsthaftigkeit und Dramatik immer auch ihre komischen Momente, die in Modern People dagegen völlig fehlen. Zum anderen zeichneten sich die übrigen Filme Shibuyas duch ihre liebenswert gezeichneten und durch und durch menschlichen, wenn auch manchmal etwas überdrehten Charaktere aus, mit denen wir Zuschauer mitfiebern und uns identifizieren konnten.

Im Gegensatz dazu mag man sich in Modern People mit keinem der Charaktere wirklich identifizieren: Ogino ist ein permanent herumstammelnder Schwächling ohne einen Hauch von Rückgrat, Odagiri ist berechnend und nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle der Menschen, Shinako ist käuflich und arrogant, der Bauunternehmer sowieso ein gewissenloses Arschloch und Michiko eine verwöhnte Träumerin.

Offenbar liegt hier der Hund begraben: „Moderne Menschen“ haben ihre Menschlichkeit verloren. Worin allerdings die Ursache für die allgegenwärtige Gewissenlosigkeit und die Selbstbezogenheit liegt, darauf gibt uns Shibuya keine Hinweise. Die Motivation der einzelnen Charaktere für ihr Handeln ist jedenfalls von Fall zu Fall verschieden, ein Muster nicht wirklich erkennbar. Hier liegt die Schwäche des Films, der zwar die Zustände anprangert, aber weder Ursachen benennt noch einen möglichen Ausweg weist.

Ein sehr direkter und kritischer Film, der schonungslos und mutig die üblen Machenschaften zwischen Politik und Wirtschaft im Nachkriegsjapan zum Thema macht und Schwächen der Menschen adressiert. Leider wird die Botschaft aber ziemlich plakativ vermittelt und die Problematik etwas eindimensional betrachtet. Mit Righteousness ist Shibuya ein paar Jahre später ein besserer Wurf zu einer ähnlichen Thematik gelungen.

Righteousness

Original: Seigiha (1957) von Minoru Shibuya

Im Zentrum des Films stehen die Schwarzmarkthändlerin Okyo (Eiko Miyoshi) und ihr Sohn Seitaro, der die illegalen Aktivitäten seiner Mutter strikt ablehnt. Er arbeitet als Mechaniker bei einem Busunternehmen und ist heimlich verliebt in Machiko, die Tochter einer Kneipenbesitzerin, die jedoch mit einem Börsenhändler verheiratet werden soll. Ein Kollege Seitaros, der Busfahrer Fujita, ist mit seiner kränklichen Frau neu in der Nachbarschaft. Beide haben sich mit ihren Familien zerstritten, weil sie gegen deren Willen geheiratet haben. Frau Okyo schließt die beiden schnell in ihr Herz und hilft ihnen sowohl bei den alltäglichen Kleinigkeiten als auch im Handling der Eltern.

Als Fujita (Keiji Sada) nach einer durchzechten Nacht auch noch Überstunden machen muss, verursacht er einen Unfall und überfährt ein kleines Mädchen. Einziger Zeuge ist Seitaro, der mit ihm im Bus war. Von allen Seiten wird Seitaro bedrängt, eine Falschaussage zu machen, doch er folgt seinem Gewissen, was ihm Unverständnis und Ablehnung der Kollegen und Nachbarn einbringt. Nur seine Mutter erkennt, dass er das Richtige getan hat und verteidigt ihn in einer furiosen Szene gegen die Anschuldigung, ein Verräter zu sein. Doch genau in diesem Moment wird sie wegen ihrer Schwarzmarktaktivitäten verhaftet.

Letztlich gibt es aber ein klassisches Happyend: Fujita und seine Frau versöhnen sich mit ihrer Familie und kehren zurück aufs Land, Frau Okyo wird nach dem Verhör gleich wieder freigelassen und entsagt ihren illegalen Geschäften und Seitaro offenbart seine Gefühle endlich Machiko, die daraufhin die Hochzeit mit dem Börsenhändler absagt und bei ihm bleibt.

Wie in Doctor’s day off versammelt Regisseur Shibuya ein Ensemble an Charakteren die mit ihrer Menschlichkeit, mit ihren großen und kleinen Schwächen, ihren guten und schlechten Seiten, sehr sympathisch und glaubwürdig erscheinen. Das ist aber nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen. Auch in Righteousness finden wir wieder einen Hauptcharakter, der unermüdlich wie ein Aufziehmännchen von Szene zu Szene düst, ständig Anlass für einen Lacher ist, mal mürrisch und mal großherzig. Sehr beeindruckend, wie die vor allem aus kleineren Rollen in verschiedenen Filmen von Kurosawa oder Ozu bekannte Eiko Miyoshi das Original Okyo verkörpert. Zu den weiteren Parallelen gehören die schwierigen sozialen und finanziellen Verhältnisse der Figuren sowie ihr Lebensumfeld am Rande eines Industriegebiets, dessen Schornsteine und Öltanks die Hintergründe dominieren, wie in Doctor’s day off die Gleisanlagen und Schuppen eines Güterbahnhofs.

Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit müssen manchmal auch gegen äußere Zwänge und ein verständnisloses Umfeld verteidigt werden, das ist die klare Botschaft des Films. Sie erfordern mehr als große Worte, nämlich auch schmerzhafte Entscheidungen sowie die Größe, zu seinen Taten zu stehen und mit deren Konsequenzen umzugehen. Gerade deshalb ist es aber wichtig, „das Richtige“ zu tun. Diese Herausforderung verkörpert die Figur der Okyo: In der Szene, in der sie die versammelte Nachbarschaft für ihre Kritik an Seitaros Entscheidung zusammenfaltet, bettelt sie gleich darauf alle um Hilfe an, als ein Polizist erscheint um sie zum Verhör abzuholen.

Ein sehr unterhaltsamer, sympathischer Film, der richtig Spaß macht und dabei aber mehr zu bieten hat als „nur“ Unterhaltung.

Original: Honjitsu kyushin (1952) von Minoru Shibuya

Der alte Stadtteilarzt Dr. Mikumo (Eijiro Yanagi) möchte eigentlich den Jubiläumstag der Wiedereröffnung seiner Praxis genießen, doch daraus wird nichts: Gleich am frühen Morgen wird er von einem Polizisten aus dem Bett geklingelt. Eine junge Frau wurde in der Nacht vergewaltigt und muss untersucht werden. Und sie bleibt nicht die einzige Patientin, um die sich Dr. Mikumo noch kümmern muss. Da gibt es eine komplizierte Schwangerschaft, einen Blinddarmdurchbruch und nicht zuletzt einen Yakuza, der sich den kleinen Finger amputieren lassen muss.

Großherzig kümmert sich Dr. Mikuno rührend nicht nur um seine Patienten sondern generell um seine Mitmenschen, er sorgt sich auch um ihre materiellen Nöte und kümmert sich, wo er nur kann. Auch wenn er aufrecht und standhaft agiert und in vieler Hinsicht die klassische Vorbild- und Vaterfigur abgibt, bleibt er dabei doch immer menschlich, lässt sich auch mal betrunken zu einer Patientin fahren und gibt sich in manchen Momenten schusselig. Um ihn herum versammelt Regisseur Shibuya ein Ensemble an Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen ereilt wurden, durch eigenes Verschulden auf die schiefe Bahn geraten sind oder einfach schräge Vögel sind.

Diese Charaktere vereinen meist ausgeprägte komödiantische und tragische Elemente in sich. Ein Paradebeispiel für diese Verbindung ist die Figur des Yusaku (Rentaro Mikuni in einer seiner ersten Rollen), der als Leutnant im Krieg diente und tief traumatisiert wurde: Er lebt immer noch den Krieg fort, ruft die Nachbarn zum Morgenappell, beschuldigt unbeteiligte Passanten als Deserteure und nimmt eine verletzte Gans auf, weil er in ihr einen verwundeten Piloten sieht. Mit seinen abstrusen Fantasien sorgt er immer wieder für lustige Situationen, in denen einem angesichts des in seinen Kriegserinnerungen gefangenen Yusaku aber das Lachen im Halse stecken bleibt.

Letztlich überwinden die Figuren die Schicksalsschläge aber durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe – wie das Mädchen, das vergewaltigt wurde und dann in der Nachbarschaft eine neue Heimat findet – so dass wir Zuschauer uns zum Schluss über ein Happyend freuen können. Die Schlussszene, in der die geheilte Gans zu ihrem Rudel zurückkehrt und dem Sonnenuntergang entgegenfliegt, bringt die Botschaft bildhaft auf den Punkt und ist auch emotional einer der Höhepunkte des Films.

Die klassische, klare Struktur mit dem Motiv „Ein Tag im Leben…“ macht die erste Hälfte des Films besonders gut nachvollziehbar und reizvoll, in der wir die Charaktere und ihre jeweiligen Probleme und Konflikte kennenlernen. In der zweiten Hälfte gerät der Film phasenweise etwas aus den Fugen, weil der klare Rahmen nicht mehr gegeben ist und plötzlich noch weitere Komplikationen und Figuren auftreten, wie etwa eine reiche Hausfrau, bei der der Yakuza mit einem ziemlich erbärmlichen Erpressungsversuch abblitzt. Etwas unübersichtlich wird es auch, weil zeitliche Zusammenhänge nicht mehr klar nachvollziehbar sind.

Begeistert hat mich vor allem Hauptdarsteller Yanagi, der in manchen Szenen wie ein Wirbelwind durch den Film fegt, voller positiver Energie, Sorge um seine ihm anvertrauten Patienten und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Zu den Höhepunkten des Films zählt eine Szene, in der er völlig außer sich über die Bahngleise hetzt, um eine Patientin zu besuchen und sich dabei todesmutig wie ein Wiesel zwischen vorbeifahrenden Zügen hindurchschlängelt – großartig dynamisch, lebendig und mitreißend in Szene gesetzt. Sehr schön auch seine immer wieder eingestreuten Lebensweisheiten wie „Große Pläne und Hoffnungen lösen sich von selbst auf, wenn man heiratet.“

Alles in allem eine wirklich gelungene Verbindung von Komödie und Drama mit sozialkritischen Untertönen. Beeindruckend die durch und durch menschlichen Charaktere mit ihren große und kleinen Schwächen, die sie so liebenswert machen. Für mich ein wunderbarer Auftakt in meine erste Berlinale, der Freude auf mehr machte!

Kokoro

Original: Kokoro (1955) von Kon Ichikawa

Im Sommer 1912 freundet sich der Student Hioko (Shôji Yasui) mit dem älteren, zurückgezogen lebenden Intellektuellen Nobuchi (Masayuki Mori) an, den er einfach nur Sensei nennt. Es dauert nicht lange, da wird Hioki bewusst, dass ein dunkler Schatten auf der Vergangenheit seines Sensei liegt, der Sensei regelrecht von innen auffrisst und ihn immer zynischer und abweisender werden lässt. Das belastet natürlich auch dessen Ehe und seine Frau Shizu (Michiyo Aratama), die sich schwere Vorwürfe macht, letztlich aber selbst genauso im Dunkeln tappt wie Hioko.

Als Hiokos Vater schwer erkrankt, reist er für einige Zeit nach Hause zu seiner Familie. Kurze Zeit nach seiner Ankunft stirbt der Kaiser Meiji, Trauer senkt sich über das ganze Land. Einige Generäle folgen dem Kaiser sogar in den Tod und begehen Selbstmord. Eines Tages erhält Hioko einen dicken Brief seines Sensei, in dem dieser seine Lebensgeschichte berichtet. Es stellt sich heraus, dass Nobuchi als Student von seinen eigenen Verwandten um sein Erbe betrogen wurde und später die Frau heiratete, in die sein bester Freund Kaji (Tatsuya Mihashi) verliebt war – worauf Kaji Selbstmord beging. Nobuchis Brief schließt mit der Ankündigung, ebenfalls dem Kaiser in den Tod folgen zu wollen.

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Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Natsume Sôseki, der 1914, also kurz nach dem tatsächlichen Tod des Kaisers, erschien. Ich habe hier zum ersten Mal einen japanischen Film gesichtet, dessen literarische Vorlage ich bereits kannte, was meine Wahrnehmung und Beurteilung des Films doch erheblich beeinflusst hat. Deshalb möchte ich auch als erstes mit dem Vergleich von Buch und Film loslegen.

In vieler Hinsicht ist Kokoro (was hier übrigens so viel wie „Der Kern der Dinge“ bedeutet) eine ziemlich getreue Adaption des berühmten Romans. Viele Szenen und auch Dialoge aus dem Buch finden sich fast exakt im Film wieder. Dem Film ist jedoch das Bemühen anzusehen, die starre Struktur des Buchs, dessen dritter Teil allein aus dem langen Brief Nobuchis besteht, aufzubrechen und so die Story ansprechender und mitreißender zu gestalten. Dabei werden zwei größere Abschnitte ausgespart bzw. stark gerafft: Zum einen, wie sich Hioki und Nobuchi kennenlernten (das Buch beginnt mit ihrer ersten Begegnung an einem Strand, im Film taucht diese Szene kurz als Flashback auf) und zum anderen, wie Nobuchi während des Studiums seine spätere Frau kennenlernte. Und diese letzte Änderung hat meiner Ansicht nach gravierenden Einfluss auf die Wirkung der von Nobuchi in seinem Brief geschilderten Ereignisse und damit auch auf die Wahrnehmung seines Charakters und auf die zentralen Fragen, die Buch und Film aufwerfen.

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Im Buch enthält Nobuchis Brief nämlich eine lange und eindringliche Schilderung, wie er sich in Shizu verliebte und wie sehr er unter seiner Schüchternheit litt, die ihn dazu verdammte, seine Gefühle für sich zu behalten. Umso größer dann Nobuchis Schock, als  sein Freund Kaji ihm seine Liebe zu Shizu gesteht. Im Film wird dagegen nur vage angedeutet, dass Nobuchi Gefühle für Shizu haben könnte. Als er angesichts von Kajis überraschendem Geständnis regelrecht in Panik verfällt und zunächst dem streng religiösen Kaji seine Gefühle auszureden versucht und gleichzeitig um Shizus Hand anhält, hat dies im Film – ohne die Vorgeschichte – nun eine ganz andere Wirkung als im Buch.

Im Buch wird nämlich mehrfach herausgestrichen, dass es seine Liebe zu Shizu war, die ihn zu diesen Handlungen getrieben hat. Somit wird sein Verrat an Kaji gewissermaßen zum Sündenfall der eigentlich so reinen, hehren Liebe und bekommt damit eine ganz neue Dimension: Wenn selbst Liebe den Menschen zu solchen Taten befähigt, was ist dann überhaupt noch Gutes am Menschen? Diese Dimension fehlt dem Film.

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Dafür öffnet die Straffung der Geschichte im Film die Freundschaften Nobuchis zu Hioko und besonders zu Kaji für eine homosexuelle Ebene. Mir selbst hat sich beim Sehen des Films diese Interpretation zwar nicht aufgedrängt, aber wenn man – wie einige Kritiker – darüber nachdenkt, kann man zahlreiche Anhaltspunkte für diese Sicht im Film finden. Dies lässt die Selbstzweifel und -kritik Nobuchis in einem völlig anderen Licht erscheinen, denn nun wird Nobuchi in seinen Konflikt gerissen, weil er keine Möglichkeit sieht, seine Homosexualität einzugestehen und offen zu leben. Die Wurzel der Niedertracht liegt somit in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die ihn zum Leben einer Lüge zwingen, und weniger im Wesen des Menschen an sich begründet.

Welcher Sichtweise man sich auch anschließt, eines dürfte klar sein: Kokoro ist ein sehr philosophischer und schwermütiger Film, ein ziemlicher Stimmungskiller. Kein Film, den man sich popcornfutternd mit Freunden anschauen will. Er ist aber auch ein großartiger Film, was nicht zuletzt an der genialen Literaturvorlage liegt. Aber auch unabhängig davon ist der Film ein eigenständiges Kunstwerk. Sei es die durch eine relativ unscheinbare Straffung der Handlung hinzugefügte Möglichkeit der Homosexualität, die den Film für eine ganz neue Botschaft öffnet. Sei es die Neustrukturierung und Auflockerung der Erzählung, die das Problem des endlos langen Briefes sehr schön löst.

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Vor allem Masayuki Mori und Michiyo Aratama sind es aber, die dem Film Leben einhauchen und unendlich nuanciert und einfühlsam die vielen angedeuteten ebenso wie die offen zutage tretenden Konflikte und Emotionen darstellen. Man mag zwar dem über 40jährigen Mori auch als junger Student sein Alter ansehen, aber die Verwandlung des jungen und unbeschwerten Nobuchi in den von Schuld und Selbstzweifeln gebeugten Sensei spielt er fantastisch. Noch mehr überzeugt hat mich aber Michiyo Aratama, die ich nur aus weniger bedeutenden Rollen kannte und die sowohl als junges Mädchen wie als treusorgende, vorbildliche und dennoch frustrierte Ehefrau eine schlicht grandiose Vorstellung abliefert.

Absolut angemessen und einfühlsam ist auch die zurückhaltende Regie Ichikawas, der vor allem seine Schauspieler den Film tragen lässt, und dennoch mit einigen wenigen Bildern die Konflikte und Gefühle seiner Darsteller unterstreicht. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in einer Szene, in der Nobuchi bei strömendem Regen zu seiner großen Überraschung Kaji und Shizu begegnet. Die aufflackernde Rivalität, die Eifersucht und Ungewissheit, was diese Begegnung zu bedeuten hat, lässt sich wunderbar an den Gesichtern ablesen. Doch die größeren Konsequenzen veranschaulicht Ichikawa mit einem Bild: Damit die beiden in der überschwemmten Straße passieren können, macht Nobuchi einen Schritt von den ausgelegten Planken in den Matsch der Straße. Sein Fuß versinkt fast in Schlamm und Dreck, so wie auch er, seine Seele und sein Gewissen, im Dreck versinken werden durch sein Abweichen vom „rechten Weg“.

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Ist der Mensch in seiner Natur schlecht und bringt selbst die reinste Liebe nur Egoismus und Eifersucht in ihm hervor? Oder ist die Umwelt schlecht und bringt den Menschen dazu, selbstsüchtig zu handeln? Egal wie man diese uralte Frage persönlich sieht, Kokoro als Film wie als Buch beleuchten sie auf eindrückliche Art und interessanterweise aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, trotz nur minimaler Änderungen an der literarischen Vorlage. Dass der Film dennoch ganz andere Interpretationsansätze erlaubt, spricht klar für seine Qualität. Kokoro wird zu Unrecht oft übersehen neben andereren, bekannteren Werken Kon Ichikawas.